Das Wunder der Spontanheilung

7. November 2006, 12:34 Uhr

Die Schulmedizin war fertig mit Armin Schütz, damals vor 14 Jahren. Er hatte Krebs. Dann aber geschah etwas, wovon die meisten unheilbar Kranken nur träumen können: Der Krebs verschwand. Das Protokoll eines medizinischen Wunders. Von Michael Kraske

Gestärkt steht Armin Schütz hinter seinem Haus in Baden-Württemberg - während der Krankheit hat er 20 Kilogramm Körpergewicht verloren©

Armin Schütz steht im Flur seines Hauses und betrachtet vier Bilder, als stünde er vor Fotografien aus seiner Jugend. Die Bilder zeigen Linien, die Vierecke bilden. Auf dem ersten sind sie alle Teil eines großen Mosaiks, geordnet und ebenmäßig. Auf dem zweiten Bild wölben sich einige Vierecke hervor. Auf dem dritten platzen Vierecke aus anderen heraus. Das vierte Bild zeigt eine Explosion von Vierecken, dahinter leuchten bunte Farben. Armin Schütz, der Elektrotechniker, hat diese Serie gemalt. Damals, Anfang der 90er Jahre. Jetzt spricht er über sie, als sei er dem großen Rätsel seines Lebens noch immer auf der Spur.

Der Bart lässt ihn verwegen aussehen, ein bisschen nach Kommissar Schimanski. Aber Armin Schütz ist ganz anders. Er denkt lange nach. Erst dann spricht er. Besonnen. Reflektiert. Wie einer, der sich viele Fragen gestellt hat. Und immer noch nach neuen Antworten sucht. Die Bilder zeigen die Katastrophe seines Lebens. Aber zugleich auch seine Wiedergeburt. Sie sind der Versuch, den Ausbruch des schwarzen Hautkrebses zu beschreiben, der Armin Schütz von innen zu zerfressen drohte.

Das maligne Melanom streute Metastasen

Eigentlich dürfte Armin Schütz hier gar nicht stehen. Die Schulmedizin hatte ihn aufgegeben. Das maligne Melanom streute Metastasen in seinen Körper, unkontrollierbar, unaufhaltsam. Das war im März 1992. Heute findet sich kein einziger Krebsherd mehr bei Schütz. Er ist ein medizinisches Wunder.

Die Geschichte beginnt im Frühjahr 1991. Da entdeckt Armin Schütz, dass an seinem rechten Oberschenkel ein kirschkerngroßes Muttermal anschwillt. Er geht zum Hausarzt. Die Diagnose der folgenden Untersuchungen: schwarzer Hautkrebs. Das Melanom wird weggeschnitten. Armin Schütz verlässt sich auf die Aussage des Chirurgen: "Solange die Metastasen nicht wandern, kriegen wir das Problem in den Griff."

Alles scheint gut zu gehen. Aber nach einigen Monaten bilden sich unterhalb der Narbe Knoten. Hautmetastasen des malignen Melanoms. Sie werden entfernt. Noch ist Schütz guter Dinge: "Als Elektrotechniker bin ich technisch ausgerichtet. Ich dachte, das schneiden wir raus, dann ist es wieder gut."

Nur 30 Prozent überleben ein malignes Melanom

Dann kommt die Angst. Im Januar 1992 wird ein vergrößerter Lymphknoten in der rechten Leiste entdeckt. Im Oberschenkel und in der linken Leiste sind weitere Lymphknoten tastbar. Der angeschwollene Knoten wird entfernt und als bösartige Metastase eingestuft. "Jetzt muss ich was tun", denkt Schütz. Er liest eine Statistik. Danach überleben nur 30 Prozent ein malignes Melanom, wie er es hat. Gedanken jagen sich: "Gehöre ich zu den 70 oder zu den 30 Prozent?"

Schütz wird eine riskante und kaum Erfolg versprechende Therapie angeboten. Das Bein soll vom Blutkreislauf abgekoppelt und mit hochdosierten Chemotherapeutika behandelt werden. Er macht einen Termin, will erst mal eine Beratung. Aber die Operation ist schon fest eingeplant, wie er am Telefon erfährt. "Da war ein Automatismus gestartet", sagt Schütz, "der Patient hat gar kein Mitspracherecht." Er sagt die Behandlung ab.

Armin Schütz werden die Spezialisten von der Universitätshautklinik in Heidelberg empfohlen. Es ist sein letzter Versuch mit der Schulmedizin. Er fährt hin. Eine Ärztin erklärt ihm, dass an der Klinik eine Doppelblindstudie gemacht werde, die dazu dient, ein neues Medikament zu testen. Sie reicht ihm ein Papier zur Unterschrift. Schütz soll sich verpflichten, keine andere Therapie zu machen. Er zählt eins und eins zusammen. Nur die Hälfte der Teilnehmer an der Studie wird das neue Medikament bekommen. Die andere Hälfte erhält ein Placebo. "Ich wusste nicht: Kriege ich das Medikament oder nicht", sagt Schütz, "das war mir zu wenig." Ein weiterer Arzt kommt hinzu.

Der Krebs raubt ihm die Hoffnung

Auch er fragt, ob er unterschreiben werde. Nein, sagt Schütz. "Tja, ich weiß nicht, was ich für Sie tun kann." Mit diesen Worten wird dem Patienten mitgeteilt, dass die Schulmedizin fertig ist mit ihm. "Der Chirurg, der mich operiert hatte, sagte zu mir: "Gehen Sie nach Hause, und machen Sie sich noch ein paar schöne Tage"", erinnert er sich. Der Krebs hat Schütz 20 Kilo seines Gewichts geraubt. Und ein Großteil seiner Hoffnung. Er denkt: "Vielleicht werde ich nie sehen, wie meine Tochter erwachsen wird."

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