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Wer ist hier dick?

Für Ärzte und Wissenschaftler ist Übergewicht kein ästhetisches Problem, sondern ein gesundheitliches, das sich messen lässt. Mit dem Forschungsstand verändern sich die Methoden dafür.

  Gerade das Bauchfett gilt als ungesund

Gerade das Bauchfett gilt als ungesund

Dicke wissen, dass sie dick sind - sollte man meinen. Aber das ist wohl ein weitverbreiteter Irrtum. In einer britischen Befragung von mehr als 2000 Männern offenbarte sich, dass ein erheblicher Teil zwar einen ordentlichen Wanst hatte, den aber leugnete. Bei Frauen sei das bei Weitem nicht so ausgeprägt, sagte Jane Wardle aus London, Leiterin der Studie. Von ihnen wüssten deutlich mehr, dass sie Übergewicht haben.

Schon für den Hausgebrauch genügt es also nicht unbedingt, in den Spiegel zu schauen. Ärzte und Ernährungsberater brauchen erst recht objektive Kriterien, um zu sehen, ob das Gewicht schon ein gefährliches Maß erreicht hat. Inzwischen existieren verschiedene Formeln und Richtwerte, um zu ermitteln, ob ein Mensch dick oder sogar fettleibig ist. Einige von ihnen sind umstritten. Der weithin bekannte, aber vereinfachende Body-Mass-Index (BMI) gilt heute als überholt. Ganz ausgedient hat er unter Fachleuten noch nicht - schon weil seit Jahren fast alle Studien, die Übergewicht und seine gesundheitlichen Folgen bewerten, auf ihm basieren und die Erfolge neuer und alter Methoden anhand dieses Werts besser vergleichbar sind.

Als aussagekräftiger gelten heute der Taillenumfang (englisch: waist circumference) und das Verhältnis von Taille zu Hüfte (englisch: waist-to-hip-ratio). Mit ihnen lässt sich das individuelle Risiko für Diabetes, Herzinfarkt oder Schlaganfall besser erfassen, außerdem sind sie ohne größere Rechenkünste mit einem Maßband einfach zu ermitteln.

Body-Mass-Index

Seit 1997 nutzt die Weltgesundheitsorganisation den Body-Mass-Index, um Grenzwerte für Normalgewicht anzugeben. Der BMI setzt das Körpergewicht ins Verhältnis zur Körpergröße. Die Rechenformel lautet: Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch Körpergröße in Metern zum Quadrat.

Beispiel: Bei einem Gewicht von 65 Kilogramm und einer Größe von 1,70 Metern ergibt sich also ein BMI von 22,49. Die Formel gilt für Männer und Frauen gleichermaßen. Als "normal" gilt bei Erwachsenen ein BMI von 18,5 bis 24,9. Bei Werten über 25 spricht man von Übergewicht, bei einem BMI über 30 von Adipositas (Fettsucht).

Liegt der Wert unter 18,5, gilt die Person als untergewichtig. Die Grenzen des BMI - etwa 25 oder 30 - gelten aufgrund der Fünfer-Schritte als besonders einprägsam, was womöglich den Erfolg des Maßstabs erklärt.

Die Grenzwerte fußen auf der Studie einer amerikanischen Lebensversicherung aus den 50er Jahren, die Prämien für ihre Policen kalkulieren wollte. Damals wurden fünf Millionen Amerikaner gewogen und die Kiloangabe mit dem erreichten Lebensalter verknüpft. Dabei stießen die Versicherer darauf, dass sowohl Gertenschlanke als auch extrem Dicke jünger sterben als Personen mit gewöhnlicher Figur - nach dieser Logik ist das Normalgewicht das erstrebenswerte Optimum, das mit dem BMI dann zementiert wurde.

Wo der BMI an seine Grenzen stößt

Hauptmanko des BMI ist, dass er nicht zwischen Muskeln und Fett unterscheidet. Ein Athlet mit ansehnlichen - und schweren - Muskeln hat automatisch einen hohen BMI, obwohl er kaum ein Gramm Fett auf den Rippen hat. Gegen ein höheres Gewicht dank Muskeln ist allerdings nichts einzuwenden. Als prominentes Beispiel für die Schwäche des Indexes wird gern der frühere Bodybuilder Arnold Schwarzenegger angegeben. Sein BMI soll bei gutem Trainingsstand zeitweilig bei 31 gelegen haben.

Auch das Alter wird beim BMI nicht berücksichtigt, obwohl das Gewicht mit den Jahren leicht ansteigt, da der Energieverbrauch sinkt und trotz gleicher Ernährungsgewohnheiten ein paar Pfunde mehr durchaus normal sind.

Broca-Index

Brocas Formel für Normalgewicht lautet: Körpergröße in Zentimeter minus 100. Der zugehörige Index, der auf den französischen Chirurgen Pierre Paul Broca (1824 bis 1880) zurückgeht, errechnet sich wie folgt: Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch Körpergröße in Zentimetern minus 100.

Ist das Körpergewicht so groß wie das errechnete Normalgewicht, liegt der Broca-Index bei 1,0. Nach früheren Vorstellungen galt ein Index zwischen 0,85 und 1,0 als wünschenswert. Für das Idealgewicht zog man bei Männern noch einmal 10 Prozent, bei Frauen 15 Prozent vom Normalgewicht ab. 10 Prozent mehr als normal hieß übergewichtig. Da der eher grobe Broca-Index bei kleinen Menschen ein zu niedriges, bei großen Menschen ein zu hohes Normalgewicht angibt, gilt er heute als veraltet. Er wurde durch den Body-Mass-Index (BMI) ersetzt.

Taille-Hüfte-Verhältnis

Nach neueren Erkenntnissen kommt es bei Übergewicht vor allem darauf an, wo der Speck sitzt. Deshalb wird heute vermehrt auf das Verhältnis von Taille zu Hüfte geachtet (englisch: waist to hip ratio). Dazu misst man mit dem Maßband zunächst die Taille (etwa in Nabelhöhe), dann den Umfang der Hüfte (an der dicksten Stelle). Die Formel:Taillenumfang in Zentimetern geteilt durch Hüftumfang in Zentimetern.

Ein Ergebnis von 0,7 gilt bei Frauen als perfekter Wert, bei Männern ist es 0,9. Fettdepots um den Bauch (der so genannte Apfeltyp) erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten und Diabetes stärker als solche an Oberschenkeln, Po und Hüfte (Birnentyp). Von bauchbetontem Übergewicht wird ab einem Wert von mehr als 0,85 bei Frauen oder 1,0 bei Männern gesprochen.

Taillenumfang

Als mindestens ähnlich aussagekräftig wie das Taille-Hüfte-Verhältnis wird inzwischen die alleinige Messung des Bauchumfangs angesehen (englisch: waist circumference).

Nach Ansicht der Experten steigt mit dem Bauchfett das Risiko für Herzleiden. Bei Frauen gilt ein Umfang von weniger als 80 Zentimetern als unbedenklich, von 80 bis 87 Zentimetern ist die Erkrankungsgefahr erhöht, bei noch größerem Umfang deutlich erhöht. Bei Männern halten die Experten das Gesundheitsrisiko bei Messergebnissen von 94 bis 101 Zentimetern für erhöht, bei Werten darüber für deutlich erhöht.

Referenzwerte für Kinder

Die Grenzwerte für Erwachsene sind auf Kinder nicht übertragbar. Als grober Maßstab dient bei ihnen die "Hänsel-und-Gretel- Methode". Bei leichtem Kneifen sollten die Hautfalten auf dem Rücken nicht dicker als ein Zeigefinger sein.

Wer es nüchterner möchte, kann sich auch am BMI orientieren. Für Kinder wurden Normtabellen erstellt, die je nach Alter und Geschlecht unterschiedliche BMI-Grenzen für Normal- und Übergewicht angeben. Bei Kindern empfehlen Ärzte, sich nicht sklavisch an mathematischen Vorgaben zu orientieren, die ja keine individuellen Eigenarten berücksichtigen. Wichtig sei auch, ob die Kinder trotz Wohlgenährtheit tatendurstig und aktiv sind.

Kirsten Brodde

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