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Das schmutzige Geschäft mit der Organspende

Was als kriminelle Tat eines einzelnen Arztes begann, entpuppt sich als Skandal von bislang unabsehbarer Dimension. Wir erklären die miesen Tricks der Mediziner und wie sie Patienten in Not schaden.

Von Gernot Kramper

Seitdem bekannt wurde, dass an Kliniken in Göttingen und Regensburg Akten manipuliert wurden, damit ausgewählte Patienten bevorzugt Spenderlebern erhielten, ist das Vertrauen in die Transplantationsmedizin erschüttert. stern.de beantwortet zentrale Fragen des Skandals.

Wie kam der Stein ins Rollen?

In Göttingen löste eine anonyme Anzeige den Skandal aus. Durch manipulierte Krankenwerte soll ein Russe eine Spenderleber erhalten haben, obwohl er eigentlich überhaupt kein Organ hätte erhalten dürfen, weil er Alkoholiker gewesen sein soll. Ob Bestechungsgeld geflossen ist, wird von der Staatsanwaltschaft untersucht.

Wie wurde manipuliert?

In den Kliniken von Göttingen und Regensburg wurden die Empfänger auf dem Papier krank geschrieben. Hauptbeschuldigter in beiden Kliniken ist der Cheftransplanteur der Göttinger Universitätsklinik. In allen Fällen wurden die Krankheitsdaten von Patienten manipuliert und zwar der sogenannte Meld-Score ("Model for Endstage Liver Disease"). Dadurch wurden die Betroffenen auf dem Papier hinfälliger, als sie es in Wirklichkeit waren. So überholten sie andere Patienten auf der Warteliste für eine Spenderleber, obwohl diese viel dringender auf das Organ angewiesen waren. Die These vom Einzeltäter wird von Experten angezweifelt. Die Häufung von Dringlichkeitsfällen war zu auffällig. Auch wenn es keine direkten Mittäter gegeben haben sollte, hat der Betrug nur in einer Atmosphäre des Wegschauens und Nichtwissenwollens funktionieren können.

Wie funktioniert der Trick?

Hier kommt dem beschleunigten Verfahren die zentrale Rolle zu. Dabei wird nicht der Empfänger für besonders krank erklärt, sondern das Spenderorgan als minderwertig heruntergestuft. Als nur "eingeschränkt vermittelbares Organ" gelten Spenden, die von alten oder kranken Menschen stammen oder von Personen, die etwa wegen einer Tabletten- oder Alkoholabhängigkeit nicht gesund sind. Dann besteht die Gefahr, dass das Transplantat lange Transportwege nicht überstehen würde. Es kann daher nicht mehr nach Warteliste vergeben werden. Also setzt das "beschleunigte Verfahren" ein. Das betreffende Organ wird meist gleich dort verpflanzt, wo es entnommen wurde. Der Anteil der so deklarierten Spenderorgane ist in den letzten Jahren in Deutschland stark gestiegen. Je nach Organ haben sich die Anteile verdrei- oder sogar vervierfacht. 2011 wurden fast vierzig Prozent aller Spenderlebern in Deutschland beschleunigt vergeben. Nun steht der Verdacht im Raum, dass nicht der Anteil kranker Organspender für den Anstieg verantwortlich sei, sondern dass die Spender auf dem Papier krank geschrieben wurden, um die Organe so im eigenen Klinikum verarbeiten zu können. Sollte sich der Verdacht bestätigen, würde der Skandal ungeheure Dimensionen annehmen. Anders als in Göttingen oder Regensburg, wo eine Einzelperson oder eine Gruppe beschuldigt wird, betrifft der verdächtige Anstieg beim beschleunigten Verfahren die Transplantationsmedizin in ganz Deutschland.

Wie viele Menschen stehen auf der Warteliste?

Die Manipulationen geschehen, weil Mangel herrscht, weil es zu wenig Spender gibt und zu viele Kranke, die auf ein Organ warten. Die Folgen sind tragisch: In Deutschland sterben jeden Tag drei Menschen, die auf der Warteliste für ein Organ stehen. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) warten derzeit 650 Patienten auf eine Lunge, 800 auf ein Herz, 2500 auf eine Leber und 8000 benötigen eine Niere. Im vergangenen Jahr durften 1200 Deutschen Organe entnommen werden. Auch wenn teilweise mehrere Organe eines Spenders verwendet werden, zeigt diese Diskrepanz, wieso Bedürftige jahrelang auf der Warteliste stehen.

Wer wurde durch die Manipulationen geschädigt?

Am stärksten sind die Patienten geschädigt worden, die auf der Warteliste relativ weit oben stehen, deren Ärzte ehrlich waren und die Daten nicht frisiert hatten. Die illegal Begünstigten überholten sie bei der Vergabe. Wer Glück hatte, musste länger in Todesangst auf "sein" Spenderorgan warten, wer Pech hatte, überlebte seine verlängerte Wartezeit nicht. Im übertragenen Sinn wurden auch Spender respektive deren Angehörige betrogen. Sie haben ihre Organe in gutem Glauben an ein faires und gerechtes Vergabesystem weggegeben. Tatsächlich wurde ihre Spenden aber Menschen zugeschustert, die durch Mauscheleien ausgesucht wurden.

Wem haben die Manipulationen genutzt?

Direkt profitiert haben die Patienten, die schneller ein Organ bekommen haben, als es ihnen zugestanden hätte. Bisher gibt es allerdings keine Hinweise, dass die Begünstigten von den kriminellen Praktiken wussten. Profitiert haben auch die Kliniken und die medizinischen Zentren. Organtransplantationen gelten als besonders lohnender Zweig im Medizingeschäft. Manipulationen, um eigene Patienten zu bevorzugen, treiben die Zahl der Transplantationen und damit den Umsatz nach oben. Je besser die Auslastung der Abteilung, umso profitabler lässt sich transplantieren. Zudem erarbeiten sich nur Kliniken mit hohen Stückzahlen eine internationale Reputation. Sie sind dann auch für internationale Kunden interessant, die ihre Operation außerhalb des normalen Abrechnungssystems bezahlen.

Haben die beteiligten Ärzte finanziell profitiert?

Ja, selbst wenn kein direktes Bestechungsgeld geflossen ist. In Göttingen wurde der Chefarzt leistungsbezogen bezahlt. Pro Transplantation gab es einen Bonus von 2000 Euro. Bei 56 Fällen im Jahr 2010 macht das immerhin 112.000 Euro aus.

Wirkt sich der Skandal auf die Spendenbereitschaft aus?

Ja. Neben dem schwer messbaren, allgemeinen Vertrauensverlust berichtete Ulrike Wirges von der Stiftung Organtransplantation von drei Fällen, in dem Angehörige die Organentnahme mit direktem Hinweis auf die jüngsten Skandale abgelehnt hätten. Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Wolfgang Zöller (CSU), befürchtet, dass das Vertrauen der Bürger in die Transplantationsmedizin massiv Schaden nehme. "Was hier gemacht wurde, wird in Zukunft viele Menschen leider das Leben kosten", sagte Zöller der "Neuen Ruhr Zeitung/Neuen Rhein Zeitung".

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