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Dünne Luft auf dem Zauberberg

In dem renommierten Schweizer Kurort Davos, den Thomas Mann in seinem Roman "Der Zauberberg" verewigte, schließen die Klinken. Schuld daran ist auch die deutsche Gesundheitsreform.

Nachdem der Kostendruck im Gesundheitswesen immer stärker geworden ist, bleiben die Patienten aus dem In- und Ausland weg, und auf dem "Zauberberg" wird die Luft dünn. Früher, als Thomas Mann seinen gleichnamigen Roman in dem hoch in den Alpen gelegenen Gebirgsort spielen ließ, schickten Ärzte aus ganz Europa Lungenkranke nach Davos. Bald gibt es von den 24 Sanatorien im Jahr 1950 nur noch fünf. Und auch deren Überleben ist nicht in jedem Fall gesichert. Ausgerechnet Deutschlands Gesundheitsreform gräbt den Davosern das Wasser ab.

Nachdem bereits die der Bundesrepublik gehörende Höhenklinik Valbella ihre Schließung zum 1. Dezember angekündigt hatte und 46 Angestellten die Kündigung schickte, kam jetzt ein weiterer Schock. Die 1909 gegründete Thurgauer Schaffhauser Höhenklinik schließt Ende März. Insgesamt fallen damit mehr als 160 Arbeitsplätze weg, für Davos die größte Massenentlassung in seiner Geschichte. Das sei für den Ort mit 13 000 ständigen Einwohnern schwer zu verkraften, sagt Landrat Andrea Meisser, zuständig für den "Gesundheitsplatz" Davos. "Jeder fünfte Arbeitsplatz in Davos hängt direkt mit dem Gesundheitswesen zusammen."

Es fehlen nicht nur Patienten und ihre Besucher, es fehlen auch in allen Bereichen die Konsumenten. Lehrstellen gehen ebenso verloren wie Steuergelder. Zu den Kliniken, die schließen, kommen diejenigen hinzu, die bedroht sind oder fusionieren. Die private Deutsche Klinik für Dermatologie und Allergie Alexanderhaus steht zum Verkauf. Die Hochgebirgsklinik und Allergieklinik Davos Wolfgang und das Nederlands Astmacentrum Davos vereinen sich unter einem Dach. Die Holländer geben ihre bisherigen Räumlichkeiten auf. Die Zukunft der Alpinen Kinderklinik ist ungewiss. Richtig gut geht es einzig der Zürcher Höhenklinik Clavadel, aber die wird vom Kanton subventioniert.

Diese Entwicklung zeichnete sich bereits seit längerem ab, doch in Davos wurde sie geflissentlich ignoriert. Jetzt kann man Zuversicht aus der Geschichte schöpfen: Seine erste große Krise erlebte der Kurort nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Tuberkulose durch die Erfindung von Antibiotika auch medikamentös und nicht mehr nur mit Hilfe der klaren Höhenluft zu Leibe gerückt werden konnte. Damals haben sich die Kliniken restrukturiert, weg von der Tuberkulosebehandlung auf allgemeine Lungenkrankheiten, Allergien und Asthma spezialisiert. Davos erholte sich gut, wenn auch auf wesentlich niedrigerem Niveau.

Heute muss sich Davos wieder neu positionieren, da besteht Einigkeit unter Politikern und Klinikbetreibern. "Der Markt der reinen Rehabilitation hat keine Zukunft", sagt Meisser. Zwar gehe man davon aus, dass Davos als Kurort nach wie vor eine sehr hohe Qualität habe - so gibt es in der Höhenluft beispielsweise keine allergieauslösenden Hausstaubmilben. Klar sei aber auch, dass etwa deutsche Krankenkassen ihre Patienten eher in eigene Erholungsheime an die Nordsee schickten als in die Schweizer Berge. Erschwerend hinzu kam, dass auch die Schweizer Krankenkassen ihre Mitglieder immer mehr über die Grenze ins billigere deutsche Ausland abgeschoben haben.

Jetzt werden in Davos die neuen Trends ausgelotet. "Und die gehen in Richtung Lifestyle und Well-Being", hat Meisser erkannt. Auch die kosmetische Chirurgie sei ein möglicher Ansatz. Davos will mit seiner Offenheit und seinem internationalen Ruf punkten. Nicht zuletzt findet hier schließlich jährlich das Weltwirtschaftsform statt, das Entscheidungsträger aus der ganzen Welt anzieht. Der Investitionsbedarf allerdings ist hoch. "Wir werden künftig auf Selbstzahler setzen müssen, und die verlangen von uns mehr als nur ein Face-Lifting", sagt Meisser. Auf der Strecke bleibe der klassische Kassenpatient.

Heinz-Peter Dietrich, DPA

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