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Der Proband der Studie TGN 1412

Acht Probanden nahmen in London an einer Medikamentenstudie eines deutschen Pharmaunternehmens teil, 3000 Euro sollten sie bekommen. David Oakley bezahlte dafür beinahe mit seinem Leben. Er wird wohl bald an Krebs erkranken.

Von Zacharias Zacharakis

Oakley war schon früh gekommen an diesem Montagmorgen im März. Er wollte als erster die Spritze bekommen, damit er auch als erster wieder nach Hause gehen konnte. Er suchte sich einen Platz am Fenster im Northwick Park Hospital und legte sich auf das Behandlungsbett. Dann erhielt der 35-jährige Fahrlehrer die Injektion mit dem Medikament TGN 1412 - ein neues Medikament gegen Multiple Sklerose, Arthritis und Blutkrebs des Pharmaunternehmens TeGenero aus Würzburg. Die Spritze sollte sein Leben zerstören.

Test trotz Komplikationen weitergeführt
Bereits nach 15 Minuten setzten starke Kopf- und Rückenschmerzen ein. Oakley erbrach sich mehrfach, einmal über einen Liter Flüssigkeit. Er hatte Krämpfe und Spasmen. Während der Mann sich quälte, wurde bei den anderen Probanden weiter gespritzt. Der Versuch hätte in diesem Moment schon gestoppt werden können. In Oakleys Körper reagierte das Immunsystem auf die Medizin und griff sich selbst an. Nach und nach fielen die Organe aus, er musste künstlich beatmet werden. Der ganze Körper schwoll an, die Flüssigkeit wurde nicht mehr abtransportiert. Erst nach 16 Stunden kam er mit den anderen auf die Intensivstation, dort gab man ihm endlich die richtige Medizin.

Oakley lag fünf Tage auf der Intensiv-Station und anschließend eine Woche in der normalen Krankenstation. In der Zeit verlor er 13 Kilo an Muskelmasse. Als er dann nach Hause entlassen wurde, musste er mühsam die Muskeln wieder aufbauen. Oakley schöpfte neue Hoffnung: Bis auf Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen schien es ihm immer besser zu gehen. Im Juli dann die erschütternde Nachricht vom Arzt: Oakley wird sehr wahrscheinlich an Lymphdrüsenkrebs erkranken. Seine Blutwerte sind schlecht, und es ist eine Anomalie bei bestimmten Zellen aufgetreten. Bei den anderen Probanden ist ebenfalls diese Anomalie erschienen, aber nicht so stark wie bei Oakley.

Hochzeit trotz Krankheit


2000 Pfund, also etwa 3000 Euro hätte David Oakley für den Medikamententest normalerweise erhalten. Eine Injektion, drei Tage Aufenthalt im Krankenhaus und zwölfmal Blutabnahme hätte er für dieses Geld gerne in Kauf genommen, denn Oakley wollte in diesem Jahr seine Freundin heiraten, eine Hochzeitsreise nach Afrika unternehmen und ein Haus kaufen. Wie die Chancen auf eine Entschädigung stehen, ist bisher noch unklar. Oakleys Anwalt Martin Day kritisiert, dass die Probanden nicht ausreichend informiert waren und dass ein wirksames Gegenmittel erst nach 16 Stunden verabreicht wurde. Die bisher noch nicht ausgezahlte Versicherung von zwei Millionen Pfund, die sich die Probanden teilen müssten, wird nicht gezahlt, wenn eine Klage eingereicht wird.

Von den Kosten für die lebenswichtigen Untersuchungen, die David Oakley jetzt regelmäßig über sich ergehen lassen muss, haben weder TeGenero noch das Unternehmen Parexel, das den Test in London für TeGenero durchgeführt hat, etwas übernommen. Unter den Wissenschaftlern ist ein Streit entbrannt, weshalb es überhaupt zu derartig extremen Reaktionen bei der Verabreichung von TGN 1412 kommen konnte.

Bei Affen keine Nebenwirkungen


Bei zuvor durchgeführten Tierexperimenten erhielten Affen die gleiche Dosis des Medikaments über die Dauer einer Stunde durch einen Tropf. Die getesteten Affen zeigten keine negativen Reaktionen. Den Menschen hingegen wurde das Mittel in einer Injektion direkt gespritzt.

Das Risiko bei solchen Tests ist im Normalfall äußerst gering. Nebenwirkungen können leichte Übelkeit und einige rote Flecken sein. Der Grund für den katastrophalen Ausgang des Londoner Tests ist weiterhin umstritten. Für Oakley besteht eine geringe Chance auf Heilung: Wenn der Krebs rechtzeitig entdeckt wird, kann er vielleicht erfolgreich behandelt werden.

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