Sieben Wissenschaftler haben sich am Dienstag in einem Memorandum für einen liberalen Umgang mit Psycho-Pillen ausgesprochen. Die Debatte anzustoßen, war wichtig, meint der Psychologe Stephan Schleim. Im stern.de-Interview übt er allerdings auch Kritik.
Die Datenlage dazu ist nicht befriedigend. Es gibt einige Studien aus den USA, die sich vor allem auf Studierende beziehen. Die Zahlen deuten darauf hin, dass es unter zehn Prozent bereits ausprobiert haben, deutlich weniger aber regelmäßig Pillen einnehmen, um ihre Leistung zu steigern. In Deutschland haben einer Umfrage der DAK zufolge fünf Prozent der Arbeitnehmer schon einmal Mittel geschluckt, um ihre Leistung oder ihr Wohlbefinden zu verbessern, zwei Prozent davon dopen regelmäßig.
Wirklich wissenschaftlich belegt ist die Zunahme des Konsums nicht. Die Menschen werden allerdings zunehmend damit konfrontiert. Insofern steigt der Druck, diese Substanzen zu nehmen.
Um Stimulanzien wie Amphetamine oder Methylphenidat, das unter dem Handelsnamen Ritalin bekannt und eigentlich für Kinder mit einem Aufmerksamkeitsdefizit zugelassen ist. Bei gesunden Erwachsenen soll es Konzentration und Leistungsfähigkeit steigern. Eine weitere Substanz ist Modafinil, ein Wirkstoff, der bei Narkolepsie angewendet wird und für Wachheit und Aufmerksamkeit sorgen soll.
Die Akademiker haben gute Arbeit geleistet, was die rechtlichen und medizinethischen Aspekte angeht. Zwei entscheidende Aspekte fehlen allerdings: Erstens wird nicht ausführlich diskutiert, was gut an einer Leistungssteigerung ist. Entsprechend wird nicht hinterfragt, ob eine unendliche Leistungssteigerung überhaupt wünschenswert ist. Hier wird nur darauf verwiesen, dass wir üblicherweise in der Gesellschaft Menschen Anerkennung zollen, die etwas dafür tun, um ihre geistige Leistungsfähigkeit zu steigern. Für eine ethische Analyse ist das zu wenig. Zweitens wird nicht debattiert, wie viel Leistungsdruck man uns noch aufbürden darf. Damit verspielen sie eine Chance, die uns die Diskussion über Enhancement bietet: Zu reflektieren, ob bestimmte Gegebenheiten, die sich in der Gesellschaft schleichend durchgesetzt haben, noch in Ordnung sind.
Ich finde es wichtig, diese Diskussion zu führen. Aber dass man dem Gehirndoping einen akademischen Ritterschlag erteilen möchte, halte ich für falsch. Daher missfällt mir an dem Memorandum auch, dass es Doping im Sport zwar als etwas Betrügerisches ansieht, Enhancement zur geistigen Leistungssteigerung am Arbeitsplatz oder im Alltag aber als etwas ganz anderes. Die Autoren kritisieren, dass über Begrifflichkeiten wie Doping von Anfang an eine negative Grundhaltung transportiert werde. Der Begriff des Gehirndopings, gegen den sich die Autoren sperren, ist allerdings passend.
Zwischen Leistungssport und Leistungsgesellschaft gibt es sehr viele Analogien: zum Beispiel beim Wettkampf um einen Job, ein Stipendium oder Ähnliches. Auch hier bekommen die Besten alles. Wenn sie also besser sind als ihre Mitstreiter, gewinnen sie. Der Rest geht leer aus, auch wenn seine Leistung nur minimal schlechter ist. Generell stehen die Menschen stark unter Druck, überall mithalten zu können. Sobald dann Mittel vorhanden sind, um die eigene Leistung zu steigern, wächst auch die Bereitschaft, diese Substanzen zu nehmen. Selbst wenn diese Menschen damit ihre Gesundheit gefährden.
Mit den heute vorhandenen Mitteln ganz sicher.