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Hirndoping - sinnlos, teuer und riskant

Eine Pille gegen Stress oder für bessere Konzentration: Schon heute setzen viele Menschen auf Medikamente und hoffen, dadurch leistungsfähiger zu sein. Suchtexperten warnen jedoch vor dem sogenannten Hirndoping.

  Womöglich halten sich manche Ärzte nicht strikt an die Indikation

Womöglich halten sich manche Ärzte nicht strikt an die Indikation

In den 60er-Jahren nahmen viele Menschen Drogen, um sich der Bürgerlichkeit zu entziehen. Heute dagegen greifen schon Jugendliche zu Medikamenten, um den Anschluss nicht zu verpassen: Der Erfolgsdruck in Schule, Ausbildung und Beruf wächst stetig. Viele Menschen seien daher bereit, zu leistungssteigernden Mitteln zu greifen, sagt Raphael Gaßmann, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS).

Gelegentlich frage er seine Studenten, wer schon Erfahrung mit einschlägigen Medikamenten gemacht habe, berichtet Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen. Etwa jeder Zehnte hob die Hand. Dass es illegal ist, sich ohne Rezept verschreibungspflichtige Medikamente zu beschaffen, die teils unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, steht für manche offenbar hintenan.

Gefährliche Medikamente aus dem Internet

Viele Medikamente seien ohne Rezept über das Internet zu bekommen, enthielten jedoch teilweise gar keinen Wirkstoff oder seien überdosiert und damit gefährlich, sagt Glaeske. Den Internetseiten sei kaum beizukommen: Werde die eine gesperrt, sei gleich die nächste da. In den USA, wo das Medikament Ritalin gegen das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADHS) bereits zehn Prozent der Kinder verschrieben werde, handelten Kids damit schon auf dem Schulhof.

Denn Ritalin mit dem Wirkstoff Methylphenidat soll die Konzentration steigern - man könne hellwach lernen wie eine Maschine, behaupten manche. Und das schürt die Neugier: "Mich persönlich würde es schon reizen, mal eine zu nehmen. Von einer Minute auf die andere merkst du, wie dein Gehirn "hochfährt", du bist wissbegierig und voll aufnahmefähig für jeglichen Stoff", schreibt ein Nutzer in einem Internetforum.

Gewünschte Effekte sind nicht bewiesen

Genommen werden auch Präparate gegen Depression, Demenz oder das Schlafapnoe-Syndrom. Dabei gibt es laut Suchtexperten keine belastbaren Studien, die belegen, dass die Arzneien bei Gesunden tatsächlich positive Effekte auf die Hirnleistung haben.

Teilweise sei das Gegenteil der Fall, etwa bei Ritalin, sagt Glaeske. "Die Einnahme führt bei Gesunden nachweislich weder zu gewünschter Stimmungsaufhellung noch zur Steigerung der Leistungsfähigkeit. Eher verringern sie die Leistungsfähigkeit und Aktivität." Die Konsumenten dieses und anderer Mittel riskierten Abhängigkeiten, Nebenwirkungen und mögliche Langzeitfolgen. Daher warnt die DHS: Hirndoping sei "sinnlos, riskant und teuer".

Zwar greifen einer Umfrage der Krankenkasse DAK zufolge bisher nur knapp ein Prozent der Beschäftigen täglich oder mehrmals wöchentlich zu leistungssteigernden und stimmungsaufhellenden Medikamenten. Einer anderen Umfrage zufolge wären aber vier von fünf Schülern und Studenten bereit, ein entsprechendes Mittel zu nehmen, wenn es keine Nebenwirkungen hätte.

Kein Medikament ist frei von Risiken

Die Pharmaindustrie habe hier ein großes wirtschaftliches Interesse, so Glaeske weiter. Würde ein Medikament entwickelt, das nachweislich die Leistungsfähigkeit steigere, könnte dies ein riesiger Zukunftsmarkt sein. Oliver Pogarell, Leiter des Suchtbereichs in der Klinik für Psychiatrie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München, warnt jedoch vor gravierenden sozialen Folgen: "Wenn es einer macht, werden es alle machen wollen." Dabei gebe es kein Medikament ohne Nebenwirkungen. Der Weg würde in noch größeren Leistungsdruck und Abhängigkeit führen: "Man ist dann kein freier Mensch mehr."

Auch Raphael Gaßmann von der DHS warnt deshalb vor einer gefährlichen gesellschaftlichen Entwicklung: "Wir leben nicht nur, um zu arbeiten. Wenn Schule, Ausbildung und Beruf krank oder süchtig machen, ist es Zeit, sie grundsätzlich zu entschärfen."

Sabine Dobel, DPA/DPA
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