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Der Kampf gegen die Pest ist in diesem Jahr ein Krieg

Auf Madagaskar ist die Pest ausgebrochen - wie jedes Jahr. Die aktuelle Erkrankungswelle bereitet Medizinern jedoch Sorge. Die Epidemie verläuft aggressiver als sonst.

Die Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums tragen Masken und Schutzkleidung. Sie schreiten durch die Bankreihen des Klassenzimmers und versprühen eine Flüssigkeit. Der feine Pestizid-Nebel legt sich auf Möbel und Boden. Jetzt bloß nichts vergessen, keine Ritze übersehen. Es ist ein schier aussichtsloser Kampf gegen einen winzigen Feind: Flöhe. -Überträger. 

Die Szene wirkt wie aus der Zeit gefallen. Doch sie ist bittere Realität auf Madagaskar. Auf dem Inselstaat in Ostafrika wütet der Schwarze Tod. Schon wieder. Pest-Ausbrüche sind in dem bitterarmen Land an sich nicht ungewöhnlich. Schlechte Hygiene, Unterernährung und eine mangelhafte medizinische Versorgung begünstigen die Ausbreitung der Seuche. Es ist keine Übertreibung, den Madagassen eine gewisse Routine im Kampf gegen das Leiden zuzuschreiben. Doch dieses Jahr ist alles anders. Dieses Jahr ist es kein Kampf. Dieses Jahr ist es ein "Krieg", erklärte Madagaskars Präsident Hery Rajaonarimampianina.

Ein Arbeiter versprüht Pestizide in einem Klassenraum in Madagaskar.

Kampf gegen die Pest: Ein Arbeiter versprüht Insekten-Gift in einem Klassenraum in Madagaskar

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Madagaskar erlebt derzeit einen der tödlichsten Ausbrüche der letzten Jahre. Mindestens 450 Menschen sind erkrankt, rund 50 Infizierte sind der Pest bereits zum Opfer gefallen. Normalerweise stehen diese Zahlen am Ende einer jeden Saison, dann, wenn die Seuche bereits mehrere Monate gewütet hat. In Madagaskar hat die diesjährige Welle jedoch eben erst begonnen. Sie dauert üblicherweise von September bis April.

"Lungenpest: schneller Tod"

Schuld an den hohen Infektionszahlen ist eine unglückliche Verquickung mehrerer Umstände: Anders als sonst treten die meisten Fälle in der madagassischen Hauptstadt Antananarivo mit ihren rund 1,8 Millionen Einwohnern auf - Hauptstädte wie diese sind eine perfekte Brutstätte für Keime und Bakterien aller Art. Hinzu kommt: In diesem Jahr grassiert vor allem die hochansteckende Lungenpest, die gefährlichste und tödlichste Form der Krankheit. Anders als die Beulenpest kann sie leicht von Mensch zu Mensch übertragen werden. Für eine Infektion genügt es bereits, dass Infizierte husten. Umstehende Menschen können sich via Tröpfcheninfektion mit den Erregern infizieren - ähnlich wie beim Schnupfen. 

Vor wenigen Tagen verschickte das Gesundheitsministerium daher SMS-Kurznachrichten an alle in Madagaskar registrierten Telefone: "Lungenpest: schneller Tod. Wenn sie husten und eines der Symptome haben - Fieber, Halsweh, Atemlosigkeit, blutiger Auswurf - dann gehen sie ins Krankenhaus."

Der Erreger der Krankheit ist das Bakterium Yersinia pestis. Infizierte Flöhe übertragen die Keime von Säugetieren wie Ratten auf den Menschen. Die ersten Symptome der Pest zeigen sich nach bis zu sieben Tagen: Menschen entwickeln Symptome einer schweren Grippe, die Lymphknoten schwellen an. Die dicken Beulen können aufbrechen und eitern. Früh diagnostiziert und mit Antibiotika behandelt, sind die Heilungschancen bei dieser Form der Pest, der Beulenpest, sehr hoch.


WHO schickt Antibiotika

In einem fortgeschrittenen Stadium kann sich die Beulenpest auch auf die Lunge ausbreiten. Husten Erkrankte, können umstehende Menschen die Erreger einatmen. Infizieren sich Menschen auf diese Weise - und nicht durch einen Flohbiss - ist es wahrscheinlicher, dass sie ebenfalls an Lungenpest erkranken.

Der Verlauf dieser Form ist besonders tückisch: Die ersten Symptome brechen meist schon nach 24 Stunden aus. Unbehandelt führt die Lungenpest binnen drei Tagen zum Tod. Entsprechend kurz ist die Zeitspanne zwischen der Diagnose und einem möglichen Therapiebeginn.

Die Mittel der Wahl sind in beiden Fällen Antibiotika. In der Regel handelt es sich dabei um Aminoglykoside, Fluoroquinolone und Sulfonamide. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat bislang knapp 1,5 Millionen Dosen Antibiotika nach Madagaskar geschickt. Genug Antibiotika, um 5000 Patienten zu behandeln und 100.000 Menschen prophylaktisch vor der Pest zu schützen - nachdem sie beispielsweise Kontakt zu Erkrankten hatten.


BeulenpestLungenpest
ErregerBakterium Yersinia pestisBakterium Yersinia pestis
InfektionsherdBakterien in Lymphknoten, die zu Beulen führenBakterien in Lunge, die zu Lungenentzündung führen und dann zu Lungenversagen und Schock
Häufigkeit80-95 Prozent der Fälle1 Prozent der Fälle
InfektionswegBisse von Flöhen, die Pest-Erreger von Ratten bekommen haben; keine Übertragung von Mensch zu Mensch, außer über Eiter aus den BeulenÜber Tröpfcheninfektion durch die Luft (primäre Lungenpest); Über Befall der Lunge mit Bakterien aus dem Blut (sekundäre Lungenpest)
ÜbertragungMeistens von Tier zu MenschMeistens von Mensch zu Mensch
Inkubationszeit1-7 Tage1 Tag (24 Stunden bis 4 Tage)
Sterbewahrscheinlichkeit OHNE Antibiotika50-60 ProzentBis zu 100 Prozent (tödlich innerhalb von drei, vier Tagen)
Sterbewahrscheinlichkeit MIT Antibiotika10-20 Prozentkeine Angaben

Quelle: Science Media Center/"Lungenpest in Madagaskar: Kein Pest-Ausbruch wie jedes Jahr"/10.10.2017

Vorsichtsmaßnahmen sollen helfen, die Seuche einzudämmen: Viele Madagassen tragen Atemschutzmasken, Versammlungen sind verboten, Schulen bleiben geschlossen. Weil selbst Pest-Tote die Krankheit übertragen können, müssen die Leichen weit weg von Friedhöfen begraben werden. Die sonst üblichen Toten-Rituale, etwa die mehrtägige Totenwache im Haus des Verstorbenen, entfallen. 

Neben den steigenden Infektionszahlen bereitet Medizinern vor allem ein Szenario Sorge: Dass die Seuche das afrikanische Festland erreichen könnte. Von Madagaskar aus gibt es etwa direkte Flugverbindungen nach Addis Abeba, Nairobi und Johannesburg. Die Behörden dort würden vermutlich "Schwierigkeiten haben, die Krankheit unter Kontrolle zu bringen", erklärt Pen Payton, Afrika-Experte bei der Risikoberatung Verisk Maplecroft gegenüber der Nachrichtenagentur DPA.

Die Wahrscheinlichkeit einer internationalen Ausbreitung der Pest, etwa nach Europa, gilt nach Angabe der WHO derzeit als "sehr niedrig". Fraglich dürfte auch sein, ob sich die Seuche in Ländern mit einem guten Gesundheitssystem und entsprechenden Quarantäne-Maßnahmen überhaupt verbreiten könnte.

Urlauber schleppt Lungenpest auf Seychellen ein

Und dennoch, ein geringes Restrisiko bleibt, das zeigt der Fall eines 33-jährigen Urlaubers, der Anfang dieser Woche bekannt wurde. Der junge Mann war am vergangenen Freitag von Madagaskar aus auf die Seychellen geflogen und hatte dort die Lungenpest eingeschleppt. Auch seine Frau und seine Tochter zeigten leichte Symptome der Krankheit, heißt es seitens der örtlichen Gesundheitsbehörden.

Nun würden alle Passagiere desselben Fluges Antibiotika erhalten - und auch diejenigen, die mit dem erkrankten Mann in Kontakt gekommen waren. Die Seychellen sind ein beliebtes Urlaubsziel für Reisende aus aller Welt.

mit Agenturmaterial/DPA
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