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Sind wir in diesem Jahr wieder besser gegen Masern gewappnet?

Deutschland erlebte 2015 einen der größten Masern-Ausbrüche der vergangenen Jahre. Ein Kleinkind starb sogar an der Virusinfektion. Welche Lehren haben Politik, Medizin und Gesellschaft aus der Welle gezogen? Und wie steht es um die Impfpflicht?

Ist der Schutz gegen Masern ausreichend? Ein Blick in den Impfpass lohnt, denn vielen fehlt die zweite Immunisierung.

Ist der Schutz gegen Masern ausreichend? Ein Blick in den Impfpass lohnt, denn vielen fehlt die zweite Immunisierung.

Ausrotten. Das ist eigentlich das Ziel bei Masern. 2015 war Deutschland davon aber noch weit entfernt. Im Laufe des Jahres steckten sich so viele Menschen mit dem Virus an wie seit mehr als zehn Jahren nicht. Gemeldet wurden bundesweit bislang rund 2500 Fälle. Die meisten davon in Berlin, wo auch ein vorerkranktes Kleinkind infolge der Masern starb. Doch es traf auch den Osten vergleichsweise hart. Weitgehend verschont blieben nur wenige Bundesländer. 

Wie es so weit kommen konnte? Rückblick, Oktober 2014: Zunächst sind es Asylbewerber in Berlin, die an Masern erkranken. Die vor allem aus Serbien und Bosnien-Herzegowina stammenden Menschen wurden in den Bürgerkriegswirren der 90er Jahre nicht mehr konsequent geimpft. Im Januar sind den Infektionsexperten des Berliner Landesamts für Gesundheit und Soziales (Lageso) bereits Dutzende Fälle in 19 Unterkünften bekannt, es sind aber zunehmend auch Einheimische betroffen. Nachzulesen ist das in Fachberichten. 

Im Februar - die Zahl gemeldeter Fälle liegt bereits bei über 400 - informiert erstmals die Berliner Gesundheitsverwaltung mit einer Pressemitteilung über den Ausbruch. Rund zwei Wochen später wird der Tod des Kleinkinds bekannt. Inzwischen sind auch Sachsen-Anhalt, Brandenburg und weitere Bundesländer betroffen.

Inwiefern die Ausbrüche miteinander verbunden sind, könne zum Beispiel wegen der hohen Ansteckungsfähigkeit der Masern nicht immer klar verfolgt werden, sagte Dorothea Matysiak-Klose vom Robert Koch-Institut (RKI). "Das Virus wird immer wieder importiert, aus Frankreich oder Asien zum Beispiel." Vorherrschend sei 2015 bundesweit ein vom Balkan stammender Virus-Typ gewesen. 

Fast reflexartig entbrannte mit den Masern eine Debatte um eine Impfpflicht. "Der Ruf danach kommt immer dann, wenn die Politik mit einer gegebenen Situation nicht fertig wird", sagte Ulrich Fegeler vom Verband der Kinder- und Jugendärzte. Für realisierbar hält er die Verpflichtung hierzulande nicht. Aber die von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) eingeführte verpflichtende Impfberatung sei zu lax. Ein "Witz", sagte Fegeler. "Es gibt auch Ärzte, die Impfgegner sind, und die dann eben davon abraten." 

Viele sind nur unzureichend gegen Masern geschützt

Unzureichender Impfschutz in der Bevölkerung ist Experten zufolge die wichtigste Ursache für das Ausmaß des Ausbruchs. Erst seit Anfang des Jahrtausends wird die zweimalige Masern-Impfung empfohlen. Gerade junge Erwachsene und ältere Jugendliche haben den zweiten Piks verpasst. Anders als frühere Generationen sind sie meist auch nicht durch eine erlebte Masern-Erkrankung immun. 

So fand das Virus seine Lücke. Tatsächlich befiel es in Berlin - bei 1360 Fällen - zu 86 Prozent Menschen ohne Impfschutz. Absolut betrachtet erkrankten Menschen zwischen 18 und 44 am häufigsten, eine gefürchtete Ansteckungsquelle für empfindliche Säuglinge, die noch nicht geimpft werden dürfen. Die Masern verliefen bei jedem Vierten so heftig, dass er ins Krankenhaus musste.  

Der nächste Ausbruch lässt nicht zwangsläufig auf sich warten. Denn der Faktor Großstadt spielt RKI-Experten zufolge eine größere Rolle als etwa die Zahl der Impfgegner. Mit der Bevölkerungsdichte steige die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung, gerade bei einer hochansteckenden Krankheit wie Masern, sagte Matysiak-Klose. Auch die im ersten Quartal 2015 in die Höhe geschnellte Zahl abgerechneter Impfdosen zeige, dass Unwissen und Vergesslichkeit bei Nichtgeimpften verbreiteter seien als Unwille. Noch im zweiten und dritten Quartal 2015 wurde in Berlin wesentlich mehr geimpft als noch 2014, wie Daten der AOK Nordost für alle Krankenkassen zeigen. 

Bessere Versorgung von Flüchtlingen 

Ärzte sollten nun ihre Patienten "durchforsten", um zu prüfen, ob ein "vernünftiger Impfschutz" vorliege, fordert Kinderarzt Fegeler. Er bilanziert aber auch: Bei der Prophylaxe habe sich im Vergleich zu vorigen Epidemien etwas getan. Fälle, in denen ganze Schülerschaften oder Kitas betroffen waren, wurden diesmal nicht bekannt. Schulen mit erkrankten Kindern wurden frühzeitig geschlossen, Impfpässe von Schülern wie Lehrern kontrolliert. 

 Für Flüchtlinge hatte der Ausbruch letztlich sogar sein Gutes: So fiel auf, dass ihre Gesundheitsversorgung vielerorts unzureichend war. Inzwischen hat nicht nur in Berlin eine Stelle eröffnet, in der Flüchtlinge routinemäßig etwa einen Piks gegen Masern, Mumps und Röteln angeboten bekommen. Erst im Oktober hat das RKI ein Konzept für die frühzeitige Impfung Asylsuchender veröffentlicht. 

In anderen Feldern wird dafür zurückgerudert: Das während des Ausbruchs ermöglichte Mitimpfen von Erwachsenen beim Kinderarzt ist künftig wieder hinfällig. Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin erklärte, nach dem Ausbruch seien Sonderregelungen nicht mehr realisierbar.

Gisela Gross/DPA
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