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Liebe Eltern, wir müssen über Masern reden

Der erste Blogeintrag der Ärztin Jennifer Raff zum Thema Impfen verbreitete sich rasant. Nun legt sie zum Thema Masern nach. Der stern hat den Beitrag ins Deutsche übersetzt.

  Masern sind alles andere als Kinderkram

Masern sind alles andere als Kinderkram

Sie haben sicher mitbekommen, dass das Thema Masern zuletzt häufig in den Nachrichten war. Und auch, wenn Sie denken, dass es einer alter Hut ist: Wir müssen erneut darüber reden - wegen Livia, Rhett und Cami.

Die Krankheit, die vor 15 Jahren in den USA nahezu ausgerottet war, verbreitet sich in kleinen Ausbrüchen wieder im ganzen Land - bis jetzt haben sich in diesem Jahr 84 Personen in 14 US-Staaten angesteckt.

Anders als Ebola fängt man sich Masern sehr leicht ein. Ein Kind kann sich anstecken, wenn es die Luft in einem Raum einatmet, in dem eine kranke Person in den vergangenen zwei Stunden gehustet oder geniest hat. Da Erkrankte vier Tage, bevor sich Symptome zeigen, bereits ansteckend sind, wird es oft durch Personen weitergegeben, die keine Ahnung haben, dass sie (oder ihre Kinder) sich infiziert haben. 90 Prozent der ungeimpften Kinder erkranken, wenn sie Kontakt mit jemandem haben, der an Masern erkrankt ist. (Mehr Informationen finden Sie hier.)

Das bedeutet, dass sich die Krankheit schnell verbreitet, wenn sie einmal in einer Bevölkerung angekommen ist. Im vergangenen Jahr etwa führte ein Ausbruch in einer Amish-Gemeinde dazu, dass sich 383 Menschen ansteckten. In diesem Jahr sind die meisten Infektionen auf den Ausbruch in Disneyland zurückzuführen - und es gibt Befürchtungen, dass die Anzahl an Ausbrüchen noch steigt.

Masern sind eine ernstzunehmende Krankheit. Bei 30 Prozent der Infizierten - insbesondere bei Kindern unter fünf Jahren und Erwachsenen ab 20 Jahren - werden Komplikationen auftreten. Ein bis zwei von 1000 Kindern, die Masern bekommen, werden daran sterben, und etwa dieselbe Anzahl entwickelt eine Enzephalitis (eine Entzündung des Gehirns, Anm. Red.), die zu Anfällen oder Entwicklungsverzögerungen führen kann (Die von der US-Gesundheitsbehörde CDC aufgelisteten Komplikationen finden Sie hier). Es sagt viel aus, dass ältere Menschen, die die Zeiten miterlebt haben, in denen es noch keine modernen Impfungen gab, und die sich an Masern- und Polio-Ausbrüche noch gut erinnern, zum überwältigenden Teil das Impfen unterstützen.

(Manch einer, der lieber ideologisch argumentiert, als sich die Fakten anzusehen, wird sagen, dass Masern kein großes Ding sind - und damit seine 15 Minuten Berühmtheit erlangen. Solche Menschen können nicht anerkennen, wie hoch gefährlich Masern sein können, ohne sich gleichzeitig einzugestehen, wie gefährlich ihre Ratschläge sind. Das führt zu einer beträchtlichen Voreingenommenheit, dass Masern einfach eines dieser Dinge sind, die Kinder eben durchmachen müssen, wenn sie aufwachsen. Die Fakten sind klar, Masern können töten.)

Aber Sie wissen das und versuchen, richtig zu handeln. Sie ernähren ihre Kinder gesund, ermuntern sie, sich zu bewegen und - wie die überwiegende Mehrheit der Eltern in Amerika es heute tut - lassen Ihre Kinder impfen, weil es zu einem gesundheitsbewussten Lebensstils gehört.

Unglücklicherweise entscheiden sich manche Eltern dagegen. Als Konsequenz daraus gibt es kleine Nester von ungeimpften Kindern im ganzen Land.

Sie wissen, das ist ein Problem, da diese Kinder andere anstecken könnten, die zu jung für eine Impfung sind.

Kinder wie Livia.

Sie können andere Kinder und Erwachsene infizieren, die ein geschwächtes Immunsystem haben und die eine Impfung nicht vertragen.

Wie Rhett.

Und sie können Kinder und Erwachsene gefährden, bei denen die Impfung aus unterschiedlichen Gründen nicht wirkt.

Wie Cami.

Sie haben ein Recht, sich darüber zu ärgern. Es gibt weiß Gott genug Gefahren auf der Welt, vor denen Sie Ihre Kinder nicht schützen können. Masern (und Mumps, Röteln, HPV, Influenza, Keuchhusten, Windpocken, Tetanus, Hepatitis A und B) sind etwas, vor dem wir sie bewahren können. Und es mag Sie daher zu Recht aufregen, wenn manche Eltern sich weigern, ihren Kindern diesen Schutz zu gewähren - und damit alle in Gefahr bringen.

Aber so sehr es Sie auch erleichtern mag, Ihrem Ärger darüber in wütenden Kommentaren im Internet Luft zu machen: Es ist kontraproduktiv. Und das ist der frustrierendste Punkt an der Sache - keine noch so große Menge an wissenschaftlichen Fakten wird die Impfgegner vom Gegenteil überzeugen. Und, wer in dieser Debatte unentschieden ist, wird sich möglicherweise der Anti-Impfbewegung anschließen, wenn er sich mit dieser identifiziert.

Also, was können Sie tun?

Sprechen Sie mit anderen Eltern.

Eltern impfen ihre Kinder aus sehr unterschiedlichen Gründen nicht. Bei manchen liegt es an einem fehlenden Zugang zu guter medizinischer Versorgung oder zu medizinischen Informationen. Für andere gehört es zur Lebenseinstellung. Ein paar Eltern werden ihre Ansichten auf gar keinen Fall ändern. Sie wurden angelogen und sie glauben diese Lügen nun. Sie haben sogar einige skrupellose Ärzte gefunden, die ihre Meinung unterstützen - und damit gerne Geld verdienen. Diese Eltern werden ihre Einstellung nicht ändern, denn das würde einem Eingeständnis gleich kommen, dass ihr Verständnis darüber, wie die Welt funktioniert, falsch ist und dass sie ihren Kindern mit ihrem Glauben tatsächlich schaden, obwohl sie sie schützen wollen. Wenn Sie sich in diese Eltern hineinversetzen, können Sie sicher nachvollziehen, wie schwer es sein würde, unter diesen Umständen die eigenen Annahmen zu überdenken. Wie falsch sie auch liegen mögen, es hilft nichts, mit ihnen zu streiten oder sie als dumm zu bezeichnen - denn das sind sie nicht! - und es ist reine Zeitverschwendung.

Die meisten rhetorischen Argumente der Impfgegner stammen von einer kleinen Gruppe. Und diese Menschen sprechen nicht für Sie. Die meisten Eltern lassen ihre Kinder rechtzeitig impfen, genau wie Sie, genau wie die meisten Kinderärzte. Es ist sehr wichtig, dass Sie Ihre Entscheidung fürs Impfen öffentlich und sichtbar machen und Ihre Gründe dafür ganz klar kommunizieren. So erreichen Sie möglicherweise jene Eltern, die noch unentschieden sind. Diese haben vielleicht einige Bedenken in Bezug auf Impfungen, aber sie haben sich noch nicht der Anti-Impfbewegung angeschlossen.

Machen Sie sich klar, dass Sie sehr wohl die Macht haben, die Ansichten dieser Eltern zu verändern, wenn Sie mit ihnen geduldig und verständnisvoll sprechen. Teilen Sie Ihnen mit, dass Sie Ihre Kinder und sich selbst impfen lassen, nicht nur, um Ihre eigene Familie, sondern auch um andere Familien zu schützen. Hören Sie sich ihre Bedenken an, ohne laut zu werden. Lassen Sie sie wissen, dass Sie ihre Ängste verstehen, aber teilen Sie die große Menge an wissenschaftlicher Literatur mit ihnen - verfasst von Medizinern und Wissenschaftlern, die ebenfalls Eltern sind - die zeigt, dass Impfungen sicher und wirksam sind.

Ob Sie es glauben oder nicht, Sie haben eine große Macht, Veränderungen zu bewirken. Diese Unterhaltungen auf dem Spielplatz und geteilten Erfahrungen und Geschichten sind der beste und effektivste Weg, um das Verständnis von Eltern über Impfungen zu verbessern.

Tun Sie es für Ihre Kinder, für die Kinder dieser Eltern und für Livia und Rhett und Cami.

Jennifer Raff arbeitet als Biologin, Anthropologin und Genetikerin am Department of Anthropology der Universität Texas in Austin. Ihr Blog "Violent Metaphors" dreht sich um Themen aus Naturwissenschaft und Medizin und den "Zwischenraum zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft". Raffs Facebook-Profil finden Sie hier. Sie twittert auch unter @JenniferRaff. Die Links in dem Beitrag stammen aus dem Originalartikel.

Übersetzung: Lea Wolz
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