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Wie eine Ärztin sich für Flüchtlinge einsetzt

Die Ärztin Pia Skarabis-Querfeld engagiert sich in Berlin ehrenamtlich für Flüchtlinge. Im stern-Interview sagt sie, was in den Notunterkünften schief läuft und warum die Politik versagt hat.

Ein Interview von Hristio Boytchev

  Sportmedizinerin Pia Skarabis-Querfeld

Sportmedizinerin Pia Skarabis-Querfeld

Flüchtlinge haben nur eingeschränkt Zugang zu medizinischer Versorgung. Viele sind nicht geimpft, werden aber in Turnhallen untergebracht, wo sie einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind. Weil die Behörden bei ihrer Aufgabe versagen, übernehmen freiwillige Helfer. Die Ärztin Pia Skarabis-Querfeld hat in Eigenregie zwei großangelegte Impfaktionen gegen Masern in einer Notunterkunft in Berlin organisiert. Im stern-Interview erzählt sie, wie prekär die Lage vor Ort war und warum sie ein Versagen der Politik sieht.

Frau Skarabis-Querfeld, Sie machen ehrenamtlich humanitäre Medizin in Dahlem. Wie ist es dazu gekommen?

Zwei Tage vor Weihnachten wurde eine Turnhalle der FU Berlin vom Senat beschlagnahmt, über Nacht kamen Flüchtlinge rein. In unserer evangelischen Kirchengemeinde hat sich das herumgesprochen. Wir haben uns gefragt, wie wir helfen können. Am zweiten Weihnachtsfeiertag ging ich dorthin, um Kleidung abzugeben. Dann habe ich gesehen, dass das Problem ganz woanders lag.

Inwiefern?

Vielen Kindern dort ging es wirklich nicht gut. Ärzte waren nicht da. Wir haben den damaligen Betreiber, die Johanniter, gefragt, wie diese Menschen versorgt werden sollen. Die Antwort war, dass man im Notfall den Krankenwagen rufen kann. Es waren viele Kinder krank - die kann man schlecht alle in die Notaufnahme fahren.

Asylbewerber in Berlin bekommen doch einen Krankenschein, mit dem sie zu jedem Hausarzt gehen können.

Das funktioniert nur theoretisch. Die Menschen waren gerade angekommen, Krankenscheine hatten sie noch nicht. Man bekommt erst einen, wenn man einen Termin beim Landesamt für Gesundheit und Soziales hat. Das war praktisch nicht möglich, da es während der Feiertage geschlossen hatte. Und selbst mit Krankenschein ist es schwer, spontan einen Arzt zu finden, der einen nicht wegschickt. Die Arztpraxen wissen oft nicht, welche Leistungen die Scheine genau abdecken. Zudem ist die sprachliche Barriere ein Problem.

Sie wollten also vor Ort helfen?

Ja sicher, man kann doch nicht einfach wegsehen. Ich habe auch meinen Mann mitgenommen. Er ist Kinderarzt. Die Menschen hatten zum Teil eine lange Flucht hinter sich, alle waren erschöpft, viele krank. Sie wussten nicht, wie sie zum Arzt kommen. Vor allem die Zahnprobleme waren unglaublich. Über einen Verein der kurdischen Ärzte konnten wir einen Zahnarzt organisieren. Zu seiner Sprechstunde kamen etwa 50 Menschen, 20 hatten unerträgliche Schmerzen, schwere Entzündungen und Schwellungen.

Die medizinische Versorgung lag also zunächst allein in der Hand von Freiwilligen?

Ja. Mein Mann und ich haben aber schnell gemerkt, dass uns alleine die ehrenamtliche Arbeit total über den Kopf wächst. Wir mussten zunächst auch die Medikamente vorstrecken. Schließlich gelang es uns, vier Ärzte zu finden, die uns bei der Sprechstunde vor Ort unterstützen. Ehrenamtliche Helfer haben Informationsblätter für Patienten, zum Beispiel Einnahmeanweisungen für Medikamente, in allen wichtigen Sprachen übersetzt. Wir haben kooperierende Praxen gefunden, die bereit waren, kranke Flüchtlinge auch ohne Termin und notfalls auch ohne Krankenschein anzunehmen. Wir haben auch erreicht, dass zumindest bei den ernsten Fällen die Krankenscheine schnell ankamen.

Als die akute Versorgung sichergestellt war, wurden Sie noch zur Präventivmedizinerin.

Wir wissen seit dem Herbst, dass die Masern kommen. In der Turnhalle sind 200 Menschen untergebracht, darunter viele Säuglinge und Schwangere. Erkrankt ein Mensch an Masern, sind alle bedroht. Eine Impfung vor Ort war dringend notwendig - dafür haben wir uns auch gegenüber den Behörden ganz massiv eingesetzt.

Wie war die Reaktion?

Das Gesundheitsamt fand die Idee toll, erklärte aber, dass keine Gelder da seien, um vorbeugend zu impfen. Geimpft würde nur, wenn bereits jemand erkrankt sei. Vom Landesamt für Gesundheit hieß es dagegen, impfen in der Halle sei nicht nötig. Die Flüchtlinge könnten zum Hausarzt gehen. Ein Ding der Unmöglichkeit! Keine Praxis impft mal eben auf die Schnelle 200 Leute. Zudem müsste man auch Dolmetscher hinschicken. Die Flüchtlinge müssten in der Praxis dann den Krankenschein abgeben, was bedeuten würde, dass diese Praxis die Leute das ganze Quartal über versorgen müsste. Unsere Hartnäckigkeit führte schließlich dazu, dass das Landesamt einräumte, die Kosten zu übernehmen - aber nur, wenn die Impfung formal über das Gesundheitsamt laufe. Aber das konnte ja keine Mittel vorstrecken.

Also haben Sie das Geld besorgt?

Ich bin im Vorstand des Fördervereins der Gemeinde. Wir haben entschieden, den Ämtern das Geld zu leihen. Mittlerweile sind es fast Zehntausend Euro für Impfungen und Medikamente. Zurückbekommen haben wir das Geld immer noch nicht. Eigentlich ist das kein hoher Betrag, dafür dass wir 200 Menschen in der Halle monatelang versorgt haben.

War das Geld die höchste Hürde?

Das Schwierigste war die Logistik. Ich habe mir eine Woche freigenommen, habe mich mit den Behörden und mit dem Robert-Koch-Institut beraten. Wir wollten ja alle medizinischen Standards einhalten.

Wie lief die Impfung ab?

Ende Januar sind wir mit etwa zwanzig Helfern in die Halle gekommen. Im Flur haben wir verschiedene Stationen aufgebaut. Zuerst kamen die Kinder dran, dann die Frauen und erst am Ende die Männer. Wir wollten das trennen, weil eine nackte Schulter in vielen Ländern etwas Intimes ist. Wir haben gegen verschiedene Krankheiten geimpft, gegen Masern 90 Mal. Wir haben alle erreicht.

Und sie kamen genau zum richtigen Zeitpunkt.

In derselben Nacht ist eine junge Frau mit Masern ins Krankenhaus gekommen. Hätten wir einen oder zwei Tage später geimpft, hätte sie viele andere angesteckt. So sind aber zum Glück alle gesund geblieben.

Das Landesamt für Gesundheit hat jetzt eine zentrale Impfstelle in Berlin geplant. Ist damit das Problem gelöst?

Das ist eine gute Idee, wir haben dafür seit Monaten plädiert. Aber warum erst im Sommer? Die Masern wüten jetzt! Wir haben daher Anfang März noch mal in der Halle nachgeimpft. Es sind ja mittlerweile viele Neuankömmlinge da.

Sehen Sie ein Versagen der Politik?

Ja. Ich habe versucht, den Berliner Gesundheitssenator zu kontaktieren. Menschen in Sporthallen zu stecken und ihnen keine Impfung anzubieten, ist unverantwortlich. Zumindest sollte man uns Freiwillige unterstützen, wenn wir die Aufgabe des Staates übernehmen. Stattdessen hat man uns vom Landesamt für Gesundheit Steine in den Weg gelegt. Ich weiß nicht, ob sie nicht helfen können - oder nicht helfen wollen.

Was halten Sie von der Regelung, dass Asylbewerber eine eingeschränkte medizinische Versorgung bekommen?

Ich finde das unsinnig. Es um ein Vielfaches teurer, wenn jemand so krank wird, dass er ins Krankenhaus oder auf die Intensivstation kommt. Von dem Geld kann man eine ganze Halle voll Menschen durchimpfen. Und die Patienten leiden unnötig. Der Staat müsste eine angemessene medizinische Versorgung für sie sicherstellen. Man kann politisch links oder rechts sein – aber das darf keine Rolle spielen, wenn es um Krankheit geht. In unserem Viertel ist es gut, dass es viele Freiwillige gibt, die helfen wollen. Auch der Betreiber der Halle, die AWO, ist sehr engagiert. Es gibt aber Unterkünfte, die lassen überhaupt keine Freiwilligen rein. Die Flüchtlinge dort sind auf sich allein gestellt.

Sie würden also eine Gesundheitskarte für Asylbewerber wie in Bremen und Hamburg begrüßen?

Auf jeden Fall. Alle würden profitieren. Der Verwaltungsaufwand würde sinken, die Praxen könnten einfacher abrechnen. Und die Flüchtlinge wären nicht Patienten dritter Klasse, sie bekämen eine deutlich bessere Versorgung - wahrscheinlich zu denselben Kosten.

Sie sind mittlerweile Expertin für humanitäre Medizin in Berlin.

Alles war nur möglich durch eine Zusammenarbeit mit vielen engagierten Menschen. Ich versuche jetzt, unsere Erfahrungen weiterzugeben. Das Gesundheitsamt ruft mich auf dem Handy an. Freiwillige aus anderen Unterkünften wollen wissen, wie man so etwas organisiert. Wir überlegen, eine Internet-Seite einzurichten, auf der andere Freiwillige sich informieren könnten. Ich fände es schön, wenn wir Nachahmer finden würden.

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