HOME

Samen für die Welt

Wie viele Kinder hat dieser Mann? Zehn? Zwanzig? Er kennt sie nicht und sie ihn auch nicht. Carsten Uhr vollzieht sein gutes Werk anonym. Er spendet Sperma.

Herr Uhr, warum sind Sie Samenspender?

Des Geldes wegen. Ich baue gerade ein Haus, und da kann man jeden Euro gebrauchen. Die 80 Euro, die ich als Aufwandsentschädigung für eine Spende bekomme - das sind schon wieder vier neue Steckdosen.

Wie oft gehen Sie spenden?

Alle zwei bis drei Wochen in unregelmäßigen Abständen. Es gibt auch Männer, die jede Woche spenden. Um auch in solch kurzen Abständen die Qualität zu gewährleisten, macht die Samenbank drei Tage Enthaltsamkeit vor dem Termin zur Auflage. Denn Sex so kurz vor der Spende schlägt sich in schlechten Werten nieder.

Welche Qualitätsauflagen macht die Samenbank?

Der Spermienanteil muss hoch genug sein und die "Jungs" ausreichend beweglich. Sie dürfen auch nicht durch das Schockgefrieren absterben. Meine Spermien beispielsweise sind zwar nicht so wahnsinnig viele, aber dafür ziemlich frosterrestistent.

Was passiert, wenn Qualität und Menge mal nicht stimmen?

Darauf wirst du sofort angesprochen. Wenn du drei-, viermal keine brauchbaren Proben ablieferst, fliegst du aus dem Programm. Meistens sehen die Laborleute auch, woran es liegt: Wenn du die Karenz nicht eingehalten hast, sagen sie dir das auf den Kopf zu. Oder wenn du gestresst bist. Als ich mich scheiden ließ, habe ich ein paar Monate Pause gemacht.

Sind Sie mit 33 Jahren nicht schon ziemlich alt für einen Samenspender?

Ab 18 und etwa bis 40 kann man Samen spenden. Die Qualität lässt mit den Lebensjahren nach. Die Auswirkungen sind von Mann zu Mann verschieden. Manche fliegen schon mit 35 aus dem Programm, andere können bis 50 weiter spenden. Ich mache das so lange weiter, wie es geht.

Was sagt Ihre Freundin zu Ihrem Nebenjob?

Die sieht das so wie ich: Geld ist Geld. Sie hat damit überhaupt keine Probleme.

Haben Sie auch Freunden und Familie davon erzählt?

Das wissen alle. Die meisten finden es okay, manche sagen, dass sie das nicht könnten. Und ein paar haben kein Verständnis dafür.

Wie war Ihr erster Einsatz?

Das erste Mal war ziemlich seltsam. Nachdem ich eine ganze Reihe Fragen beantwortet hatte, bekam ich einen Plastikbecher in die Hand und den Weg zum Spenderraum gewiesen: Liege, Rollo und Grünpflanze. Eine spanische Wand zwischen Toilette und Waschbecken. Außerdem gibt es Pornohefte und einen Fernseher für Männer, die Filme bevorzugen. Die ersten Male war ich aufgeregt und habe lange nichts gebacken bekommen. Mittlerweile ist das eine Sache von zehn Minuten: Du betrittst den Raum, tust, was zu tun ist, lässt den gefüllten Becher stehen, kriegst dein Geld und gehst wieder.

Theoretisch können schon Sprösslinge von Ihnen auf der Welt sein…

Sicherlich kommt mir manchmal der Gedanke. Ich würde es interessant finden, diese Kinder einmal zu sehen. Aber nichts darüber hinaus. Schließlich habe ich eine eigene Tochter, und wenn ich die ansehe, weiß ich, dass ich das bin.

Und wenn eines Tages ein Teenager vor Ihrer Tür steht und sich als Ihr Kind vorstellt?

Ich hätte kein Problem damit, kann mir aber kaum vorstellen, dass ein Spenderkind seinen biologischen Vater wirklich kennen lernen will. Es kann sich doch ausrechnen, dass die meisten Samenspender es nur des Geldes wegen tun.

Interview: Angelika Klein/GesundLeben
Weitere Themen

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity