Wie kommen Pillen zu ihrem Preis

5. Dezember 2007, 15:08 Uhr

Arzneimittel sind in Deutschland teuer als in anderen europäischen Ländern. Die hohen Forschungs- und Entwicklungskosten seien Schuld, sagen Pharmakonzerne. Wir sagen, was bei der Preisbildung tatsächlich eine Rolle spielt.

Pillen

Doppelt so viel Geld wie in Forschung stecken die Konzerne in Marketing und Verwaltung©

Jahrelang alarmierten kräftig steigende Arzneimittelkosten Politiker und Bürger. Allein im Jahr 2005 explodierten die Ausgaben um 17 Prozent. Jetzt aber scheint der Anstieg gestoppt: Im Jahr 2006 betrug der Aufschlag nur noch 1,8 Prozent. Die Maßnahmen der Gesundheitsreform hätten gegriffen, sagen Experten. Doch noch immer geben die gesetzlichen Krankenversicherungen mehr für Medikamente aus als für alle Behandlungen bei niedergelassenen Ärzten zusammengenommen. Mit etwa 27 Milliarden Euro Arzneikosten rechnen die Kassen für dieses Jahr, das sind tagtäglich 74 Millionen Euro.

Sind Arzneimittel in Deutschland zu teuer? Das zumindest sagen etliche Politiker und Krankenkassen - und inzwischen auch Ärzte. Stimmt nicht, widersprechen die Pharmafirmen: Die Behandlung werde immer teurer, weil die Menschen immer älter und immer kränker werden und weil die Medizin Fortschritte macht.

Wer die Wahrheit zwischen den Argumenten sucht, steht vor einem komplizierten Geflecht aus freiem Markt und gesetzlichen Regelungen. Im Prinzip dürfen die Pharmafirmen die Preise für ihre Arzneimittel selbst festlegen - Deutschland ist in Europa das einzige Land, in dem sie hierbei so viel Freiheit haben. Vor allem bei neuen Medikamenten kalkulieren die Hersteller oft mit hohen Preisen. So kann die Dreimonatspackung eines neuen Rheumamittels schon mal über 5000 Euro kosten, für manche Krebsmedikamente werden sogar 3000 Euro fällig - für eine einzige Dosis.

Die Kosten der Forschung

Die Pharmaindustrie begründet ihre Preise mit den hohen Forschungs- und Entwicklungskosten für moderne Medikamente. Auf etwa 600 Millionen Euro beziffern die Hersteller ihre Ausgaben dafür, einen neuen Wirkstoff zu finden und auf den Markt zu bringen. Das sei auch deshalb so viel, weil von 10.000 Substanzen, die am Beginn der Forschungspipeline Hoffnung wecken, am Ende nur ein Stoff alle Forschungsstufen und Tests besteht und tatsächlich zugelassen wird. Nach Berechnungen der Harvard-Professorin Marcia Angell, Herausgeberin der angesehenen Medizinzeitschrift "New England Journal of Medicine", liegen die tatsächlichen Forschungs-und Entwicklungskosten deutlich niedriger, nämlich bei 80 Millionen Euro. Doppelt so viel Geld wie in Forschung stecken die Konzerne in Marketing und Verwaltung, manche Unternehmen rechnen trickreich auch die Ausgaben für Pharmareferenten und Ärztereisen zu den Entwicklungskosten hinzu.

Kürzlich haben Ärztevertreter deshalb eine Preisregulierung auch für neue, patentgeschützte Arzneimittel gefordert. 35 Prozent des Arzneimittelumsatzes machten sie im vergangenen Jahr in Deutschland aus, damit hat sich ihr Anteil seit 1993 mehr als verdreifacht.

Zwanzig Jahre steht ein neu entwickeltes Medikament unter Patentschutz. Danach dürfen andere Hersteller das Medikament nachahmen; solche baugleichen Generika sind durchschnittlich 40 Prozent günstiger als das Original.

Gesetzliche Preisgrenzen

Privatpatienten zahlen in der Regel für alle rezeptpflichtigen Arzneien die vollen Preise - und bekommen sie von ihrer Versicherung erstattet. Für die Medikamente, die gesetzlich Versicherten verschrieben werden, ist der Markt hingegen schon lange nicht mehr frei.

So soll eine "Festbetragsregelung" den Anstieg der Arzneimittelausgaben bremsen: Bestimmte Medikamente erstatten die Kassen nur bis zu einem festgesetzten Betrag. Der Preis, den die Kassen allerhöchstens zahlen, orientiert sich am Durchschnittspreis des günstigsten Drittels aller therapeutisch gleichwertigen Arzneimittel einer Medikamentengruppe. Die Obergrenzen, die einheitlich für alle Kassen gelten, legen die Spitzenverbände der Krankenkassen fest. Schon jetzt fallen zwei Drittel der in Deutschland verkauften Arzneimittel unter die Regelung, sie sorgen für rund zehn Milliarden Euro Umsatz im Jahr.

Teure Patente

Für patentgeschützte Arzneimittel gilt kein Festbetrag, sofern sie einen therapeutischen Vorteil gegenüber älteren, billigeren Medikamenten haben. Anders sieht es bei Neuentwicklungen aus, die zwar patentiert, aber nicht wirklich innovativ sind, wie die sogenannten Analog- oder Me-Too-Präparate, deren Wirkstoff oft nur eine Molekülvariante einer bereits bekannten Arzneisubstanz ist. Solche Mittel können mit in die Festbetrags-regelung einbezogen werden.

Rund 1,3 Milliarden Euro ließen sich im Jahr sparen, würden Ärzte auf die Verordnung teurer - aber nicht wirklich innovativer - Analogpräparate verzichten, sagt der Heidelberger Pharmakologe Ulrich Schwabe, Herausgeber des jährlichen "Arzneiverordnungs-Reports", für den 400 Millionen Kassenrezepte ausgewertet werden.

Um gute Medikamente besser von weniger nützlichen unterscheiden zu können, prüft das unabhängige "Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen", ob Kosten und Nutzen von Medikamenten im richtigen Verhältnis stehen - nur dann werden vermutlich die gesetzlichen Kassen die Kosten dafür ersetzen. Fast sieht es so aus, als hätten die Pharmafirmen sich schon darauf eingestellt: Von den 27 Arzneimitteln, die 2006 neu eingeführt wurden, seien 17 innovativ gewesen, immerhin acht brächten therapeutische Verbesserungen, urteilt der Arzneiverordnungs-Report. Nur zwei neue Medikamente seien teure, aber eigentlich überflüssige Analogpräparate.

Rabatte als Kür und Pflicht

Rabattverträge mit einzelnen Pharmafirmen sind ein weiteres Instrument, mit dem Krankenkassen die Medikamentenausgaben im Rahmen halten wollen: Hat eine gesetzliche Versicherung einen solchen Vertrag abgeschlossen, kann der Apotheker bei Generika nicht mehr zwischen allen Präparaten mit dem verordneten Wirkstoff wählen; er muss den Versicherten dieser Kasse ein Medikament des Vertragspartners geben.

Der Gesetzgeber hat vorgeschrieben, dass Pharmahersteller den Kassen auf jene Medikamente sechs Prozent Rabatt geben müssen, die nicht unter die Festbetragsregelung fallen; bei Generika müssen sie sogar zehn Prozent nachlassen.

Der Beitrag der Patienten

Nicht zuletzt tragen auch die Patienten dazu bei, die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Versicherungen einzudämmen: Nicht verschreibungspflichtige Medikamente für Erwachsene müssen die Versicherten komplett aus eigener Tasche zahlen. Bei rezeptpflichtigen Arzneimitteln zahlt der Patient dazu: zehn Prozent des Verkaufspreises, aber höchstens zehn Euro und mindestens fünf. Damit die Versicherten günstige Medikamente wählen, brauchen sie dann nichts hinzuzuzahlen, wenn ein Produkt mindestens 30 Prozent billiger ist als der Festbetrag. (Im Internet unter www.bkk.de/arznei mittel-ohne-zuzahlung können Sie prüfen, ob Ihr Medikament von der Zuzahlung befreit ist.)

Trotz all dieser Regelungen sind viele Arzneimittel in anderen Ländern deutlich günstiger. Nur ein Beispiel: 100 Tabletten eines bestimmten Cholesterinsenkers kosten in Deutschland 22,97 Euro, in Schweden nur 6,93 Euro, Grund für die Preisunterschiede sei, dass in diesen Ländern mehr Anreize für Wettbewerb auf dem Medikamentenmarkt bestünden, sagt der Heidelberger Arzneimittelexperte Ulrich Schwabe - und fordert das auch für Deutschland. Bei frei verkäuflichen Medikamenten ist der Wettbewerb bereits möglich: Seit dem Jahr 2004 darf jede Apotheke selbst festlegen, wie viel sie etwa für Schnupfenmittel oder einfache Antiallergika verlangt. Der vom Gesetzgeber gewünschte Effekt blieb bisher aus: Die Preise sind kaum gesunken, die meisten Apotheken verkaufen weiterhin zu den - längst nicht mehr verbindlichen - Preisempfehlungen der Hersteller.

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