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Rauchverbote retten Leben

Die Rauchverbote in Baden-Württemberg und Berlin verstoßen laut Verfassungsgericht gegen das Grundgesetz. Aus medizinischer Sicht ist das ein herber Rückschlag: Studien zeigen, dass das Verbot Zehntausende von Herzinfarkten verhindern und viel Geld sparen kann.

Von Claudia Wüstenhagen

Fast eine halbe Stunde Lebenszeit verliert ein Raucher mit jeder Zigarette. Das hat kürzlich der deutsche Herzspezialist Helmut Gohlke ausgerechnet, basierend auf einer Langzeitstudie mit britischen Ärzten. Wer raucht, schädigt bekanntermaßen aber nicht nur sich selbst, sondern alle, die den Qualm einatmen. Ungefähr 3500 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland an den Folgen des Passivrauchens. Helmut Gohlke ist daher überzeugt: "Durch das Rauchverbot ergeben sich Verbesserungen der Volksgesundheit, die sonst nur mit gigantischen finanziellen Mittel zu erreichen sind." Gohlke ist Chefarzt der Klinischen Kardiologie II am Herz-Zentrum Bad Krozingen und außerdem Leiter der Projektgruppe Prävention der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie.

Zahl der Herzinfarkte könnte langfristig um 27.000 bis 80.000 pro Jahr sinken

Golke hielt es für möglich, dass das Rauchverbot die Zahl der Herzinfarkte in Deutschland um um 27.000 bis 80.000 pro Jahr reduziert. Von den über 3000 Menschen, die in Deutschland jährlich an den Folgen des Passivrauchens sterben, erliegen etwa 70 bis 80 Prozent einem Herzinfarkt. Weniger Herzinfarkte würden auch für die Krankenkassen eine enorme Kostenersparnis bedeuten. "Vor allem, wenn man bedenkt, dass es etwa 28.000 Euro kostet, einen Herzinfarkt mit Medikamenten zu verhindern", sagt der Kardiologe.

Studien in den USA, Italien und Irland haben bereits gezeigt, dass Rauchverbote zu einem deutlichen Rückgang von Herzerkrankungen führen. Besonders eindeutig fiel das Ergebnis in Helena im US-Bundesstaat Montana aus, wo im Jahr 2002 ein stadtweites Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden und am Arbeitsplatz eingeführt wurde. In den folgenden sechs Monaten sank die Zahl der Patienten, die mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert wurden, um 40 Prozent im Vergleich zu dem entsprechenden Zeitraum in den Vorjahren. Als ein Gericht das Rauchverbot aufhob, stieg die Zahl der Fälle wieder an. Ähnliche Ergebnisse lieferte eine Studie in Pueblo im US-Bundesstaat Colorado. Dort ist das Rauchen am Arbeitsplatz, in öffentlichen Gebäuden und Restaurants seit 2003 verboten. Innerhalb von eineinhalb Jahren fiel die Zahl der registrierten Herzinfarkte um 27 Prozent. "Die Beweise sind überwältigend und plausibel", sagt Gohlke. Untersuchungen in Europa haben diesen Trend bestätigt: Um elf Prozent gingen beispielsweise in der italienischen Region Piemont die Herzinfarkte zurück, nachdem Italien im Januar 2005 Glimmstängel aus öffentlichen Gebäuden, Gaststätten und Büros verbannt hatte. Gohlke sieht dafür zwei Gründe: "Zum einen die Verminderung des Passivrauchens, zum anderen liegt es daran, dass viele das Rauchen aufgeben." Manche würden nur auf den richtigen Anstoß warten, um endlich aufzuhören.

Vor allem Nichtraucher profitieren vom Rauchverbot

Eine aktuelle Studie aus Indiana legt den Schluss nahe, dass vor allem diejenigen von einem Rauchverbot profitieren, die selbst nicht rauchen. Erstmalig unterschied die Studie bei den Patienten zwischen aktiven und passiven Rauchern. Das Ergebnis: Nach Einführung eines Rauchverbots in Monroe County sank die Zahl der Herzinfarkte bei Nichtrauchern, während sie unter Rauchern nahezu konstant blieb.

Woran aber liegt es, dass Passivraucher offenbar verhältnismäßig stark durch den Qualm gefährdet sind? Chronische Gefäßschäden, die langfristig entstehen, wie Arteriosklerose, sind längst nicht die einzige negative Folge des Tabakkonsums. "Darüber hinaus kann es durch die Feinstäube im Qualm zu einer ganz akuten Reaktion kommen", erklärt Heribert Schunkert, Direktor der Medizinischen Klinik II am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck. Solche akuten Reaktionen spielen sich in der Gefäßinnenhaut ab. Sie ist dafür verantwortlich, dass sich Blutgefäße verengen oder weiten. Wird dieser Mechanismus durch den Feinstaub im Qualm gestört, kann ein Herzinfarkt ausgelöst werden. Auch wer niemals selbst an einer Zigarette gezogen hat, ist davor nicht gefeit. "Dafür muss man nicht jahrelang Raucher sein, manchmal reichen schon Minuten in einer verqualmten Umgebung", sagt Kardiologie-Professor Schunkert. Helmut Gohlke weist darauf hin, dass der Rauch, den Umstehende einatmen müssen, zudem besonders schädlich sei: "Die Konzentration zahlreicher Toxine ist im Nebenstromrauch bis zu 100-fach höher als im Hauptstromrauch." Außerdem seien die Partikel deutlich kleiner und könnten daher sofort in die tiefen Lungenabschnitte gelangen.

Studien aus Irland und Schottland zeigen zudem, dass sich die Lungengesundheit von Passivrauchern schon kurze Zeit nach Einführung des Rauchverbots verbessert hat. "Das gilt für Husten und Bronchitis, und auch für die chronisch-obstruktive Bronchitis", sagt Thomas Hering, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands der Pneumologen. Asthmatikern hilft ein Rauchverbot besonders: In Schottland etwa berichteten asthmatische Kellner schon nach wenigen Wochen ohne Kneipenrauch von deutlich weniger Atemwegsentzündungen und einer höheren Lebensqualität. Wie schnell diese positiven Effekte wieder verschwinden, nachdem das Rauchverbot aufgehoben wurde, wird sich wohl demnächst bei zeigen.

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