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Aspirin gegen Krebs? Ja, aber ...

Aspirin senkt das Risiko, an Krebs zu erkranken. Diese Meldung von US-Wissenschaftlern bewegt die Medizinwelt. Jedoch: Nicht jeder sollte gleich zum Arzneischrank laufen.

Von Lea Wolz

Aspirin verhindert offenbar auch, dass Krebs sich im Körper ausbreitet

Aspirin verhindert offenbar auch, dass Krebs sich im Körper ausbreitet

Der Siegeszug der kleinen weißen Tablette ist schon beeindruckend: Aspirin findet sich fast in jedem Arzneischrank, und auch in den Apotheken ist es prominent platziert. Bereits vor über hundert Jahren entdeckte ein Chemiker den Wirkstoff Acetylsalicylsäure, kurz ASS, den der Bayer-Konzern unter dem Namen Aspirin vermarktet.

Seitdem ist das Mittel für die Pharmafirma ein Verkaufsschlager: 844 Millionen Euro Umsatz machte der Konzern weltweit damit im vergangenen Jahr - Tendenz steigend. Zwar gibt es zahlreiche Nachahmerpräparate, die denselben Wirkstoff enthalten. Doch vor allem Aspirin hat sich in den Köpfen der Menschen als eine Art Allzweckwaffe festgesetzt, die bedenkenlos eingesetzt werden kann.

Aspirin wirkt nicht nur schmerzlindernd, fiebersenkend und entzündungshemmend, sondern verdünnt auch das Blut. Viele Menschen schlucken es daher auf Rat ihres Arztes bereits jetzt regelmäßig: nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall, um die Gefäße offen zu halten - eine Anwendung, die in der Medizinwelt anerkannt ist. Manche nehmen es sogar auf eigene Faust vorbeugend ein.

Starke Nebenwirkungen

Doch genau hier fangen die Probleme an. Denn Aspirin kann starke Nebenwirkungen haben. Da es die Schleimhäute im Verdauungstrakt angreift, kann es etwa zu Geschwüren und Blutungen im Magen- und Darmbereich kommen. Viele Ärzte zögern daher, Aspirin gesunden Menschen zur Vorbeugung von Krankheiten zu empfehlen.

Trotzdem gibt es immer mehr Meldungen, die die weiße Tablette als eine Art Wundermittel erscheinen lassen. Eine neue ist nun hinzugekommen: Peter M. Rothwell und seine Kollegen von der Universität Oxford schreiben, dass eine geringe Dosis täglich eingenommen nicht nur das Risiko verringere, an Krebs zu erkranken. Es verhindere zudem bei einer bestehenden Krebserkrankung, dass diese sich ausbreite. Ihre Ergebnisse haben die Wissenschaftler in drei Studien veröffentlicht, die nun in den Fachjournalen "Lancet" und "Lancet Oncology" erschienen sind.

Rothwell und Kollegen hatten bereits in früheren Untersuchungen gezeigt, dass Aspirin in einer geringen Dosis von 75 Milligramm über acht bis zehn Jahre hinweg täglich eingenommen das Risiko für Krebserkrankungen - vor allem Darmkrebs - senkt. Doch unter anderem war unklar, ob der Effekt auch kurzfristig eintritt und ob er bei Männern und Frauen gleichermaßen zu beobachten ist.

Krebsrisiko sank

Um das herauszufinden, zogen die Wissenschaftler 51 Studien mit fast 80.000 Teilnehmern heran. Ursprünglich waren diese entworfen worden, um zu untersuchen, ob Aspirin vor Herzkreislaufkrankheiten schützt. Rothwell und sein Team nahmen die Daten nun erneut unter die Lupe und untersuchten, ob die Einnahme von Aspirin einen Einfluss auf die Entstehung und den Verlauf einer Krebserkrankung hatte.

Das Ergebnis: Eine regelmäßige Einnahme ließ das Risiko, an Krebs zu sterben, in den ersten fünf Jahren um 15 Prozent sinken. Danach reduzierte es sich sogar um 40 Prozent. Nach drei Jahren traten 25 Prozent weniger Krebsfälle in den Gruppen auf, die zu Aspirin griffen. Der Effekt zeigte sich bei Frauen und Männern gleichermaßen. In der Gruppe, die täglich eine geringe Dosis Aspirin (75 bis 300 Milligramm) einnahm, erkrankten neun von 1000 Menschen, in der Kontrollgruppe waren es zwölf.

Dabei scheint Aspirin nicht nur die Entstehung von Krebs zu behindern, sondern auch die Metastasenbildung weitab vom Tumor zu hemmen, worauf die Forscher in zwei weiteren Veröffentlichungen hinweisen. Demnach erkranken Patienten, die täglich eine geringe Dosis Aspirin einnehmen, nicht nur seltener an Krebs, der Tumor streute auch seltener im Körper - was den Verlauf der Erkrankung entscheidend beeinflusst.

Aspirin zur Prävention?

Der Effekt auf die Metastasenbildung sei aus Tierstudien bereits bekannt, so die Autoren. "Doch nun ist es zum ersten Mal gelungen, ihn auch beim Menschen nachzuweisen." Wahrscheinlich sei er auf den Einfluss von Aspirin auf die Blutplättchen zurückzuführen, deren gerinnungsfördernde Wirkung gestört wird. Blutplättchen spielen wiederum eine Rolle beim Entstehen von Metastasen. Aspirin könnte daher auch in der Krebstherapie helfen, heißt es in der Veröffentlichung.

Die Wissenschaftler konnten auch beobachten, dass die tägliche Einnahme von Aspirin die Gefahr für Infarkte und Schlaganfälle senkte. Doch zugleich stieg das Risiko für schwere Blutungen - allerdings nur zu Beginn der Einnahme. Nach drei Jahren hätte es sich wieder verringert, schreiben die Forscher.

"Sind wir an dem Punkt angelangt, Aspirin zur Krebsprävention zu empfehlen?", fragen die beiden Mediziner Andrew T. Chan and Nancy R. Cook von der Harvard Medical School in Boston in einem ebenfalls im "Lancet" veröffentlichten Kommentar zu den Studien. Eine generelle Empfehlung wollen sie noch nicht ausprechen. Auch weniger schlimme Nebenwirkungen, deren Auftreten die Studien nicht mit erfasst hätte, seien bei einer täglichen Einnahme von Aspirin mit zu bedenken - etwa Übelkeit, Erbrechen, Durchfall oder kleine Blutungen. Beim Thema Prävention mit Aspirin müsse in Zukunft allerdings neben Herzkreislaufleiden auch an Krebs gedacht werden, schreiben sie.

Allerdings bemängeln Chan und Cook, dass das Team um Rothwell in den aktuellen Übersichtsarbeiten zwei große Studien ausgeschlossen hätten. Die Autoren weisen darauf zwar selbst in ihrer Veröffentlichung hin und begründen es mit der Tatsache, dass die Teilnehmer dieser Studien nur alle zwei Tage Aspirin eingenommen hätten. Doch pikant ist: Gerade in diesen beiden Arbeiten zeigte sich kein Effekt des Wirkstoffes auf das Auftreten von Darmkrebs.

Auf Risikogruppen beschränken

Cornelia Ulrich, Direktorin des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen und Leiterin der Abteilung Präventive Onkologie am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg, hält noch nichts davon, nun jedem die tägliche Tablette Aspirin zu empfehlen. "Ich würde es auf bestimmte Gruppen beschränken", sagt sie. Bei 30 Prozent der über 60-Jährigen fänden sich im Dickdarm bereits Polypen - die Vorstufen von Darmkrebs. "Aspirin kann hier das Wiederauftreten verhindern." Auch bei einem erhöhten Risiko für Speiseröhrenkrebs könnte es sinnvoll sein, täglich eine niedrige Dosis Aspirin einzunehmen. Wer glaubt, dass er von einer Einnahme profitieren könnte, sollte dies aber auf jeden Fall zuerst mit seinem Arzt besprechen, rät Ulrich.

Entzündungshemmer wie Aspirin großflächig zur Prophylaxe einzusetzen, sei auch aus einem anderen Grund nicht sinnvoll. "Wer davon profitieren kann und wer für Nebenwirkungen anfällig ist, hängt auch von der genetischen Veranlagung ab", sagt Ulrich. Am DKFZ laufe daher gerade eine große Studie zu diesem Thema. Ergebnisse werden in den kommenden Jahren erwartet.

Jungen gesunden Menschen würde die Wissenschaftlerin generell von der täglichen Tablette Aspirin zur Vorsorge abraten. "Hier rechtfertigen die Risiken den Nutzen nicht." Wer dennoch sein Krebsrisiko senken wolle, könne dies ganz einfach tun: mit einer gesunden Ernährung, ausreichend Bewegung und mit dem Verzicht auf Zigaretten.

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