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Krämpfe, Psychosen, Tod: Als das Gift aus dem Fluss kam

Von 1932 bis 1968 verklappte ein japanischer Chemiekonzern Tonnen an Quecksilber in der Bucht von Minamata - und vergiftete damit Tausende Japaner. Viele starben. Wie lebt es sich heute in dem Ort - und welche Lehren wurde gezogen?

Bucht von Minamata in Japan

Bucht von Minamata in Japan

Minamata könnte eine ganz normale Stadt in Japan sein. Es gibt dort Straßen und Spielplätze, drei Museen, Parks und einen zauberhaften Bambusgarten - Bambuswurzeln wachsen in die Breite, nicht in die Tiefe. Das könnten sie in Minamata auch nicht. Denn unter der Stadt liegt eine schützende Schicht aus Plastik. Und darunter tonnenweise Quecksilberschlamm. Minamata lebt auf verseuchter Erde.

Die Chemiefabrik Chisso hatte 1932 damit begonnen, in die Bucht zu kippen. Der Giftstoff wurde als Katalysator in der Acetaldehyd-Herstellung benötigt, das mit Quecksilber verseuchte Wasser wurde in den Fluss geleitet. Bis 1968 verklappte das Unternehmen rund 600 Tonnen Methylquecksilber.

Minamata, der Ort der Quecksilbervergiftung

Bevor die Menschen schleichend krank wurden, starben Katzen. Hunderte Katzen. Sie bekamen Krämpfe und fielen einfach ins Meer. Fische schwammen verwirrt zur Wasseroberfläche und konnten mit den Händen gefangen werden - und schmeckten dabei sehr gut, berichten ältere Bewohner der Stadt dem britische "Independant", der vor Ort mit ihnen gesprochen hat. So wie mit Rimiko Yoshinaga. Sie selbst wurde 1951 geboren und war zu jung, um sich heute an alles zu erinnern. Wie plötzlich die Nachbarn schwer krank wurden. Oder ihr Vater, der zitternd und weinend in seinem Bett verstarb. Doch ihre Mutter erinnert sich. Auch daran, wie sie ihren Mann nach einem Klinikaufenthalt wieder aufpäppeln wollte. Und dafür auf gute alte Traditionen vertraute: Es gab Fisch aus der Bucht. 

Über die Fische auf den Tellern der Menschen gelangte der Stoff in ihre Körper. In den 1950er Jahren mehrten sich die Krankheitsfälle. Schwindel, , Bewusstseinsstörungen waren der Anfang. In dem Jahr, als Rimikoas Vater starb, bemerkten auch die Ärzte in der Werksklinik von Chisso, dass immer mehr Menschen mit den gleichen Symptomen eingeliefert wurden. Und dass Babys auf die Welt kamen, die schwere Missbildungen aufwiesen. Die Mütter glaubten damals, dass ihre Baby das Gift, das all die Menschen erkranken ließ, absorbiert und sich quasi für die Mütter geopfert hätten. "Ich sah diese Babys mit den schweren neurologischen Symptomen und konnte zunächst gar nicht glauben, dass sich die Mütter so sicher waren", sagte Mineshi Sakamoto, ein Forscher des Japanischen Nationalinstitut für Minamata-Erkrankungen. Doch eine Studie von Sakamoto aus dem Jahr 2004 zeigte, dass das Gift tatsächlich von der Mutter in den Fötus fließt. Das Quecksilber schädigt irreparabel das Nervensystem.

Chisso wusste früh von den Vorfällen

Die Aufklärung des Falls zog sich. Bereits 1959 machte ein Arzt der Werkklinik seine eigenen Experimente. Er verabreichte Katzen Chisso-Abwasser. Eines der Tiere - die inzwischen berühmte Katze 400 - entwickelte klare Anzeichen der Minamata-Krankheit. Er berichtete dies dem Management der Firma. Die befahlen ihm, seine Studien geheim zu halten, so der "Independent". Tatsächlich versuchte die Firma lange, die Verfälle abzustreiten. Erst als ein zweiter Fall 1964 mit ähnlichen Krankheitsbildern - und wieder in der Nähe einer Fabrik - bekannt wurde, reagierte die Regierung. Eine Untersuchung ergab: Quecksilber vergiftet die Menschen. Und es stammt aus den Fabriken.

Unternehmen übernimmt die Verantwortung

In einem Vertrag von 1973, der die Entschädigungen regelt, übernahm das Unternehmen Chisso ausdrücklich die Verantwortung für die Erkrankungen. Schätzungen zufolge sind rund 20.000 Menschen in Minamata geschädigt worden, Tausende starben. Der Vorfall gilt bis heute als eine der schlimmsten Umweltkatastrophen. Und der Ort erlangte traurige Berühmtheit: Organische Quecksilbervergiftungen werden inzwischen als die Minamata-Krankheit bezeichnet. 

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