Die Lebensmittelindustrie rechnet mit zu kleinen Portionsgrößen ihre Produkte gesund. In vielen Lebensmitteln steckt mehr Zucker, Salz oder Fett als auf den ersten Blick ersichtlich. stern.de hat die Firmen mit ihren Angaben konfrontiert. Von Lea Wolz

Bei diesem Müsli sind eine Portion 40 Gramm - nicht gerade ein üppiges Frühstück© Lea Wolz
Haben Sie heute eine Portion Müsli zum Frühstück gegessen? Denken Sie. Vermutlich haben Sie zwei bis drei Portionen verspeist. Zumindest nach den Angaben der Lebensmittelindustrie. Denn diese rechnet sich zum Teil mit zu kleinen Portionen ihre Lebensmittel gesund, kritisieren Verbraucherzentralen. Der Trick funktioniert so: Die Portionsgrößen, auf die sich die abgedruckten Nährwertangaben beziehen, werden so klein gewählt, dass der Gehalt an Zucker, Fett, gesättigten Fettsäuren und Salz geringer erscheint, als er bei einer realistischen Portion wäre. Zum Beispiel beim Müsli: 30 bis 40 Gramm entsprechen da einer Portion, manchmal sogar ohne Milch (Kommentare der Unternehmen siehe Fotostrecke)
Einen "Trend zum Schummeln" bei den Nährwertangaben beobachtet Sabine Schuster-Woldan, Ernährungsberaterin bei der Verbraucherzentrale Bayern. "Es ist zwar einerseits gut, dass es zunehmend üblich wird, Angaben zum Zucker-, Salz und Fettgehalt zu machen", sagt sie. Aber über die Portionsangaben würden Verbraucher getäuscht. "Wer nicht genau hinsieht und vom normalen Verständnis einer Portion ausgeht, nimmt viel mehr Fett, Kalorien und Zucker zu sich als er möchte." Auch Professorin Ursel Wahrburg findet die Nährwertkennzeichnungen für die meisten Verbraucher zu kompliziert und unübersichtlich: "Wenn bei Chips die Werte für eine Handvoll angegeben werden, muss ich erst eine halbe Stunde rechnen, um herauszubekommen, wie viel Fett und Salz ich bei einer realistischen Portion tatsächlich zu mir nehme", sagt die Ernährungswissenschaftlerin, die an der Fachhochschule Münster lehrt und den stern.de-Ratgeber Ernährung betreut. Doch kuriose Portionsangaben finden sich nicht nur bei Chips und Flips.
Auf der Mozzarella-Packung druckt der Hersteller die Nährwerte für ein Viertel des Inhalts ab, bei einer Pizza werden die Werte für die Hälfte angegeben und auf einer Kekspackung werden zwei Stück als Portion ausgewiesen. Dabei kommt natürlich ein geringerer Kalorien- und Fettgehalt heraus. Die Unternehmen verteidigen ihre Angaben und berufen sich dabei oft auf nationale und internationale Studien.
Die Richtwerte für den Tagesbedarf an Zucker, Salz, Fett und Kalorien - die "Guideline Daily Amounts" (GDA) - sind ohnehin ein Pauschalwert - bezogen auf eine erwachsene Frau, die am Tag 2000 Kalorien zu sich nimmt. Definiert wurden die GDAs auch nicht von einer unabhängigen Instanz, sondern von einer Arbeitsgruppe eines europäischen Verbandes der Lebensmittelwirtschaft.
Die Ableitung der Bezugsgrößen sei wissenschaftlich nicht immer nachvollziehbar, sagt eine Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Beim Zucker setzt die Industrie zum Beispiel einen höheren erlaubten Wert an als die DGE und die Weltgesundheitsorganisation (WHO). 90 Gramm Zucker pro Tag legen die Lebensmittelhersteller ihren Berechnungen als zulässigen Wert zugrunde. DGE und WHO gehen davon aus, dass bis zu zehn Prozent der täglichen Energie in Form von Zucker aufgenommen werden können. Umgerechnet entspricht das einem Richtwert von 50 bis 60 Gramm bei Erwachsenen. Für Kinder und Senioren gelten ohnehin niedrigere Werte.
Seit 2007 drucken die Lebensmittelkonzerne die Nährwertangaben freiwillig auf den Produkten ab. Doch die Angaben verwirren zum Teil eher, als dass sie den Konsumenten helfen, warnen die Verbraucherzentralen. Um auf einen Blick salzige, süße oder fettige Lebensmittel zu erkennen, fordern sie erneut die Einführung einer einfacheren Kennzeichnung: der Ampel nach britischem Vorbild. Dort wird der Gehalt an Fett, gesättigten Fettsäuren, Salz und Zucker durch rote, gelbe oder grüne Punkte ausgewiesen. "Das ist übersichtlicher und einfacher als die Nährwerttabellen", sagt Ernährungsberaterin Sabine Schuster-Woldan. "Man kann vom Verbraucher nicht verlangen, dass er beim Einkauf immer nachrechnen muss."
Zurückhaltender zeigt sich da die DGE. "Auch die Ampelkennzeichnung hat ihre Schwächen", sagt eine Sprecherin. Bei einem Lebensmittel, dessen Fettgehalt aus wertvollem Rapsöl besteht, müsste man zum Beispiel überlegen, wie es ausgezeichnet wird. Rot für den hohen Fettgehalt oder Grün für die ernährungsphysiologisch wertvollen ungesättigten Fettsäuren? Ampelgegner befürchten eine übertriebene Vereinfachung, die den Verbrauchern falsche Signale liefert und gleichzeitig ihre eigene Einschätzung abnimmt. In Großbritannien hat man dagegen gute Erfahrungen mit dem Ampelsystem gemacht. Bei einer Konsumentenbefragung der britischen Lebensmittelbehörde (FSA) zeigte sich, dass die Verbraucher durchaus erkannten, dass ein roter Punkt nicht mit einem Verbot gleichzusetzen ist, sondern vielmehr bedeutet, dass dieses Lebensmittel von einem Inhaltsstoff viel enthält, von dem man eigentlich weniger essen sollte.
"Auch die derzeitige Ampel ist nicht optimal, zumindest aber sehr einfach", findet die Ernährungswissenschaftlerin Wahrburg. "Sie ließe sich aber noch verbessern." Zum Beispiel indem produktspezifische Kriterien für die Ampel entwickelt werden: "Bei den Milchprodukten macht es wenig Sinn, beim Salz einen grünen Punkt zu geben, da - abgesehen vom Käse - meist gar kein Salz enthalten ist. Beim Öl würde hingegen jedes gute Olivenöl beim Fett Rot erhalten." Eine Kombination aus Ampel und Nährwerttabelle sei am sinnvollsten. Vielleicht müsse man bei dem immerwährenden Streit darüber, ob nun das Ampelsystem oder die Nährwerttabellen dem Verbraucher eine bessere Orientierung geben, auch einmal über ganz andere Systeme nachdenken, findet sie. "Eine Alternative wäre, nur Lebensmittel auszuzeichnen, die gut für die Gesundheit sind - wie in den Niederlanden oder in Schweden." Bis jetzt haben die Verbraucher das Nachsehen: Wer sich gesund ernähren will, muss auch bei den Nährwerttabellen genau hinschauen und kritisch nachprüfen.