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Wie es sich anfühlt, das eigene Kind aus dem Bauch zu ziehen

Beim "mütterlich assistierten Kaiserschnitt" helfen Frauen mit, ihr Baby aus dem Bauch zu holen. Das Verfahren ist in Deutschland ebenso neu wie umstritten.

Von Emilia Smechowski

  Lina Fell mit ihrem Sohn Philip, geboren am 3. Oktober 2015 in Bad Oeynhausen

Lina Fell mit ihrem Sohn Philip, geboren am 3. Oktober 2015 in Bad Oeynhausen

Wäre da nicht das regelmäßige Blinzeln ihrer Augen, könnte man meinen, Lina Fell läge auf einem Totenbett. Ruhig und regungslos wirkt sie, als sich der Anästhesist an ihr Kopfende setzt, als der Chirurg sich nähert, die Hände in Handschuhen, als der OP-Helfer das Tuch hochzieht, den Sichtschutz. Als die Schwester ihren Bauch einpinselt mit einer gelben Flüssigkeit. Lina Fell wartet, die Hände auf der Brust gefaltet.

Diese Stille vor dem ersten Schnitt.

Was, wenn sie das blutige Kind nicht greifen kann? Wenn es runterfällt, auf die kalten Kacheln? In ihr tobt die Angst. Der Chirurg setzt das Skalpell an. In diesem weiß gekachelten Raum, im Erdgeschoss, OP 3 des Krankenhauses Bad Oeynhausen in Westfalen, wird gerade ein neues Leben geboren. Auf die richtige Weise, sagen die einen. Der Kaiserschnitt ist kurz, sicher und planbar – und mittlerweile die häufigste Operation bei Frauen im gebärfähigen Alter. Oft ist er, wie bei Lina Fell, medizinisch notwendig, oft aber auch nicht. Dann geht es darum, die Schmerzen einer Geburt zu vermeiden oder auch die körperlichen Folgen. Warum sollten Frauen wie ein Tier das Krankenhaus zusammenbrüllen? Und was ist dagegen einzuwenden, wenn als Grund genannt wird: "Save your love channel." Rette deinen Liebeskanal.

Ganz falsch, sagen die anderen. Sie sprechen von fehlendem "Bonding" zwischen Mutter und Kind, vom verpassten Geburtserlebnis. Ein Kind müsse durch die Vagina kommen. Ihre Haltung zum Kaiserschnitt: "Too posh to push". Zu fein zum Pressen.

Es sind Sätze in einer Debatte, in der es längst um mehr geht als die Frage, wie ein Kind am besten zur Welt kommen soll. Es geht um medizinische Grundsätze, um Machtkämpfe, um Ideologien. Arzt oder Hebamme, Mann oder Frau, Technik oder Natur?

Macht es einen Unterschied, wie wir geboren werden?

Lina Fell, 30 Jahre alt, hat bereits zwei Kinder auf die Welt gebracht, beide per Kaiserschnitt. Beim ersten Mal erhielt sie nach 21 Stunden Wehen eine Vollnarkose. Ihr Becken sei zu eng gewesen, sagte der Arzt. Ihren Sohn sah sie erst am nächsten Tag. Beim zweiten Mal dann eine lokale Betäubung ins Rückenmark. Heute geht Lina Fell einen Schritt weiter. Sie wird ihr Kind am Ende selbst aus ihrem Bauch holen. "Mütterlich assistierter Kaiserschnitt" nennt sich das. Lina Fell ist die dritte Frau in Deutschland, die auf diese Weise ein Kind zur Welt bringt.

"Medizin oder Marketing?" – "Kaiserschnitt selbst gemacht!"; die Medien überschlugen sich vergangenen Sommer, als die Methode das erste Mal angewandt wurde. Ärzte zeigten sich entsetzt. Das ist doch nicht hygienisch!

Die Zahl der Kaiserschnitte steigt weltweit. In Deutschland wird jedes dritte Kind so geboren, in Brasilien schon mehr als jedes zweite. Die Weltgesundheitsorganisation kritisiert das seit Jahren und schlägt eine Rate von höchstens 15 Prozent vor.

Ein Kaiserschnitt kann Frauen traumatisieren

Dabei berichten viele Frauen, wie sehr sie der Kaiserschnitt traumatisiert habe. Vor allem, wenn er unerwartet kam. "Ich bin nicht Mutter geworden, ich wurde zur Mutter gemacht", sagen sie. "Mein Körper hat versagt, ich bin keine richtige Frau." Die dritte Schwangerschaft von Lina Fell verläuft kompliziert. Sie muss viel liegen. Der Arzt macht ihr wenig Hoffnung auf eine natürliche Geburt. Eines Tages erzählt ihr die Hebamme von diesem neuen Verfahren. Lina Fell ekelt sich, wer will schon in eine riesige Bauchwunde greifen, und dann noch in die eigene? Die Hebamme erklärt ihr, dass der Arzt das Kind zur Hälfte herausholt, sie müsste nur noch weiterziehen. Am Ende entscheidet Lina Fell sich für den Eingriff.

Am 3. Oktober 2015 um 14.58 Uhr wird sie in Richtung OP geschoben. Ihre Augen suchen ihren Mann, Jascha. Für einen Moment hat sie alles vergessen. Wie war das noch mit den sterilen Handschuhen? Was darf sie auf keinen Fall tun? Bis zum letzten Moment kann sie alles abblasen, haben ihr die Ärzte gesagt. Dann bliebe es bei einem ganz normalen Kaiserschnitt.

"Sie können sich jetzt verabschieden", sagt der Anästhesist zu ihrem Mann, der plötzlich blass wird im Gesicht. Er winkt, sie wird in den OP geschoben. Erst wenn sie vorbereitet auf dem Operationstisch liegt, darf er wieder rein.

Keine Operation ohne Indikation, heißt es in der Medizin immer. Doch viele Frauen wünschen sich einen Kaiserschnitt, aus Angst vor den Schmerzen und dem Kontrollverlust. Ist das Indikation genug?

Der Chirurg schneidet ein kleines Loch in Lina Fells gerade Bauchmuskeln. Dann zieht er sie mit seinen Zeigefingern immer weiter auseinander. Die einzelnen Schichten werden heute möglichst nicht mehr geschnitten, sondern auseinandergedehnt, und zum Teil auch nicht zugenäht. So wachsen die Wunden besser wieder zusammen. Innerhalb weniger Jahrzehnte ist aus einer Notoperation, in der der Bauch vom Nabel bis zum Schambein komplett aufgeschnitten wurde, eine risikoarme Form des Gebärens geworden. Starben 1880 mehr als 80 Prozent der Frauen nach dem Eingriff, sind es heute kaum mehr als bei einer vaginalen Geburt. Warum also anders gebären?

"Weil wir so langsam die Langzeitfolgen von Kaiserschnitten kennen", sagt der Franzose Michel Odent, Arzt und Geburtshelfer. Dass es direkt nach der Schnittgeburt oft Probleme gibt, ist bekannt.
Presst sich das Kind durch Becken und Vagina, wird dabei das Fruchtwasser aus seinen Lungen gedrückt. Bei einem Kaiserschnitt bleibt das aus, deshalb haben viele Schnittkinder anfangs Atemprobleme. Zudem wird ihnen selten sofort Hautkontakt mit der Mutter ermöglicht, was das Stillen und die Mutter-Kind-Bindung erschweren kann. Forscher an der Universität Florida fanden heraus, dass Schnittkinder viel häufiger an Asthma und Allergien leiden. Ihnen fehlte der Erstkontakt mit den Bakterien aus dem Geburtskanal der Mutter, mit den Mikroben, die das Immunsystem zum Laufen bringen. Für Michel Odent ist klar: Es ist nicht egal, wie wir geboren werden. Eine vaginale Geburt sei auf lange Sicht besser fürs Kind. Doch die gestaltet sich in diesen Zeiten immer schwieriger. Als Odent Medizinstudent in Paris war, saß bei einer Geburt die Hebamme strickend in der Ecke – und schritt nur ein, wenn die Frau wirklich Hilfe brauchte.

"Heute betreten unter den Wehen ständig neue Leute den Kreißsaal", sagt Odent. Dabei braucht eine Gebärende seiner Meinung nach vor allem drei Dinge: Abgeschiedenheit, Dunkelheit, Ruhe. Wenn eine natürliche Geburt jedoch nicht klappt, dann lieber gleich einen Kaiserschnitt, statt mit Medikamenten und Zangen herumzuprobieren, findet Odent. Den mütterlich assistierten Eingriff sieht er skeptisch. "Ich würde eine Patientin nie in den sterilen Bereich reingreifen lassen." Das sei einfach zu unsicher. "Das Entscheidende ist, dass das Kind auf die Brust der Mutter gelegt wird, das wird noch zu selten nach Kaiserschnitten gemacht. Viele Ärzte wollen das Baby raustragen lassen und in Ruhe zunähen, als hätten sie gerade einen Tumor rausgeschnitten."

Der Chirurg schaut nun direkt auf Lina Fells Bauchfell. Und wieder: ein Loch schneiden, dann auseinanderziehen, für manche Frauen ist dieser Reiz so stark, dass sie erbrechen müssen. Er schiebt die Blase beiseite. Er lässt die Wundhaken durch größere ersetzen. Der Pfleger muss sich mit Kraft dagegenstemmen, um die Bauchwunde offen zu halten. Lina Fells Körper wackelt. Wer glaubt, dass der Arzt einmal schneidet – und schon schaut das Kind hervor, der irrt. Ein Kaiserschnitt ist kein Schnitt. Er ist eine verdammte Schnippelei.

Der Eingriff wird tagsüber gemacht, er dauert nicht länger als eine Stunde. Und: Für einen Kaiserschnitt kassiert ein Krankenhaus das Doppelte einer vaginalen Geburt.

"Ja, der finanzielle Druck kann ein Problem sein", sagt Manfred Schmitt. Er ist Chefarzt der Gynäkologie in Bad Oeynhausen. "Es ist heute für ein Krankenhaus lukrativer, einer Neunzigjährigen eine neue Hüfte einzusetzen, als ein gesundes Kind auf natürlichem Weg zur Welt zu bringen. Wir bewerben den Kaiserschnitt hier nicht. Er ist und bleibt eine große Bauch-OP. Organe könnten verletzt werden." Zum anderen sind die folgenden Schwangerschaften erschwert. 70 Prozent der deutschen Frauen mit Kaiserschnitt bekommen bei der nächsten Geburt wieder einen.

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Frauen, die beides kennen – vaginale und Schnittgeburt –, berichten oft, dass die Schmerzen nach dem Kaiserschnitt schlimmer seien. Nach dem Eingriff wird Oxytocin gespritzt, damit die Blutung gestillt wird und sich die Gebärmutter auf ihre Normalgröße zusammenzieht. Zwei Tage lang seien die Schmerzen heftiger als jede Presswehe.

Lina Fell spürt noch nichts. Dem Chirurg wird die Pinzette gereicht. Er hält sie geschlossen, pikst damit die Haut der Gebärmutter auf. Sie ist so gedehnt, dass sie durchscheint wie japanisches Reispapier, der Kopf des Kindes ist nur noch wenige Millimeter entfernt. Er zieht die Gebärmutterhaut mit zwei Fingern auseinander. Dann greift er mit der Hand tief ins Innere. "In diesem Moment hast du keine Schmerzen. Aber das dumpfe Gefühl, dass jemand in deinem Bauch herumwühlt" – so wird sich Lina Fell später erinnern. Wie eine Kegelkugel schält der Chirurg den Kopf heraus, bis er auf dem Bauch der Mutter liegt. Erst eine Schulter, dann die zweite. Und plötzlich geht es ganz schnell. Der Sichtschutz wird heruntergelassen, das grüne Papiertuch, das das Geschehen in eine aktive und eine passive Hälfte teilte. Der Vater schaut zur Seite, die Hebamme zieht Lina Fells Arme nach vorn, rüber in den sterilen Bereich. Aber wie soll sie ihr Kind jetzt greifen? Lina Fell hat keine Kraft, sie versucht sich hochzuziehen, aber der Bauch ist schlapp, die Beine auch, sie kommt nicht ran. Da stemmt die Hebamme sie hoch, Lina Fell sieht das Kind aus sich herausragen, sie greift es unter den Achseln und zieht, sie spürt, wie der Druck in ihrem Bauch nachlässt.

Philip Fell, geboren am 3. Oktober 2015.

Normalerweise schreit eine Frau unter der Geburt. Sie tobt, sie heult, sie will, dass das alles sofort aufhört. Dann, wenn das Kind da ist, schreit das Kind. Stundenlang hatte es sich durch ein enges Becken gepresst.

Im Erdgeschoss, OP 3 des Krankenhauses Bad Oeynhausen in Westfalen, ist es still. Nur die Infusion piept leise. Lina Fell fährt mit ihren Plastikhänden vorsichtig über das blutige Etwas, das, eingehüllt in ein kleines Handtuch, auf ihrer Brust liegt. Es hat sich die rechte Hand über die Augen gelegt, als würde es sagen wollen: Kann mal einer das Neonlicht ausmachen? In ihren Augen bilden sich Pfützen, die seitlich runterrinnen. Neun Menschen stehen um sie herum und warten. Die Infusion piept weiter. Dann kommt der Schrei.

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