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Was kann ich gegen meine Flugangst tun?

Nach dem Absturz des Germanwings-Flugzeugs hat mancher Fluggast ein unsicheres Gefühl. Eine Psychologin erklärt, was Sie gegen Flugangst tun können und warum Fliegen immer noch sicher ist.

  Diplom-Psychologin Linda Föhrer war selbst Jahrzehnte in der Luftfahrt tätig. Als ehemalige Stewardess weiß sie, wie manche Passagiere unter Fluggangst leiden. In ihren Seminaren bietet sie Hilfe.

Diplom-Psychologin Linda Föhrer war selbst Jahrzehnte in der Luftfahrt tätig. Als ehemalige Stewardess weiß sie, wie manche Passagiere unter Fluggangst leiden. In ihren Seminaren bietet sie Hilfe.

Der Absturz der Germanwings-Maschine über Frankreich löst Ängste aus - und das nicht nur bei Menschen, die schon unter einer Flugangst leiden. Auch Reisende, die damit eigentlich keine Probleme haben, beschleicht nun ein mulmiges Gefühl. Sollte man den Flug in den kommenden Tagen nicht doch besser stornieren? Ist es überhaupt noch sicher, in ein Flugzeug zu steigen?

Die Diplom-Psychologin und ehemalige Stewardess Linda Föhrer kann diese Bedenken nachvollziehen. Die 57-Jährige ist selbst mehr als 30 Jahre als Stewardess und Chefstewardess geflogen und bietet seit zehn Jahren an internationalen Flughäfen im Auftrag von Fluggesellschaften Seminare gegen Flugangst an.

Im stern-Interview sagt sie, was gegen Flugangst hilft, warum Fliegen immer noch sicher ist und warum die Entscheidung der Germanwings-Crews, am Boden zu bleiben, mehr als nachvollziehbar ist. Mit angeblichen Sicherheitsmängeln an Flugzeugen habe das nichts zu tun, "das ist Unsinn", betont Föhrer.

Frau Föhrer, wer unter Flugangst leidet, steigt unter normalen Umständen schon ungern in ein Flugzeug. Es ist wohl anzunehmen, dass die Bilder der Katastrophe die Angst verschlimmern?

Ja, das ist ganz natürlich. Eine Umfrage hat bereits vor einigen Jahren ergeben, dass Menschen mit Flugangst nicht alleine sind: 60 bis 70 Prozent aller Passagiere haben unterschwellig ein mulmiges Gefühl, wenn sie in ein Flugzeug steigen. Bilder von Katastrophen verstärken das verständlicherweise. Noch dazu ist diesmal eine deutsche Fluggesellschaft betroffen, die Nähe und die emotionale Berichterstattung berühren uns stark. Das schürt Ängste - erst recht, da eine Maschine abgestürzt ist, die zu den sichersten weltweit gehört. Menschen, die unter Flugangst leiden, fühlen sich nun in ihren Befürchtungen bestätigt

Wie kommt man gegen die Angst an?

Das Unglück, dass Menschen gestorben sind, ist natürlich zu beklagen. Aber Fliegen ist dadurch nicht unsicherer geworden. Man sollte beides voneinander trennen. Allen, denen Fliegen nun nicht geheuer ist, rate ich, ruhig die Fakten zu betrachten: Die Anzahl der Flüge etwa hat sich in den vergangenen Jahren verdoppelt, die Anzahl der Unfälle ist aber in etwa gleich geblieben. Allein auf deutschen Straßen kommen jährlich einige Tausend Menschen ums Leben, in der Luftfahrt sind es weltweit jährlich einige Hundert. Über Luftfahrtkatastrophen wird allerdings groß berichtet. Das verzerrt unsere Wahrnehmung der Risiken. Jeder von uns wird sterben, aber - auch wenn uns die Katastrophe in Frankreich verständlicherweise erschüttert - die Wahrscheinlichkeit, dass dies im Flugzeug passiert, ist gering.

Wenn ich Flugangst habe, wird es mir aber wahrscheinlich nicht gelingen, die Fakten ganz nüchtern zu betrachten. Was hilft dann?

Zuerst einmal sollte ich ganz konkret schauen, woher die Angst rührt. Leide ich unter Platzangst und habe schon Probleme im Aufzug, im Zug oder in der S-Bahn? Steckt eine Höhenangst dahinter? Dann sollte ich diese Ängste angehen. Generell ist es hilfreich, sich Informationen zu beschaffen - über die Technik, über das Flugzeug, mit dem man reist und über die Route. Mit Spekulationen, warum die Germanwings-Maschine abgestürzt sein könnte, sollte man sich nicht beschäftigen. Das ist nicht sinnvoll. Menschen mit Flugangst rate ich, sich nicht in der emotionalen Berichterstattung zu verlieren und einfach abzuschalten.

Was kann ich konkret vor dem Flug tun?

Schauen Sie, dass Sie möglichst entspannt sind. Angst stresst. Wer weiß, dass er unter Flugangst leidet, sollte einen Tag vor dem Urlaub schon Urlaub machen und sein Stresslevel senken - etwa durch Sport. Gehen Sie zum Beispiel Schwimmen, Wasser beruhigt. Autogenes Training, progressive Muskelentspannung, Yoga oder eine Massage können auch helfen.

Was kann ich tun, wenn es ernst wird, ich am Flughafen bin und einsteigen muss?

Bei Angst ist etwas aus dem Gleichgewicht geraten. Daher helfen vor Ort ganz konkret Gleichgewichtsübungen. Ein Kind, das schreit, wird ja auch geschaukelt. Laufen Sie also in der Wartehalle herum. Wenn Sie im Flugzeug sitzen, können Sie sich auf dem Sitz wiegend leicht hin und her bewegen. Auch Atemtechniken helfen, gegen die Angst anzugehen. Das sollte man zuvor allerdings zu Hause geübt haben, um es dann im Flugzeug abrufen zu können. Sinnvoll ist es auch, das Personal darüber zu informieren, dass man Flugangst hat.

Wie verhalte ich mich als Mitreisender richtig?

Wichtig ist, dass Sie dem Partner oder Mitreisenden zuvor sagen, was er am besten tun soll. Denn jeder reagiert anders. So können Sie zum Beispiel festlegen, dass Sie gerne mit Small-Talk abgelenkt werden - Sie Ihrem Partner aber ein Zeichen geben, wenn Sie sich lieber auf sich konzentrieren wollen.

Häufig ist es das Gefühl des Kontrollverlustes, das Menschen mit Flugangst zu schaffen macht. Wie kann man dagegen angehen?

Hier ist es wichtig, dass Sie Vertrauen entwickeln - etwa gegenüber den Piloten, die schon wissen, was sie tun. Hilfreich ist es auch, sich ins Gedächtnis zu rufen, in wie vielen Situationen Sie ohnehin schon im Leben vertrauen: Wenn Sie im Auto sitzen, gehen Sie auch davon aus, dass die Technik funktioniert, und die anderen Fahrer auf der Autobahn den Sicherheitsabstand einhalten. Vielleicht hilft es Ihnen auch, sich beim Einsteigen - wenn die Tür zum Cockpit offen ist - die Piloten anzusehen und die Ruhe zu spüren, die sie ausstrahlen. Nicht zuletzt ist es ratsam, sich selbst zu vertrauen: Vertrauen Sie darauf, dass Sie Ihre Angst mit Entspannungstechniken unter Kontrolle bekommen. Wenn es Ihnen also gelingt loszulassen, dann brauche Sie auch kein Seminar gegen Flugangst.

Wem würden Sie zu einem Seminar raten? Und wie läuft es ab?

Jedem, der merkt, dass er gegen seine Flugangst nicht alleine ankommt und sich nicht mehr ins Flugzeug traut, rate ich dazu. Das Flugangst-Seminar dauert in der Regel einen Tag. Ein Pilot vermittelt Fakten über das Fliegen, er erklärt die Technik und den Aufbau eines Flugzeuges - alles vor Ort, in der Maschine. Daran schließt sich ein psychologischer Teil an, in dem auf die Ängste eingegangen wird - was ist Angst und wie kann ich lernen, damit umzugehen.

Ist es möglich, die Angst ganz loszuwerden?

Das funktioniert in der Regel nicht. Man kann aber lernen, die unverhältnismäßige Angst abzubauen, sie zu kontrollieren und mit ihr zu leben. Wer will, kann das Gelernte an einem weiteren Tag testen - bei einem für die Seminarteilnehmer gebuchten Flug.

Angesichts der Katastrophenbilder ist es allerdings verständlich, wenn Menschen mit Flugangst nun Flüge zu vermeiden versuchen. Ist das die richtige Strategie?

Ja und nein. Wenn ich als Mensch, der unter Flugangst leidet, weiß, dass ich momentan einen hohen Stresspegel habe, sollte ich besser nicht fliegen. Dann ist es besser, erst einmal gegen den Stress anzugehen. Generell ist Vermeiden aber keine gute Strategie - es verstärkt die Ängste nur. Besser ist es, aktiv dagegen anzuarbeiten und sich der Angst zu stellen. Dann wird sie in der Regel kleiner.

Selbst die Germanwings-Crews stehen so unter Schock, dass Piloten und Stewardessen sich dagegen entschieden haben zu fliegen. Sie sind selbst Flugbegleiterin. Können Sie die Entscheidung des Bordpersonals nachvollziehen?

Ja, das wird sogar von Fluggesellschaften empfohlen. Wenn sich ein Pilot oder eine Flugbegleiterin emotional betroffen fühlt - etwa durch den Tod eines Kollegen oder Freundes - ist es nicht erwünscht, dass er oder sie fliegt. Wer fliegt, muss zu 100 Prozent einsatzfähig sein. Die Entscheidung der Germanwings-Crews ist daher vollkommen nachvollziehbar. Man kennt sich untereinander, dass die Nachricht vom Tod der Kollegen emotional betroffen macht, ist verständlich. Es ist verantwortungsvoll, nicht unter Schock zu fliegen. Das hat rein gar nichts damit zu tun, dass die Crew nun auch denkt, Fliegen sei unsicher. Das ist Unsinn.

Sie sind heute selbst von Berlin nach Düsseldorf geflogen. Mit welchem Gefühl sind Sie in den Flieger gestiegen?

Ich fliege unheimlich gerne. Nachdem ich seit zehn Jahren Seminare gegen Flugangst gebe und dabei immer Piloten an meiner Seite habe, die die Technik erklären, habe ich nicht die geringsten Zweifel, dass es sicher ist.

Haben Sie Tipps für die Menschen, die heute oder in den kommenden Tagen in den Flieger steigen müssen?

Schaffen Sie sich positive selbsterfüllende Prophezeiungen. Sagen Sie sich, dass der Flug glatt verlaufen wird und dass Sie wohlbehalten ankommen werden.

Interview: Lea Wolz
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