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Knabbern, bis das Blut kommt

Jeder kennt sie: Zeitgenossen, die regelrecht süchtig nach dem Nägelkauen scheinen. Genagt wird bis zur Selbstverwundung. Doch Experten entwarnen: Entgegen älterer Theorie handelt es sich eher um eine schlechte Anti-Stress-Angewohnheit als um ein ernstes psychisches Problem.

Von Katharina Kluin

Angela Merkel macht es anscheinend. Gloria von Thurn und Taxis gesteht sogar öffentlich, es zu tun. Und Cornelia Meyer (Name von der Redaktion geändert) tut es immer und überall: beim Autofahren, beim Spazierengehen, abends vor dem Fernseher sowieso. Automatisch wandert ihre Hand zum Mund, ein Fingernagel landet zwischen den Zähnen. Wenn sie merkt, dass es wieder so weit ist, blutet das Nagelbett.

Wie oft sie versucht hat, sich das Knabbern, Beißen und Reißen abzugewöhnen, weiß die 30-Jährige nicht genau. In 25 Jahren Kaukarriere hat sie den Überblick verloren. Und sie weiß auch nicht, warum sie es einfach nicht lassen kann.

Kaum einer, der Cornelia Meyers Laster teilt, kennt einen Ausweg. Es gibt keine Selbsthilfegruppen, keine Ratgeberbücher, keine ausgewiesenen Spezialisten. Nur gut gemeinte Tipps, bittere Nagellacke und das Vorurteil, mit ein bisschen Willensstärke müsse es doch gehen. Dagegen spricht die Zahl der Betroffenen: Nach Schätzungen sind zwischen einem Fünftel und der Hälfte aller Schulkinder betroffen, außerdem etwa jeder zehnte Erwachsene. Wer nicht selbst kaut, hat früher einmal gekaut oder kennt jemanden, der kaut.

Weit verbreitet

"Das Kauen an den Fingernägeln ist so weit verbreitet und so nah am normalen Verhalten, dass es gesellschaftlich fast schon akzeptiert wird", sagt der Hamburger Psychiater und Verhaltenstherapeut Iver Hand über die sogenannte Onychophagie. "Ich ärgere mich vor allem selbst über meine hässlichen Fingernägel. In meinem Umfeld gibt es deshalb aber kaum Probleme - da sind jede Menge Mitkauer", bestätigt Cornelia Meyer. Dennoch: Wer an den Nägeln kaut, dessen Schwäche ist für jeden sichtbar und weckt in so manchem den Hobbypsychologen: Da muss doch was dahinterstecken! Unsicherheit? Ängste? Aggression?

Bereits zu Beginn des vorigen Jahrhunderts haben sich Psychoanalytiker dieser Frage mit ausführlichen Fallbeschreibungen gewidmet und kamen - gemäß Freud'scher Theorien - zu erstaunlichen Schlüssen. Die Knabberei sei Ausdruck unerfüllter sexueller Fantasien, sie diene der oral-erotischen Befriedigung. Da dem Finger eine phallische Bedeutung zukomme, sei dessen Verstümmelung als Bewältigung des Ödipuskomplexes zu verstehen - als symbolische Kastration des Vaters. Was die Autoren Frank Wilhelm und Jürgen Markgraf in einer Übersichtsstudie zusammengetragen haben, liest sich wie ein Potpourri psychoanalytischer Klischees.

"Später hat man das Nägelkauen auch mit Zwangsstörungen in Verbindung gebracht", sagt die Psychologin Antje Bohne von der Universität Münster. Tatsächlich habe es wenig mit Zwängen gemein. Im Gegensatz etwa zu Menschen mit Putzzwang, die ihre Angst vor Schmutz mit dem verhassten Schrubben zu bewältigen versuchen, profitieren Nägelkauer von der entspannenden Wirkung des Kauens - sie hassen lediglich die Folgen. Inzwischen gilt das ständige Beißen eher als erlernte Angewohnheit, die sich so sehr in feste Verhaltensmuster eingräbt, dass sie kaum steuerbar ist.

Anspannung abbauen

Psychologin Bohne erforscht neben dem Nägelkauen auch das ständige Kratzen und Knibbeln an der Haut und das Ausreißen von Kopfhaaren, Brauen oder Wimpern (Trichotillomanie). Diese "Ticks" verfolgen alle ein Ziel: Mit jedem Biss, jedem Kratzer oder Ruck an den Haaren bauen die Betroffenen Anspannung ab. Angst, Stress, Traurigkeit, Aggression - das kann in die nächste Kratz-, Zupf- oder eben Kauattacke münden. Selten liegt ein schwerwiegendes Problem zugrunde. Oft haben die Betroffenen das Kauen schon in der Kindheit als einfachsten Umgang mit schwierigen Gefühlen erlernt.

Eltern nägelkauender Kinder sollten gelassen bleiben: In der Kindheit ist die Angewohnheit oft ein vorübergehender Entwicklungsschritt. Sollte es sich tatsächlich um ein Anzeichen psychischen Stresses handeln, hilft Schimpfen wenig. Besser ist es, auf die Suche nach den Stressfaktoren zu gehen, Anreize zum Aufhören zu schaffen und spielerisch Nagelpflege zu üben.

Möglicherweise gibt es eine genetische Veranlagung zum Nägelkauen. Zwillingsstudien ergaben, dass die Wahrscheinlichkeit, dass beide kauen, bei eineiigen Zwillingen doppelt so hoch ist wie bei zweieiigen. Hatten Vater und Mutter schon an den Nägeln gekaut, zeigten die Zwillinge das Verhalten mit 60-prozentiger Wahrscheinlichkeit.

Die Angewohnheit verstehen

Und trotzdem: "Selbst Erwachsene können sich die Angewohnheit noch abtrainieren", sagt Antje Bohne. Habit Reversal (Verhaltensumkehr) heißt die Methode, die vielen hilft. Sie ist mehr Training als Therapie. Systematisch lernen die Betroffenen, ihre Angewohnheit zu verstehen, sich zu Veränderung und Durchhalten zu motivieren (siehe Kasten).

Das Training erfordere viel Energie und Konsequenz. Meist helfe ein Gespräch mit den Angehörigen, um deren Geduld zu stärken. Denn oft würden die das Problem mit Vorhaltungen ungewollt noch verstärken. "Besser ist, den Nägelkauer schon bei kleinen Fortschritten zu loben", sagt die Psychologin. "Dem einen hilft es, wenn man ihn regelmäßig darauf aufmerksam macht - ein anderer ist sofort gereizt oder entmutigt." Bohnes Hamburger Kollege Iver Hand rät, die Umgewöhnung durch Übungen zur Stressbewältigung zu unterstützen.

Vielen genügt es, allein nach den Methoden des Habit Reversal zu trainieren. Langfristig bleiben jedoch vor allem diejenigen standhaft, die den Gang zum Verhaltenstherapeuten gewagt haben. "Für die meisten ist das ein Riesenschritt", sagt der Hamburger Psychiater Iver Hand. Dabei sei die Beratung nicht aufwendig. "Nägelkauern mit festem Willen zum Aufhören ist oft schon mit sehr kurzer professioneller Anleitung geholfen", sagt er.

Cornelia Meyer will vorerst keine psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. "Von den Fingerkuppen mal abgesehen, geht es mir doch gut", sagt sie.

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