Nie wieder Alkohol

27. Dezember 2006, 11:00 Uhr

Ein neues, ambulantes Konzept will Abhängige besser vor den Alltagsversuchungen nach dem Entzug schützen - und so die Gefahr von Rückfällen deutlich senken. Von Cornelia Stolze

Rainer Michl fällt es heute leichter, sich zu entspannen - wie hier in einem Wald bei Ahrensburg in Schleswig-Holstein©

Dass er jemals wieder so lange trocken bleiben würde, daran hat Rainer Michl wohl irgendwann selbst nicht mehr geglaubt. Die Sucht hat den 52-Jährigen fest im Griff, als er im Sommer 2005 bei "Plan A" einsteigt, einer neuen ambulanten Langzeittherapie für Alkoholkranke in Hamburg.

Schon morgens schrie sein Körper mit aller Macht nach der Droge - mit Übelkeit, Würgereiz und Herzjagen, mit Zittern, Schweißausbrüchen und Angstzuständen. "Sobald ich was draufgoss, war das alles weg." Angenehm, erzählt der Akademiker, sei das Zuschütten nicht gewesen. "Alkohol schmeckt mir gar nicht. Ich hab mir zum Teil die Nase zugehalten, nur damit es drinbleibt."

Längst will Michl die Quälerei für immer beenden. Zweimal hatte er sich bereits für mehrere Wochen aus dem Job ausgeklinkt und sich zur Entwöhnung in eine Spezialklinik begeben. Als er auch nach der zweiten Kur wieder anfing zu trinken, stand er vor dem Aus: Sein Arbeitgeber setzte ihn vor die Tür. Aus medizinischer Sicht schien das gerechtfertigt - wer so viele Rückfälle und erfolglose Behandlungen hinter sich hat wie er, gilt als "austherapiert" - was so viel heißt wie "hoffnungsloser Fall".

"Gute Chancen, dauerhaft abstinent zu bleiben"

Die Suchtmedizinerin Karin Bonorden-Kleij von der Hamburger ProVivere GmbH, die das Therapieprogramm leitet, sieht das anders: "Erstmals haben selbst schwer alkoholkranke Menschen gute Chancen, dauerhaft abstinent zu bleiben - und das sogar, ohne dafür mehrere Monate in eine stationäre Entwöhnungseinrichtung gehen zu müssen."

Im Gegensatz zu vielen anderen Behandlungsmethoden ist die Wirksamkeit der ambulanten Langzeittherapie wissenschaftlich gut belegt. Denn Plan A basiert weitgehend auf einem Konzept namens Alita (Ambulante Langzeit-Intensiv-Therapie für Alkoholkranke), das von Göttinger Forschern entwickelt und in einer mehrjährigen Studie getestet wurde. Sie zeigte, dass unter Patienten des Programms deutlich mehr Probanden abstinent blieben als unter Alkoholkranken, die an anderen Programmen teilgenommen hatten.

Besonderheiten der neuen Therapie sind, dass die Patienten direkt von Beginn an mit dem Alltag konfrontiert werden - und dass Rückfällen viel intensiver vorgebeugt wird als bisher. "Viele Suchtkliniken machen sehr gute Arbeit", sagt Bonorden-Kleij. "Aber die Patienten sind dort wie unter einer Käseglocke. Man ist in einer schönen Umgebung, wird rundum versorgt - und das normale Leben mit seinen Belastungen ist weit weg." Zurück im eigenen Umfeld, sind die meisten zwar guten Mutes und haben viel gelernt, so Bonorden-Kleij. "Die Umsetzung im Alltag ist aber etwas völlig anderes." Denn zu Hause warten dieselben Probleme wie zuvor: Wer einsam war, fällt zurück ins Alleinsein. Wer jahrelang in Konflikten steckte - mit dem Partner, den Kollegen oder dem Chef - findet die gleichen ungelösten Fragen vor wie zuvor. Nur, dass sie ohne Alkohol noch viel deutlicher sind als zuvor.

Rückfall meistens programmiert

Der Rückfall ist damit in den meisten Fällen programmiert. Schon nach kurzer Zeit sind die alten Sorgen, Ängste und Minderwertigkeitskomplexe wieder da - und werden bald darauf wieder mit Alkohol ertränkt. Nur rund ein Drittel der Patienten ist zwei bis drei Jahre nach einer stationären Therapie noch abstinent - sie galt bislang als besonders erfolgreicher Weg der Entwöhnung. Bei Alita aber sind es selbst nach neun Jahren noch mehr als 50 Prozent.

Hirnforscher verstehen immer besser, warum es bei Alkoholkranken zu Rückfällen kommt. Anders als lange Zeit vermutet, sind sie kein Zeichen von Willensschwäche. "Sie gehören vielmehr zum Bild der Krankheit - wie Metastasen beim Krebs", sagt die Neurologin Hannelore Ehrenreich vom Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen, die das Alita-Programm entwickelt hat.

Abhängigkeitserkrankungen bestehen, wie man heute weiß, zu einem wesentlichen Teil genau darin, dass das für die Steuerung des menschlichen Verhaltens so entscheidende "Belohnungs- und Verstärkungssystem" im Kopf durch die jeweilige Droge nachhaltig verändert ist.

Das Hirn speichert das Verlangen nach Alkohol

Alkohol greift auf mehrfache Weise in den Hirnstoffwechsel ein. Zum Beispiel bewirkt er, dass körpereigene Endorphine freigesetzt werden. Diese Botenstoffe sind dem Opium verwandt; sie wirken euphorisierend und schmerzstillend, können aber auch Ängste und Hemmungen lösen. Zum anderen erhöht Alkohol mithilfe des Botenstoffs Dopamin die Aktivität in einem Hirnareal namens Nucleus accumbens. Dieser Effekt trägt maßgeblich dazu bei, dass die Verknüpfung zwischen Droge und Wohlgefühl fest im Gehirn gespeichert wird. Wird das Areal immer wieder aktiviert, reichen schließlich selbst kleine Schlüsselreize wie der Anblick der Stammkneipe oder einer Flasche Bier aus, um das im Gehirn gespeicherte Verlangen nach Alkohol mit voller Macht durchbrechen zu lassen.

Übernommen aus ... GesundLeben Ausgabe 6/2006

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