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"Regionalfenster" soll Etikettenschwindel unterbinden

Viele Lebensmittel locken mit Regionalität, doch die Logos sind verwirrend und oft nicht vertrauenswürdig. Das neue Siegel "Regionalfenster" soll Klarheit schaffen - aber hält es, was es verspricht?

Von Silke Gronwald und Andres Eberhard

  Regional produzierte Lebensmittel stehen bei Verbrauchern hoch im Kurs. Das neue Label soll garantieren, dass sie auch tatsächlich aus der Region kommen.

Regional produzierte Lebensmittel stehen bei Verbrauchern hoch im Kurs. Das neue Label soll garantieren, dass sie auch tatsächlich aus der Region kommen.

Erntefrische Kartoffeln vom heimischen Acker; Steaks von glücklichen, auf saftigen Weiden grasenden Kühen; Hühner, die fröhlich gackernd in der Erde scharren. Die Sehnsucht der Verbraucher nach dem idyllischen Landleben ist groß. Regional produzierte Kost ist derzeit noch populärer als Bio-Ware. Ganz bewusst kaufen mehr als 70 Prozent der Kunden mehrmals im Monat Lebensmittel aus ihrer Heimatregion – ergab eine aktuelle Studie der Beratungsgesellschaft A.T. Kearney. Selbst wenn's ein bisschen teurer ist.

Die großen Händler haben dieses Phänomen längst erkannt. Geschickt schüren sie die Illusion vom kleinen Bauernhof um die Ecke und haben unzählige von Labels geschaffen, die manchmal tatsächliche Nähe versprechen, oftmals jedoch nur suggerieren. Entstanden ist ein Wirrwarr aus Hunderten von Slogans, wie "Unser Norden", "Ein gutes Stück Heimat", "Mein Land" oder "Unser Hof".

Ein neues, staatlich geprüftes Siegel mit dem schlichten Namen "Regionalfenster" soll nun Klarheit bringen. Der Aufdruck macht transparent, wo genau ein Produkt verarbeitet wurde und woher seine Hauptzutaten kommen.

Den Startschuss für das – in hellblau und weiß gehaltene – Rechteck hat an diesem Donnerstag Bundeslandwirtschaftsminister Hans-Peter Friedrich auf der Grünen Woche in Berlin gegeben. Doch bereits vor dem offiziellen Start zeigen sich gewaltige Schwachpunkte.

Regional ist nicht gleich tiergerecht

Zwar haben die großen Handelsketten wie Rewe, Edeka und Tegut tatsächlich angefangen, die von ihren Werbeabteilungen kreierten Regionalmarken mit dem geprüften Siegel nachzurüsten. Peter Klingmann, Vorsitzender des Trägervereins Regionalfenster hofft bis Ende des Jahres auf eine vierstellige Zahl an zertifizierten Produkten.

Doch mehr Sicherheit für den Verbraucher bedeutet das noch lange nicht. Beim Lebensmitteldiscounter Lidl etwa prangt das weißblaue Wappen schon auf dem "Ganzen Hähnchen" für 5,39 Euro. Geschlachtet, gerupft und eingeschweißt von der Frischland Fleisch GmbH, die wiederum ein Tochterunternehmen der PHW-Gruppe ist. Das Unternehmen ist mit 4,5 Millionen geschlachteten Hähnchen pro Woche Deutschlands größter Geflügelproduzent und stand zuletzt mehrfach wegen Tierquälerei in der Kritik. Hühnchen wurden auf unfassbar engem Raum gepfercht, in winzige Transportboxen gestopft und brutal getötet. Und erst im vergangenen Herbst deckte der stern einen weiteren Skandal auf: Die Geflügelzüchter warfen Küken, die zu schwach zur Aufzucht waren, lebendig in Müllcontainer und ließen sie dort jämmerlich verenden.

Foodwatch kritisiert neues Label

"Regional heißt eben noch lange nicht tiergerecht oder gar biologisch", sagt Andreas Winkler von der Verbraucherorganisation Foodwatch, die das neue Label als nicht hilfreich kritisiert. Das Regionalfenster sei bloß ein weiteres freiwilliges Label und nicht verpflichtend. "Werbeschwindelei wie Schwarzwälder Schinken mit Fleisch aus Neuseeland anzupreisen wird im Handel nach wie vor ganz legal möglich sein", sagt der Verbraucherschützer.

Schließlich ist der Begriff der Region weit und unpräzise gefasst. So entscheidet der Hersteller, was er unter "Heimat" versteht - der Radius kann 50 aber auch 500 Kilometer betragen. "Das einzige Kriterium des Siegels ist, dass die Region kleiner als Deutschland sein muss", gibt Regionalfensterlobbyist Peter Klingmann auf Nachfrage des stern kleinlaut zu.

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