Startseite

So entsteht das Ich

Aus einem Dickicht von Milliarden Nervenzellen wächst im Wechselspiel von Genen, Erfahrung und Erziehung die Persönlichkeit. Fürsorgend und einfühlsam können Eltern die Biologie im Kopf ihrer Kinder unterstützen.

Das Drama kann einen ganzen Tag dauern. Die lange so schützenden, warmen Wände ziehen sich plötzlich mit voller Wucht zusammen. Wie ein Rammbock wird der kleine, aber für die bevorstehende Passage noch zu große Kopf immer öfter und immer heftiger nach vorn gestoßen. Jetzt rettet das kurz zuvor vielleicht selig am Daumen nuckelnde Kind nur, dass die Segmente seines Schädels noch nicht zusammengewachsen sind und sich die Knochenplatten sogar zu grotesken Formen übereinander legen können, um den Kopf schließlich ins Freie zu quetschen.

Die Tortur ist der Preis für unser kluges Köpfchen. Denn im Vergleich zum Rest unseres Körpers und zu unseren affigen Verwandten sind das Gehirn und der schützende Schädel drum herum bei uns etwas zu reichlich ausgefallen. Doch »Mutter Natur« hat für unseren Riesenschädel vorgesorgt, so gut es ging. So wirken die Stresshormone, die mit dem Einsetzen der Wehen durch die winzigen Adern des Babys jagen, ganz anders als bei uns Erwachsenen: Das Kleine regt sich nicht auf, wie wir es täten, sondern wird ganz ruhig. Diese genetisch geschenkte Gelassenheit reduziert den Sauerstoffverbrauch und schützt so das Gehirn vor Unterversorgung.

Trotz der biochemischen Beruhigung dösen Neugeborene aber nicht nur vor sich hin. Vielmehr versetzt sie Adrenalin in wache, wohlige Gespanntheit, bereit für das Verlassen von »Raumschiff Mama« und die erste Begegnung mit einem neuen Planeten und seinen seltsamen Bewohnern. Die erweiterten Pupillen verraten den Hormonschub nach der Geburt. Und muss man in diesen Augen nicht versinken? Dazu duftet der kleine Wonneproppen zum Reinbeißen, und die winzige spitze Zunge fährt immer wieder aus dem Mündchen - süß, nicht wahr?

Alle Babys sind niedlich, und seien sie noch so zerknittert

Vom ersten Moment an tut Baby, was ihm seine Gene vorschreiben: Reize aussenden und auf Antwort warten. Und damit nach Möglichkeit nichts schief geht bei seiner frühesten Entwicklung, sollen sich die Menschen drum herum am besten nur noch um das Wohlergehen des kleinen Neuankömmlings kümmern. Darum sind wir genetisch so eingestellt, dass wir auf Signale wie Kulleraugen, Stupsnäschen, typische Geruchsreize und Zungezeigen - bei Babys jedenfalls - mit Rührung, seitwärts geneigtem Haupt, leicht blödem Gesichtsausdruck und womöglich sogar einem »Gutzigutzigutzi«-Anfall reagieren.

Wenigstens nach Evolutionskriterien ist die Begrüßung eines Menschen auf Erden zu wichtig, als dass sie dem Zufall oder gar dem Geschmack überlassen werden könnte. Darum ist uns ins Erbgut diktiert: Alle Babys sind niedlich, und seien sie noch so zerknittert. Und darum müssen Eltern, Mütter an allererster Stelle, die Zuwendung zu ihren Neugeborenen auch nicht üben. Mag es das erste Kind sein, mag die Mutter gar selbst noch fast ein Kind sein, im Normalfall wird sie auch dann nichts falsch machen und ihrem Kind, ohne nachzudenken, geben, was es - und das heißt, sein Gehirn - außer Nahrung am dringendsten braucht: »Feedback«, Rückmeldung, Annahme. Denn diese Reize beeinflussen nun die weitere Entwicklung des Babyhirns und steuern vor allem den Aufbau der höheren Hirnfunktionen, die erst jetzt nach und nach durch passende Verdrahtungen der Hirnzellen gebildet werden.

Unser Kopf ist eine einzige Baustelle

Damit dabei selbst ohne vorbereitenden Volkshochschulkurs der Eltern alles einigermaßen gut geht, schubsen genetische Programme die Erzeuger in die richtige Richtung. Manchen Mamas und Papas wäre zu wünschen, sie könnten die natürliche Ruhe ihrer Sprösslinge teilen. Denn gemeinsam dürfen sich Mutter, Vater und Kind auf eine höchst erfolgreiche Evolution - gäbe es uns sonst? - von über 500 Millionen Jahren verlassen, die seit der Entstehung des ältesten Teils unseres Gehirns, des Hirnstamms, vergangen sind.

Zu behaupten, wir kämen mit einem halbfertigen Kopf zur Welt, wäre schon übertrieben - er ist eine einzige Baustelle. Lebenswichtige Funktionen sind natürlich bereits angeknipst. So kann ein Baby zum Beispiel zwischen warm und kalt unterscheiden. Zu den ins Erbgut - und ins Gehirn - geschriebenen Menschheitserfahrungen zählen aber auch schon Grundkenntnisse der Gravitationsphysik. Das verraten genormte »Guck«-Tests mit Babys, bei denen die Aufmerksamkeit gemessen wird, die sie für eine bestimmte Situation aufbringen.

Ohne es je gelernt zu haben, wissen Babys, dass ein Bauklötzchen - oder ein Baby -, das von unten keine Unterstützung erfährt, abstürzt. Fällt also ein Klötzchen vom Tisch, weckt das selbst bei wenige Wochen alten Kindern kaum Interesse, denn das hatten sie ja erwartet. Schwebt das Klötzchen aber scheinbar über die Tischkante hinaus, weil ein gerissener Experimentator ein verdecktes Brett darunter hält, bekommen die Kleinen Augen und Mund vor Staunen kaum noch zu - es ist lebenswichtig zu wissen, dass es nach einer Kante am Boden ziemlich tief und ziemlich schnell nach unten gehen kann.

Gebaut wird von hinten nach vorn und von unten nach oben

Mehr als die Ausbildung solcher Grundfunktionen ist in den ersten neun Monaten nach der Befruchtung allerdings nicht drin, sonst passte der Schädel gar nicht mehr durchs mütterliche Becken. Die meisten der etwa hundert Milliarden Nervenzellen sind zwar schon während der ersten Schwangerschaftsmonate entstanden - bis zu einer halben Million pro Minute. Doch bei der Geburt sind sie noch nicht viel leistungsfähiger als eine Plastiktüte voller Computerchips. Was fehlt, ist ihre Verschaltung. Damit es nicht länger öd und still bleibt in den oberen Abteilungen des Gehirns, wird die Verdrahtung nun rasant nachgeholt.

Gebaut wird von hinten nach vorn und von unten nach oben - von den älteren Teilen des Gehirns nahe dem Rückenmark, wo viele, völlig zu Recht unbewusste Funktionen wie das Halten unserer Körpertemperatur angesiedelt sind, über den Gefühlsapparat des »limbischen Systems« hin zum Glanzstück der Evolution, das alles andere mächtig überwölbt und krönt: die Großhirnrinde. Da sind wir Mensch, da dürfen wir?s sein. Schimpansen kreischen allein aus dem limbischen System, das wir zur Lauterzeugung nur noch brauchen, solange wir nach der Muttermilch schreien, oder wenn wir uns später einmal mit dem Hammer auf die Finger hauen. Schubert-Lieder dagegen werden eine Etage höher gesungen.

Ein Jahr nach der Geburt hat sich die Dicke der kindlichen Großhirnrinde durch die Verschaltung bereits verdreifacht. In Spitzenzeiten entstehen in Babys Kopf jetzt fast zwei Millionen neue Nervenverbindungen pro Sekunde. Viel zu viele, wie sich bald herausstellt. Aber als ginge es der Evolution darum, uns auf keinen Fall zu kurz kommen zu lassen, wird im Gehirn zu Anfang beinahe alles mit allem verstrippt.

Erst die Rückentwicklung der überschüssigen Nervenverbindungen bringt Klarheit

Während der Aufbau der Nervenverbindungen genetisch gesteuert wird und offenbar nicht davon abhängt, was draußen vorgeht, kommt beim anschließenden geordneten Rückbau aller überflüssigen Leitungen im Kopf die Umwelt zum Zuge: Mama also und all die anderen. Von ihnen hängt vor allem ab, was gebraucht wird von dem wirren Netzwerk im Kopf. Und das bleibt auch verschaltet. Überschüssi-ges und Ungenutztes aber wird aussortiert. Das ist allein deshalb so, weil - mit der Erfahrung von gut 500 Millionen Jahren - die Organisation des Gehirns so optimal funktioniert. Denn natürlich hat die Evolution keinerlei Gefühle, erst recht keine mütterlichen. Was am besten zum Ziel führt, setzt sich durch; was versagt, wird abgeschafft. Da ist es in der Natur wie bei Quiz-Moderatorin Sonja Zietlow: Der Schwächste fliegt.

Nach diesem harschen Prinzip entwickeln sich von nun an alle Hirnfunktionen. Doch was brutal klingen mag, ist ein Segen. Denn erst die Rückentwicklung der viel zu vielen Nervenverbindungen bringt Klarheit in den Kopf. Signale laufen keine Umwege mehr, sondern kommen nun auf kürzestem Weg von A nach B. Und das ist Kindern anzumerken: Im Laufe der ersten Jahre schärft sich nicht nur ihr logisches Denken. Auch die Bewegung der Hände zum Beispiel wird immer geschickter, je mehr überflüssige Hirnbahnen wegfallen und je mehr sich leistungsfähige Nerven-Netzwerke durchsetzen.

Der Tastsinn entwickelt sich zuerst

Dieses Bauprinzip gilt auch für unsere Wahrnehmung. Von den fünf Sinnen, die unsere Innenwelt im Kopf mit der Außenwelt vor dem Kopf verbinden, entwickelt sich zuerst das Tasten. Schon fünfeinhalb Wochen alte Embryos mit einem winzigen Hirnansatz spüren Berührungen, zunächst an Lippen und Nase, ein paar Wochen später dann schon fast auf dem gesamten Körper. In der Großhirnrinde eines Neugeborenen sind die Regionen für das Tastempfinden praktisch die einzigen, in denen schon etwas los ist. Deswegen ist die Berührung auch so wichtig. Denn da die anderen Sinne noch nicht gut ausgebildet sind, erfährt Baby vor allem durch den Hautkontakt etwas über sich selbst: Im Kopf bildet sich nach und nach eine erfühlte Karte seines Körpers, zunächst sehr verschwommen, dann mit zunehmender Entwicklung des Großhirns immer klarer und schärfer abgegrenzt.

Und durch den Hautkontakt erfährt Baby auch zuerst, dass es nicht allein ist auf der Welt. Sowohl Tierversuche als auch Beobachtungen bei menschlichen Neugeborenen zeigen, wie wichtig diese ersten Berührungen sind. So verglichen Forscher vor über einem halben Jahrhundert die Entwicklung von Kleinkindern in einem nach damaligen Maßstäben gut geführten Waisenhaus - anständiges Essen, passende Kleidung, gute Hygiene und medizinische Versorgung - mit der von Altersgenossen, die bei ihren Müttern im Gefängnis aufwuchsen. Obwohl die gemeinsame Zeit auf ein paar Stunden täglich begrenzt war, entwickelten sie sich viel besser als die Waisenhauskinder, deren Entwicklung durch mangelnde Zuwendung dramatisch verzögert war. Viele von ihnen konnten selbst mit drei Jahren noch nicht sprechen, oft nicht einmal laufen. Und überdurchschnittlich viele starben sogar bis dahin, weil ihr Immunsystem trotz medizinischer Versorgung zu schwach war, Infektionen abzuwehren.

Für Menschen und Affen wichtig ist die Erfahrung, nicht alleine zu sein

Berührung ist lebenswichtig, wie es scheint. Frühgeborene, die noch an die wohlig warmen Wände der Gebärmutter gewöhnt sind, müssen sich in herkömmlichen Brutkästen wie in einer unendlichen, grell beleuchteten Ebene ausgesetzt vorkommen. Deshalb fordern heute Forscher wie die amerikanische Neurobiologin Lise Eliot, die ein faszinierendes Buch über die ersten fünf Jahre unseres Gehirns geschrieben hat (»Was geht da drinnen vor?« Berlin Verlag), »Nester« für Frühchen, in denen kuschlige warme Decken oder Felle ersetzen, was an Geborgenheit und ersten Berührungsreizen verloren ging.

Für jeden Menschen - wie für alle Großaffen, zu denen wir als engste Verwandte der Schimpansen genetisch gehören - ist die Erfahrung, nicht allein zu sein, überaus wichtig. Also müssen wir schnell herausfinden, was es braucht, um einen Platz unter den anderen zu finden. »Vom ersten Tag an«, sagt der Bremer Hirnforscher und Philosoph Gerhard Roth, »beginnt das Kind, mit der Mutter seine Persönlichkeit auszuhandeln.« Ein Wechselspiel von Reiz und Antwort, das mit den Kontakt suchenden Kulleraugen nach der Geburt beginnt. Über den Hautkontakt, später dann die Beobachtung der Mutter und die Nachahmung, schließlich auch per Sprache wächst eine Bindung, bei der das Baby eben nicht nur die anderen, sondern zugleich zu sich selbst findet. Und nur durch solche - »ausgehandelten« - Bindungen hat das Gehirn eine Chance, sich normal zu entwickeln. Schritt für Schritt bilden sich - im Rahmen der ererbten Gene - alle Eigenschaften aus, die den Charakter dieses Menschen ausmachen.

Es kommt mehr auf die Qualität der Fürsorge an

Muss es die Mutter sein, zu der die erste, hirnbildende Bindung aufgebaut wird? Rein biologisch ist die Mutter die erste Kontaktperson, und in aller Regel wird sie auch im Zentrum der frühen Entwicklung eines Kindes stehen. Neuere Untersuchungen nehmen ihr aber ein bisschen Verantwortung von den Schultern, auch wenn hier das letzte wissenschaftliche Wort wohl noch nicht gesprochen ist. So scheint es, dass es für die gesunde Entwicklung eines Kindes mehr auf die Qualität der Fürsorge als auf die Zahl der Stunden ankommt, die seine Mutter mit ihm verbringt. Und die Qualität der Fürsorge geht offenbar auch über den Grad der Verwandtschaft. Wichtig ist, dass ein Kind überhaupt liebende Zuwendung erfährt und es ihm ermöglicht wird, eine feste, verlässliche Bindung aufzubauen. Bei ganz kleinen Kindern ist das besonders wichtig.

Gefühle bestimmen unser Leben nie wieder so stark wie in den ersten Monaten, wenn zwar der empfindende Teil des Gehirns schon fast fertig, unser »Denkapparat« darüber aber noch kaum entwickelt ist. Selbst scheinbar harmlose Ereignisse wie gewaschen oder gewogen werden, können dann immense Stressreaktionen - und entsprechende Hormonschübe - auslösen. Nach zwei Monaten verschwindet diese Überempfindlichkeit allmählich, und nach etwa eineinhalb Jahren ist alles »ganz normal«. In dieser ersten Zeit sind Mütter die idealen Stressableiter, wie entsprechende Messungen der Hormonpegel bei ihren Kindern zeigen. Letztlich kann aber jeder, der sich dem Baby liebevoll zuwendet, beruhigend wirken. Wichtig ist vor allem anderen, wie mit dem Kind umgegangen wird. Entsprechend ist es offenbar auch kein Problem, wenn beide Eltern arbeiten - solange die gemeinsame Zeit mit dem Kind so gestaltet wird, dass das Baby an einfühlsamer Rückmeldung bekommt, was sein wachsendes Gehirn unverzichtbar braucht.

Die Fähigkeit zur Empathie muss Baby erst lernen

Der erste - und primitivste - wechselseitige Kontakt mit den anderen der »Horde« ist die Nachahmung. Sie gibt den Kleinen ein Instrumentarium von Gesichts-ausdrücken und Gesten, mit denen es sich auch später noch verständlich machen kann. So können schon Neugeborene ein trauriges Gesicht ziehen, wenn ihnen das einer vormacht, und sie lächeln, wenn auch ihr Gegenüber strahlt - »echtes« Lächeln braucht aber noch ein paar Wochen, denn Baby weiß eigentlich noch gar nicht, was es tut. Aber seine Reaktionen üben schon jetzt später wichtige Verhaltensmuster und legen so das Fundament für »Empathie«, wie die Hirnforscher sagen, für unsere unverzichtbare Fähigkeit, uns in andere hineinzudenken und einzufühlen.

Gehirnmessungen zeigen, dass es da oben auch beim strahlendsten Lachen eines Babys noch ziemlich finster ist. Von den späteren - bewusst empfundenen - Höhen und Tiefen seines Gefühlslebens hat der kleine Fratz also noch keine Ahnung. Trotzdem muss die Kommunikation jetzt schon stattfinden. Denn vom hirnbildenden Training hängt offenbar entscheidend ab, wie sich das Kind später in die Welt einordnet, wie es sich in ihr bewegt - und ob es das überhaupt kann. »Bei zehn bis 15 Prozent geht in dieser Phase etwas schief«, sagt Roth. »Und wie es scheint, sind es die dann, die für den Rest ihres Lebens die unterschiedlichsten Probleme haben werden, sich in der Gesellschaft zurechtzufinden.«

Anders als im angloamerikanischen Raum ist das Wort vom »Soziopathen« - vom Menschen, dessen Krankheit darin besteht, sich nicht in eine Gesellschaft eingliedern und nach ihren Regeln leben zu können - in Deutschland noch nicht sehr verbreitet. Doch ernst zu nehmende Untersuchungen legen inzwischen nah, dass extreme und dann häufig auch kriminelle Formen von sozialer Unangepasstheit womöglich krankhaft und mit heutigen Mitteln kaum therapierbar sind.

Sechs Monate nach der Geburt wird ein Kind wirklich kommunikativ

Noch immer wird unter Experten heiß diskutiert, wie und wie lange wir uns formen und formen lassen. Zumindest so viel scheint inzwischen klar zu sein: Wir haben nicht beliebig lange Zeit, unsere Persönlichkeit, unseren Charakter auszubilden. »Pessimisten unter meinen Kollegen«, sagt Gerhard Roth, »gehen davon aus, dass bei der Ausbildung unserer Persönlichkeit nach ungefähr drei Jahren alles gelaufen ist. Optimisten geben noch ein paar Jahre drauf. So viel aber steht fest: Alle, die als Erwachsene glauben, ihr Leben von Grund auf geändert zu haben und nun ganz andere Menschen als früher zu sein, betrügen sich selbst.«

Erst etwa sechs Monate nach der Geburt wird ein Kind wirklich kommunikativ. Denn erst jetzt zündet die nächste Stufe im Gehirn: die Stirnlappen. Und erst jetzt kommt es zur ersten echten - weil wechselseitig empfundenen - Beziehung. In aller Regel mit der Mutter. Jetzt wird auch die Welt erstmals eingeteilt in nah und fern, in dazugehörig und fremd. Und fremd ist unangenehm. Das »Fremdeln« dauert etwa bis zum Alter von eineinhalb Jahren. Dabei können Kinder dieses Alters einem vollkommen Unbekannten durchaus ein charmantes Lächeln schenken. Hirnmessungen zeigen aber, dass dieses Lächeln nur »höflich« ist, nicht Ausdruck echt empfundener Zuneigung. Sorry, Fremder.

Was Sprache angeht, sind kleine Kinder dagegen zunächst gar nicht wählerisch, wie Untersuchungen der Amerikanerin Patricia Kuhl von der Universität von Washington in Seattle gezeigt haben. Weil das Sprachvermögen den Menschen gegenüber allen anderen Säugetieren auszeichnet und zudem in Experimenten gut kontrolliert werden kann, ist es ein Steckenpferd von Wissenschaftlern, die das Gehirn in seiner frühesten Entwicklung zu begreifen versuchen. Die Ergebnisse solcher Untersuchungen räumen endgültig mit der Vorstellung vom quäkenden Dummchen auf.

»Am Anfang sind wir alle ?Weltbürger?«

So kann schon ein normal entwickeltes drei Monate altes Kind von den Lippen seiner Mutter lesen, ohne dass es je auch nur ein Wort über die seinen gebracht hätte. Es weiß, welcher Laut zu welcher Mundhaltung gehört. Und es weiß auch zu unterscheiden, ob seine Mutter sich ihm in ihrer eigenen oder in einer Fremdsprache zuwendet. Nach der 30. Schwangerschaftswoche können das sogar schon Föten im Mutterleib.

Für die Aneignung der Welt in unseren Köpfen gibt es offenbar kritische Zeitfenster. Auch das haben die Forscher am Beispiel der Sprache gelernt. Ganz am Anfang, sagt Kuhl, sind wir alle »Weltbürger«, weil unser Gehirn sich noch auf jede Muttersprache festlegen kann. Schon mit sechs Monaten aber sind im Babyhirn dafür wesentliche Strukturen gebildet. Und im Alter von einem Jahr steht dann unwiderruflich fest, welche Muttersprache wir haben - das Fenster schließt sich. »Wir wissen noch nicht genau, was dazu führt«, sagt Patricia Kuhl. »Es scheint aber so, dass nicht so sehr das Alter entscheidet als vielmehr, wie viel wir schon gelernt haben. Und bei den meisten von uns ist das offenbar schon zwölf Monate nach der Geburt genug.«

Solche kritischen Zeitfenster, vermuten die Forscher, existieren nicht nur für die Sprache. »Was wir heute lernen«, sagt Kuhl, »bestimmt weitgehend, was wir in Zukunft noch lernen können. Die im Hirn geformten Strukturen wirken dabei wie ein Filter für alle Informationen, die in uns hineinströmen. Und darum ist es auch so schwer, sich in reiferem Alter zu ändern. Unser Gehirn lässt es kaum noch zu.«

Fürsorge ist die erste Elternpflicht

Verständlich also, dass Eltern womöglich Angst bekommen, solche Fenster und damit Chancen bei ihren Sprösslingen zu verpassen. Es mag beruhigen, dass die Intelligenz etwa zu 50 Prozent den Genen entspringt und der Rest von außen geprägt wird. Damit kann der Verstand eines Kindes kaum völlig vermurkst werden, andererseits bleibt Spielraum, ihn zu formen und zu fördern. Wie Lise Eliot in ihrem Buch zusammenstellt, sind es ein paar grundlegende Eigenschaften, die nach den Untersuchungen der Hirnforscher darüber entscheiden, wie gut ein Kind aufwächst und wie sehr die Entwicklung seines Gehirns unterstützt wird. Und auch das mag beruhigen: Das meiste davon klingt selbstverständlich und kann einem Kind auch ohne akademische Fortgeschrittenenkurse und Millionen auf dem Konto gegeben werden.

Fürsorge ist die erste Elternpflicht. Das beginnt mit dem frühen Körperkontakt beim Baby und setzt sich fort mit Wärme, Lob, Zuspruch und Ermutigung für ältere Kinder, deren Verstand in der Großhirnrinde die ersten eigenen Entdeckungen macht.

Einfühlsamkeit ist das zweite wichtige Merkmal guter Erziehung. »Babys schreien auch aus Langeweile«, schreibt Lise Eliot. »Sie erwarten von Ihnen eine Antwort, wollen ein «Gespräch» führen und so oft wie möglich Ihre interessanten Gesichtsausdrücke erleben, den Stimulus, der ihnen von Geburt an am liebsten ist.«

Die Erwartungen dürfen das Vermögen der Kinder nicht übersteigen

Dann ist Engagement gefordert. Nicht quälende Vokabelübungen mit Dreijährigen, sondern einfache gemeinsame Projekte, die Spaß machen und variiert werden können: Vom Sandburgenbauen im Urlaub bis zum gemeinsamen Durchblättern eines Bilderbuchs und ersten Leseübungen. Es geht für das Kind darum, Kompetenz zu gewinnen und daraus Selbstvertrauen.

Erwartungen an ihre Kinder sind schließlich das letzte Kennzeichen erfolgreicher Eltern. Denn fördern heißt auch fordern. Allerdings ist manchmal schwer einzuschätzen, ob Erwartungen noch gerechtfertigt oder schon überzogen sind. Die berüchtigten »Eiskunstlauf-Mütter« - entsprechende Väter gibt es auch - sind ein abschreckendes Beispiel. Denn die Erwartungen dürfen das Vermögen der Kinder nicht übersteigen. »Eltern können harte Arbeit und reifes Verhalten erwarten», so Lise Eliot, «nicht jedoch ein bestimmtes Leistungsniveau.»

Fürsorge also, Einfühlsamkeit, Engagement und realistische Erwartungen, von allem ein bisschen und die richtige Mischung, die auch Hirnforscher nicht wie ein Kuchenrezept anbieten können. Mehr können Eltern für das Gehirn ihrer Kinder nicht tun, aber mehr müssen sie auch nicht tun.

Von Frank Ochmann und Walter Schels (Fotos)

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Zu hohe Inkassogebühren, rechtens?
Hallo, ich habe am 20 März 15 einen Vertrag über 12 Monate mit einem Fitness-Studio abgeschlossen. Die Kosten (9,98 € 14-Tägig, 39,99€ Verwaltung einmalig, 19,99 Trainer und Servicepauschale Jährlich) sollten per Einzugsermächtigung abgebucht werden. Kürzlich bekam ich überraschend einen Brief von einem Inkassobüro mit der Zahlungsaufforderung für die gesamten 12 Monate inkl. der Verwaltung und Servicepauschale + Auslagen des Gläubigers (63,38€), Zinsen (1,42€), Geschäftsgebühr (45€), Auskunftskosten (5€) , Auslagenpauschale (9€) Hauptforderung 320,28€ Offene Forderung 444,08€ Nach dem ich mich bei der Firma erkundet habe, sagten sie mir, dass Zahlung zurückgegangen ist da mein Konto nicht gedeckt sei. Fakt war das sie einen Zahhlendreher in der Kontonummer hatten obwohl im meinem Durchschlag die Richtige Kontonummer angegeben wurde. Aber im Original hat jemand aus einer 3 eine 8 geändert. Nach Überprüfung konnte ich Feststellen das es diese Kontonummer gar nicht gibt und das diese vom System gar nicht angenommen wird. Spätestens da hätte man mich doch hinweisen oder fragen können was mit dem Konto sei. Es kam nie ein zu einem Zahhlungsrückgang, noch zu einer Zahlungserinnerung Mahnung seitens des Fitnessstudios. Die AGB´s habe ich nie zu Gesicht nie bekommen und auch nicht gelesen - diese stehen (nach meiner Recherche) im Internet aber auch nicht definiert wie man in Zahlungsverzug kommt. Leider habe ich unterschrieben das sie mir bekannt sind. Dies steht ganz kleingedruckt im Durchschlag. Ich habe der Firma vorgeschlagen die offenen Beiträge bis jetzt zu bezahlen und für die Zukunft eine neue Einzugsermächtigung zu erteilen, was sie aber abgelehnt haben und mir gesagt haben ich soll dies mit dem Inkassobüro klären. Der Fitnessvertrag ist somit gesperrt seit einem Monat. Da ich aber mit den Gebühren, Mahnspesen von dem Inkassobüro nicht einverstanden bin weiß ich nicht ob ich diese bezahlen muss. Ich habe dem Inkassobüro auch vorgeschlagen die offenen Beiträge zu begleichen und diese dann wie vertraglich vereinbart abgebucht werden. Sie haben mir angeboten diese in einem Jahr zu einem monatlichen Beitrag von 35€ abzuzahlen. Dies währen Mehrkosten von 100€, ist das rechtens? Bitte Antworten sie mir in einer Sprache die ich auch versteh - mit langen Gesetzestexten kann ich leider nicht umgehen Und was Sie denken was ich tun soll was rechtens ist. Vielen Dank im Voraus

Partner-Tools