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Vitamine statt Nikotin: Ist diese E-Zigarette wirklich unbedenklich?

Ein deutsches Unternehmen nutzt den Healthy-Lifestyle-Trend und verkauft eine Art E-Zigarette, die nicht nur nikotinfrei ist, sondern auch noch gesund sein soll. Doch eine Expertin warnt vor dem Produkt.

Ein Instagram-Screenshot eines Werbebilds von Ainoha.

Gute Laune, Gesundheit und Entspannung. Damit wirbt Ainoha auf Instagram.

Rauchen ist out. Vorbei sind die goldenen Jahre des Marlboro-Manns, die Zigaretten-Industrie leidet unter ihrem schlechten Image. Dass Rauchen ungesund ist, weiß inzwischen wirklich jeder, und vor allem bei Jugendlichen wird die teure Sucht immer unbeliebter.

Das schlägt sich auch in den Zahlen nieder: Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erhebt in einer repräsentativen Studie jährlich den Anteil von Rauchern unter Jugendlichen. Während 2001 noch 28 Prozent der 12- bis 17-Jährigen regelmäßig rauchten, waren es 2014 nur noch 10 Prozent. Logisch, dass die Industrie unter Druck steht. Heutzutage wollen alle gesund sein, ein guter Lebensstil liegt im Trend. Da haben Zigaretten und Nikotin keinen Platz mehr. 

Welch ein Glück, dass ein deutsches Unternehmen sie jetzt endlich auf den Markt gebracht hat: Die Zigarette, die unserem Körper Gutes tut. Das behauptet zumindest der Hersteller.

Eine E-Zigarette als Aromatherapie?

Der "Ainoha Stik" ist so etwas wie eine E-Zigarette, die ohne Nikotin und angeblich ganz ohne Schadstoffe funktioniert. Doch nicht nur das, sogar gesund soll die Lifestyle-Zigarette sein. Was sie enthält? Vitamine und beste Zutaten aus der freien Natur, die sich beim Ziehen angeblich in einen aromatherapeutischen Dampf verwandeln.

Damit wirbt das Unternehmen Ainoha, das neben dem Stik pulverisierte Superfoods für die gesunde Diät vertreibt, auf seiner Website. Unter der Rubrik Inhaltsstoffe werden jede Menge gesunde Zutaten angepriesen: Chia-Samen, Zitronengras, Goji-Beeren, Mango. Sozusagen eine Aromatherapie für den Alltag. Doch sind die Stiks tatsächlich so gesund wie beschrieben?

Nele Boehme vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht das Produkt durchaus kritisch, da noch keine Studien über ätherische Öle als Inhaltsstoffe in Liquids, also der zu verdampfenden Flüssigkeit, vorliegen. Sie warnt: "Überdosierungen, die unter anderem zu Schwindelgefühl oder Beeinträchtigungen der Atmung führen, sind möglich." Zwar kommen therapeutische Öle durchaus bei gesundheitlichen Anwendungen wie Inhalationen zum Einsatz. Doch dabei werden nur wenige Tropfen pro Liter Wasser verwendet.

Der "Ainoha Stik" dagegen soll zu ganzen 20 Prozent aus aromatherapeutischen organischen Ölen bestehen. Laut Nele Boehme ist das problematisch: "Fettige Öle sollten nicht in Liquids eingesetzt werden, auch nicht als Lösungsmittel für Aromen oder andere Zusätze." Besonders für Kleinkinder, die den Dampf passiv einatmen, und für Asthmatiker würden nikotinfreie E-Zigaretten Risiken bergen. Bis dato findet man übrigens nirgends detaillierte Informationen über die genaue Zusammensetzung der Liquids, die verdampft und inhaliert werden. 

Classy style #BreatheAinoha #wellnesstogo #blondebeauty

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Hersteller lockt gezielt junge Kunden

Natürlich bewirbt das Unternehmen ihr neustes Produkt auch fleißig und zielt dabei auf junge Konsumenten ab. Die Zigarette kommt in moderner Aufmachung in pastelligen Farben daher. Sie unterscheiden sich je nach Geschmacksrichtung. Der Instagram-Account von Ainoha hat bereits über 22.000 Abonnenten. Auf den Bildern räkeln sich schlanke junge Models in Sommerkleidern am Meer, in der Stadt oder beim Zeitungslesen, den "Ainoha Stik" lässig zwischen Zeige- und Mittelfinger haltend. Genüsslich ziehen sie an der E-Zigarette, setzen ihren durchtrainierten Körper am Strand in Szene. Das weckt Begehrlichkeiten beim jungen Zielpublikum.

Besonders problematisch: Junge Instagrammerinnen mit vielen Followern geben Rabattcodes für ihre Abonennten raus, die meist deutlich jünger als 18 Jahre alt sind. Nele Boehme vom BfR betont: "Nikotinfreie E-Zigaretten fallen in Deutschland unter das Jugendschutzgesetz, das heißt es besteht auch für nikotinfreie E-Zigaretten und E-Shishas ein Abgabe- und Nutzungsverbot für Minderjährige." Viele derjenigen, die die Werbung erreicht, dürften das Produkt eigentlich gar nicht kaufen.

Hinzu kommt: Nikotinfreie E-Zigaretten fallen nicht unter die Europäische Tabakproduktrichtlinie und das deutsche Tabakerzeugnisgesetz. Nele Boehme erklärt, was das bedeutet: "Hinsichtlich der Qualitätsstandards, Melde- und Deklarationspflichten, Werbebeschränkungen und Sicherheitsmerkmalen, bestehen daher deutlich geringere Anforderungen als für nikotinhaltige Produkte." Die Liquids können also zum Inhalieren verkauft werden, ohne strengen Standards entsprechen zu müssen.

Generell dürfte es zu bezweifeln sein, dass der Ainoha Stik, der zehn Euro pro Stück kostet, tatsächlich so unbedenklich ist, wie der Hersteller ihn bewirbt. Das Marketing spricht mit seiner hippen Aufmachung, den jungen Models und durch Verbreitungskanäle wie Instagram eindeutig eine junge Zielgruppe an, die dadurch womöglich an das Rauchen herangeführt wird. Wer Vitamine braucht, sollte sein Geld wohl besser auch in Zukunft in einen prall gefüllten Obstkorb investieren.

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