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Ein dickes Problem

Seit Jahren zeichnet sich der Trend ab, nun schlägt die OECD Alarm: Fettleibigkeit ist in den Industrieländern längst eine Volkskrankheit - mit dramatischen Folgen für Gesundheit und Wirtschaft.

Von Lea Wolz

Übergewicht erhöht das Risiko für Krankheiten wie Diabetes

Übergewicht erhöht das Risiko für Krankheiten wie Diabetes

Wer von den fetten Jahren spricht, meint damit eigentlich eine gute Zeit. Körperfülle galt früher als ein Zeichen für Wohlstand. Doch nun schlagen Experten Alarm: Fettleibigkeit wird in den Industriestaaten immer mehr zum Problem.

In einer Bestandsaufnahme präsentiert die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erschreckende Zahlen: In mindestens der Hälfte der 33 OECD-Mitgliedsländer ist jeder Zweite übergewichtig, jeder Sechste sogar adipös, also fettleibig. Für die Zukunft zeichnet die Organisation ebenfalls ein düsteres Bild: Verändert sich nichts, werden in zehn Jahren mehr als zwei Drittel aller Menschen in den Mitgliedsländern übergewichtig sein.

Deutschland liegt dem 270-Seiten starken Bericht zufolge im Mittelfeld. 2009 brachten hier 60 Prozent der Männer und 40 Prozent der Frauen zu viele Kilos auf die Waage. 16 Prozent beider Geschlechter waren sogar fettleibig. Vor Deutschland liegen damit in Europa nur noch wenige Länder wie Spanien, Großbritannien und Griechenland. Derzeit leben die meisten Übergewichtigen in den USA und Mexiko. Dort waren zuletzt zwei von drei Menschen zu dick, rund jeder Dritte wurde als fettleibig eingestuft. In der Rangliste der Länder mit den meisten Übergewichtigen und Fettleibigen folgen Chile, Neuseeland und Großbritannien.

Jedes dritte Kind zu dick

Schlechte Ernährungsgewohnheiten, Stress und zu wenig Bewegung tragen den Forschern zufolge dazu bei, dass Übergewicht und Fettleibigkeit immer weiter zunehmen. Auch Kinder seien immer stärker betroffen. Schon jetzt ist den Zahlen zufolge jedes dritte Kind in den OECD-Ländern übergewichtig. Haben Kinder einen fettleibigen Elternteil, werden sie mit drei- bis viermal so großer Wahrscheinlichkeit selbst adipös im Vergleich zu Kindern normalgewichtiger Eltern. Genetisch ist dies allerdings nur zum Teil bedingt. Vielmehr übernehmen die Kinder den ungesunden Lebensstil der Eltern.

Dabei ist Übergewicht nicht nur ein Schönheitsproblem. Zu viele Kilos gelten auch als Krankheitsrisiko. Knochen und Gelenke sind schneller überlastet. Die Gefahr, an Diabetes zu erkranken oder einen Schlaganfall zu erleiden, steigt. Auf Blutdruck und Fettstoffwechsel können sich die zusätzlichen Pfunde ebenfalls negativ auswirken. Extrem fettleibige Menschen sterben im Mittel acht bis zehn Jahre früher als Normalgewichtige. Mit jeden 15 Kilo zu viel steigt das Risiko, früh zu sterben, um 30 Prozent, schreiben die Autoren der OECD-Studie.

Doch wie bestimmt man Übergewicht und Fettleibigkeit? Nach Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO gelten Erwachsene mit einem Body-Mass-Index (BMI) zwischen 25 und 30 als übergewichtig und Personen mit einem BMI von über 30 als fettleibig. Der BMI berechnet sich aus dem Gewicht geteilt durch die Körpergröße zum Quadrat. Allerdings ist er nicht unumstritten. Nach neueren Erkenntnissen ist es wichtiger, wo die überzähligen Pfunde sitzen. Bauchfett ist demnach für die Gesundheit schlechter als zu viel Speck auf den Hüften. Um das individuelle Krankheitsrisiko zum Beispiel für Diabetes zu bestimmen, ist der Taillenumfang oder das Verhältnis von Taille zu Hüfte (waist-to-hip-ratio) nach neuen Erkenntnissen aussagekräftiger.

Bessere Beratung durch Hausärzte gefordert

Durch Adipositas wird das Gesundheitssystem ebenfalls belastet. Im Vergleich zu den Kosten, die ein Normalgewichtiger verursacht, liegen die Ausgaben für einen Übergewichtigen zunächst um ein Viertel höher. Doch auf Dauer gesehen gleichen sie sich wieder an, da die Lebenserwartung bei Fettleibigen kürzer ist. Dennoch liegen sie über denen für Raucher. Ein weiteres bemerkenswertes Ergebnis der Studie: Arbeitgeber stellen lieber Normalgewichtige ein und sie bezahlen ihnen auch mehr als Adipösen. Diese verdienen im Schnitt 18 Prozent weniger.

Im Umgang mit dem "Dicken-Problem" fordern die OECD-Experten nun ein gemeinsames Vorgehen von Regierungen und Wirtschaft. Schon mit relativ wenig Aufwand könnte ihrer Ansicht nach viel Gutes bewirkt werden - beispielsweise mit einer besseren Beratung durch Hausärzte. Auch Lebensmittelhersteller sollten besser über die Inhaltsstoffe informieren und zum Beispiel weniger Salz und Transfette einsetzen.

In ihrer Studie wagt die OECD auch eine Prognose. "Der Anteil übergewichtiger Menschen wird sich in einigen Ländern in der kommenden Dekade voraussichtlich noch weiter um ein Prozent jährlich erhöhen", heißt es. Gelänge es, den Trend umzukehren, könnten der Studie zufolge viele Menschenleben gerettet werden: Durch chronische Krankheiten als Folge von Übergewicht sterben zum Beispiel pro Jahr 75.000 Menschen in Italien, 70.000 in England oder 40.000 in Kanada. Die Gesundheitsminister der OECD werden die Ergebnisse der Studie bei einem Treffen im Oktober in Paris diskutieren.

Mit Agenturen

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