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"Es wird noch mehr ans Licht kommen"

Erst Göttingen, dann Regensburg und München, nun Leipzig: Damit ihre Patienten schneller ein Organ erhalten, haben Ärzte an einigen Unikliniken Daten manipuliert. Ist das erst die Spitze des Eisbergs?

Von Lea Wolz

  Transplantationen im Zwielicht: In Leipzig sind erneut Daten von Patienten manipuliert worden, um sie auf der Warteliste für Spenderorgane nach oben rücken zu lassen.

Transplantationen im Zwielicht: In Leipzig sind erneut Daten von Patienten manipuliert worden, um sie auf der Warteliste für Spenderorgane nach oben rücken zu lassen.

Von einem "absoluten Einzelfall" sprachen Vertreter der ärztlichen Zunft noch, als die Manipulationen bei der Organvergabe an der Universitätsklinik in Göttingen im vergangenen Jahr bekannt wurden. Doch auf Göttingen folgten Regensburg und später auch München. Nun erschüttert ein weiterer Skandal das deutsche Organspendewesen: Auch an der Universitätsklinik Leipzig haben Ärzte Daten manipuliert, damit ihre Patienten schneller ein Spenderorgan erhalten. Die zuständige Staatsanwaltschaft hat mittlerweile ein Verfahren eingeleitet, um eine mögliche strafrechtliche Relevanz zu prüfen.

Bis jetzt deutet nichts darauf hin, dass die Organschiebereien in Göttingen und Leipzig zusammenhängen. In beiden Fällen geht es allerdings um die Transplantation von Lebern. Zudem ähnelt das Vorgehen in Leipzig demjenigen in Göttingen: Auch hier haben Ärzte die Daten so verändert, dass die Patienten kränker erscheinen, als sie tatsächlich sind - und somit auf der Warteliste weiter nach vorne rücken.

Daten von 38 Patienten manipuliert

Insgesamt wurden in Leipzig in den Jahren 2010 und 2011 etwa 180 Patienten eine Leber transplantiert. Bei 37 von ihnen, wurden die Daten der Klinik zufolge manipuliert. In diesen Fällen wurde angegeben, dass die Patienten wegen einer beeinträchtigen Funktion der Niere eine Blutwäsche benötigen - was sie in der Dringlichkeit für eine Transplantation auf der Warteliste der Organvermittlungsstelle Eurotransplant nach vorne befördert. Tatsächlich sei diese Dialyse nie erfolgt, sagte der Medizinische Vorstand der Uniklinik, Wolfgang Fleig.

Nach jetzigem Kenntnisstand stammt der größte Anteil der Manipulationen aus den Jahren 2010 und 2011. Im vergangenen Jahr gab es offenbar nur noch bei einem Patienten einen Betrug. Warum hauptsächlich in den beiden Jahren zuvor manipuliert wurde - 2007 bis 2009 gibt es der Klinik zufolge keine Auffälligkeiten - und ob die behandelnden Ärzte dafür eine Gegenleistung erhalten haben, ist noch unklar. Der Direktor des Transplantationszentrums sowie zwei Oberärzte seien mit sofortiger Wirkung beurlaubt worden, teilte das Universitätsklinikum mit.

"Ich kann nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass kein Geld geflossen ist", sagte Uniklinik-Chef Fleig. Soweit er die beschuldigten Ärzte und die betroffenen Patienten kenne, könne er sich eine Bestechung jedoch nicht vorstellen, ergänzte er. Der jetzt beurlaubte Klinikdirektor hatte bereits 2008 - und damit vor den Jahren, in denen die Prüfer die meisten Manipulationen entdeckten - von der Berliner Charité an das Uniklinikum Leipzig gewechselt. Auch stieg die Zahl der Lebertransplantationen in den Jahren 2010 und 2011 nicht auffällig an.

Ministerium sieht keinen Handlungsbedarf

Der Skandal am Uniklinikum in Göttingen war im vergangenen Sommer publik geworden. In mehr als 20 Fällen soll dort der Leiter der Transplantationschirurgie mithilfe eines weiteren Arztes Daten von Patienten manipuliert haben. Der verdächtigte Mediziner war zuvor an der Uniklinik Regensburg tätig. Auch dort wurden bei einer Überprüfung in 42 Fällen Unstimmigkeiten festgestellt. Die Untersuchungen am Münchner Klinikum rechts der Isar dauern noch an.

Die Fälle in Leipzig seien ein Beleg dafür, dass die nach dem Organspendeskandal eingeführten Kontrollen funktionieren, sagte Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery dem "Tagesspiegel". Die unter dem Dach der Bundesärztekammer angesiedelte Prüf- und Überwachungskommission überprüft seit September 2012 alle rund 140 Transplantationsprogramme an den 47 deutschen Transplantationszentren.

Das Bundesgesundheitsministerium sieht durch die Vorwürfe keinen neuen Handlungsbedarf. Es handele sich um "Einzelfälle", sagte eine Sprecherin in Berlin. Zudem gebe es ein funktionierendes Kontrollsystem. Kritik daran, dass die Prüfung der Transplantationszentren unter dem Dach der Bundesärztekammer stattfindet, wies die Sprecherin zurück. Die Prüfungskommission arbeite unabhängig. "Die Transplantationszentren überprüfen sich ja nicht selbst." Kritiker der derzeitigen Regelung fordern mehr staatliche Kontrolle.

"Keine Einzelfälle"

In Deutschland warten der Deutschen Stiftung Organtransplantation zufolge 12.000 Menschen auf ein rettendes Organ, jeden Tag sterben drei von ihnen. Die Wartezeit für eine Niere liegt bei fünf bis sechs Jahren, auf eine rettende Leber warten Patienten im Durchschnitt etwas über ein Jahr.

Als Konsequenz aus den Skandalen hatten Ärzteschaft, Krankenhausträger und Kassen im November eine Anlaufstelle für Unregelmäßigkeiten bei der Organspende geschaffen. Dort können Auffälligkeiten - auch anonym - gemeldet werden.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz hat unterdessen die Einrichtung einer bundesweiten Schwerpunktstaatsanwaltschaft gefordert. "Die neuen Manipulationsvorwürfe zeigen: Die Unregelmäßigkeiten im Organspendesystem sind keine Einzelfälle", erklärte Vorstand Eugen Brysch. Je mehr Transplantationszentren die Prüfungs- und Überwachungskommissionen kontrollierten, desto mehr Manipulationen kämen ans Licht.

Auch Ärztepräsident Montgomery glaubt nicht mehr an Einzelfälle. Er erwartet, dass im Zuge der verschärften Kontrollen noch weitere Unregelmäßigkeiten entdeckt werden. "Die Prüfkommission untersucht etwa 140 Transplantations-Programme, was etwa drei Jahre dauern wird. Deshalb rechnen wir damit, dass noch mehr ans Licht kommt", sagte er der "Bild"-Zeitung.

mit Agenturen

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