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Praxis Dr. Selbst

Jahrelang wurden Placeboeffekte als Produkt der Einbildung belächelt. Doch sie sind real und könnten viel besser genutzt werden, sagt die Münchner Forscherin Karin Meißner.

Placebos enthalten keinen Wirkstoff, wieso helfen sie trotzdem?
Weil dabei eigentlich unsere Psyche wirkt. Wir nehmen die Umgebung und die Worte des Arztes wahr, wenn er uns eine Pille verschreibt, und diese Signale können im Gehirn Linderungsprozesse anstoßen.

Der Placeboeffekt stand lange in der Schmuddelecke der Medizin. Nun findet er breite Aufmerksamkeit unter Forschern und Ärzten. Warum?
Bis vor Kurzem gab es noch keine wissenschaftlichen Erklärungen für dieses Phänomen. Es war bekannt als unvermeidlicher Nebeneffekt in Arzneimittelstudien, galt aber sonst als Produkt menschlicher Einbildung und wurde deshalb häufig belächelt. Mittlerweile verstehen wir jedoch genauer, was da im Körper vor sich geht.

Was zum Beispiel?
Patienten mit Schmerzen schütten unter Scheinmedikamenten die gleichen Hemmstoffe aus wie nach einer Morphiumgabe. Das lässt sich auf Gehirnbildern verfolgen. Früher dachte man: Wenn die Schmerzen nachlassen, obwohl jemand eine reine Zuckerpille geschluckt hat, kann es so schlimm nicht gewesen sein. Doch das ist falsch. Placebos lindern reale, massive Schmerzen, und zwar bis auf die körperliche Basis.

Können Scheinmedikamente irgendwann echte Pillen ersetzen?
Nein. Mit Placeboeffekten können Sie nicht heilen, Sie können keinen Tumor oder keine Bakterien stoppen. Aber Placebos lindern und verbessern das Befinden. Am stärksten sind die Effekte nach heutigem Wissen, wenn die Psyche an einem Leiden stark beteiligt ist, also bei Schmerzen, Depressionen oder Parkinson.

Wie wirkt da der Placeboeffekt?
Mit Suggestionen und Scheinmedikamenten lässt sich das Gehirn beispielsweise dazu bringen, körpereigenes Dopamin auszuschütten, das Parkinsonpatienten fehlt. Man kann den Einfluss von Placebos dabei inzwischen bis auf die Ebene der einzelnen Zelle verfolgen. Daneben haben wir Einflüsse auf innere Organe und das vegetative Nervensystem nachweisen können. Der Magen arbeitet beispielsweise besser, die Herzkranzgefäße reagieren. Man weiß zwar noch nicht, wie lange solche Effekte anhalten. Aber wir gehen heute davon aus, dass wahrscheinlich jede Arzneimitteleinnahme und jede Standardtherapie kleinere oder größere Placeboreaktionen auslöst. Die setzen sich praktisch obendrauf. Ich halte sie für die Spitze des Eisbergs unserer Selbstheilungskräfte. Unter der Wasseroberfläche erstreckt sich vermutlich noch eine weite und unentdeckte Wunderwelt biopsychosozialer Gesundheitsmechanismen.

Sie sprechen von Selbstheilung. Worin liegt der Unterschied zur Heilung?
Das kann man nicht trennen, der Körper muss sich selber heilen, und er weiß auch sehr gut, wie das geht. Der Organismus versucht, sich wieder in Ordnung zu bringen und möglichst lange zu leben, wenn man ihn unterstützt und lässt.

Wie meinen Sie das?
Man kann dem Körper auf vielfältige Weise beim Gesundwerden helfen. Indem man etwa Stress oder Angst vermindert. Ein Beispiel: Bei einer Gruppe von Patienten, die gerade operiert worden waren, setzte sich ein Arzt ans Bett und erklärte, dass sie jetzt ein Schmerzmittel bekämen und es ihnen gleich besser gehe. Eine Vergleichsgruppe erfuhr dagegen nur, dass sie irgendwann etwas zur Schmerzlinderung erhalte. Bei der ersten Hälfte wirkte die Arznei sowohl schneller als auch stärker.

Sind Scheinmedikamente also reif für die Praxis?
In der Wissenschaft sind wir noch bei den Grundlagen. Es geht darum, besser zu verstehen, wie wir die körpereigene Apotheke im Gehirn aktivieren können, um Therapiewirkungen zu optimieren. Dabei werden Emotionen, Rituale und Zuwendung eine wichtige Rolle spielen. Das könnte ein Wegweiser für die Zukunft sein. Die Placeboforschung zeigt, dass man viele Symptome seelisch beeinflussen kann.

Wie ließe sich das übertragen?
Ich denke da zum Beispiel an die Behandlung einer chronischen Krankheit wie Rheuma. Es wird sehr viel Geld in die Pharmaforschung gesteckt. In einer kleinen Studie wurden jedoch gerade Rheumapatienten mit Hypnotherapie behandelt. Dadurch konnten sie sich besser bewegen, hatten weniger Schmerzen, und sogar ihre Entzündungswerte sanken. Und zwar in so beträchtlichem Maße, wie man es sich bei Medikamenten manchmal wünschen würde. Solchen und ähnlichen Hinweisen müsste man in großen Studien nachgehen, um wissenschaftlich gut abgesicherte, evidenzbasierte Therapien zu finden.

Das vollständige Interview und noch sehr viel mehr zum Thema Selbstheilung finden Sie in der neuen Ausgabe der Zeitschrift stern Gesund Leben: "Selbstheilung - wie ganzheitliche Medizin Ihre inneren Ressourcen weckt". Vom 16. November 2011 an im Zeitschriftenhandel erhältlich.

Corinna Schöps/GesundLeben
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