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Ein Leben ohne Plastik – kann das gelingen?

Wenigstens einen Monat lang wollte unsere Autorin ohne Kunststoff auskommen, der Umwelt und der Gesundheit zuliebe. Ganz einfach war das nicht. Trotzdem möchte sie weitermachen – und erklärt, warum.

Von Anja Reumschüssel

  Plastikflaschen, verpackt in Plastik: Kunststoff zählt zu einem der größten Umweltprobleme unserer Zeit

Plastikflaschen, verpackt in Plastik: Kunststoff zählt zu einem der größten Umweltprobleme unserer Zeit

Die Verkäuferin schaut mich an, als hätte ich gerade eine Wagenladung Lakritz zum sofort Essen bestellt. "Haben Sie Shampoo in Glasflaschen?", frage ich noch einmal, so hoffnungsvoll wie möglich. Sie merkt, dass ich es ernst meine, lächelt hilfsbereit und durchsucht dann das Regal hinter ihr. Dort stehen rosafarbene, türkisfarbene, weiße und dunkelblaue Shampooflaschen, und so sehr sie auch sucht, die sind alle aus Plastik. Wir schauen noch kurz bei der Naturkosmetik, nein, auch da, alles Plastik. Der erste Teil meiner Mission: gescheitert.

Dabei schien die Herausforderung gar nicht so groß. Irgendwo im Internet hatte eine australische Organisation die No-Plastic-Challenge ausgerufen. Sie erinnert an die Ice-Bucket- Challenge, bei der sich Menschen einen Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf schütteten, ein Video davon ins Internet stellten und für die Bekämpfung der Nervenkrankheit ALS spendeten. Anders als die Ice-Bucket-Challenge hat die No-Plastic-Challenge viel weniger mit mir fremden Menschen und viel mehr mit mir selbst zu tun. Und, klar doch, auch mit der Umwelt. Und so sah die Herausforderung aus: Einen Monat lang sollte ich nichts kaufen oder konsumieren, das in Plastik verpackt ist.

Im Pazifik treibt ein Teppich aus Plastikmüll, so groß wie Mitteleuropa

Kein Shampoo in Plastikflaschen, keine Zahnpasta in der Tube, keinen eingeschweißten Käse. Zwei weltverbessernde Gedanken steckten dahinter: Es geht um unsere Gesundheit. Und um unseren Planeten. Im Nordpazifik treibt seit Jahrzehnten eine gigantische Mülldeponie, so groß wie Mitteleuropa. Weitere dieser schwimmenden Teppiche aus Plastik haben Wissenschaftler im Atlantik, Südpazifik und im Indischen Ozean gefunden. Winzige Plastikkugeln aus Peelings oder Zahnpasta gelangen außerdem ungehindert ins Grundwasser und damit ins Meer, ebenso wie Kunststofffasern aus Kleidung. Seevögel und Wassertiere verschlucken das bunte Zeug, das wie Beute aussieht, oder nehmen es über das Wasser oder Beutetiere zu sich. In der Nordsee haben Seehunde und Schweinswale, Fische und Vögel Plastikmüll im Magen und verhungern, weil sie keine Nahrung mehr zu sich nehmen können. Bis zu 450 Jahre dauert es, bis Plastik verrottet ist. Und wir produzieren immer mehr.

Dieser Plastikmüll erreicht in winzige, kaum sichtbare Teile zerrieben als sogenanntes Mikroplastik auch unsere Mägen. An diesem Mikroplastik lagern sich krebserregende Stoffe an. Ungesund sind auch Chemikalien, die Kunststoffe elastisch machen und in Verpackungen, Spielzeug oder Baumaterialien enthalten sind. Vor allem fetthaltige Lebensmittel wie Käse oder Fleisch nehmen Weichmacher auf, die wir dann mit essen. Diese Chemikalien behindern die Wirkung körpereigener Hormone, können Krankheiten wie Diabetes, Asthma und Alzheimer auslösen und stören die Fruchtbarkeit. Es gibt also Gründe genug, ein möglichst plastikfreies Leben zu führen. Und sei es auch nur für einen Monat. Herausforderung angenommen.

Im Kühlschrank herrscht mal wieder gähnende Trostlosigkeit, es ist Zeit für einen Einkauf. Ich gehe zuerst in einen günstigen Discounter, in dem die Tetra Paks auf Paletten angeboten werden, und rechne damit, dass ich in diesem Paradies der Plastikhersteller-Lobby nichts kaufen kann außer einer Tafel Schokolade und einer Flasche Wein. Sogar die Äpfel sind in Plastiktüten gepackt.

Nachdem ich das Regal mit Tüten voller Bonbons und Keksen in Plastikverpackungen hinter mir gelassen habe, fülle ich meinen Einkaufswagen dann doch mit Tiefkühlspinat in einer Pappverpackung, Rotkraut im Glas und losen Rispentomaten, Birnen und Avocados. Stoisch schaufelt der junge Mann an der Kasse das Obst und Gemüse einzeln auf seine Waage. Was noch im Einkaufswagen fehlt, sind Milchprodukte, Fleisch, Fisch und natürlich Shampoo. Der Kampf gegen den Kunststoff hat gerade erst begonnen.


Joghurt, Milch und Saft gibt es auch im Glas, aber nur in dem teuren Supermarkt nebenan, wo das Gemüse glänzt wie frisch lackiert. Käse und Fleisch liegen in der Frischetheke, die Stücke einzeln in Frischhaltefolie gewickelt. Ich habe Gläser mit Schnappverschluss und eine Edelstahldose mitgebracht, da sollen nun Käse und Fleisch rein. Für die Diskussion, die kommen wird, bin ich gewappnet: Ein Mitarbeiter des Hamburger Gesundheitsamts hatte mir am Telefon erläutert, dass die Dame hinter dem Tresen mir die Käsestücke von Rechts wegen in meine saubere Dose packen darf. Das Geschäft geht damit aber ein Risiko ein, denn die Verkäuferin kann nicht erkennen, ob ein Behälter wirklich hygienisch rein ist.

"Ich hätte gern den Wildblumenkäse – aber hier in meine Dose. Also ohne die Plastikfolie", erkläre ich unbeholfen. Der Verkäuferin entgleiten kurz die Gesichtszüge. "Wir leben jetzt plastikfrei", hilft mein Freund nach, der mich bei meinem plastikfreien Leben unterstützt. Da versteht sie. Mitten im Hamburger Stadtteil St. Pauli werden die Verkäuferinnen sicher oft mit ungewöhnlichen Lebenseinstellungen konfrontiert. Trotzdem will sie uns nichts geben. Käse in privaten Dosen, das gehe aus hygienischen Gründen nicht. Wir zitieren das Gesundheitsamt, die Verkäufern fragt die Geschäftsführerin. Auch sie will nicht erlauben, dass die Verkäuferin uns den Käse über die Theke reicht und ins mitgebrachte Glas legt. Schließlich geben wir auf und holen den Käse ohne Plastikfolie beim Bioladen nebenan.

Zwei Wochen später wird an der Käsetheke in dem teuren Supermarkt der Wildblumenkäse übrigens in Butterbrotpapier eingewickelt, an den Obstregalen hängen jetzt Papiertüten zum Verpacken. So verändert man die Welt!
Der alltägliche Einkauf ohne Plastik läuft also trotz kleiner Hindernisse erfolgreich – solange ich auf Süßigkeiten und Tiefgekühltes verzichte. Wer plastiklos einkauft, muss automatisch gesünder leben, bewusster einkaufen, mehr selbst kochen, weil Fertigessen und Gummibärchen in Kunststoff verpackt sind.

Zahnbürsten aus Holz, Zahnpasta aus Heilerde

Im Bad wird das plastikfreie Leben allerdings schwierig. Im Internet bestelle ich mir eine Zahnbürste aus Bambusholz und speziellen Viskoseborsten, die voll biologisch abbaubar ist. Man kann sie also einfach im Komposthaufen entsorgen. Schön für die Umwelt. Spaß macht die Öko-Bürste nicht, ständig stoße ich irgendwo an. Auch eine Holzzahnbürste hätte man doch sicher mundförmiger schnitzen können. Die Zahnpasta aus der Plastiktube ersetze ich durch eine braune Masse aus Heilerde, Pfefferminzöl und Wasser. Es ist ein Rezept aus dem Internet von einem der zahlreichen Blogs, in denen junge Mütter über ihr plastikfreies Leben zwischen Stoffwindeln und Schnullern aus Naturkautschuk schreiben.

Während ich mir Sand auf Zähne und Zahnfleisch reibe, bin ich dankbar dafür, dass dieses Experiment nur einen Monat dauert. Das Shampoo-Problem, das die Verkäuferin im Drogeriemarkt so überfordert hat, ist bald gelöst. Es gibt – ebenfalls im Internet – einen Versand für Shampoo-Seifen, in Papier verpackt. Die klassischen Putzarbeiten in Bad und Küche gehen auch mit Essigessenz aus der Glasflasche – wenn man ignorieren kann, dass der Verschluss aus Plastik ist. Eine wirkliche Herausforderung wird das weltverändernde Leben ohne Kunststoff auf Reisen. Natürlich habe ich mir für eine längere Bahnfahrt eine Edelstahlflasche mit Wasser eingepackt. Die ist aber schnell alle. Beim Umsteigen möchte ich mir am Bahnhof einen eisgekühlten Grüntee im Pappbecher holen. Die junge Frau auf der anderen Seite des Tresens schaut mich entsetzt an. "Wirklich?", fragt sie. Offenbar dürfen nur heiße Getränke in Pappbechern ausgeschenkt werden. "Ja", sage ich standhaft. "Aber ich kann dann nicht garantieren, ob das schmeckt", versucht sie, die Qualitätsnormen der Fast-Food-Kette zu verteidigen. Mein Zug fährt gleich, ich bin seit elf Stunden unterwegs, es wäre mir völlig egal, wie der Tee schmeckt, Hauptsache, er ist kalt. "Das macht nichts", antworte ich und bekomme mein Getränk. Die Kundin ist Königin.

Das Resultat nach vier Wochen? Ein leerer Müllbeutel – und eine wichtige Erkenntnis

Auch sonst siegt während dieses Monats meine Willenskraft über die Gewohnheit. In einem Hotelrestaurant, vor mir liegt ein Burger mit Pommes, stellt die Kellnerin eine Flasche Ketchup auf den Tisch. Eine Plastikflasche. Normalerweise brauche ich Ketchup zu meinen Pommes. Aber ich bleibe stark. Der Monat ist bald vorbei.

Die plastikfreien Wochen enden mit einem fast leeren gelben Sack in meiner Küche. Normalerweise fülle ich zwei Säcke in einem Monat. Jetzt liegen nur die Verpackung der Toilettenpapierrollen und ein paar Glasflaschenverschlüsse darin. Ein möglichst plastikfreies Leben ist sicher gut für Umwelt und Gesundheit. Nicht aber für meinen Geldbeutel. Mindestens doppelt so viel Geld wie sonst habe ich in diesem Monat für Lebensmittel in Glasverpackungen, für Holzzahnbürsten und Shampoo- Seifen ausgegeben. Ich werde trotzdem versuchen, weiterhin Lebensmittelverpackungen aus Plastik zu vermeiden und lieber meine Glasdose zum Supermarkt tragen. Das ist mir das gesunde Leben einfach wert.

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