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Embryonentests: Fortschritt oder Sünde?

Es ist eine Entscheidung, die keine Parteigrenzen kennt: Der Bundestag stimmt über die Präimplantationsdiagnostik ab. Hier streiten die Unionspolitiker Peter Hintze und Johannes Singhammer.

Bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) entscheidet sich, wie wir mit Menschen in existentieller Not umgehen. Behandeln wir sie als bloßes Objekt staatlicher Regelungen, oder nehmen wir sie als selbstbestimmte, verantwortlich handelnde Subjekte wahr? Die Menschen erwarten, dass der Gesetzgeber sich existentieller Notsituationen annimmt und hierauf eine angemessene Antwort findet. In einer solchen Notsituation befinden sich Paare, die um eine verhängnisvolle erbliche Belastung wissen oder die das Drama einer Tot- oder Fehlgeburt erlebt haben. Sie bitten darum, auch in Deutschland eine PID durchführen lassen zu können. Ich halte es für ein Gebot der humanitären und medizinischen Vernunft, dieser Bitte zu entsprechen.

Mit der PID geben wir betroffenen Eltern die Chance, Ja zu einem eigenen Kind und Ja zum Leben zu sagen. Häufig sind es gerade solche Eltern, die bereits ein eigenes Kind mit schweren Behinderungen haben, um das sie sich liebevoll kümmern, und die sich nun für eine PID entscheiden möchten, da sie sich sehnlich ein weiteres eigenes Kind wünschen. Der Wunsch nach einem leiblichen Kind ist ein zutiefst menschlicher und durch unsere Verfassung geschützter Wunsch. Ich finde, dass wir gerade den Menschen, die bereits die Verantwortung für ein Kind mit Behinderungen übernehmen, die Erfüllung ihres Wunsches ermöglichen sollten.

Aufgabe des religiös neutralen Gesetzgebers ist, unterschiedliche moralische Vorstellungen in der Gesellschaft zum Ausgleich zu bringen. Dabei sollte er in allen Fragen, bei denen es um die körperliche und seelische Verfassung eines Menschen geht, die größtmögliche Zurückhaltung wahren. Hier ist das scharfe Schwert des Strafrechts fehl am Platz. Dies ist ein Gebot der rechtsstaatlichen Verantwortung und der gesetzgeberischen Moral. Statt Frauen in Not ein verfassungsrechtlich problematisches Wissensverbot aufzuerlegen, sollten wir ihnen die Möglichkeit geben, selbst darüber entscheiden, ob sie die PID wählen und einen Schwangerschaftskonflikt vermeiden wollen.

Eine befruchtete Eizelle ist noch kein Mensch

Ein totales PID-Verbot würde zu schweren Wertungswidersprüchen in unserer Rechtsordnung führen. Diese erlaubt den Gebrauch nidationshemmender Mittel, die verhindern, dass sich der Embryo in die Gebärmutter einnistet. Sie gewährt auch schon jetzt rechtlich eine Untersuchung des Embryos im Mutterleib und nach Beratung eine Abtreibung in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten. Auch eine Spätabtreibung ist sogar bis zur Geburt möglich, wenn die körperliche oder seelische Unversehrtheit der Mutter gefährdet ist. Es wäre für mich ein Widerspruch, Untersuchungen von extrakorporal befruchteten Eizellen außerhalb des Mutterleibs zu verbieten, im Fall einer Gesundheitsgefährdung der Frau aber einen Schwangerschaftsabbruch zu gewähren. Ich hielte ich es für ethisch und rechtlich unverantwortlich, die Frau bei Vorliegen einer schweren genetischen Belastung gewissermaßen in diese Konfliktsituation zu treiben.

Im Rahmen einer verantwortlichen Abwägung wiegt für mich das Leben eines unter Umständen bereits selbständig lebensfähigen Fötus, der von einer Spätabtreibung betroffen ist, weitaus höher als der Status einer mikroskopisch kleinen Zygote in der Petrischale. Für mich gibt es einen kategorialen Unterschied zwischen einem Menschen, wie er uns begegnet, und einer befruchteten Eizelle in der Petrischale. So hat eine befruchtete Eizelle außerhalb des Mutterleibes keine Chance, sich selbständig fortzuentwickeln, da sie aus zwingenden biologischen Gründen auf die Verbindung mit dem Mutterleib angewiesen ist. Die christliche Anthropologie sagt uns, dass der Mensch mehr ist als die Summe seiner Gene und sein personales Dasein erst durch seine zumindest potentielle Fähigkeit zur Geschichte und zum Gegenüber erhält. Dass wir auch in ethischer Hinsicht eine intuitive Unterscheidung treffen, mag folgendes Gedankenexperiment verdeutlichen: Was retten wir zuerst, wenn ein Krankenhaus brennt: den Säugling oder den Behälter mit eingefrorenen befruchteten Eizellen?

Zivilisation bedeutet Emanzipation gegenüber der Natur. Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte des Willens, sich aus den Zwängen der Natur zu befreien und sein Leben auch mit den Mitteln der Medizin zu verbessern. Deshalb sollten wir der PID positiv begegnen und unseren Ärzten vertrauen. Die Erfahrungen in Europa lehren, dass beides zugleich möglich ist: Eine verantwortlicher Umgang mit der PID und eine wachsende Achtung und Unterstützung von Menschen mit Behinderungen. Das sollte uns ermutigen.

Unser Gesetzentwurf hat ein klares Ziel: Ein menschlicher Embryo darf nicht daraufhin untersucht werden, bestimmte genetische Eigenschaften zu erkennen. Ärzte, welche das trotz des Verbotes tun, werden bestraft, nicht aber die Eltern.

Ich setze mich für ein ausnahmsloses Verbot der PID ein, weil – in einem Satz zusammengefasst – eine Qualitätskontrolle menschlichen Lebens für mich nicht zulässig sein sollte. Die Präimplantationsdiagnostik (PID) ist keine Therapie, sondern eine Auswahlentscheidung. Eine Bewertung menschlichen Lebens, ein Lebenseignungstest. Kurzum: ein Eingriff in die Schöpfung. Wer immer eine solche Bewertung über menschliches Leben vornimmt, der entscheidet, welches Leben gelebt wird und welches nicht. Er verschreibt sich der Idee der Machbarkeit und läuft Gefahr, Menschen zu verletzen, die medizinischem Optimierungsstreben nicht entsprechen. Diese Entscheidungsmöglichkeit ist neuartig und hebt die PID von anderen vorgeburtlichen Untersuchungen ab.

Die erforderliche Bereitschaft zur Auswahl unter den künstlich erzeugten Embryonen ist wesentlicher Unterschied zu anderen vorgeburtlichen Untersuchungen, die den Eltern auch nach Erhalt des Ergebnisses die Entscheidung über die Fortführung der Schwangerschaft offen lässt und ihnen noch die Option lässt, weitere Entwicklungsperspektiven nach der Geburt des Kindes mit hinzuzuziehen. Eine Zulassung der PID und die damit verbundene gesetzlich erlaubte Auswahl von Embryonen vor Beginn der Schwangerschaft würden deshalb einen ethischen und gesellschaftlichen Paradigmenwechsel begründen.

Vor allem aber muss jeder, der PID zulässt, Grenzen finden. Kann es eine verantwortbare Grenze sein, bei einer geringeren Lebenserwartung von ein oder zwei Jahren einen menschlichen Embryo zu verwerfen? Ist es ein legitimer Verwerfungsgrund, wenn eine schreckliche Krankheit erst in der zweiten Lebenshälfte droht? Wie etwa bei dem sogenannten Veitstanz, der erst nach dem 40. Lebensjahr einen Menschen überfällt? Zählen die 40 Lebensjahre vorher nichts? Wie sicher sind die Ergebnisse, die eine solche Auswahl erlauben? Eine Differenzierung nach Lebenserwartung, eine Unterscheidung nach möglichen oder tatsächlichen Krankheiten löst nicht vorhandenes Leid, sondern schafft neue Diskriminierungen, die nicht gewollt sind.

Begrenzung auf Einzelfälle ist nicht umsetzbar

Beide Gesetzentwürfe, die eine Zulassung der PID vorsehen, verzichten auf einen Indikationskatalog und übertragen die Entscheidung zertifizierten Zentren und einer Ethikkommission. Ohne Kriterien werden diejenigen, die mit dem Verfahren beauftragt sind, das Verfahren im Gange der gesellschaftlichen Entwicklung anwenden und interpretieren. Die Kriterien für schwerwiegende Erberkrankungen werden durch den sich entwickelnden gesellschaftlichen Konsens ersetzt. Die internationalen Erfahrungen zeigen, dass eine Begrenzung auf Einzelfälle nicht umsetzbar ist. Ein Anstieg der PID-Fälle und eine Ausdehnung der Anwendungsbereiche der PID sind hier zu verzeichnen. Neue Diagnosetechniken werden absehbar zu einem breiteren Einsatz der PID führen.

Der nachvollziehbare Wunsch von Paaren, die unter hohem Leidensdruck stehen, ein gesundes Kind zu bekommen, kann nicht in eine völlige Freigabe der PID münden. Denn die Wirkungen auf Menschen sind enorm. Wie muss sich ein Mensch mit einer Behinderung fühlen, die als Auswahlkriterium geeignet ist, einen Embryo zu verwerfen. Welchem Rechtfertigungsdruck müssen Eltern von behinderten Kindern künftig standhalten? Eine Gesellschaft, in der der Staat darüber entscheidet oder andere darüber entscheiden lässt, welches Leben gelebt werden darf und welches nicht, verliert ihre Menschlichkeit.

In der Frage PID gibt es keine Möglichkeit auszuweichen, Kompromisse zu schließen. Es gibt nur ein Ja oder Nein. Ich bin, so schwer das im Einzelfall auch sein mag, für ein klares Nein, damit nicht eine abschüssige Bahn beschritten wird.

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