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Der Krebs ist weg, die Erektion auch

In Deutschland erhalten immer mehr Männer die Diagnose Prostatakrebs. Und müssen abwägen, ob sie eine Behandlung wählen, die sie ihre Potenz rauben und sie inkontinent machen kann. Oder ob sie den Krebs wachsen lassen. Ein 69-Jähriger berichtet über sein Leben nach der Bestrahlung.

  Manchmal kostet die Prostatakrebs-Therapie die Potenz

Manchmal kostet die Prostatakrebs-Therapie die Potenz

Immer mehr Männer in Deutschland erfahren, dass sie Prostatakrebs haben: Parallel zur Ausdehnung der Diagnostik hat sich die Zahl der entdeckten Fälle in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Heute gehen Experten davon aus, dass von 100.000 Männern rund 100 an Prostatakrebs erkranken, die allermeisten jenseits des 60. Lebensjahrs.

Aber: Obwohl die Zahl der Diagnosen so immens gestiegen ist, hat sich die Sterblichkeit kaum verändert - von 100.000 Männern fallen 24 dem Tumor zu Opfer. Wer die schlechte Nachricht bekommt, steht also vor einer schwierigen Entscheidung: Soll er darauf spekulieren, dass er zu den Fällen gehört, die der Krebs nicht umbringen wird und die schließlich mit dem Karzinom im Körper, aber an einer ganz anderen Ursache sterben? Oder soll er sich behandeln lassen? Und wenn ja: wie? Viele haben schon gehört, dass die Entfernung der Prostata das Risiko birgt, impotent und womöglich inkontinent zu werden. Aber auch andere Behandlungsmethoden bergen diese Gefahren - auf die nicht immer ausreichend hingewiesen wird. stern.de lässt einen 69-Jährigen zu Wort kommen, dessen Hoffnungen sich nicht erfüllt haben.

"Ein hoher Preis"

Jammern hilft jetzt nicht mehr. Es ist passiert. Der Krebs ist weg, aber die Erektion auch. Ein hoher Preis. Ein zu hoher? Was wäre die Alternative gewesen? Langsames Dahinsiechen mit Metastasen? Nein danke.

Im Rückblick ist vieles nicht gut gelaufen. Acht, neun Jahre lang stieg der PSA-Wert im Blut kontinuierlich. PSA bedeutet prostata-spezifisches Antigen. Der Wert kann Hinweise darauf geben, ob sich die Prostata gefährlich verändert. Anfangs lag der Wert bei fünf Nanogramm pro Milliliter, für sich als Zahl nicht dramatisch, aber wie ich gelernt habe, muss man die Dynamik beachten. Und der Wert nahm stetig zu. Meinem Urologen kann ich keinen Vorwurf machen, er hat alles versucht: Tastuntersuchungen, Blutuntersuchungen, die unangenehme Biopsie, bei der mit einer langen rektal eingeführten Nadel Gewebeproben entnommen wurden. Der Befund der Biopsie war negativ, aber der PSA-Wert nahm weiter zu. Anfang des Jahres, im Januar, lag er bei 30, und da hatte mein Arzt dann genug. Er sagte: "Jetzt müssen wir etwas machen."

Eigentlich hatte er mich schon jahrelang gewarnt, aber ich habe nicht auf ihn hören wollen. Ich wollte nicht glauben, dass da langsam ein Karzinom wächst. Ich wollte an eine Prostatitis glauben, eine Entzündung. Im Verdrängen war ich schon immer ganz gut, aber die negativen Befunde gaben mir ja schließlich auch Recht, wie ich glaubte und hoffte.

Der Krebs wird per Strahlentherapie behandelt

Eine Ultraschalluntersuchung in einer Klinik bestätigte im Februar den Verdacht des Arztes. Seitdem weiß ich: Ich habe Prostatakrebs. Ein weiterer Schlag nach Herzinfarkt, Scheidung, Tod der neuen Partnerin. Scheiß Spiel, dachte ich. Was tun? Welche Methode ist die richtige, wenn sich in diesem für einen Mann so wichtigen Organ ein bösartiger Krebs eingenistet hat? Ich wusste, dass man bei einer Prostataentfernung Gefahr läuft, seine Manneskraft zu verlieren. Das wollte ich nicht! Ich wollte weiter Sex haben, der mir mit 69 Jahren noch genauso viel Spaß macht und mir genauso wichtig ist wie mit 20.

Ich sprach mit meinem Urologen und mit der Klinik: Eine Strahlentherapie biete die größte Sicherheit, den Krebs zu besiegen und gleichzeitig die Erektionsfähigkeit zu erhalten, hieß es. Zu "90 Prozent" wurde mir in der Klinik garantiert, potent zu bleiben. Man "schießt drauf und trifft genau", hat man mir versichert. Eine Sauerei im Nachhinein, auf jeden Fall mangelnde Aufklärung.

Noch im Februar ging es los: ambulante normale Bestrahlungen plus Bestrahlung von innen mit radioaktivem Material, das in die Prostata eingebracht wurde. Es war anstrengend, ich hatte Durchfall, konnte das Wasser nicht halten, habe mir in die Hosen gemacht, einfach nur unangenehm, dennoch: Ich brauchte keine Chemotherapie, und nach einer Untersuchung bei meinem Urologen kam die erlösende Nachricht: Der PSA-Wert ist unten. Der Krebs, so hoffe ich, ist besiegt.

Die Klinikärzte spielen die Sache herunter

Dennoch war mir sofort klar, dass etwas schief gegangen ist: Die Erektion war weg und ist bis heute nicht zurückgekehrt. Beischlaf-Versuche scheiterten kläglich, das Glied hing schlaff herunter wie ein Wiener Würstchen in der Dose. Die Klinikärzte spielten die Sache mit oberflächlichem Gerede herunter. Kein Wort zu Komplikationen, zu Problemen oder zur Nachsorge. Stattdessen überhöhte Rechnungen für einen solventen Privatpatienten. Mein Arzt schenkte mir reinen Wein ein: Keine Chance, die Strahlen haben wichtige Nerven getroffen, die Potenz wird nicht zurückkehren. Das darf nicht wahr sein, dachte ich. Ich hätte im ersten Moment schreien können vor Wut. Ich fühlte mich von der Klinik hintergangen und ausgebeutet.

Doch was geschehen ist, lässt sich nicht mehr rückgängig machen, und es nützt nichts, über verschüttete Milch zu jammern. Ich habe eine neue Freundin, ich habe Sex mit ihr, auch wenn es natürlich nicht genauso geht wie früher. Sie geht sehr liebevoll mit meinem Problem um. Allein ihretwegen muss ich einen Ausweg finden. Es gibt drei Möglichkeiten: Eine Schwellkörperinjektionstherapie, bei der ich vor dem Geschlechtsverkehr Medikamente spritzen kann, die eine Erektion auslösen. Ich kann es auch mit einer Vakuumpumpe probieren, die über den Penis gestülpt wird, bis er sich aufrichtet. Aber ich werde mich wohl für eine hydraulische Penisprothese entscheiden, die mein Urologe zusammen mit erfahrenen Spezialisten dann implantiert. Dabei wird ein flexibler Stab in den Penis eingesetzt. Mit einer Art Blasebalg lässt er sich bei Bedarf aufpumpen. Was für ein Aufwand, besonders für jemanden wie mich, der Sex liebt, der immer stolz darauf war, schnell in Schwung zukommen. Als Mann ist es schwer zu akzeptieren, nicht mehr zu können, und das ist beileibe nicht nur ein körperliches, sondern vor allem ein seelisches Problem. Sicher, man kann eine Frau auch anders glücklich machen, aber miteinander zu schlafen, ist eben doch noch etwas anderes. Also werde ich mir einen Helfer einbauen lassen, was soll's? Andere haben ein künstliches Hüftgelenk.

Aufgezeichnet von Frank Gerstenberg

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