"Niemand soll Menschen mehr so schädigen können"

12. November 2012, 22:25 Uhr

Minderwertiges Silikon in Brustimplantaten, damit machte die Firma PIP Profit - auf Kosten der Gesundheit von Hunderttausenden Frauen. In Deutschland ziehen nun Betroffene vor Gericht. Von Lea Wolz

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PIP, Brustimplantate,

Zwei Ordner mit Unterlagen zur Operation und zum Prozess hat Iris Herold mittlerweile angelegt©

Als Iris Herold Anfang des Jahres von dem Skandal um gefährliche Brustimplantate las, sei sie einfach nur unglaublich wütend gewesen, erinnert sich die 40-Jährige. Sie hatte sich vor fünf Jahren solche Gelkissen einsetzen lassen. Aus zwei Gründen: "Nachdem ich meine drei Kinder gestillt hatte, war nicht mehr viel da", erzählt sie. Zudem habe ihr Frauenarzt noch eine Zyste festgestellt, eine Operation sei daher ohnehin nötig gewesen. Die gelernte Sekretärin entschied sich daher, beides in einem Aufwasch zu erledigen.

Ein erfahrener Facharzt für plastische Chirurgie in Karlsruhe riet ihr zu Silikonkissen. "Er sagte, dabei handele es sich um ein medizinisches Produkt, das ein Leben lang im Körper bleiben könnte", erzählt Herold. "Risiken seien nicht vorhanden." Ihr Mann habe extra noch gefragt, ob es noch etwas Besseres auf dem Markt gebe. "Denn an der Gesundheit wollten wir nicht sparen." Doch der Arzt hätte ihnen versichert, dass es das beste Produkt wäre, das momentan erhältlich ist. Für die Operation zahlte Herold 5800 Euro, der Mediziner setzte ihr zwei Silikonkissen des französischen Unternehmens Poly Implant Prothèse, kurz PIP, ein.

PIP-Gründer kommt 2013 vor Gericht

Anfang des Jahres erfuhr die 40-Jährige, dass die Kissen mit billigem Industriesilikon gefüllt sind - und ihre Gesundheit gefährden können. "Seitdem lebe ich in Angst", sagt Herold. "Dabei habe ich viel Geld bezahlt und Wert auf Qualität gelegt." Als sie von dem Skandal erfuhr, war für sie klar, dass sie klagen würde. An diesem Dienstag wird der Fall vor dem Landgericht Karlsruhe verhandelt.

Den Anwälten von Iris Herold zufolge ist es in Deutschland der erste derartige Prozess. Sie gehen davon aus, dass der Ausgang des Verfahrens Auswirkungen auf andere Schadensersatzforderungen wegen solcher billigen Brustimplantate hat. 250 Frauen durch die Einlagen geschädigte Frauen vertreten Herolds Anwälte nach eigenen Angaben. Ein Einzelfall ist die 40-Jährige bei Weitem nicht.

Billiges Industriesilikon versetzte Anfang des Jahres Hunderttausende Frauen weltweit in Angst. Sie alle hatten sich Implantate des französischen Unternehmens PIP einsetzen lassen. Aus Profitgier verwendete das Unternehmen statt des zugelassenen medizinischen Gels für die Kissen Billigsilikon. Die Firma ist mittlerweile pleite. Ihr Gründer saß monatelang im Gefängnis, im April 2013 soll der Prozess gegen ihn beginnen.

Kissen reißen häufiger

Seit 2010 war bekannt, dass es Probleme mit den PIP-Kissen gibt. In Frankreich rieten die Behörden den betroffenen Frauen Ende 2011 zu einem Austausch der gefährlichen Kissen. Das in Deutschland zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) rief im Januar 2012 dazu auf. Kurz darauf weitete das Institut die Empfehlung auf Brustimplantate des Herstellers Rofil Medical und auf das Produkt "TiBreeze" der Firma GfE Medizintechnik aus.

Mehr als 5000 Frauen in Deutschland tragen dem Bfarm zufolge die Implantate dieser Hersteller in sich. Bis Juni haben sich etwa 1000 von ihnen die Kissen heraus operieren lassen. Bei mehr als einem Viertel war dem Institut zufolge mindestens eines der Implantate gerissen. Bei jeder fünften Frau hatte das Kissen "geschwitzt", Silikon war durch die Implantathülle getreten. Das Bfarm kommt zu dem Schluss, dass die Kissen deutlich häufiger reißen als hochwertige Produkte. Die Gefahr, dass Silikon in den Körper gelange - und sich etwa in den Lymphknoten der Achselhöhle ansammelt - sei bei ihnen daher gegenüber Qualitätsprodukten um ein Mehrfaches erhöht.

Ein ähnliches Fazit zieht auch die britische Gesundheitsbehörde NHS in ihrem Mitte Juni veröffentlichten Abschlussbericht zu dem Skandal: Demnach reißen die PIP-Einlagen zwei- bis sechsmal häufiger als Brustimplantate anderer Hersteller. Dass von den Billigkissen eine Krebsgefahr ausgeht, konnte bis jetzt allerdings nicht bestätigt werden. Das in den Implantaten verwendete Gel sei weder krebserregend noch giftig und stelle langfristig keine Gesundheitsgefahr dar, heißt es in dem Bericht.

War die Empfehlung, die Silikoneinlagen vorsorglich entfernen zu lassen, damit überhaupt begründet? Auch diese Frage dürfte in dem Prozess wohl eine Rolle spielen.

Ein Ziehen in der Brust

Iris Herold bemerkte drei Jahre nach dem Einsetzen der Implantate ein Ziehen in der rechten Brust. Auch ein Taubheitsgefühl im rechten Arm sei aufgetreten. Verspannt habe sie sich gefühlt und müde, sagt sie. Doch das schob sie erst einmal auf den Stress mit den Kindern und den Umzug. Durch Zufall erfuhr sie 2010 von den Problemen mit den PIP-Implantaten. Besorgt rief sie in der Klinik an, erhielt aber erst einmal ein beruhigendes Schreiben.

Mit der Ruhe war es Anfang dieses Jahres vorbei. "Als ich von dem PIP-Skandal las, dachte ich, das darf doch alles nicht wahr sein", sagt Herold. Sie fordert Schmerzensgeld und Schadensersatz. Da der Hersteller der Implantate, PIP, mittlerweile insolvent ist, haben sie und ihre Anwälte die Klage gegen fünf Parteien gerichtet.

In erster Linie werfen sie dem behandelnden Chirurgen vor, unzureichend aufgeklärt und die PIP-Silikonkissen als besonders sicher angepriesen zu haben. Den TÜV-Rheinland sehen sie in der Pflicht, da er die gefährlichen Implantate zertifiziert hat. Die Firma, die das Industriesilikon geliefert hat, hätte den Anwälten zufolge prüfen müssen, an welche Adresse es ging. Daneben sind auch die Allianz-Versicherung, der ehemalige Haftpflichtversicherer von PIP in Frankreich, und die Bundesrepublik Deutschland angeklagt. Letztere, da das Bfarm Warnhinweisen nicht rechtzeitig nachgegangen sei.

"Einer muss haften"

"Mindestens einer der fünf Verantwortlichen muss haften", sagt Anwalt Michael Graf. "Ansonsten würde es bedeuten, dass die Frauen schutzlos wären und viele keine Möglichkeit hätten, sich die Implantate herausnehmen zu lassen." Momentan übernehmen die Kassen die Kosten für Entfernung und neue Implantate nur, wenn diese aus medizinischen Gründen eingesetzt wurden - etwa zum Brustaufbau nach Brustkrebs. Handelt es sich um eine Schönheitsoperation, müssen die Patienten zum Teil oder ganz selbst zahlen. Im Fall Herold fordern die Anwälte Schmerzensgeld in Höhe von 20.000 bis 30.000 Euro. Zudem sollen zukünftige Schäden übernommen werden.

Sein Mandant habe sich pflichtgemäß verhalten, entgegnet Andreas Wende, der Anwalt des Chirurgen. "Die Implantate waren zertifizierte Medizinprodukte. Darauf müssen sie sich als Arzt verlassen können." Es sei unmöglich, selbst in die Produktionsstätten zu schauen und die Unbedenklichkeit der Produkte zu überprüfen. Dass von dem Prozess eine Signalwirkung ausgeht, bezweifelt er. "Es gibt auch andere, zeitnahe Verfahren." Zudem könne immer nur von Fall zu Fall entschieden werden, ob der zuständige Arzt haftet oder nicht.

Iris Herold wollte die Kissen zuerst möglichst schnell herausnehmen lassen. Doch aus psychischen Gründen hat sie sich dazu entschieden, auch wieder neue einsetzen zu lassen. "Damit es wenigstens nach etwas aussieht." Etwa 6000 Euro würde sie das kosten. "Die Krankenkassen übernimmt davon nur einen geringen Teil, für den Rest müsste ich selbst aufkommen", sagt sie. Mit ihrem Prozess will sie anderen betroffenen Frauen ebenfalls Mut machen, für ihr Recht zu kämpfen. Und sie hofft, dass die Kontrolle der Produkte besser wird. "Damit niemand mehr Menschen so schädigen kann."

 
 
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