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"Unsere Seele kommt nicht mehr hinterher"

Ängste, Depressionen, Essstörungen und andere Arten psychischer Erkrankungen nehmen zu. Und das in allen Altersklassen. Schuld ist der ständige Optimierungsdruck, schreibt die Bloggerin Sandra Geißler - und hat gründlich genug davon.

Von Sandra Geißler

Alles schaffen, immer funktionieren? Viel wichtiger ist es, sich und seine Bedürfnisse zu kennen.

Alles schaffen, immer funktionieren? Viel wichtiger ist es, sich und seine Bedürfnisse zu kennen.

Fast jeder kennt einen Menschen in seinem Umfeld, der mit einem Burnout, Depressionen oder Essstörungen zu kämpfen hat oder hatte – und das oft schon in jungen Jahren. War das schon immer so oder gehen wir heute einfach offener damit um? Täuscht der Eindruck, dass durch den gesellschaftlichen Leistungsdruck und die extreme Schnelllebigkeit die Seele nicht mehr hinterher kommt und die Anzahl der Erkrankungen steigt? Vielleicht ist es auch eine Mischung aus beiden Faktoren.

Die Schnelllebigkeit unserer Welt macht krank, der Leistungsdruck macht noch kränker. Ständig ist das in der Nähe. Statt persönliche Gespräche zu führen und gemeinsam mit Freunden etwas zu erleben, werden Sprachnachrichten und Screenshots verschickt.

Für jedes Ziel und Bedürfnis gibt es Seminare, To-do-Listen und Coachings. Und hey, du kannst alles schaffen, was du nur möchtest. Du musst es dir nur fest genug vom Universum wünschen. Es klappt nicht? Sorry, dann hast du dich nicht genug angestrengt mit der schnellen Selbstoptimierung – dabei gab es doch die perfekte Anleitung im Netz. Wann haben wir das zu unserer Wahrheit gemacht? Dass Erfolg viel mit Durchhaltevermögen, Frustrationstoleranz und auch immer einem Quäntchen Glück zu tun hat, das sehen viele von uns nicht mehr.

Sich selbst gut zu kennen wird zur Lebensversicherung

Uns wird vermittelt: Wer keinen Erfolg hat, hat sich nicht genug angestrengt. Da draußen wollen uns viele glauben machen, dass sie die sichere Anleitung zum persönlichen gefunden haben, und sie teilen ihr Wissen nur allzu bereitwillig mit uns. Doch wenn ich an all diesen Coachings teilnehme und meine Listen brav abhake, mein gewünschtes Ergebnis sich aber nicht einstellen will, habe ich mich dann einfach nicht genug angestrengt? Das Problem mit diesen Instant-Anleitungen ist doch: Sie vermitteln den Eindruck, dass alles über Nacht möglich und erreichbar ist. Das ist doch ein absoluter Trugschluss.

Rome wasn’t built in a day. Ausdauer, Durchhaltevermögen, Disziplin und Hingabe führen zum Ziel. Die Fähigkeit, Durststrecken auszuhalten und hinzunehmen, und die Fähigkeit, sich durchbeißen zu können. Wie sollte eine Anleitung aus dem Internet es leisten können, uns das an die Hand zu geben?

Und wie steht es eigentlich neben all dem Erfolgs- und Leistungsdruck um traditionelle Werte? Werden die noch vermittelt? Oder ist das alles Quatsch und ich bin als 1983er Jahrgang schon zu alt, um diese Entwicklung nachvollziehen zu können? Tell me. Es kann halt nicht jede eine Businessfrau, ein Model, ein Stylist, eine Wahrsagerin sein oder was auch immer – auch wenn dir deine Lieblings-App etwas anderes erzählt. Es gibt Dinge, die kann man nicht lernen. Selbstüberschätzung wird zur Grube, in die wir so leicht fallen, ohne es zu merken. Sich selbst gut zu kennen wird zur Lebensversicherung deluxe.

"Mich interessiert eure Hipster- Scheiße nicht. Ich möchte authentisch und echt sein."

Everybody will be famous for 15 minutes. Andy Warhol hatte Recht. Damals, in den 80er Jahren, sagte die Pop- Art-Ikone mit diesem berühmten Satz unsere Zukunft voraus. Jeder schreibt heutzutage einen Blog, hat einen Youtube- Account oder ist selbst ernannter Experte auf irgendeinem Gebiet. Das Internet ist demokratisch. Es hat aus Modefans Modeblogger und aus kleinen Storys globale Unterhaltung gemacht.

Doch wir bezahlen einen sehr hohen Preis für diese Demokratie. Den Preis der Verwirrung, den Preis der unendlichen Auswahl, den Preis der Überflutung. Nach über zehn Jahren in der digitalen Welt schaue ich mir die Gesichter der Menschen an, und ich sehe Zerstreutheit, Unsicherheit, Bindungsangst, Zerrissenheit, Überforderung.

Applikationen wie Instagram gaukeln das perfekte Leben, Modeblogs das perfekte Sein vor. Perfekte Körper, die richtige Handtasche, den richtigen Studiengang, den richtigen, perfekten Freund. Mich interessiert eure - Scheiße nicht. Ich möchte authentisch und echt sein. Ich will mich nicht vereinnahmen lassen, sondern mein Ding machen. So wie ich das mag. In meinem Tempo. Egal, ob das jemandem gefällt oder nicht. Wir suchen Orientierung und Sicherheit, gleichzeitig wollen wir nicht eingeengt werden, und wehe, es wird langweilig. Wir suchen die Quadratur des Kreises. Wer von uns wird es wirklich schaffen, die Gegensätze miteinander zu verbinden? Geht das überhaupt? Ja, ich denke, das kann funktionieren, indem wir es einfach tun. Ohne Anleitung, frei Schnauze. Und ohne die einzig richtige Antwort, die es sowieso nicht gibt. Dann kann vielleicht auch unsere Seele wieder mithalten.

Über die Autorin:

Sandra Geißler, 34, ist Modebloggerin und schreibt regelmäßig im online-Magazin Edition F. Nachdem sie sich mit einer Freundin über die rasante Verbreitung psychischer Leiden im Bekanntenkreis gewundert hatte, verfasste sie diesen Text.

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