Startseite

Wie die Seele das Herz krank macht

Nicht nur Zigaretten und Schweinebraten verschleißen den Lebensmotor. Nach und nach entdecken Wissenschaftler, wie eng auch die Gefühlswelt mit der Pumpmechanik verwoben ist. Eine neue medizinische Disziplin, die Psychokardiologie, erforscht, wann Angst, Ärger und Trauer lebensbedrohlich werden.

Von Anika Geisler

  • Anika Geisler

Sie hat nie geraucht. Geht regelmäßig schwimmen. Ihre Cholesterinwerte sind in Ordnung, der Blutdruck ist eher niedrig. Katharina Dörner (Namen von der Redaktion geändert) ist das Musterbeispiel einer gesunden Frau. Gefährdet, so dachte auch sie selbst, sind andere - Raucher, Übergewichtige, Leute mit erhöhtem Blutdruck oder Diabetes. Aber im Sommer 2007 bricht Katharina Dörner in ihrem Haus in Hürtgenwald bei Aachen zusammen, mit ziehenden Schmerzen in der Brust, im linken Arm und im Kiefer. Sie muss sich übergeben. Ihre Tochter alarmiert den Notarzt: Verdacht auf Herzinfarkt.

In der Klinik trauen die Ärzte ihren Augen kaum. Als sie mit dem Katheter die Herzkranzgefäße untersuchen und nach den Engpässen oder Verstopfungen forschen, die normalerweise der Grund für einen Infarkt sind, finden sie: nichts. Die Adern sind gemessen am Alter der Patientin erstklassig, weit wie fabrikneue Ofenrohre. Erst nach einer Ultraschalluntersuchung, die das Herz seltsam verformt zeigt, kommen die Mediziner auf die Lösung: Katharina Dörner leidet unter dem sogenannten Broken-Heart-Syndrom, dem Syndrom des gebrochenen Herzens. "Zum Glück ist es nicht lebensbedrohlich, aber die ersten Anzeichen sind die gleichen wie bei einem Infarkt. Die Ursache sind Stresshormone, die kurzzeitig Teile des Herzmuskels lähmen", erklärt Johann Caspar Rüegg, ehemaliger Professor für Physiologie an der Universität Heidelberg.

Gespräche mit der 74-jährigen Patientin ergeben: Sie war vor dem Zwischenfall am Ende ihrer Kräfte. Eineinhalb Jahre zuvor war ihr Mann nach 52 Ehejahren an Lungenkrebs gestorben. Katharina Dörner hatte ihn aufopferungsvoll gepflegt und nach seinem Tod monatelang unter Panikattacken gelitten. Der Verlust hatte sie krank gemacht - ihr das Herz gebrochen.

Mehr als ein Fünkchen Wahrheit

Es gibt diese bildhaften Redensarten: "Das habe ich mir zu Herzen genommen." Und: "Da ist mir vor Schreck das Herz stehen geblieben." Oder eben: "Es hat mir das Herz gebrochen." Wie richtig der Volksmund damit liegt, wissen Mediziner inzwischen. Das Organ unter dem Brustbein war lange Zeit lediglich ein Muster robuster Mechanik: eine faustgroße Pumpe, die sich rund 100.000-mal am Tag zusammenzieht und dabei 7000 Liter Blut passieren lässt - ganze 46 Badewannenfüllungen. Die in der Regel wartungsfrei über viele Jahrzehnte funktioniert, falls ihre Zuleitungen nicht durch erbliche Einflüsse und ungesunden Lebenswandel verstopft werden - durch Rauchen etwa, durch fettes Essen, Bewegungsmangel.

Als vor einigen Jahren erste Ärzte und Psychologen fragten, ob die Nöte der Seele nicht doch ganz wörtlich "ans Herz gehen" könnten, wurden sie noch milde belächelt. "Ein altgedienter Kardiologie- Professor hat nach einem meiner ersten Vorträge auf einem Kongress gesagt, so einen Hokuspokus könne man doch nicht ernsthaft verbreiten", sagt Christoph Herrmann-Lingen, Chef der psychosomatischen Abteilung an der Uni-Klinik Göttingen und einer der Vorreiter des Forschungsgebietes. Aber inzwischen hat sich die sogenannte "Psychokardiologie" Respekt erkämpft. In der altehrwürdigen Deutschen Gesellschaft für Kardiologie gibt es eine eigene Arbeitsgruppe, die sich mit nichts anderem beschäftigt als mit den krankhaften Auswirkungen von psychosozialem Stress auf das Herz. Dicke Lehrbücher erscheinen. Und in immer mehr Krankenhäusern und Reha-Kliniken arbeiten Herzspezialisten, Ärzte für Psychosomatik und Psychologen Hand in Hand.

Verschiedenste Gefahrenherde

Die Kernerkenntnisse der jungen Disziplin: Tatsächlich sind die Qualen der Seele mächtig genug, um vorübergehend Teile des Herzmuskels zu lähmen - wie beim Broken-Heart-Syndrom. Oder um - weitaus häufiger sogar - zum lebensbedrohlichen Infarkt zu führen. Und die Liste der gefährlichen Gefühle ist lang: Aufregung, Angst, Trauer und Wut bergen verkannte Risiken, genauso wie Erschöpfung, Mutlosigkeit und Depression.

Manchen trifft es gleich nach einem einschneidenden Ereignis: Nach Katastrophen wie Erdbeben oder Terroranschlägen, nach einer Todesnachricht, einem Unfall. Andere, wie Katharina Dörner, leiden lange und brechen irgendwann zusammen, ohne dass ein direkter Anlass erkennbar wäre. Am häufigsten jedoch kommt beides zusammen: "Ganz typisch ist eine Kombination aus chronischer und akuter Belastung", sagt Christoph Herrmann-Lingen. "Die Patienten fühlen sich schon monatelang vor dem eigentlichen Infarkt extrem müde, erschöpft und ausgelaugt. Viele gehen deswegen sogar zum Arzt. Kommt dann noch plötzliche Aufregung dazu, passiert es: Der Infarkt ist da."

Was geschieht da unter Haut, Muskeln und Rippen? Wie können aus Gemütszuständen Gefäßverschlüsse werden? Wie lähmt die Seele das Herz? Bis heute haben Forscher nicht alle Details der gefährlichen Prozesse verstanden, aber die Grundzüge sind unumstritten: Wenn Trauer, Streit oder Schwermut über Wochen und Monate anhalten, sind sie für den Organismus ein und dasselbe - Stress, und zwar in der ungesunden, chronischen Variante.

Vieles ist noch unerforscht

Während "normaler Stress" die Alarmsysteme des Körpers nur für eine überschaubare Zeit hochfährt, gibt es bei Dauerbelastung kein Zurück. Eine Armada von Hormonen flottiert durch den Organismus und kann etwa mit Blitzattacken die Pumpzentrale lahmlegen - das Broken-Heart-Syndrom entsteht. Einige Experten vermuten, dass dabei Stresshormone einen Teil der Herzmuskelzellen vergiften. Andere glauben, dass die Hormone plötzliche Verkrampfungen der Kranzgefäße auslösen, sodass das Herz nicht mehr genügend Blut bekommt. Sicher ist nur, dass das geheimnisvolle Phänomen rasch wieder abklingt. Stress-Opfer wie die Witwe Dörner kommen deshalb mit dem Schrecken davon.

Andere haben mehr Pech: Bei ihnen peitscht der Daueralarm die Herzfrequenz hoch und ruiniert zugleich die Gefäße. Sie werden härter und enger, bekommen Ablagerungen, die womöglich den Durchgang verstopfen. Oder die aufreißen und Gerinnsel bilden - eine Gefahr, die durch eine gleichzeitig gesteigerte Gerinnungsneigung des Bluts noch erhöht ist. Werden die malträtierten Gefäße und das permanent hochtourig laufende Herz-Kreislauf-System dann noch zusätzlich mit akutem Stress belastet, ist das Infarktrisiko besonders hoch.

Bei Christian Graf* war ein Streit mit dem Chef Auslöser für seinen Infarkt. "Im Job war ich immer auf Achse und kam nie zur Ruhe", sagt der Behindertenbetreuer. "Die Treppen im Haus nahm ich im Laufschritt, ich hatte immer das Gefühl, meine Arbeit nicht schnell genug zu schaffen." Als eine neue Kollegin eingestellt wurde, fing diese an, Christian Graf zu mobben. Und dann kam der Tag, an dem ihm sein Chef ins Gesicht sagte, dass er ihn loswerden wolle - nach mehr als zehn Jahren. Graf bekam einen Herzinfarkt, sechs Stunden nach dem Gespräch, abends im Bett. Da war er gerade mal 40 Jahre alt. Er hatte immer gesund gelebt, war Ausdauerläufer und Vegetarier, hatte nie geraucht, kaum Alkohol getrunken. Aber dafür hatte er dauernd unter Strom gestanden. Und schließlich den letzten Kick bekommen.

Hauptursache Berufsstress

Wie sehr schwierige Arbeitsverhältnisse aufs Herz gehen können, ist inzwischen gut untersucht. Dauernder Ärger im Job verdoppelt bei Menschen, die ursprünglich gesund waren, das Risiko für einen Infarkt. Dabei gibt es zwei besonders bedenkliche Konstellationen: zum einen Jobs, die mit vielen Anforderungen und hohem Zeitdruck verbunden sind, die aber gleichzeitig wenig Entscheidungsspielraum lassen. "Dazu gehören zum Beispiel Reinigungskräfte, Fernfahrer, Krankenschwestern oder Pfleger", sagt Professor Johannes Siegrist, Medizinsoziologe an der Universität Düsseldorf.

Der zweite Knackpunkt im Arbeitsalltag ist der Mangel an Wertschätzung: "Die Leute verausgaben sich im Beruf und werden nicht dafür belohnt", sagt Siegrist. "Dabei kann mangelnde Belohnung ganz unterschiedlich aussehen: schlechte Bezahlung, niedriger Status, keine Aufstiegschancen, ein unsicherer Arbeitsplatz, ein cholerischer Chef oder mobbende Kollegen." Zu den typischen Fällen zählen etwa Assistenzärzte, die Verantwortung tragen, schlecht bezahlt werden und in den strengen Hierarchien im Krankenhaus wenig zu sagen haben. Oder berufstätige Mütter, die sich an zwei Fronten aufreiben und überall bekrittelt werden. Oder notorisch Gebende wie Seelsorger oder andere sozial Engagierte. Menschen wie Christian Graf.

Auch wer nicht arbeitet, kann unter chronischem Stress stehen. Arbeitslos sein und jeden Tag eine neue Absage aus dem Briefkasten ziehen, im Ehekrieg leben oder die demente Mutter pflegen - das zermürbt die Seele genauso wie Druck und das Fehlen von Anerkennung im Job. Schlimmstenfalls komme beides zusammen, so Wolfgang Mayer-Berger, Chefarzt der Reha-Klinik Roderbirken bei Leverkusen, einer Einrichtung, die sich auf Herz und Psyche spezialisiert hat. Das Schema wiederhole sich: Arbeiten bis zum Anschlag, um Hausbau und Schulden abzahlen zu können. Irgendwann, wenn das nicht funktioniert, bricht der Traum zusammen, der Lebensstandard sinkt, die Partnerschaft zerreibt sich an Problemen.

Bei Dieter Schell* zum Beispiel ging erst die Liebe kaputt und dann, als er 54 war, das Herz. Schell ist Veranstaltungsmanager eines großen deutschen Pharmaunternehmens. "Ich bin Perfektionist und habe mich von jeher über Leistung definiert. Ich wollte immer fünf Prozent besser sein als die anderen und hatte einen inneren Antreiber", sagt er. "Es gab für mich kein Wochenende, keinen Feierabend, keine Mittagspausen." Seine Ehe zerbrach darüber, er musste seine Kinder allein großziehen. Aber selbst da wusste er noch nicht, was er sich antat. "Ich dachte: Toll, wie ich das alles wegstecke. Bei dir gibt es ja gar keine Grenzen bei der Belastbarkeit." Dann kam der "Schuss vor den Bug": Infarkt.

Richtig einschätzen und bewerten

Nicht jeder, der harte Arbeit oder private Probleme bewältigen muss, ist gleich gefährdet. Wie anfällig jemand für Stress ist, hängt zum einen von genetischen Faktoren ab, zum anderen von Erfahrungen und Gelerntem. Wie viel erwarten wir von uns? Wie sehr sind wir auf Leistung fixiert? Welche Bedeutung messen wir kritischen Situationen zu? Können wir sie bewältigen? Wer das Gefühl hat, den Herausforderungen gewachsen zu sein und sie kontrollieren zu können, bei dem steigt der Spiegel des Stresshormons Cortisol beispielsweise kaum an. Es gibt eine Art unbewusstes Körpergedächtnis, das solche Erfahrungen speichert, vergleicht und bewertet. Der eine empfindet den Ehekrach oder den launischen Chef bloß als Belastung, der andere zerbricht schier daran.

Nachgewiesen ist, dass chronisch emotional angestrengte Menschen ihre Umwelt anders wahrnehmen - der Beginn eines Teufelskreises: Der Sollwert für "Alarm" ist bei ihnen heruntergesetzt, ihr Gehirn ist aufmerksamer und wachsamer für Außenreize. Sie reagieren oftmals schreckhaft oder aufgeregt, bei alltäglichen Situationen verhält sich der Körper, als wären es Notfälle.

Während Experten ursprünglich davon ausgingen, dass allein Ehrgeiz, Hektik, Zeit- und Konkurrenzdruck das Herz gefährden, haben sie heute noch ganz andere Risikofaktoren im Fokus. Besonders intensiv beschäftigen sie sich mit dem sogenannten Typ-D-Verhaltensmuster, das sie mit Schlagworten wie Feindseligkeit und Ärger verbinden. "Gemeint sind Menschen, die ihre negativen Emotionen nicht mit anderen besprechen können", erklärt Christoph Herrmann-Lingen. "Sie werden diese Gefühle nicht los, schlucken sie runter und fressen sie in sich hinein." Mit fatalen Folgen für die Pumpe.

Besonders nah am Klippenrand stehen krankhaft Trübsinnige: Wer unter Depressionen leidet, hat ein doppelt so hohes Risiko für einen Herzinfarkt wie seine ausgelasseneren Mitmenschen. "Eine Depression ist Dauerstress für den Körper", erklärt Professor Karl-Heinz Ladwig vom Helmholtzzentrum in München. "Vielen Außenstehenden leuchtet das erst mal nicht ein. Sie denken: ,Der lebt doch zurückgezogen und ist eher wenig aktiv - warum soll der denn Stress haben?‘" Das sei ein Trugschluss. Denn der Körper von Depressiven sei permanent in einer destruktiven Anspannung, und die ganze Stoffwechsellage verändere sich. "Die Depression kann es in puncto Herzinfarkt durchaus mit den bekannten körperlichen Risikofaktoren wie Rauchen oder Bluthochdruck aufnehmen", sagt Ladwig.

Fruchtbare Zusammenarbeit

Hans-Joachim Breckenkamp, Lehrer aus Velbert, hat das zu spüren bekommen: Er hatte in den vergangenen Jahren viele Schicksalsschläge zu verkraften und war in der Folge regelmäßig im Herbst schwermütig geworden. Die Mutter war innerhalb kürzester Zeit an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben, seine Frau 2001 an einem Nierentumor erkrankt, er war in gerichtliche Auseinandersetzungen mit Verwandten verstrickt, und zwei Sportunfälle hatten den begeisterten Fußballer lange Zeit außer Gefecht gesetzt.

Das alles nahm sich Hans-Joachim Breckenkamp zu Herzen. Die depressiven Verstimmungen stellten sich regelmäßig jedes Jahr im Herbst wieder ein. Dann fühlte er sich müde und antriebsarm - er nahm Antidepressiva, begab sich auch in psychotherapeutische Behandlung. Trotzdem: Im November 2005 erlitt er einen Infarkt, mit 53 Jahren. Nach mehreren Krankenhausaufenthalten kam er in die Reha-Klinik Möhnesee bei Soest.

Dort arbeiten Kardiologen und Ärzte aus der Psychosomatik eng zusammen. Der Chefarzt der psychosomatischen Abteilung, Thomas Müller-Holthusen, sagt: "Wir haben häufig Patienten, die jahrelang unter Depressionen leiden und sich des Risikos für ihr Herz gar nicht bewusst sind. Dann bekommen sie einen Infarkt. Wenn sie Glück haben, landen sie bei einem Doktor, der ihnen erklärt, dass da durchaus ein Zusammenhang bestehen kann."

Genau genommen sogar ein doppelter: Zum einen leiden Depressive unter einem erhöhten Infarktrisiko, zum anderen kann der Infarkt seinerseits in eine schwere psychische Krise führen. Wenn die Pumpe versagt, der Lebensmotor aussetzt, weckt das bei vielen Ängste oder stürzt sie in tiefe Trauer. Ein Fünftel aller Infarktpatienten bekommt eine sogenannte Postinfarktdepression. "Herzchirurgen übersehen oft diesen Zusammenhang und fragen den Patienten: Ihr Herz funktioniert doch wieder - warum gucken Sie denn noch so traurig?", sagt Müller-Holthusen. Aber wer depressiv reagiert und das nicht behandeln lässt, hat wesentlich schlechtere Genesungschancen: Das Risiko, innerhalb der nächsten zwei Jahre zu sterben oder einen erneuten Infarkt zu bekommen, erhöht sich auf das Drei- bis Fünffache.

Die Erfolge sind eindeutig

Jeder, der in die Klinik Möhnesee kommt, hört deshalb drei Vorträge: einen über Stress, einen über Depressionen und einen über Stressbewältigung. "Die Patienten müssen ganz allmählich lernen, dass sie ihrem Körper wieder trauen können", sagt Rainer Schubmann, kardiologischer Chefarzt in der Klinik Möhnesee. Etwa durch Gesprächstherapien, Entspannungsverfahren oder mit dosiertem Sport.

Lehrer Hans-Joachim Breckenkamp kann sich inzwischen wieder einigermaßen an Alltäglichem erfreuen, auch wenn er nach dem Infarkt nur noch eingeschränkt belastbar ist. "Das bunte Laub im Herbst, das Blühen der Blumen im Frühling, dass die Kinder gesund sind", sagt er. Der Behindertenbetreuer Graf schafft es jetzt, "die Dinge nicht mehr so an mich heranzulassen". Dem Veranstaltungsmanager Schell helfen Meditationskurse und Entschleunigung. "Ich musste erst mal lernen, meine Hochtourigkeit zu durchbrechen und auch mal nichts zu denken und nichts zu machen. Ich musste sogar lernen, wieder langsamer zu gehen und langsamer zu essen", sagt er. "Und dass ich nicht mehr für alles verantwortlich bin."

Frühes Handeln

Umdenken, Verhaltensänderung, Entspannung - dafür brauchen die meisten professionelle Hilfe. Und viele Stressopfer gehen diesen Weg erst, wenn die Pumpe schon versagt hat. Dabei könnten sie lange vor dem Kollaps an sich arbeiten: Wer seine Trauer nicht bewältigt, wer fürchtet, depressiv zu werden, sollte unbedingt ein offenes Gespräch mit seinem Hausarzt führen - oder sich an einen Psychologen oder Psychiater wenden. Ist die Not noch nicht erdrückend, lässt sich sogar mit kleinen Schritten viel bewegen. "Das heißt ganz konkret: Pausen einlegen, mal aus dem Fenster gucken und träumen. Und in heiklen Lagen bewusst atmen oder sich Bilder, die Gelassenheit vermitteln, vor das innere Auge rufen, um sich emotional von der belastenden Situation zu distanzieren", sagt Hans-Peter Unger, Chefarzt der Psychiatrie an der Asklepios-Klinik Hamburg-Harburg. Er bietet zusammen mit einer Yoga-Spezialistin ein sogenanntes Achtsamkeitstraining an für Menschen mit ersten Stresssymptomen wie Herzrasen, Kribbeln in den Armen oder Schlafstörungen.

In Göttingen fragt Professor Herrmann-Lingen seine Patienten: "Was tut Ihnen gut? Was kann Sie motivieren, pünktlich das Büro zu verlassen?" Viele hätten erst mal Angst, ihnen würde etwas weggenommen werden: die Arbeit, die so viel Raum einnahm. Dabei ginge es doch darum, Alternativen anzubieten, ein Gegengewicht aufzubauen. "Stress gilt leider immer noch als etwas Ehrenhaftes. Es gibt da einen Spruch, den viele im Kopf tragen: Einen Infarkt erleidet man nicht, den verdient man sich", sagt Herrmann-Lingen. Es ist an der Zeit, diesen Irrtum aus der Welt zu schaffen.

print

Kommentare (0)

    Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

    Partner-Tools