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stern-Gespräch

"Wir finden einen Ausweg. Katastrophen sind lösbar!"

Psychiater Christian Peter Dogs hatte eine grauenhafte Kindheit – und brachte es bis zum Chefarzt. Ein Gespräch über gute Therapeuten, die Macht der Gefühle und seine Abneigung gegen die Psychoanalyse.

Von Anika Geisler

Kritik an Psychoanalyse: "Wir finden einen Ausweg!"

Christian Peter Dogs, 64, in Lindau. In der Nähe betreibt er eine Privatpraxis. Zudem ist er Ärztlicher Direktor der psychosomatischen Abteilung an der Max Grundig Klinik in Baden-Baden

Herr Dogs, Sie kennen sich aus mit den Abgründen der Seele. Als Arzt und Therapeut – aber auch aus persönlicher Erfahrung. Nun fordern Sie, die abzuschaffen – eine der berühmtesten Behandlungsmethoden. Was ist falsch daran, sich aufs Sofa zu legen?

Ich halte nichts von der Psychoanalyse. Analytiker sind oft distanziert, geben sich allwissend und verschwenden die Zeit der Menschen. Den meisten gelingt es nicht, eine Bindung zu ihren Patienten aufzubauen. Aber nur dann kann man erfolgreich therapieren. Die Psychoanalyse sollte abgeschafft werden. Stellen Sie sich vor: Bis zu 300 Therapiestunden zahlen die Kassen! Und was kommt nach Jahren der Analyse heraus? Der Patient war als Kind für sechs Wochen an der in einem Erholungsheim. Das gilt als Trauma und ist dann angeblich der Grund, warum es ihm heute schlecht geht.

Lehre von der Entstehung und Behandlung von Neurosen war bahnbrechend für die Medizin. Was ist heute falsch daran?

Ich finde das Konzept überholt. Es ist sehr verkopft zu glauben, dem Menschen würde im Hier und Jetzt geholfen werden, wenn er über Jahre in der Vergangenheit rumstochert. In meinen 30 Jahren als Arzt und Chefarzt habe ich rund 30.000 Patienten gesehen – und noch keinen erlebt, dem es durch die Analyse besser gegangen wäre. Im Gegenteil: Vielen ging es schlechter, weil sich durch das dauernde Bearbeiten der schweren Themen aus der Vergangenheit die negativen Bewertungsbahnen im Gehirn immer mehr verfestigt hatten. Während meiner Ausbildung zum Psychotherapeuten musste jeder selber eine "Lehranalyse" durchlaufen. Auch die war ein Graus.

Warum?

Zu Beginn sagte der Professor: "Eine Analyse ist wie das Eintauchen der Hände in Essigwasser. Vorher denkt man, dass man nichts hat – anschließend brennt es an den Stellen, an denen Verletzungen sind." Und in den Einzelstunden sagte der Analytiker zu mir: "Herr Dogs, die nächsten 50 Minuten gehören Ihnen." Dann saß er am Kopfende der Couch, auf der ich lag, schwieg, sagte mal "Hm" und schlief zwischendurch ein. Ich schwieg auch meistens und schlief ebenfalls ein. Da kann man sich gleich einen Barkeeper als Therapeuten suchen – der hört auch gut zu.

Auf dem Segelflugplatz: Christian Peter Dogs als Kind mit seinem Vater. Der war in seiner Klinik der umschwärmte Chef, zu Hause aber ein Sadist und brutaler Despot

Auf dem Segelflugplatz: Christian Peter Dogs als Kind mit seinem Vater. Der war in seiner Klinik der umschwärmte Chef, zu Hause aber ein Sadist und brutaler Despot

In einigen Studien über die Wirksamkeit verschiedener Behandlungsmethoden schneidet die Analyse nicht schlecht ab.

Ach, ich sehe diese Studien sehr kritisch. Meiner Ansicht nach kann man in der Psychotherapie keine validen Studien machen. Sie können die Lebensumstände des Patienten nicht abbilden, dabei haben die einen großen Einfluss auf das Wohlergehen. Als junger Arzt habe ich auch mal gedacht: Oh, dem Patienten geht es besser, bin ich ein toller Therapeut!

Und dann ...?

... habe ich rausgefunden, dass dieser Patient sich in der Klinik verliebt und Sex hatte. Deswegen ging es ihm gut. Und sicher auch wegen seiner verständnisvollen Mitpatienten, der guten Gespräche untereinander, weil er sich aufgehoben fühlte in der Klinik. Aber vermutlich nicht wegen meiner paar Einzelsitzungen. Letztlich ist das ganze Thema Psychotherapie – wer wird da warum mit welcher Methode wie lange therapiert – ein selbsterhaltendes System. Keiner ändert etwas, weil alle gut daran verdienen und kein Therapeut Lust hat, nur die wirklich Schwerkranken zu behandeln. Das ist anstrengender, als Gespräche über Befindlichkeitsstörungen zu führen.

Sie selbst sind Teil des Systems. Als Chefarzt haben Sie sehr gut an Ihren Patienten verdient.

Am Anfang habe ich Leute, die nicht schwer krank waren, vorzeitig aus der Klinik entlassen – höflich, aber bestimmt. Ich sagte ihnen: Sie verstopfen hier die Plätze für die wirklich Kranken. Ein Beamter etwa mit depressiven Verstimmungen, dem es aber eigentlich ganz gut ging und der von mir berentet werden wollte und das auch offen zugab. Ich bekam Ärger mit den Krankenkassen, weil die Patienten ein Widerspruchsverfahren eingeleitet haben. Wissen Sie, wer so viel Zeit für Bürokratie hat, ist nicht schwer depressiv. Jetzt, in meiner Privatpraxis, behandele ich mehr und mehr Hardcore-Fälle kostenlos, zum Beispiel eine Borderlinerin, die sich selbst verletzt und auf Strommasten herumklettert.

Und woran erkenne ich nun einen guten Therapeuten?

Die Chemie muss stimmen, das merken Sie ziemlich schnell, ob Sie einen Draht zu jemandem haben. Machen Sie erst einmal ein, zwei Probestunden aus, um herauszufinden, ob Sie eine Bindung aufbauen können. Das gelingt, wenn der Therapeut offen ist, authentisch, warmherzig; wenn er Humor hat und auch einmal etwas von sich preisgibt. In der Panorama Fachklinik in Scheidegg im Allgäu, die ich viele Jahre geleitet habe, boten wir 1994 als einzige Klinik in Deutschland die freie Therapeutenwahl. Der Patient ging nicht zu einem Behandler, der ihm zugeteilt wurde, weil er gerade Zeit hatte, sondern zu dem, den er sich ausgesucht hatte. Es gab Kollegen, zu denen niemand wollte. Denen habe ich als Chef gesagt: Sie können keine Bindung aufbauen, werden Sie lieber Anästhesist oder Chirurg.

Kindheitsszene: Dogs als Siebenjähriger. "Auf dem Foto sieht man meine Angst", sagt der Psychiater heute

Kindheitsszene: Dogs als Siebenjähriger. "Auf dem Foto sieht man meine Angst", sagt der Psychiater heute

Was sind die wichtigsten Schritte in der Therapie?

Gefühle zuzulassen! Und diese nicht als Krankheit zu bewerten. Ich sage meinen Patienten: Drängen Sie negative Emotionen nicht weg, sie gehören zu Ihnen. Die kommen an anderer Stelle wieder zum Vorschein, oder Sie werden körperlich krank. Das Interessante ist: Wenn Sie sich Angst, Wut oder Trauer zugestehen und als Teil von Ihnen akzeptieren können, löst sich oft das Problematische daran auf. Und Therapeuten sollten unbedingt vermitteln: Du darfst so sein, wie du bist. Essgestört, zu dick oder zu dünn, traurig oder aggressiv – das ist okay. Und dann gucken wir, wie wir im Hier und Jetzt etwas verändern können, damit es dir besser geht.

Wie kann das konkret gelingen?

Ich helfe den Patienten, sich ihren ungelösten Konflikten, die sie in der Gegenwart haben, zu stellen – denn die ziehen Kraft ab. Und ich frage: Was tut Ihnen gut? Wie stärken Sie Ihre Ressourcen? Ich rege an, sich auf das Positive zu fokussieren: Was ist gut in meiner Partnerschaft, in meiner Arbeit? Nicht immer nur die Defizite sehen. Viel Zeit in die Beziehung und Familie investieren. Und: Nicht nach dem Glück suchen, das macht immer unzufrieden. Das Gefühl von Zufriedenheit ist viel wertvoller.

Wie stärken Sie Ihre Ressourcen?

Ich habe gelernt, gut für mich zu sorgen. Ich achte sehr genau darauf, das auch zu tun. Ich gehe viel wandern, fahre Mountainbike oder mit dem Boot auf den See. Und ich betreibe rigorose Reizabschirmung: Ich stelle das Handy am Wochenende und abends aus, im Zug schaue ich aus dem Fenster, statt Mails zu checken und SMS zu schreiben. Ich gönne meinem Gehirn Pausen.

Sie bezeichnen sich selbst als Narzisst und wandelnde posttraumatische Belastungsstörung. Das klingt nicht vertrauenerweckend. Warum sollte ein Patient bei Ihnen eine Psychotherapie machen?

Weil ich aus dem Leben komme und nicht aus dem Lehrbuch. Ich habe in meiner Kindheit und Jugend schlimme Dinge erlebt, schreckliche körperliche und psychische Gewalt. Ich weiß, wie es ist, Angst zu haben, traurig und verzweifelt zu sein und erst einmal keinen Ausweg zu sehen. Deswegen kann ich Patienten, denen Schreckliches widerfahren ist, Mut machen und helfen. Ich kann glaubhaft vermitteln: Wir finden einen Ausweg, sind lösbar.

Blick nach vorn: Dogs hält wenig davon, endlos in der Vergangenheit herumzuwühlen

Blick nach vorn: Dogs hält wenig davon, endlos in der Vergangenheit herumzuwühlen

In Ihrem gerade erschienenen Buch, das Sie zusammen mit meiner stern-Kollegin Nina Poelchau geschrieben haben, schildern Sie sehr offen, wie grauenhaft Ihre Kindheit war. Ein Wunder, dass Sie nicht komplett abgestürzt sind.

Mein Vater war ein Sadist und ein brutaler Despot. Meine beiden Brüder sind daran kaputtgegangen, der eine ist als Obdachloser gestorben. Mein Vater leitete eine psychosomatische Klinik, nach außen war er der Star, der Herr Chefarzt, den die Patientinnen anhimmelten und mit denen er Affären hatte. Innerhalb der Familie führte er ein brutales Regime: Er war alkoholabhängig und morphiumsüchtig. Er drängte meine Mutter in der Schwangerschaft dazu, mich abtreiben zu lassen – sie fand aber keinen Arzt, der das tun wollte. Danach nannte er mich nur den "laufenden Mutterkuchen". Nachts hat er mich aus dem Bett geholt und verprügelt. Mir war es verboten, zwischen den Mahlzeiten zu essen oder zu trinken. Einmal hat er mich beim Mineralwassertrinken erwischt und so auf mich eingedroschen, dass mir die Flasche einige Zähne ausschlug. Meine Mutter flüchtete sich in Affären und Alkohol, auch sie schlug mich.

Im Alter von zehn Jahren sind Sie von zu Hause ausgerissen, danach nahm das Jugendamt Sie aus Ihrer desolaten Familie und steckte Sie in ein Heim.

Dort war es noch schlimmer. Ich wusste nie, wann und von wo die Gewalt kommen würde. Nachts, im Schlafsaal mit 24 Betten, machten sich die Jungen einen Spaß daraus, einem eine Plastiktüte über den Kopf zu stülpen, bis man aufwachte und dachte zu ersticken. Oder sie verdroschen einen mit nassen Handtüchern oder schossen mit Zwillen Nägel ab – ein Schüler verlor so sein Auge. Die Erzieher, teils waren das ehemalige Metzgergesellen, und Lehrer schlugen uns sowieso, die Prügelstrafe war in den 60er Jahren noch erlaubt: Wenn nachts zwei redeten, wurde der ganze Schlafsaal mit Ohrfeigen bestraft. Oder wenn man im Unterricht die Hände nicht auf dem Tisch liegen hatte. Das waren für mich fünf Jahre unter Dauerstrom.

Wie sind Sie dem entkommen?

Mit 15 erhielt ich ein Stipendium für ein Eliteinternat. Es war das Paradies! Keine Gewalt; Lehrer, die sich um mich kümmerten; zugewandte Eltern von Mitschülern, die in meine Taschengeldkasse einzahlten und mir Klamotten schenkten. Aber mit 18 habe ich begonnen, Drogen zu nehmen und Heroin zu spritzen – da hat der Vater eines Mitschülers, ein Arzt, mit mir im Urlaub einen kalten Entzug gemacht. Das war nicht lustig.

Und danach waren Sie plötzlich clean, stabil und auf der richtigen Bahn Richtung Chefarzt? Das klingt sensationell.

Nein, meine Kindheit hat deutliche Spuren hinterlassen, so einfach war das nicht. Fast hätte ich mein Abitur nicht geschafft. Ich habe als Müllmann gearbeitet, dann Bademeister und Masseur gelernt, war Tennistrainer und Animateur. Erst sechs Jahre später habe ich mein Medizinstudium begonnen. Aber meine Biografie zeigt: Auch wenn man Traumatisches erlebt, gibt es Auswege. Vorausgesetzt, man trifft auf die richtigen Leute, die einem helfen.

Sie bieten auch Paartherapie an. Ihre eigene Ehe scheiterte. Was ist schiefgelaufen?

Ich war lange Zeit in einem narzisstischen Höhenrausch, als viel gefragter Chefarzt und Coach. Ich war getrieben von der Sucht nach Anerkennung. 25 Wochenend-Workshops pro Jahr, Klinik bis Freitag, dann Seminar auf Mallorca, Montagmorgen wieder Klinik. Dazwischen ist meine Tochter irgendwie aufgewachsen, was ich nicht richtig mitbekommen habe. Das bereue ich heute. In dieser Zeit sind Gefühle zwischen meiner Frau und mir kaputtgegangen – und letztlich die Beziehung. Wir haben uns nach 20 Jahren Ehe getrennt. Heute investiere ich viel Zeit in die Partnerschaft, eben weil Beziehung eine wichtige Ressource ist. Und ich spreche Konflikte an und laufe nicht tagelang mit miesepetrigem Gesicht rum.

Wie muss man sich das vorstellen?

Manchmal werde ich sauer und sage: Mir stinkt das, ich habe jetzt Lust auf Sex und du nicht. Und meine Freundin sagt dann zum Beispiel: Ja, dann bist du halt beleidigt, da musst du durch. Es kann auch ruhig laut werden. Das ist besser als diese typischen Eheszenen: Du hast doch was? Und der andere, mit verkniffenem Mund: Nein, nein, es ist nichts – was sich häufig über Wochen oder Monate hinzieht.

Wenn Sie zu sich selbst in Therapie kämen, was würden Sie sagen?

Das, was ich zu den meisten Narzissten am Anfang sage: Mach doch nicht so einen Wind.

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