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stern-Gespräch

"Geld kann sich erneuern, Zeit nicht"

Der prominente Verhaltensökonom Dan Ariely ist aus seinem hektischen Leben ausgebrochen, um einen Monat mit Fremden zu wandern. Was rät er zum Umgang mit unserem kostbarsten Gut?

Von Eckart von Hirschhausen

Zeitmanagement: "Geld kann sich erneuern, Zeit jedoch nicht"

Fotomontage eines Multitaskers: Dan Ariely – wie er sein Dasein als Forscher erlebt

Dan Ariely ist einer der bedeutendsten Verhaltensökonomen der Welt. Ihn beschäftigt die Frage, warum vernunftbegabte Menschen so häufig unvernünftige Entscheidungen fällen. Warum etwa gewinnen wir durch den Einsatz von Computern scheinbar immer mehr Zeit, leiden jedoch unter extremem Zeitmangel? Aufgewachsen in Israel, lehrt und forscht er in den USA. Eckart von Hirschhausen traf den Psychologen. Gerade hatte sich Ariely eine einmonatige Auszeit genommen. Mit ständig wechselnden Begleitern wanderte er durch das Land seiner Kindheit.

Herr Ariely, mein erster Versuch, etwas von Ihrer Zeit zu erhaschen, endete mit einer automatisierten E-Mail-Antwort: "Sehen Sie sich bitte erst an, was ich schon alles zu dem Thema gesagt habe." Offenbar wollen viele Menschen ganz Ähnliches von Ihnen. Wie entscheiden Sie, wem Sie etwas von Ihrer Zeit schenken möchten?

Ich bin ein Spieler. Mein Wetteinsatz ist meine Zeit. Vor ein paar Jahren bekam ich eine Mail von einem Unbekannten zum Thema Ehrlichkeit. Irgendetwas erschien mir interessant daran, die Art, wie er schrieb. Ich ließ mich also auf ihn ein, diskutierte mit ihm, und ich erfuhr, dass er ein Weingut in besitzt. Später, auf einem Wanderurlaub, kamen wir an seinem Gut vorbei und besuchten ihn. Wir wurden bewirtet, blieben über Nacht, und das wiederholte sich. So wurde es eine Freundschaft. Mittlerweile habe ich auch schon seine Eltern besucht. Das ist meine Antwort: Wenn alles zu viel wird, wenn die Dinge unübersichtlich werden, treffen Sie einfach eine Entscheidung, wetten Sie auf eine der vielen Möglichkeiten, und schauen Sie, was geschieht.

Unterwegs in Israel: Dan Ariely (l.) in Gesellschaft eines Wandergefährten

Unterwegs in Israel: Dan Ariely (l.) in Gesellschaft eines Wandergefährten

Zu einer Entscheidung gehört immer, zu anderen Möglichkeiten Nein zu sagen. Und wir fürchten uns offenbar vor verpassten Gelegenheiten. So sehr, dass wir uns allzu leicht verzetteln.

Ja – es ist sehr schwer, Nein zu sagen. Aber in Wahrheit kommen Sie überhaupt nicht darum herum. Jedes Mal, wenn Sie Ja zu etwas sagen, haben Sie auch Nein zu den Alternativen gesagt. Nein dazu, sich morgen früh auszuschlafen, Nein zu Ihren Kindern …

Und manchmal freuen wir uns richtig darüber, wenn das Schicksal an unserer Stelle Nein sagt. Ich habe Bekannten etwas versprochen, weil ich mich verpflichtet fühlte, aber leider, leider fällt der Termin dann doch ins Wasser. Kennen Sie dieses Hochgefühl?

Ja, gewiss. Die landläufige Erklärung ist: Ich wurde angerufen und um etwas gebeten, und mein Bauchgefühl sagte mir, da solltest du jetzt auf keinen Fall einfach absagen. Tatsächlich ist es aber oft eine Vermeidungsstrategie gegen künftige üble Emotionen. Ich möchte einfach nicht von Schuldgefühlen geplagt werden, weil ich später denke, ich habe jemanden hängen lassen. Aber die eigentliche Frage, die ich mir beantworten müsste, ist: Wo kommt die Zeit dafür her? Wovon nehme ich sie weg?

Wie schützt ein hyperaktiver Forscher wie Sie seine Zeit?

Mein erster Schutzwall ist Megan, meine treue Assistentin. Ich habe einen Ordner für ankommende Anfragen angelegt. Er heißt "Megan, sag Nein". Und das tut sie dann für mich. Der schwierigere Ordner heißt "Megan, entscheide du". Da sagt sie gewöhnlich auch ab. Und für die übrigen Nachfragen habe ich mir Regeln gemacht.

Spielregeln für Ihr Leben?

Nein, eine ganz klare Struktur. Jemand möchte mich einladen, damit ich komme und einen Vortrag über meine Erkenntnisse halte. Ich antworte jedem: "Ich halte exakt einen Vortrag pro Monat, für den ich reisen muss. Für die kommenden 18 Monate bin ich ausgebucht. Möchten Sie einen Termin für die Zeit danach machen?" Und das wird klaglos akzeptiert.

In der Comedy-Serie "Little Britain" hackt die permanent genervte Angestellte Carol Beer jedes Anliegen ihrer Kunden in ihre Tastatur: " sagt Nein". Das ist die Karikatur Ihrer Regel. Man schiebt die Verantwortung auf eine Apparatur, die kein Gewissen hat.

Aber mein Fall liegt anders. Ich gleiche widerstreitende Interessen aus, ohne mich von Gefühlen des Augenblicks mitreißen zu lassen. Und ich sehe das positiv. Denn die Logik ist für die Interessenten an einem Vortrag ganz einfach nachzuvollziehen: "Diese Absage wendet sich nicht gegen mich. Sie ist nicht persönlich gemeint. Dan Ariely folgt einer gerechten Regel, und sie gilt für alle."

Ist uns Zeit heute teurer geworden als Geld, als materieller Wohlstand?

Man sollte sich immer bewusst machen, dass Zeit auf eine andere Weise verrinnt und uns ausgehen kann, als Geld es tut. Trotz aller Mühen, die sein Erwerb mit sich bringen mag, bleibt Geld doch etwas, was sich erneuern kann. Zeit nicht. Auf meiner großen Israel-Wanderung im vergangenen Monat ist mir das sehr bewusst geworden: Jeden Tag wanderte ich von sieben Uhr früh bis sieben Uhr abends. Ein alter Freund, ich kenne ihn seit der siebten Klasse, begleitete mich. Wir verzichteten auf alles Unnötige, auf die tägliche Rasur etwa, und die leidigen E-Mails bleiben natürlich unbeantwortet. Im Norden Israels zogen wir los, auf einem Weg, der das ganze Land durchzieht. 1000 Kilometer ist er lang, wir schafften in dreißig Tagen gut zwei Drittel. Und jeden Tag luden wir unterschiedliche Menschen zu uns ein, um uns für den Tag zu begleiten. Bekannte aus der Kindheit waren dabei, aber auch Leute, die wir nie zuvor gesehen hatten. Sie konnten sich online bewerben, uns zu begleiten. 20 solche Internetbekanntschaften haben uns dann für jeweils einen Tag begleitet.

Wie ist es, stundenlang an der Seite eines Fremden zu wandern?

Es sind Eindrücke, die ich unbedingt weiterempfehlen würde. Denn es ist begeisternd, wie leichthin man ins Gespräch kommt und wie intensiv es werden kann, wenn man einen Weg miteinander geht – selbst wenn er zehn Stunden dauert. Diese Gespräche sind frei von Stress. Man blickt sich ja nicht ständig an, man geht nebeneinander, und dadurch gibt es keine peinlichen Gesprächspausen, die man zwanghaft füllen würde. Weil wir also sicher waren, dass die Gesprächssituation selbst nicht peinlich sein würde, dachten wir uns allerdings: Dann steigen wir doch ganz absichtlich mit etwas furchtbar Peinlichem in unser Kennenlernen ein.

Was für ein eigenwilliges Ritual!

Und das ging so: Sobald es zum Aufbruch ging, baten wir unsere neue Bekanntschaft, uns eine Geschichte aus ihrem Leben zu erzählen, die sie so richtig erröten lassen würde. Dazu gab es die Las-Vegas-Regel: "Was auf dem Wanderweg gesprochen wird, bleibt auf dem Wanderweg. Beginnen Sie also einfach mit einer Geschichte, deren Schamesqualen Sie kaum ertragen können."

Und das haben Ihre Wandergäste mitgemacht?

Oh ja, bereitwillig! Es gab fantastische Diskussionen. Große Gespräche. Das Gefühl echter Freundschaft. Es wurde eine grandiose Zeit, einer der großartigsten Monate in meinem Leben. So etwas kann man nur dank Zeit erreichen, Zeit, die man sich nimmt und investiert.

Mir fällt auf, dass Maschinen, Automaten, Computer und Komfort in dieser Erzählung eines Begeisterten keine Rolle spielen. Sie haben bewusst darauf verzichtet. Was haben Sie ansonsten vermisst? Die Landschaft North Carolinas, wo Sie leben, Ihr Cabrio, Ihre Arbeit, das Kulturleben, die Vorabendserie?

Nichts davon. Aber solch eine Erwartung des Mangels gab es. Ich habe also ein Buch mitgenommen, denn gewiss würde ich abends gern lesen wollen. Das ist nie passiert. Nach zehn Stunden Wandern lernen Sie vor allem eines: sehr gut zu schlafen. Nein, mir fehlte nichts.

Ihre Frau. Ihre Familie?

Nein, mir fehlte nichts.

Sagen Sie ihnen das besser nicht … andererseits sind Sie ja augenscheinlich erfrischt heimgekehrt.

Ich würde argumentieren: Alles hat seine Zeit – wir Menschen sind uns seit Jahrtausenden bewusst, wie wohl uns solche Erlebnisse der Erfrischung und Erneuerung tun. Wir suchen einen Rhythmus von Ruhe und Aktivität. Wir haben den Sabbat, und in Amerika ist es ein nationales Ritual, jede Weihnachtswoche der Einkehr und der Familiengemeinschaft zu widmen. Doch darüber hinaus gilt: Für jede Form der Auszeit und der Erholung scheint es auch ein ihr passendes Zeitmaß zu geben. Ich muss einen Instinkt dafür entwickeln, wie viel Zeit ich investiere, damit die Erfahrung kostbar wird. Für meine Wanderreise, da bin ich ganz sicher, hätte eine Woche auf keinen Fall genügt. Dieses einmalige Erlebnis hätte sich nicht entfalten können. Ein Monat war exakt das rechte Maß. Aber dieser Monat fühlte sich an wie zehn Tage.

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