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Interview

Was schafft Glück und Zufriedenheit im Leben?

Die Psychologin Judith Mangelsdorf über Fragen, die man sich stellen sollte, damit das Leben gelingt.

Judith Mangelsdorf, Leiterin des Lehr- und Forschungszentrums der Deutschen Gesellschaft für Positive Psychologie

Judith Mangelsdorf, Leiterin des Lehr- und Forschungszentrums der Deutschen Gesellschaft für Positive Psychologie

Wie fühlt man sich als Expertin für ein gelungenes Leben?

Gefragt. Immer mehr und Frauen und eine wachsende Zahl von Unternehmen haben erkannt, wie wichtig die Frage danach ist. Wir bilden Menschen darin aus, die Erkenntnisse der Forschung für sich und andere nutzbar zu machen.

Reden wir mal über den Beruf. Sehr viele sind mit ihrem nicht zufrieden. Wie können sie herausfinden, ob es besser für sie wäre, zu bleiben oder zu gehen?

Versuchen Sie, sich so 20 Jahre in die Zukunft zu denken: Auf Ihrem runden Geburtstag haben Sie alle Menschen um sich versammelt, die Ihnen wichtig sind. Wenn Sie jetzt eine Rede halten und über die vergangenen 20 Jahre sprechen, was sagen Sie zu Ihren Gästen? Und vor allem, wie schauen Sie auf Ihre Entscheidung zurück, vor 20 Jahren gegangen oder geblieben zu sein? Wenn Sie diese Rede schreiben, finden Sie die Antwort auf Ihre Frage.

Ich soll nur für mich allein eine Rede schreiben?

Ich würde sagen: ein Gedankenexperiment wagen, eine Art schriftlichen Dialog mit sich selbst. Sie könnten sich zum Beispiel auch fragen, wer Ihre Grabrede halten sollte und was diese Person sagen würde.

Was lerne ich daraus?

Wenn Ihnen niemand einfällt, ist es vielleicht an der Zeit, an Ihren Beziehungen zu arbeiten. Ein Kriterium für erfüllte Beziehungen wäre, dass Sie mindestens zwei Menschen haben, die Sie nachts um zwei anrufen können, wenn Sie Hilfe brauchen.

Welche Rolle spielt die Liebe?

Eine sehr große. Zumindest, wenn Sie Liebe wie die US-Psychologin Barbara Fredrickson als eine Beziehung zwischen zwei Menschen definieren, die nicht ausschließlich ist. In vielen Studien wird darauf verwiesen, wie wichtig gute und tiefe Beziehungen sind, nicht nur zum Partner, sondern auch zu Freunden und Kollegen. Wir definieren uns und unser Lebensglück sehr über andere und mit anderen. Die Frage, welche Menschen für mich die wichtigsten sind und wie viel Zeit ich mir für diese Menschen nehme, hilft sehr auf dem Weg zum gelungenen Leben.

Und wie kann ich meine Beziehungen zu anderen verbessern?

Die Forschung hat gezeigt, dass es dafür am besten ist, sich über Erfolge auszutauschen und sich gemeinsam an ihnen zu freuen. Wir nennen das "aktives konstruktives Reagieren". Wenn also das nächste Mal der Partner, ein Mitarbeiter oder Kollege von etwas Positivem berichtet – fragen Sie nach, und schenken Sie ihm Ihre Aufmerksamkeit.

Viele arbeiten nicht an ihrer Beziehung zu Kollegen, sondern lassen sich krankschreiben ...

Ja, das geschieht, weil negative Beziehungen und schlechte Arbeitsbedingungen psychisch krank machen können, und auch, weil viele Menschen ihre Arbeit als sinnlos erleben. Ein Drittel aller Beschäftigten gehört heute zur sogenannten Generation Y, zwischen 1980 und 1999 geboren. Man bezeichnet sie auch als die Generation "Why". Wenn Angehörige dieser Generation keine befriedigende Antwort darauf bekommen, warum sie etwas tun sollen, dann sind sie weg. Deswegen werden Antworten auf die Frage, unter welchen Bedingungen ein Leben gelingt, auch für Unternehmen immer wichtiger.

Jeder, der nur den Mindestlohn bekommt, wird solche Überlegungen für einen schlechten Scherz halten.

Es kommt auf die Art und Weise an, wie ich mit den Gegebenheiten des Lebens umgehe. Probieren Sie es aus: Sie haben fast immer die Möglichkeit, eine Situation zu verbessern. Und Sie können beeinflussen, worauf Sie Ihre Aufmerksamkeit lenken. Auf das, was fehlt, oder auf das Gute, das da ist. Amerikanische Forscher sagen: "Hunt the good stuff." Suche nach guten Erlebnissen. Und schreib dir abends drei dieser Dinge auf, für die du dankbar bist.

Noch was?

Ja. Glück ist ganz stark eine Frage der Haltung anderen Menschen gegenüber. Professor Martin Seligman, der Gründervater der Positiven Psychologie, wurde einmal gefragt: Wenn es mir einmal wirklich schlecht geht, welche eine Sache sollte ich tun, damit es besser wird? Seine Antwort war: Geh nach draußen und hilf einem Fremden. Es gibt nichts, was zum eigenen Glück so sehr beiträgt, wie andere glücklich zu machen.

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