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Was an der angeblichen Wunderheilung dran ist

Ralf Brosius vermarktet seine wundersame Genesung: Angeblich hat sich der Ex-Vertriebsleiter selbst vom Lungenkrebs im Endstadium geheilt - mit Wildkräutern. Einer Überprüfung hält das nicht stand.

Von Christiane Hawranek

  Ralf Brosius wirbt für Wildkräuter, seine "Lebensretter aus der Natur"

Ralf Brosius wirbt für Wildkräuter, seine "Lebensretter aus der Natur"

Ralf Brosius schildert den Tag, an dem er beschloss, die Ratschläge der Klinikärzte abzulehnen, wie ein Erweckungserlebnis. Es war kurz vor Weihnachten im Jahr 2006. Er hatte eine Operation nach Lungenkrebs hinter sich, die Ärzte hatten ihm einen Viertel Lungenflügel entnommen. Jetzt sollte eine Chemotherapie folgen. Doch Brosius entschied sich dagegen. Wenige Tage später saß er bei Dr. John Switzer im benachbarten Feldafing – einem approbierten Arzt, der sich jedoch ganz den alternativen Heilmethoden verschrieben hat: Ayurveda, Homöopathie, Wildkräuter. "Für ihn hatte ich keinen Krebs, ich hatte eine Kapha-Störung", erinnert sich Brosius. Herausgefunden habe Switzer das mit der ayurvedischen Pulsdiagnose.

Brosius erzählt seine Geschichte an seinem Küchentisch in Starnberg. Er schenkt sich ein Glas mit einer zähen grünen Flüssigkeit ein: gemixte Wildkräuter, seine "Lebensretter", wie er sagt. Auf dem Kühlschrank und der Spülmaschine sitzen steinerne Buddha-Figuren, mit bunten Ketten geschmückt. Brosius zählt auf, was er seitdem alles auf Rat von Switzer aus seiner Küche verbannt hat: Fleisch, Milch, Brot, Kaffee. "Wir vergiften uns mit der industrialisierten Nahrung und wir vergiften uns jeden Tag. Und die Konsequenz war: Krebs. Lungenkrebs im Endstadium." Kunstpause. Der 62-Jährige im schneeweißen Hemd mit roten Blumentupfen könnte jetzt genauso gut ein Mikrofon in der Hand halten und Messebesucher um sich scharen, denen er gleich die vermeintliche Erlösung aus diesem Bedrohungs-Szenario liefert: Wildkräuter, Rohkost, Nahrungsergänzungsmittel. Brosius hat Übung mit solchen Auftritten. In seinem eigenen Youtube-Kanal stellt er sich als Geheilter dar, "allein durch eine Veränderung seiner Ernährungsgewohnheiten" und das, obwohl er den "aggressivsten Lungenkrebs hatte, den es gibt".

499 Euro für einen Gemüsemixer

Brosius verkauft Todkranken Hoffnung. Er verkauft seine Geschichte. Er verkauft Nahrungsergänzungsmittel und ganz besondere Gemüsemixer, made in China, Stückpreis 499 Euro. Mit tausenden Krebskranken habe er in den vergangenen Jahren gesprochen. Brosius beschäftigt heute vier Mitarbeiter, auch seine Frau hat ihren Job aufgegeben. Früher hat er Callcenter-Mitarbeiter geschult. Er weiß also, was zu sagen ist, wenn jemand eigentlich schon längst auflegen wollte. In seinem Programm hat der "Coach für neue Ernährungsgewohnheiten" auch telefonische Beratungen, gegen Gebühr natürlich. Für den Marketing-Fachmann stehen die Kranken alle zunächst einmal am Scheideweg. Die einen, die mit dem Schicksal hadern, "sie vertrauen auf Gott oder den Arzt, der wird's schon richten." Brosius dagegen versucht, ihnen einen anderen Weg zu weisen. Seinen Weg. "Ich habe mir die Krankheit angeschafft, also muss ich sie auch wieder loswerden."

Aber – nicht alle schaffen es, ihm auf seinem radikalen, entbehrungsreichen Weg zu folgen. Seine Stimme wird jetzt leiser. Manche seiner Kunden sind leider gestorben. Er spricht wie ein Sektenguru über Abtrünnige: "Es gibt solche, die den Weg verlassen haben und dafür gibt es dann eine sehr sehr schnelle Quittung: ein bisschen Cappuccino hier und ein bisschen Kuchen da – mit Krebs ist eben nicht zu spaßen." Erzählt er seinen Kunden tatsächlich, Wildkräuter heilen unheilbaren Krebs? Er sage den Kranken einfach nur, was er an ihrer Stelle tun würde. Und er habe die "Lebensmitteltherapie" doch an sich selbst ausprobiert – jeder könne sehen, dass sie wirkt.

Lässt sich seine Heilungsgeschichte auch von Schulmedizinern überprüfen? Brosius gibt den Medienprofi: Selbstverständlich, er werde seinen beiden Hausärzten Schweigepflichtentbindungen schicken - notwendige Voraussetzung dafür, dass diese mit einer Journalistin über seine Diagnose sprechen dürfen. So habe er das bei seinen Talkshow-Auftritten ja auch gehandhabt. Wie ein Missionar verbreitet der braungebrannte Mann, dem immer ein paar Haarsträhnen in den Nacken fallen, die Botschaft von seiner wundersamen Wandlung vom unheilbar Kranken zum Kerngesunden. In der Talkshow "SWR Nachtcafe" reicht er den anderen Gästen kleine Gläser mit den Kräutersmoothies. Die meisten verziehen beim Probieren das Gesicht.

Kein Krebs im Endstadium

Aber hatte er wirklich "metastasierenden Lungenkrebs im Endstadium", wie er es im Fernsehen behauptet und in seinem Buch schreibt, das Spitzenplätze in der Amazon-Bestsellerliste zum Thema Krebs erreicht? Nein, sagt sein Hausarzt. Den aggressivsten, den es gibt? Wieder nein. Er zeigt die Diagnose aus dem Jahr 2006: großzelliges Bronchialkarzinom. Häufig bildet diese Lungenkrebs-Art Metastasen an Leber, Gehirn und Knochen. "Brosius aber hatte Glück, nur zwei Lymphknoten waren befallen, die wurden entfernt." Was bedeutet das für die Überlebenswahrscheinlichkeit?

Wieder Nachforschung bei Brosius: Wer hat ihn damals operiert? Er könne sich nicht erinnern, sagt er verärgert. "Ich mache jetzt gar nichts mehr, ich brauche sowieso keine Buch-Promotion", sagt er am Telefon. Einige Tage später fällt ihm der Name seines damaligen Chirurgen doch noch ein: Professor Rudolf Hatz, Chefarzt für Thoraxchirurgie an der Asklepios-Klinik Gauting.

Ein entscheidendes Wort sei falsch in Brosius' Erzählung. Er sei nicht im Endstadium, sondern in einem deutlich früheren Stadium seiner Krebserkrankung gewesen, er hatte ein lokal fortgeschrittenes Lungenkarzinom, sagt Rudolf Hatz. "Es war die Operation, die ihn geheilt hat. Punkt. Kein Zweifel." Hätte er wirklich Lungenkrebs im Endstadium gehabt, so der Chirurg weiter, wäre die OP gar nicht möglich gewesen. Wir holen eine Zweitmeinung von Professor Thorsten Walles ein, Thoraxchirurg am Universitätsklinikum Würzburg. Der bestätigt: "Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Patient dieses Tumorstadium überlebt, das war also keine Wunderheilung." Studiendaten, die er uns vorlegt, zeigen: Mehr als jeder vierte Lungenkrebspatient im "Stadium III A" überlebt die entscheidenden fünf Jahre nach Diagnosestellung. Brosius hatte also einen günstigen Verlauf. Seine Wildkräuter mögen gesund sein, entscheidend aber war die OP. Dass Brosius hinterher die Chemotherapie verweigert habe, falle hier nicht ins Gewicht, deren Einfluss auf die Heilung sei bei dieser Krebsart oft gering. Dass Brosius jetzt nachweislich angreifbare Fakten zu seiner Heilungsgeschichte verbreitet und daraus ein Geschäft macht? "Scharlatanerie", findet Professor Walles.

Auch Brosius' Kräuterarzt Dr. John Switzer lebt einträglich von dem Heilungsmythos. Seine Website verweist prominent auf den Muster-Patienten. Im großen Test Alternativmedizin des aktuellen stern versucht er, unsere Testpatientin mit Brustkrebs davon zu überzeugen, sich nicht operieren zu lassen – mit Verweis auf die angeblichen Heilungserfolge an Brosius. Switzer räumt auf unsere spätere Nachfrage hin ein, er habe auf die Aussagen des Patienten vertraut und demnach hatte er "Krebs mit Metastasen und die Ärzte gaben ihm nur eine geringe Lebenserwartung".

Und Brosius selbst? Was sagt er dazu, dass die Ärzte die Operation als wesentliche Ursache für sein Überleben sehen, nicht die Wildkräuter? Er antwortet per E-Mail: "Ich denke, dass Ärzte immer Recht haben. Wer bin ich, einem Fachmann zu widersprechen? Ein Arzt muss es besser wissen als ich." Offensichtlich glaubt er selbst fest an den Heilungsmythos, von dem er mittlerweile lebt. Sonst hätte er die Krankenhausbefunde nicht überprüfen lassen. Was jedoch nicht heißt, dass seine Version der Geschichte stimmt.

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