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Wie von den Experten erwartet, breitet sich das neue Influenza-Virus weltweit aus. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Fälle. stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen zur aktuellen Lage. Von Frank Ochmann und Lea Wolz
Niemand kennt die genauen Zahlen von Infizierten und Erkrankten. Denn nicht alle Betroffenen gehen zum Arzt, und nicht bei allen wird ein kompletter Laborbefund erhoben. Der aber wäre nötig, um sagen zu können, ob sich jemand wirklich mit der neuen Variante des H1N1-Virus angesteckt hat. Somit liegt die Dunkelziffer sicher weit über den offiziellen Zahlen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat bereits auf die steigenden Fallzahlen reagiert und den sinnlosen Versuch beendet, alle Infektionen und Todesfälle weltweit täglich aufzulisten. Denn die Wirklichkeit spiegelten diese Zahlen kaum mehr wieder. Der beobachtete Anstieg bestätigter Fälle bei uns, aber auch anderswo, bildet eine normale und für Experten nicht überraschende Entwicklung ab. Zum Teil kommt er durch Reiserückkehrer zustande. Aber auch innerhalb Deutschlands stecken sich immer mehr Menschen mit der Schweinegrippe, die auch als neue Grippe bezeichnet wird, untereinander an. Absolut gesehen sind die Fallzahlen zurzeit noch sehr gering: In Jahren einer schweren saisonalen Grippeepidemie wie 2004/2005 gehen bei uns zusätzlich rund fünf Millionen Menschen wegen entsprechender Symptome zum Arzt. Dazu kommen viele weniger schwere Fälle, die zu Hause oder ohne medizinische Hilfe auskuriert werden und dann in keiner Statistik auftauchen.
Nach den bisherigen Beobachtungen sind die Ansteckungswege und auch die Infektionsraten ähnlich wie bei herkömmlichen Influenza-Viren. Auffallend ist die verhältnismäßig hohe Zahl von gesunden jungen Menschen, die sich infizieren. Doch auch bei ihnen verläuft die Erkrankung fast immer mild.
Weil sich trotz der derzeit relativ ruhigen Lage die Situation in den kommenden Monaten oder Jahren verschärfen könnte. Besonders fürchten Experten eine Art Kreuzung des neuen H1N1-Virus mit einem weitaus aggressiveren Virus, das bislang noch nicht gut an den Menschen angepasst ist. Die Vogelgrippe vom Typ H5N1 wäre ein solcher Kandidat. Im ungünstigsten Fall könnten sich beide Varianten verbinden und so ein Virus hervorbringen, das die hohe Ansteckungsrate des einen mit der Aggressivität des anderen kombiniert. Um dem vorzubeugen, sollten die Fallzahlen also auch bei einem für sich milden Virus möglichst gering gehalten werden. Denn je weniger Menschen und Tiere sich infizieren, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit für eine gefährliche Veränderung der Erreger.
Das ist nicht erforderlich, solange man nicht erkrankt ist. Kranke sollten zu Hause bleiben und sich schonen. In jedem Fall sollten die wichigsten Vorsichtsmaßnahmen eingehalten werden, um eine Übertragung des Virus zu vermeiden.
Größere Menschenansammlungen
sollten vermieden werden. Ist
das nicht möglich, empfehlen Experten
einen Mindestabstand zu
anderen von einem Meter, was
auch bedeutet, dass Umarmungen
und Küsse unterbleiben sollten.
Auf jeden Fall angeraten sind
folgende Vorsichtsmaßnahmen:
• Mund, Nase und Augen möglichst
nicht mit den Fingern berühren,
um Viren nicht auf die
Schleimhäute zu bringen.
• Die Hände sollten regelmäßig
mindestens 20 bis 30 Sekunden
lang mit Seife und Wasser gewaschen
oder mit einem Desinfektionsmittel
auf Alkoholbasis gereinigt
werden.
• Darüber hinaus hilft es der körpereigenen
Abwehr - wie sonst
auch -, genügend zu schlafen,
sich gesund zu ernähren und
Sport zu treiben.
Die Symptome unterscheiden sich nicht von denen einer "normalen" Grippe: plötzliches hohes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Husten, Mattigkeit, fehlender Appetit. In einigen Fällen kann es auch zu Übelkeit und Darmbeschwerden kommen. Ob es sich tatsächlich um eine Infektion mit dem neuen H1N1-Erreger handelt, kann allein eine Laboranalyse klären.
Die Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch der Erkrankung wird als Inkubationszeit bezeichnet. Sie ist von der Art des Influenza-Virus abhängig. Bei der neuen Grippe scheint diese mit einem bis zu vier Tagen ähnlich zu sein wie bei der saisonalen Grippe. Ansteckend ist ein Infizierter dem Robert-Koch-Institut zufolge allerdings schon am Tag vor dem Symptombeginn. Bis zu einer Woche scheiden Menschen, die sich angesteckt haben, Viren aus.
Am besten bleiben Kranke zu Hause und kurieren sich dort aus. Das hilft ihnen und verhindert, dass sie andere Menschen anstecken. Wer glaubt, sich angesteckt zu haben, gehört auf keinen Fall an den Arbeitsplatz. Ein Telefonat mit dem Hausarzt wird Klarheit darüber bringen, wie am besten weiter vorgegangen werden sollte.
Nach Einschätzung des zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) wird ein Impfstoff gegen das neue Virus bei uns etwa ab Ende September eingesetzt werden können. Die beiden deutschen Produzenten in Dresden und Marburg haben sich verpflichtet, ausreichend Impfstoff für die gesamte Bevölkerung herzustellen.
Die Produktion des saisonalen Impfstoffes für den Winter 2009/2010 ist so gut wie abgeschlossen. Darum wird etwa ab September auch die sonst übliche Impfkampagne gegen die saisonale Grippe anlaufen können.
Nein. Da noch kein universeller Impfstoff existiert, ist es erforderlich, Jahr für Jahr einen neuen "Cocktail" zu produzieren, der die dann grassierenden Viren möglichst gut abdeckt. Nach dem derzeitigen Kenntnisstand bietet ein herkömmlicher Impfstoff keinen Schutz gegen das neue H1N1-Virus.
Auf jeden Fall sollten zuerst alle Angehörigen der medizinischen Dienste geimpft werden, um die Versorgung von Kranken sicherzustellen. Danach empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation beim Impfen ein schrittweises Vorgehen: Schwangere sollten zuerst geschützt werden und auch alle, die an einer chronischen Vorerkrankung wie Asthma oder einer Immunschwäche leiden. Dann folgen die Gesunden von 15 bis 49 Jahren, gesunde Kinder und Erwachsene von 50 bis 64, schließlich alle über 65. Den Ablauf regeln im Ernstfall die örtlichen Gesundheitsämter, die auch rechtzeitig informieren werden. Für jeden sind zwei Impfungen im Abstand von mindestens zwei Wochen erforderlich. Der Schutz gegen das neue H1N1-Virus ist dann etwa zehn Tage nach der zweiten Dosis vollständig ausgebildet.
Wer schon an der Schweinegrippe erkrankt ist, kann sich mit antiviralen Medikamenten behandeln lassen. Zu den sogenannten Neuraminidasehemmern zählen Tamiflu (Wirkstoff Oseltamivir) und Relenza (Wirkstoff Zanamivir). Diese haben sich bisher als wirksam erwiesen. Seit Ende Juni 2009 gab es aus mehreren Staaten Meldungen über aufgetretene Resistenzen gegen Tamiflu. Der WHO zufolge handelt es sich dabei allerdings bisher um Einzelfälle. Beide Arzneimittel sind rezeptpflichtig und müssen unter ärztlicher Kontrolle eingenommen werden. Werden sie nicht richtig dosiert, könnte das die Entstehung von resistenten Viren begünstigen, befürchten Mediziner. Sie raten auch davon ab, sich mit Tamiflu und Relenza zu bevorraten. Bei Kindern sollten die Mittel ebenfalls nicht zur Vorbeugung verwendet werden. Eine Studie der englischen Gesundheits-Agentur "Health Protection Agency", die im Journal "Eurosurveillance" veröffentlicht wurde, hat ergeben, dass Tamiflu bei ihnen sehr häufig Nebenwirkungen hervorruft.
Informationen zum Thema Schweinegrippe gibt es unter anderem unter den folgenden Adressen:
• "Wir gegen Viren", Internetseite
des Robert-Koch-Instituts
und der Bundeszentrale für
gesundheitliche Aufklärung
www.wir-gegen-viren.de
• Informationen vom
Paul-Ehrlich-Institut
(vor allem über Impfungen):
www.pei.de
• Alles über die neue Influenza
auf der Internetseite des
Robert-Koch-Instituts:
www.rki.de
• Impfempfehlungen der Weltgesundheitsorganisation
vom
13. 7. 2009 (nur auf Englisch)
www.who.int
• Kostenlose Info-Hotline des
Bundesgesundheitsministeriums:
0800/440.05 50 (Montag bis
Donnerstag 8-18 Uhr, Freitag
8-12 Uhr)
• Ratgeber "Erkältung
und Grippe" auf www.stern.de/grippe
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 32/2009