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Stern Logo Rauchen - Wege aus der Nikotinsucht

Von Vanillin bis Harnstoff

"Die gläserne Zigarette": Welche Substanzen setzen Zigarettenhersteller ihrem Tabak zu? Die Liste der Zusatzstoffe reicht von Honig und Vanillin bis hin zu Ammoniak und Harnstoff.

Es sind nicht nur die üblichen Verdächtigen, die eine Zigarette gefährlich machen. Neben Nikotin, Teer und Kohlenmonoxid gibt es noch eine Reihe von Zusatzstoffen, die die Zigarettenhersteller dem Tabak hinzugeben: Zucker, Honig, Menthol oder Vanillin sind Stoffe, die für sich gesehen ungefährlich sind und nach der Tabakverordnung des Lebensmittelgesetzes auch ganz legal verwendet werden dürfen. Doch es sind nicht nur diese harmlos klingenden Substanzen, die Zigaretten beigemischt werden. Neben den Aromen machen Ammoniak, Soda und Harnstoff einen Teil der mittlerweile 600 Zusatzstoffe aus, die die Zigarettenindustrie einer Zigarette beimischt.

Eine Zigarette ist schon lange nicht mehr nur ein wenig Tabak, der in Papier eingerollt und mit Filter versehen wird, sondern ein industriell hochentwickelter Chemikalien-Cocktail: eine perfekt entwickelte Applikationsformen für die Droge Nikotin. Ziel einer Zigarette ist es, den Bedarf nach noch mehr Zigaretten zu wecken. Der Schlüssel hierzu ist Nikotin, das aufgrund seiner suchterzeugenden Wirkung der Motor ist, der den Raucher - trotz aller Gefahren - immer weiter rauchen lässt.

Gluthitze ist wie ein chemischer Reaktor

Das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg fordert eine Novelle der Tabakverordnung, die seit 1977 erlaubt, dass viele Zusatzstoffe dem Tabak beigemischt werden dürfen. Eine Zigarette werde nun einmal nicht wie ein normales Lebensmittel gegessen, sondern geraucht, betonen die Heidelberger Forscher. Und in der 600 bis 900 Grad heißen Glut einer Zigarette entstehen aus eigentlich harmlosen Substanzen wie in einem chemischen Reaktor viele neue Verbindungen, die sucht- und krebserzeugend sein können. 3044 chemische Substanzen haben Wissenschaftler in einer Zigarette gefunden. Aus diesen wiederum bilden sich bis zu 4800 chemische Stoffe, die im blauen Dunst einer Zigarette umherschweben.

Deshalb begann die damalige Verbraucherministerin Renate Künast 2005, diese Zusatzstoffe genau unter die Lupe zu nehmen. Ihr Ziel: Alle Zusatzstoffe für die Zigarettenproduktion verbieten, die krebs- oder suchterregend wirken. Der erste Schritt war die Veröffentlichung einer Liste aller in Tabakprodukten verwandten Zusatzstoffe. Bis zum 13. Mai 2005 hatten die Tabakhersteller Zeit, ihre Substanzen an das Verbraucherministerium zu melden.

Herausgekommen ist eine 1174 Seiten umfassende Liste, auf der für jede einzelne Marke die Zusätze aufgelistet sind. Das Dokument ist im Internet für jeden zugänglich.

Ammoniak macht Nikotin noch gefährlicher

Einige der wichtigsten Zusatzstoffe sind die so genannten Ammonium-Verbindungen wie Ammoniak, Soda oder Harnstoff. Sie beeinflussen den Nikotingehalt und das Verhalten des Nikotins im Körper. Die gängige Angabe der Nikotinmenge, die sich heutzutage auf allen Zigarettenpäckchen findet, sagt nur bedingt etwas über die Gefährlichkeit der Zigarette aus. Ammoniak und die anderen Stoffe bewirken, dass zusätzlich zum frei im Tabak vorliegenden Nikotin auch noch das in chemischen Komplexen gebundene, versteckte Nikotin frei und vom Körper aufgenommen werden kann. Dieses chemisch gebundene Nikotin wird von den Messstandards nicht erfasst und fließt somit auch nicht in die Angabe des Nikotingehaltes mit ein. Und Ammoniak beschleunigt die Aufnahme des Nikotins in der Lunge und des Anflutens im Gehirn - die Droge Nikotin wirkt also schneller und länger.

Entscheidend ist neben der Menge vor allem aber auch, wie gut das Nikotin von der Lunge aufgenommen wird und wie viel von der Droge im Körper letztlich seine suchterregende Wirkung entfalten kann. Eine Zigarette, die viel Nikotin enthält, das aber nicht alles ins Blut gelangt, ist nicht so gefährlich wie eine Zigarette mit weniger Nikotin, welches aber mit Hilfe von Zusatzchemikalien wie Ammoniak effizienter in den Körper transportiert wird. So berichtet das Deutsche Krebsforschungszentrum in einer kritischen Bestandsaufnahme zu den Zusatzstoffen in Tabakerzeugnissen, dass die Tabakindustrie seit den 50er-Jahren immer ausgefeiltere Techniken entwickelt hat, um dem stetig wachsenden Bewusstsein der Schädlichkeit von Zigaretten vermeintlich Rechnung zu tragen. Zwar wurde die Menge des freien Nikotins in den Zigaretten gesenkt und die Zigaretten auf den ersten Blick "entschärft". In Wirklichkeit jedoch wurde durch Beimischung von Stoffen wie Ammoniak, Harnstoff oder Soda das Suchtpotenzial der Zigaretten erhöht. Im Körper kam einfach immer mehr Nikotin an.

Erstaunlicherweise findet sich in der veröffentlichten Liste bei keinem der Hersteller die Angabe Ammoniak oder Harnstoff. Das Verbraucherministerium vertraut hierbei auf die Vollständigkeit der Herstellerangaben.

"Weichmacher" machen Zigaretten für Jugendliche attraktiver

Um den strengen Geschmack von brennendem Tabak zu maskieren, werden in breiter Vielfalt Aromen eingesetzt, im Falle des Menthols sogar ganz offen damit geworben. Neben Menthol versüßen auch Zucker, Vanillin, Lakritze oder sogar Honig den unangenehmen Tabakgeschmack. Viele Zusatzstoffe in Zigaretten klingen wie harmlose Süßigkeiten, die man in jedem Supermarkt bekommt. Nach Auskunft des Krebsforschungszentrums ist Menthol zum Standard auch in nicht Menthol-Zigaretten geworden. Seine kühlende und schmerzlindernde Wirkung lässt die Lunge den beißenden Rauch besser vertragen. Abgesehen davon, dass aus ihnen in der Gluthitze krebserregende Stoffe entstehen, bewirken sie vor allem eines: mehr Nikotinaufnahme, weil mehr Rauch tiefer und länger inhaliert wird.

Nicht nur Erwachsenen sollen Aromen den Rauch angenehmer machen. Es wird System dahinter vermutet, um vor allem Jugendliche als Raucher zu gewinnen. "Bei Kakao, Honig und Aromen besteht der Verdacht, dass sie Jugendlichen das Rauchen erst schmackhaft machen, weil die Zigaretten süßlicher schmecken", zitierte die "Bild am Sonntag" damals die Verbraucherschutzministerin. "Das ist wie bei den Alcopops: Jugendlichen würde harter Stoff niemals schmecken - sie finden das Zeug nur genießbar, weil es pappsüß ist."

In der Tageszeitung "Die Welt" warnte Künast außerdem vor "Irreführung und Täuschung": "Es ist gefährlich, wenn durch verfälschten Geschmack oder kühlende Effekte Zigaretten genießbarer gemacht oder tiefer inhaliert werden." Ein Verbot gefährlicher Zusatzstoffe mache Zigaretten aber nicht gesünder. "Rauchen bleibt auch ohne Zusatzstoffe ungesund."

Alle krebserregenden Stoffe sollen verboten werden

Mit der Liste der Zigaretten-Zusatzstoffe als Basis sollen Experten eine Prioritätenliste erstellen, die festlegt, in welcher Reihenfolge die Zusatzstoffe auf ihre Schädlichkeit untersucht werden sollen. Außerdem soll ein standardisiertes Prüfverfahren entwickelt werden, anhand dessen die Zusatzstoffe unter die Lupe genommen werden.

Jens Lubbadeh
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