Ölhaltige Farben auf Verpackungen werden verboten

28. November 2012, 17:35 Uhr

Mineralöl-Rückstände in Adventskalendern haben Verbraucher in der Vorweihnachtszeit aufgeschreckt. Nun reagiert das Verbraucherministerium. Als Risikoquelle wurden ölhaltige Druckfarben ausgemacht.

Bei der Verbraucherzentrale in Hamburg steht das Telefon momentan nicht still. "Es gibt eine große Verunsicherung", sagt Lebensmittelexperte Armin Valet zu stern.de. Besorgte Großeltern und verunsicherte Eltern melden sich zuhauf.

Eine Untersuchung der Stiftung Warentest sorgt für diese vorweihnachtliche Unruhe. Einem aktuellen Test zufolge ist die Schokolade in einigen Adventskalendern mit gesundheitsgefährdenden Stoffen belastet. Die Prüfer warnen insbesondere Kinder vor dem Verzehr. Alles halb so wild, sagen dagegen andere Stimmen und warnen vor Panikmache. Die wichtigsten Fragen und Antworten für alle Eltern, die ihren Kindern mit gutem Gewissen einen Schokokalender spendieren wollen.

Welche Kalender sind betroffen?

Die Stiftung Warentest hat in allen 24 untersuchten Kalendern Mineralöle und verwandte Substanzen gefunden - meist in sehr geringen Mengen. Neun Kalender enthielten der Untersuchung zufolge besonders kritische Mineralölbestandteile, so genannte aromatische Mineralöle. Vom Verzehr dieser Schokostücke raten die Tester insbesondere Kindern ab. Es handelt sich um den Friedel Adventskalender, Lindt Adventskalender für Kinder, Hachez Adventskalender "Schöne Weihnachtszeit", den Kalender von Smarties, den Vollmilch-Hochfein-Chocolade Adventskalender von Feodora, den Simpsons-Kalender von Riegelein, ein Produkt von Arko, den Tisch-Adventskalender der Confiserie Heilemann sowie den Kalender von Rausch. Die drei Letztgenannten sind den Angaben zufolge am höchsten belastet. Die Testergebnisse stehen mittlerweile mit Produktbildern auf der Homepage der Stiftung Warentest. Die neun am kritischsten beurteilten Produkte sind am Ende der Test-Tabelle aufgeführt.

Um welche Substanzen geht es und wie kommen sie in die Lebensmittel?

Die Mineralölgemische, die sich in den Kartons der Weihnachtskalender befanden, bestehen im Wesentlichen aus aromatischen und nicht aromatischen Kohlenwasserstoffen. Aromatische Kohlenwasserstoffe werden in der Fachsprache als Moah ("mineral oil aromatic hydrocarbons") bezeichnet. Ihre Zusammensetzung ist noch nicht genau geklärt, ein Teil steht allerdings im Verdacht, krebserregend zu sein.

Zu der Gruppe der nicht-aromatischen Kohlenwasserstoffe gehören die Mosh ("mineral oil saturated hydrocarbons"). Sie können sich im menschlichen Gewebe einlagern. Im Tierversuch führten sie zu Entzündungen der Leber und Schäden an den Lymphknoten. Welche Auswirkungen diese Mineralöle auf den menschlichen Körper haben, ist noch nicht geklärt.

Die gefährlichen Gemische stammen aus Farben, die beim Drucken von Zeitungen und Zeitschriften zum Einsatz kommen. Für die Herstellung von Recycling-Kartons wird solches Papier benutzt. Was für die Umwelt postitiv ist, kann daher für die Gesundheit gefährlich sein.

Wie schlimm sind die Kalender wirklich?

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) beruhigt die Verbraucher. "Unsere Besorgnis ist nicht allzugroß", sagte Detlef Wölfle vom BfR der Nachrichtenagentur DPA. Der Verzehr eines Schokoladenstücks am Tag führe nur zu einem "sehr geringen zusätzlichen Anteil" der normalen Aufnahme dieses Stoffes. "Es gibt keinen konkreten Nachweis, dass hiervon eine wirkliche Gesundheitsgefahr ausgeht." Man könne allerdings ein krebsgefährdendes Potenzial solcher Stoffe nicht ausschließen. Daher fordere sein Institut die Industrie auf, Lebensmittel herzustellen, die solche Stoffe nicht enthalten.

Auch Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg betont, dass diese Minerölmischung in Lebensmitteln nichts zu suchen hat. Er rät Verbrauchern allerdings, nun nicht in Panik zu verfallen: "Hier handelt es sich nicht um Giftkalender. Aus Vorsorge sollten Verbraucher zwar möglichst wenig dieser Stoffe zu sich nehmen", sagt der Lebensmittelexperte. Er empfiehlt daher, die stark belasteteten Kalender umzutauschen. Doch das Problem sei im Fall der Adventskalender überschaubar. "Hier werden kleine Mengen Schokolade über einen kurzen Zeitraum gegessen."

Anders sieht das etwa bei Reis, Frühstücksflocken oder Nudeln aus. Viele dieser trockenen Lebensmittel sind ebenfalls in Kartons verpackt, die aus recyceltem Altpapier bestehen. Auch hier können Mineralölgemische aus der Packung auf die Lebensmittel übergehen. "Und die Mengen, die wir dadurch auf lange Sicht zu uns nehmen, sind deutlich höher", sagt Valet.

Weitere Informationen stellt das BfR auf seiner Seite bereit.

Ist das alles neu?

Nein. Bereits seit einigen Jahren warnen Verbraucherschützer, dass aus recycelten Kartonverpackungen gefährliche Substanzen ausdünsten können. "Doch Industrie und Politik haben seitdem wenig unternommen", kritisiert Verbraucherschützer Valet. Einen verbindlichen Grenzwert gibt es nicht. Informationen darüber, wie viel dieser Rückstände tatsächlich auf die Lebensmittel übergeht und wie viel ein Durchschnittsbürger zu sich nimmt, fehlen ebenfalls.

Um zu verhindern, dass mineralölhaltige Druckerfarben in Lebensmittel gelangen, empfiehlt das BfR, für Lebensmittelverpackungen keine recycelten Papiere mehr zu verwenden. Langfristig sollte beim Zeitungsdruck auf Mineralöle verzichtet werden.

Was sagen die Hersteller der Adventskalender?

Einige Schokoladenhersteller kritisierten den Test scharf. Hachez Chocolade aus Bremen warf den Testern vor, Unsicherheiten zu verbreiten, die an den Haaren herbeigezogen seien. Milka-Hersteller Kraft Foods erklärte, Mineralölbestandteile kämen nicht nur in Schokolade, sondern überall in der Umwelt vor. Die Firma Rausch kritisierte die Analyse-Methoden der Tester. Diese seien nicht geeignet, aussagekräftige Informationen über Mineralölgehalte zu liefern. Der Bundesverband der deutschen Süßwarenindustrie hält die beanstandete Schokolade ebenfalls nicht für gesundheitsgefährdend. Die Süßwaren-Kette Arko hat den Rückzug bestimmter Kalender aus den Geschäften angekündigt.

Kann ich den Kalender zurückgeben?

Grundsätzlich müssen Händler Produkte mit Mängeln umtauschen oder zurücknehmen. Da es für die beanstandeten Stoffe aber keine verbindlichen Grenzwerte gibt, lässt sich nicht nachweisen, dass hier tatsächlich ein Mangel vorliegt. Selbst die Stiftung Warentest rät Kunden, die einen beanstandeten Adventskalender gekauft haben, sich nicht mit Rechtsärger zu belasten, sondern auf die Kulanz der Einzelhändler zu bauen. Aldi-Nord, Rewe und Real haben bereits angekündigt, die Kalender nicht mehr zu verkaufen und ihren Kunden den Preis aus Kulanz zu erstatten. Der teuerste Kalender, der beim Test durchfiel, kostet 15,95 Euro.

Wie können sich Verbraucher generell vor Mineralölen in Lebensmitteln schützen?

Die Verbraucherzentrale Hamburg hat auf ihrer Internetseite Tipps dazu zusammengetragen: So sollten Verbraucher trockene Lebensmittel, die länger lagern sollen, am besten gleich nach dem Kauf in Vorratsdosen umfüllen. Denn je länger die Lagerzeit, desto mehr Rückstände gehen über. Einen Schutz bieten auch Innenbeutel. Wer ganz sicher gehen will, sollte Kartons aus heller Pappe oder Frischfasern kaufen - und auf Lebensmitteln aus Wellpappenkartons verzichten. Denn auch aus diesen Pappen, die immer aus Recyclingfasern hergestellt werden, können die Stoffe übergehen.

Die vollständige Liste mit Tipps, wie sich Verbraucher schützen können, finden Sie hier.

MEHR ZUM THEMA
Ratgeber
Ratgeber Sexualität: Lust und Liebe Ratgeber Sexualität Lust und Liebe
Ratgeber Fitness: Schwungvoll durchs Jahr Ratgeber Fitness Schwungvoll durchs Jahr
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (18/2014)
Die vegane Versuchung