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Unfruchtbar auf Zeit

Sterilisation zählt zu den sichersten Verhütungsmethoden, der Eingriff ist Routine. Den Eingriff rückgängig zu machen hingegen ist kompliziert und nicht immer erfolgreich.

Von Sven Rohde

Der Eingriff könnte unspektakulärer kaum sein, der Effekt ist alles andere als das. In einer 15-Minuten-OP durchtrennt der Arzt die Samenleiter, schließt die Wunde, und der Patient kann gehen. Wochen später, wenn alle noch im Samenleiter vorhandenen Samenfäden beim Sex ausgespült wurden, ist die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft der Partnerin Geschichte. "Vasektomie" heißt die Operation, die Männer zeugungsunfähig macht. Sie gilt als eine der sichersten Verhütungsmethoden.

Der "Pearl-Index", der die Versagerquote einer Verhütungsart misst, beträgt 0,1 - statistisch gesehen wird innerhalb eines Jahres nur eine von 1000 Frauen trotz einer Vasektomie des Mannes schwanger. Etwa 50.000 Männer unterziehen sich in Deutschland jedes Jahr dieser Routine-OP, die ambulant beim Urologen, bei Pro Familia oder auch im Krankenhaus vorgenommen wird. Zwischen 250 und 550 Euro kostet der Eingriff, der nicht von den Kassen bezahlt wird. Thomas Fargel, 45, Angestellter aus Verden, hatte sich vor zehn Jahren zu dem Schnitt im Schritt entschieden und denkt gern an die unbeschwerte Zeit zurück, in der er sich nicht um Verhütung kümmern musste. Heute aber sagt er: "Ich würde es nie wieder machen."

Ejakuliert wird trotzdem

Medizinisch gibt es dafür keinen Grund. Der Eingriff hat keine Auswirkungen auf den Hormonhaushalt oder das Körpergefühl. Im Unterschied zur Kastration, bei der die Hoden entnommen werden, können die weiter ihren Dienst verrichten und Hormone produzieren. Die Samenzellen, die sie in verminderter Zahl immer noch herstellen, werden vom Körper wieder abgebaut.

Die Angst vor einem schmerzhaften Spermienstau ist unbegründet, ebenso die vor einem Ausbleiben der Ejakulation. Denn 95 Prozent der Samenflüssigkeit stammen nicht aus den Hoden, sondern aus den Samenbläschen, der Prostata, den Bulbourethraldrüsen und Littré-Drüsen. Und im Aussehen unterscheidet sich die Samenflüssigkeit ohne Spermien nicht von der Samenflüssigkeit mit Spermien.

Auch Befürchtungen, eine Vasektomie steigere das Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken, sind durch eine große Studie aus Neuseeland widerlegt. Und trotzdem will jeder zehnte sterilisierte Mann sich zu einem späteren Zeitpunkt wieder unters Messer legen, um sich die Zeugungsfähigkeit wiedergeben zu lassen. Um eben doch ein Gefühl genießen zu können, das längst abgehakt schien: Vaterfreuden.

Familienplanung muss abgeschlossen sein

Thomas Fargel hatte mit seiner Frau zwei Kinder, als er sich zur Sterilisierung entschloss. Aber sieben Jahre später war die Ehe am Ende. Fargel zog aus, fand eine neue Partnerin, 15 Jahre jünger als er, und auf einmal stand das Thema Kinder wieder ganz oben auf der Agenda.

Ein typischer Fall. Dabei unternimmt kein Arzt eine Vasektomie, ohne mit seinem Patienten über die Folgen zu sprechen. Inhalte dieses Gesprächs sind einerseits die Operationstechnik, mögliche Komplikationen (in einigen wenigen Fällen kommt es zu Hämatomen oder Entzündungen) sowie die Nachsorge: Erst eine Untersuchung des Ejakulats sechs bis acht Wochen nach dem Eingriff zeigt, ob noch Spermien vorhanden sind.

Zentraler Punkt eines solchen Gesprächs aber ist die Frage, ob der Mann hundertprozentig sicher ist, keine Kinder mehr zeugen zu wollen. "Die Familienplanung muss abgeschlossen sein", heißt das im Fachjargon. Doch es zeigt sich immer wieder, dass die Planung mit der einen Partnerin abgeschlossen sein kann, mit der nächsten, an die zum Zeitpunkt der Vasektomie noch kein Gedanke war, aber nicht.

Nach acht Jahren wollen sie ihre Zeugungsfähigkeit zurück

"Im Schnitt lassen sich Männer um die 30 sterilisieren und machen es acht Jahre später wieder rückgängig. 99 Prozent haben eine neue Partnerin, wollen noch ein Kind", sagt Professor Horst Oesterwitz, Chefarzt der Urologie des Klinikums Ernst von Bergmann in Potsdam und Spezialist für den Kinderwunsch sterilisierter Männer. Er führt so genannte Refertilisierungen durch, Operationen, bei denen die durchtrennten Samenleiter wieder verbunden und durchgängig für Spermien gemacht werden. In seinem Wartezimmer sitzen jene, denen die Entscheidung von einst als Barriere vorm Glück der neuen Familie erscheint.

Die Operation, bei der die Enden der durchtrennten Samenleiter wieder verbunden werden - sie heißt "Vasovasostomie". Erfahrene Operateure, so ergaben verschiedene Studien, erreichen mit einer Vasovasostomie bei 80 bis 90 Prozent der Patienten eine Durchgängigkeit des Samenleiters. In deren Ejakulat finden sich nach einer Frist von bis zu eineinhalb Jahren wieder Samenzellen. Die Chance, dass sie mit ihrer Partnerin ein Kind bekommen, liegt bei durchschnittlich 50 Prozent, abhängig auch von anderen Faktoren, wie dem Alter der Frau.

Damit diese Erfolgsquote erreicht wird, sollte ein Operateur nach Maßgabe der Deutschen Gesellschaft für Urologie mindestens 30 Refertilisierungen pro Jahr durchführen. Ungeübte Operateure haben deutlich schlechtere Erfolgsquoten.

Die Refertilisierung ist schwierig und teuer

"Wer nur zwei oder drei OPs im Jahr macht, dem sollte man das verbieten", fordert deshalb Wolf-Hartmut Weiske, Pionier der Refertilisierung in Deutschland. Besonders wenn seit der Sterilisation schon Jahre vergangen sind, ist die Erfahrung des Arztes entscheidend. Denn im Laufe der Zeit kommen die winzigen Nebenhoden-Kanälchen unter Druck, weil im Hoden immer noch Samenfäden produziert werden, die nicht mehr über den Samenleiter abfließen können. Ist ein solches Kanälchen nicht elastisch genug, kann seine Wand entweder reißen oder so beschädigt werden, dass der Kanal schließlich nicht mehr durchgängig ist. Eine Reparatur des Samenleiters ist dann sinnlos - weil keine Samenzellen in ihn gelangen.

Für den Operateur heißt das: Er muss während des Eingriffs den Verschluss erkennen und auf eine der kompliziertesten Operationen umschwenken, die die Urologie zu bieten hat: die Tubulovasostomie, eine Art Bypass. "Die Ergebnisse bei der Tubulovasostomie sind das Gütesiegel jedes mikrochirurgischen Zentrums", sagt Weiske. Der Operateur muss eine Verbindung des Samenleiters zum Bereich des Nebenhodens schaffen, in dem er Samenzellen findet - eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe. Deswegen liegt die Durchgängigkeitsrate nach einer Tubulovasostomie auch nur bei rund 50 Prozent.

Oft genug, vermuten Experten, wird die Technik gar nicht erst angewandt, weil der Arzt sie nicht beherrscht. Der Patient sollte sich erkundigen, ob auch dieser Eingriff in der Klinik standardmäßig durchgeführt wird. Nicht zuletzt aus Kostengründen: Immerhin kostet eine Refertilisierung zwischen 2000 und 2500 Euro, ob sie gelingt oder nicht.

Thomas Fargel hatte sich im Internet schlau gemacht und lag im März 2003 auf dem OP-Tisch von Horst Oesterwitz in Potsdam. Die Operation glückte. Im Oktober war seine Frau bereits schwanger, im Juli 2004 kam Sohn Ole zur Welt. Fargel ist glücklich: "Ich genieße das Vatersein heute viel mehr als vor 20 Jahren", sagt er. Und so wollen er und seine Frau auch noch ein zweites Kind. Über Verhütung müssen sie sich also erst mal keine Gedanken machen.

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