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Der Wunsch nach dem perfekten Genital

Die Schönheitschirurgie ist in den Intimbereich vorgedrungen: Frauen lassen sich immer häufiger etwa Schamlippen oder Scheide straffen. Im stern.de-Interview spricht Gynäkologie-Professor Heribert Kentenich über die Risiken dieser Eingriffe und immer jüngere Patientinnen.

Herr Kentenich, seit wann werden in Deutschland häufiger Schönheitsoperationen am weiblichen Genital durchgeführt?

Vor allem in den letzten zwei Jahren ist der Bedarf nach genitalen Schönheitsoperationen bei uns enorm gestiegen. In Amerika wurden die ersten Eingriffe vor etwa zehn Jahren durchgeführt. In Brasilien waren Nacktdarstellerinnen in Nachtklubs die Ersten, die sich Intim-Operationen unterzogen, weil sie meinten, dass dies zu ihrer Berufsausübung nötig wäre. Mittlerweile wollen sich aber viele junge Frauen, teilweise Minderjährige, operieren lassen, um einem neuen Ideal nahezukommen. Das ist bedenklich.

Was sind die Gründe für den Wunsch nach dem perfekten Genital?

Die weibliche Scham ist heute viel sichtbarer: Enge Bikinis und Hosen lassen die Schamlippen als Vorwölbung hervortreten, durch die Mode der Intimrasur fallen unregelmäßige, zu kleine oder zu große Schamlippen auf und werden von den Frauen oft als unästhetisch empfunden. Es existiert nun eine Norm, wie man im Intimbereich auszusehen hat - und auch hier ist Jugendlichkeit gefragt.

Warum ist der Trend zur Intim-OP gerade bei jungen Frauen bedenklich?

In der Pubertät sind junge Frauen in einer Umbruchsphase und erleben, wie sich ihr Körper ständig ändert. Sie sind in ihrer Identität noch nicht gefestigt und orientieren sich stark an Körperidealen und Modetrends. Auch kann der Operationswunsch Ausdruck einer Körperbildstörung - vergleichbar einer Essstörung - sein.

Welche Operationen werden am häufigsten gewünscht?

Am häufigsten werden die Schamlippen operiert. Daneben werden vor allem Scheidenstraffungen durchgeführt: Die Scheide wird verengt, damit Frau und Mann angeblich mehr Lust empfinden. Am Schambein wird Fett abgesaut, um Venushügel und Unterbauch jugendlicher erscheinen zu lassen. Ein sehr umstrittener Eingriff ist die Unterspritzung des G-Punktes mit Kollagen oder Hyaluronsäure. Dadurch soll sich der sensible Punkt an der Vorderwand der Scheide stärker vorwölben und den Frauen zu intensiveren sexuellen Empfindungen verhelfen. Keine dieser Versprechungen ist allerdings in seriösen Studien überprüft worden. Auch zu den Auswirkungen und Spätfolgen dieser Eingriffe liegen keine Ergebnisse vor.

Wie gefährlich sind die Operationen?

Zunächst einmal hat die Frau an dieser sensiblen Stelle Narben, und zwar nicht eine, sondern mehrere, die Beschwerden machen können. Wie bei jeder Operation können akute Komplikationen auftreten wie Wundheilungsstörungen, Blutungen und Infektionen. Dann können sowohl bei Schamlippenkorrekturen als auch bei der Scheidenstraffung dauerhafte Schmerzen durch Narben zurückbleiben. Gerade bei großen Eingriffen wie die Scheidenstraffung warnen wir vor möglichen Nervenschädigungen mit Taubheitsgefühlen und sexuellen Funktionsstörungen.

Wann sind die Eingriffe aus medizinischen Gründen notwendig?

Am häufigsten machen zu große innere Schamlippen Probleme, die sich durch die Reibung ständig entzünden und große Schmerzen im Sitzen oder beim Fahrradfahren bereiten. Allerdings sind auch hier die Unterschiede ungeheuer groß, es gibt Frauen mit großen Schamlippen, die überhaupt keine Probleme haben. Eine Scheidenstraffung ist medizinisch notwendig, wenn sich die Gebärmutter oder die Harnblase deutlich gesenkt haben, dies tritt oft nach mehreren Geburten oder aufgrund einer Gewebeschwäche im Alter auf. Diese Operation aber nur durchzuführen, um mehr Lust zu gewinnen, lehnen wir Gynäkologen ab. Es ist bisher nicht erwiesen, dass eine enge Scheide tatsächlich mehr Lust bereitet - umgekehrt bedeutet ein geweiteter Scheideneingang nicht zwangsläufig eine Einbuße sexueller Lust bei Frau und Mann.

Was ist der Hintergrund, warum wollen sich Frauen im Schambereich operieren lassen?

Wir haben beobachtet, dass es oft Frauen mit einem gering ausgeprägten Selbstwertgefühl sind, die sich operieren lassen wollen. Kommen dann noch kulturelle oder gesellschaftliche Normen dazu, führt dies möglicherweise zu der Überzeugung, dass nur eine Operation das eigene Selbstwertgefühl verbessern könnte. Ein Teufelskreis kann entstehen, bei dem immer neue Bereiche des Körpers operiert werden. Es gibt zum Beispiel Schauspielerinnen, die 20 bis 30 Schönheitsoperationen hinter sich haben. Die einunddreißigste Operation machen sie nicht, weil die 30 Eingriffe vorher erfolgreich waren, sondern weil sie immer noch mit sich selbst hadern.

Schönheitschirurgen sagen, dass sich auch viele ältere, selbstbewusste Frauen operieren lassen, die sich "etwas Gutes" tun wollen und danach auch sehr zufrieden seien mit dem Ergebnis.

Aus der psychologischen Forschung kennen wir den Begriff der Recht- fertigungszufriedenheit. Wenn eine Frau eine Schönheitsoperation aus eigener Motivation durchführen lässt und selbst dafür gezahlt hat, ist sie für einen gewissen Zeitraum allein durch den Eingriff psychisch stabilisiert. Aber die Motivation zu einer Schönheitsoperation ist noch vielfältiger. Eine Frau lebt ja nicht isoliert, sondern in einem sozialen Umfeld. Gelegentlich können sich auch zum Beispiel eine Alters- depression oder Paarprobleme hinter dem Operationswunsch verbergen.

Schönheitschirurgen argumentieren, dass die Frauen die Entscheidung zur Genital-OP völlig unabhängig von Partnerwünschen treffen - im Gegensatz zum Beispiel zu Brustoperationen.

Das ist eine ziemlich oberflächliche Sicht. Eine Frau lebt mit ihrem Körper und ihrer Sexualität nicht für sich, natürlich beeinflusst der Partner und die Umgebung die Einstellung zum eigenen Körper. Gibt es in der Paarsexualität Probleme, die nicht angesprochen werden, kann es dazu führen, dass die Frau diese Probleme mit eigenen körperlichen Makeln in Verbindung bringt. Sie rätselt zum Beispiel, warum ihr Mann nicht zum Samenerguß kommt und denkt, ihre Scheide wäre vielleicht zu weit. Sexualität kann man aber nicht auf einen körperlichen Aspekt reduzieren. So hat der Partner vielleicht eine andere Frau oder er hat einfach nicht mehr so viel Lust und kann das nicht offen ausdrücken. Man sollte als Arzt nie die Eintrittskarte der Frau sofort als Wahrheit nehmen, sondern genau hinschauen. Es ist hochproblematisch, das Messer zur Reparatur einer psychischen Störung zu nehmen.

Was wünschen sie sich für die Zukunft?

Da es sich bei der Nachfrage nach genitalen Schönheitsoperationen um ein relativ neues Phänomen handelt und bisher auch keine Studien zu dem Thema vorliegen, gibt es kaum Beratungsangebote. Gerade weil diese Eingriffe in den meisten Fällen nicht wirklich medizinisch begründet sind, ist eine sorgfältige Aufklärung wichtig. Insgesamt schätzen wir die Zahl der Schönheitsoperationen in Deutschland auf mehrere hundertausend im Jahr, davon sind einige hundert bis einige tausend Operationen am weiblichen Geschlecht. Wir fürchten, dass dieser Trend genau so ein Massenphänomen werden könnte wie die Brustoperationen und wollen dem entgegensteuern.

Wir wünschen uns mehr Aufklärung und Informationen in der Öffentlichkeit. Viele Frauen, die unbedingt operiert werden wollen, suchen Informationen und Adressen in Chat-Rooms oder über Bekannte, in den meisten Fällen ohne vernünftige Beratung.

Interview: Yamina Merabet

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