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Der Schmerz kommt mit einem Schlag

Die Symptome sind deutlich: Beim Hexenschuss krümmt ein heftiger Schmerz den Körper in eine gebückte Haltung. Leider verschwindet das Gefühl nicht, wenn der Rücken geschont wird.

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Meist zielt die Hexe auf die Stelle zwischen Rippen und Po©

Ein Hexenschuss kann plötzlich und ohne Vorwarnung kommen: Eine ruckartige Bewegung, eine ungewöhnliche Körperdrehung und - zack! - schießt ein heftiger Schmerz in den Rücken. Wer von dem Geschoss getroffen wird, ist von jetzt auf gleich fast wie gelähmt. Bloß nicht bewegen, ist der erste Gedanke. Aufrichten geht gar nicht. Unwillkürlich nehmen die Opfer eine Schonhaltung ein: Demütig gebückt verharren sie mit krummem Körper, bis es wieder besser wird. Die Tapferen schleppen sich in gebückter Haltung zum Arzt. Andere schaffen es gerade noch, den Notarzt rufen.

Fachleute nennen den Hexenschuss Lumbago oder auch akutes lokales Lumbalsyndrom. Er gehört zur Gruppe der Lumbalgien, der Kreuzschmerzen. Diese Art von Rückenpein kann Ihnen ganz plötzlich widerfahren, sie kann sich aber auch über Tage und Wochen anschleichen und langsam steigern.

Beim Husten oder Niesen tut's besonders weh

Beim Hexenschuss spüren Sie den Kreuzschmerz am stärksten zwischen den untersten Rippen und der Gesäßfalte, also im Bereich der Lendenwirbelsäule. Manchmal strahlt der Schmerz auch über den Bereich hinaus: ins Gesäß, in den Unterbauch, die Leisten oder bis in die Oberschenkel. Wenn Sie husten oder niesen, tut es besonders weh.

Der plötzliche Schmerz macht Angst. Sie werden sich vielleicht fragen, ob Ihre Wirbelsäule verletzt ist oder ob Sie sich jemals wieder normal bewegen können. Die Antwort ist beruhigend: Auch wenn die Kreuzschmerzen qualvoll sind, in den meisten Fällen sind sie harmlos. Sie kommen und gehen wie ein Schnupfen. Nur sehr selten steckt dahinter eine ernsthafte Krankheit.

Ursachen

Es ziept in der Lende, es drückt beim Sitzen, das Kreuz tut einfach weh. Doch woran liegt das? Darauf gibt es keine einfache Antwort. Kreuzschmerzen können viele Ursachen haben. Aber Sie müssen kaum befürchten, ernsthaft krank zu ein.

Oft lösen verspannte Muskeln die Schmerzen aus. Wenn Sie stundenlang am Schreibtisch sitzen und sich kaum bewegen, tun Sie Ihrem Rücken nichts Gutes. Dann verkümmern die stützenden Bauch- und Rückenmuskeln und die Gelenke rosten ein. Das quittiert das Kreuz mit Schmerzen.

Ebenso kann zu viel Anstrengung dem Rücken schaden. Die Muskeln verspannen und verhärten sich. Dadurch werden sie schlechter durchblutet und mit weniger Sauerstoff versorgt. Sie geben dann das Signal, so genannte Prostaglandine auszuschütten. Das sind körpereigene Substanzen, die Schmerzen auslösen.

Je älter ein Mensch, desto verschlissener das Rückgrat

Auch Verschleiß kann eine Rolle spielen. Es ist völlig normal, dass die Bandscheiben mit dem Alter abschmirgeln und die Wirbelgelenke unbeweglicher werden. Bei manchen Menschen geht das schneller als bei anderen.

Wie anfällig ein Mensch für Verschleiß-Prozesse ist, bestimmen zu einem großen Teil die Gene. Genauso einen großen Anteil hat aber auch die Art und Weise, wie Sie Ihr Leben führen: Schwere körperliche Arbeit oder zu wenig Bewegung können die Abnutzung beschleunigen. Das muss nicht automatisch zu Schmerzen führen - nicht jeder spürt, das seine Wirbelsäule abgenutzt ist. Aber der Verschleiß kann Kreuzschmerzen auslösen oder verschlimmern.

Manchmal bleibt der Schmerz, weil der Mensch sich schont

Meistens verschwinden die Schmerzen recht schnell wieder. Aber bei zwei bis sieben Prozent der Geplagten werden sie chronisch. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einerseits tun manche aus Angst vor Rückenschmerzen genau das Falsche: Sie vermeiden viele Bewegungen. So entsteht ein Teufelskreis. Aus Vorsicht nehmen sie ständig eine Schonhaltung an und die Muskeln verspannen sich dauerhaft.

Andererseits kann sich ein Schmerzgedächtnis entwickeln. Werden die Nerven ständig mit Schmerzsignalen bombardiert, dann brennt sich die Information regelrecht ins Gehirn ein. Mit der Zeit sind die Nerven so empfindlich, dass schon eine kleine Berührung schmerzen kann. Im schlimmsten Fall tut es sogar ohne jeden Grund weh. Bei chronischen Schmerzen mischt übrigens auch die Seele mit: Ängste, Sorgen und Stress setzen die Muskeln unter Dauer-Spannung.

Taube Beine sind ein Fall für den Arzt!

Wenn sich Ihre Beine wie taub anfühlen oder wenn Sie Teile Ihrer Füße vielleicht nicht mehr spüren, dann ist das ein Alarmzeichen. Auch wenn Sie Probleme beim Wasserlassen oder beim Stuhlgang haben, sind das Warnhinweise. Möglicherweise bemerken Sie auch Taubheitsgefühle an den Genitalien. Gehen Sie in solchen Fällen zum Arzt!

Denn es könnte sein, dass eine Nervenwurzel eingequetscht ist oder das verlängerte Rückenmark eingeengt ist, möglicherweise ist auch ein Wirbel gebrochen. Das sind orthopädische Notfälle. Zögern Sie nicht, den Notarzt zu rufen! Wenn Sie selbst in Krankenhaus wanken, wird die Sache womöglich noch schlimmer.

Diagnose

Vor der Behandlung führt die Ärztin ein ausführliches Gespräch mit Ihnen. Das hilft Ihr, die Ursachen für die Kreuzschmerzen zu finden. Sie wird unter anderem fragen, ob Sie schon früher einmal solche Schmerzen hatten und wann sie zum ersten Mal aufgetreten sind.

Sie will wissen, wo genau es gerade wehtut und wann Sie die Schmerzen besonders stark spüren. Sie fragt auch, ob sich bestimmte Muskeln schwach anfühlen, die Beine oder Füße kribbeln oder ob der Schmerz bis dorthin ausstrahlt. Anschließend wird die Orthopädin Ihren Körper untersuchen. Dabei prüft sie, welche Form Ihre Wirbelsäule hat. Dann tastet sie die empfindlichen Stellen am Rücken ab und fragt nach, wo und wie es schmerzt. Sie kontrolliert, wie beweglich Sie sind und welche Bewegungen Schmerzen auslösen. Zudem fühlt sie, ob die Rückenmuskeln verspannt sind.

Das ist Nervensache: kribbeln in den Beinen

Nun geht es um die Nerven: Sind sie vielleicht gereizt oder gar eingeklemmt? Zuerst prüft der Arzt, wie beweglich und kräftig Ihre Beine sind: Können Sie beispielsweise die gestreckten Beine anheben, wenn Sie auf dem Rücken liegen?

Der Orthopäde testet zudem Ihre Reflexe und erkundigt sich, ob Ihre Blase und Ihr Mastdarm funktionieren. Denn beide Organe werden von Nerven gesteuert, die eingeklemmt sein können. Zudem will er wissen, ob sich Ihre Arme oder Beine normal anfühlen. Wenn es dort kribbelt oder wie betäubt wirkt, kann das ebenfalls auf gequetschte Nerven hindeuten.

In den meisten Fällen reichen diese Untersuchungen aus, um die Ursache eines Hexenschusses oder einfacher Kreuzschmerzen zu diagnostizieren. Möglicherweise sind zusätzliche Labor-Untersuchungen wie ein Blutbild oder ein Urintest sinnvoll. So kann der Arzt ausschließen, dass andere Krankheiten hinter den Schmerzen stecken. Im Zweifelsfall: ab in die Röhre
Röntgenbilder helfen meist nicht weiter, wenn es um die Ursache von Kreuzschmerzen geht. Sinnvoll sind sie nur, wenn die Orthopädin einen Verdacht hat, der sich auf dem Schwarz-Weiß-Bild bestätigen könnte. Zum Beispiel, wenn die Symptome auf einen gebrochenen Wirbelkörper oder einen Bandscheibenvorfall hinweisen.

Der Arzt wird auch röntgen wollen, wenn die Schmerzen trotz Therapie nach sechs Wochen noch nicht verschwunden sind. Vermutet der Orthopäde, dass die Nervenwurzelkanäle eingeengt sind oder dass ein Tumor die Schmerzen auslöst, wird er das mit einer Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT) am besten prüfen können.

Therapie

Oft sind verspannte Muskeln oder unbewegliche Wirbelgelenke mitverantwortlich für den stechenden Schmerz in Ihrem Kreuz. Entsprechend sollte die Behandlung aussehen: Muskeln lockern, Blockaden lösen und dem Rücken neue Stabilität verleihen.

Mit Bettruhe erreichen Sie das nicht. Zwar kann es sein, dass die Schmerzen nachlassen, wenn Sie liegen. Doch es ist besser, so bald wie möglich wieder aktiv zu werden. Gehen Sie zum Beispiel regelmäßig spazieren. Das lockert Ihre Muskeln, die Bewegungen sorgen dafür, dass Ihr gesamtes Gewebe besser durchblutet wird und die Bandscheiben wieder mehr Nährstoffe bekommen. Sie werden sich wundern: Die Schmerzen verschwinden dann oft von allein. Bei akuten Schmerzen hilft manchmal schon eine Wärmflasche, ein Heizkissen oder ein wärmendes Pflaster. Dadurch entspannen sich die Muskeln.

Profi-Hände allein helfen nicht gegen den Schmerz

Viele denken, eine Massage könne Schmerzen einfach verschwinden lassen - schön wär’s. Wenn Sie sich nicht selbst bewegen, ist die Pein schnell wieder da. In den ersten vier bis sechs Wochen kann Chirotherapie helfen. Speziell dafür ausgebildete Ärzte dehnen dabei die Gelenkkapseln an der Wirbelsäule. Das kann Blockaden lösen und die Gelenke beweglicher machen. In der Folge verschwindet auch der Schmerz langsam.

Diese chirotherapeutischen Handgriffe dürfen aber nur eingesetzt werden, wenn keine Nervenwurzeln an den Rückenschmerzen beteiligt sind. Dauern die Schmerzen länger als vier Wochen, können Massagen hilfreich sein. Sie ersetzen aber nicht die aktive Bewegung.

Haben Nebenwirkungen: Pillen gegen die Pein

Leichte Schmerzmittel lindern den Schmerz und führen aus dem Teufelskreis zwischen Schonhaltung und Verspannung heraus. Paracetamol ist der Wirkstoff der ersten Wahl. Diese Tabletten bekommen Sie in der Apotheke.

Bei sehr starken Schmerzen kann Ihr Arzt Medikamente aus der Gruppe der so genannten nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) verordnen. Dazu gehören beispielsweise die Wirkstoffe Diclofenac und Ibuprofen. NSAR helfen zwar gut gegen Rückenschmerzen, sie können aber, unter anderem, Magen- und Nierenprobleme verursachen.

Lassen Sie die Seele nicht außer Acht. Gerade bei chronischen Schmerzen kann eine Therapie helfen, zum Beispiel ein Verhaltenstraining. So lernen Sie, Ihre negativen Gefühle, Ängste und Sorgen zu bewältigen und mit belastenden Situationen besser umzugehen.

Tipps

Wer bei der Arbeit immer nur sitzen muss, sollte danach oder am Wochenende für Ausgleich sorgen: Jede Bewegung zwingt die Muskeln, zwischen Anspannung und Entspannung zu wechseln. Das Ergebnis: Verkrampftes lockert sich und die Schmerzen lassen nach.

Wärme ist angenehm und lindert den Schmerz - besonders bei einem Hexenschuss. Legen Sie sich ein Heizkissen oder eine Wärmflasche auf die schmerzende Stelle. Oder machen Sie eine Fangopackung. Die Hitze lockert die Muskeln und regt die Durchblutung an.

Zigaretten schaden wahrscheinlich auch dem Rücken: Wer raucht, leidet eher an Rückenschmerzen. Die Schmerzen werden auch häufiger chronisch.

Hören Sie auf Ihre Gefühle: Stress im Beruf oder Probleme in der Familie machen Sie anfälliger für Kreuzschmerzen. Eine Verhaltenstherapie kann Ihnen helfen, Ihre Probleme zu bewältigen. Vertrauen Sie auf die Selbstheilungskräfte Ihres Körpers: In den meisten Fällen verschwindet der Schmerz genauso schnell, wie er gekommen ist.

Expertenrat

Martin Haag, Leiter der Orthopädie am Universitätsklinikum Freiburg, antwortet:
Gibt es Menschen, die eher Kreuzschmerzen bekommen als andere? Es gibt natürlich Risikogruppen. Dazu zählen Menschen, die den ganzen Tag am Computer sitzen, die körperlich schwer arbeiten oder solche, die psychisch unter starkem Druck stehen. Doch nicht jeder Bauarbeiter leidet unter Kreuzschmerzen. Wir wissen heute, dass die Gene bestimmen, ob ein Mensch dazu neigt, Rückenprobleme zu entwickeln.

Was kann ich tun, um keine Rückenschmerzen zu bekommen? Ganz klar: Wer Bauch- und Rückenmuskeln trainiert, stabilisiert seine Wirbelsäule. Selbst wenn ein Mensch eine Veranlagung zu einem Rückenleiden hat, kann er dem Verschleiß und damit auch dem Schmerz vorbeugen oder ihn zumindest hinauszögern: mit Bewegung und Sport. Die Arbeit mit Geräten scheint dabei besonders effektiv zu sein. Kombinieren Sie am besten ein Training mit Geräten mit einem Training ohne Geräte.

Wann muss ich zum Arzt? Haben Sie zum ersten Mal einen Hexenschuss, sollten Sie besser einen Arzt um Rat fragen. Er kann einen Bandscheibenvorfall oder andere Erkrankungen wie Brüche oder Entzündungen ausschließen und Ihnen Tipps geben, wie Sie mit dem Schmerz umgehen können. Haben Sie jedoch schon einmal die Erfahrung mit einem Hexenschuss gemacht, können Sie getrost zwei, drei Tage abwarten. In den meisten Fällen klingt der Schmerz nach dieser Zeit deutlich ab. Ist die Schmerzursache unklar oder wird der Schmerz immer schlimmer, sollten Sie sich in jedem Fall von einem Arzt gründlich untersuchen lassen.

Nicole Simon

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