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Wegschaben, verkochen, absaugen

Operationen helfen bei Rückenschmerzen selten. Abwarten ist meist die bessere Alternative. Nur, wenn Blase oder Darm den Dienst versagen, sollten Sie sich für einen chirurgischen Eingriff entscheiden.

Manch eine OP schadet mehr als sie nützt

Manch eine OP schadet mehr als sie nützt

Chirurgen und Orthopäden greifen gern und häufig zum Skalpell. Konservative Rückenärzte dagegen warten bei Kreuzschmerzen lieber ab. Die Statistik gibt den Zögernden recht: In achtzig Prozent der Fälle verschwindet die Qual innerhalb von zwei Monaten. Es gibt allerdings Fälle, in denen eine Operation sinnvoll ist: zum Beispiel, wenn Sie vom Pferd gefallen sind und Ihre Beine nicht mehr spüren oder wenn Sie schon lange Zeit Schmerzen haben und keine andere Behandlung geholfen hat.

Eine OP ist auch ratsam, wenn Darm und Blase ihren Dienst versagen, wenn wichtige Muskeln gelähmt sind oder wenn die Schmerzen anders nicht mehr einzudämmen sind. Doch Wunder kann eine Operation nicht vollbringen. Eine Untersuchung in sechs Ländern hat gezeigt, dass es Rücken-Operierten auf Dauer nicht besser geht als denen, die herkömmlich behandelt werden. Einzig in Schweden ist das anders: Denn schwedische Ärzte greifen nur in den seltensten Fällen zum Messer – dann, wenn es wirklich nötig ist.

Eine OP darf keine Verlegenheitslösung sein

Bevor Sie sich für einen chirurgischen Eingriff entscheiden, sollten Sie sich drei Fragen stellen:

  • Ist die OP die beste Lösung?
  • Hat sie wirklich ein positives Ziel?
  • Oder ist sie am Ende nur die letzte Möglichkeit?

Ein Eingriff in Ihren Körper sollte nie nur eine Verlegenheitslösung sein. Entscheidend für einen guten Ausgang ist nämlich, dass Ihre Ärztin den Grund für genau diese Operation an genau dieser Stelle klar benennen kann und dass sie die Hinweise auf die Schmerzursache richtig einordnen kann; Fachleute sprechen von strenger Indikation und klaren Indizien. Je besser die Ergebnisse der körperlichen Untersuchung und die Bilder aus der Röntgenklinik zusammen passen, umso erfolgreicher verspricht die Operation zu werden. Bei so genannten unspezifischen Rückenschmerzen, also solchen ohne erkennbare Ursache, nutzt Operieren gar nichts.

Wenn Sie unsicher sind, ob Ihr Orthopäde Ihnen die Operation zu Recht empfiehlt, können Sie sich in einem Rückenzentrum eine weitere ärztliche Meinung einholen. Den Wunsch nach einer Zweitmeinung müssen Sie im übrigen nicht rechtfertigen, Sie brauchen auch kein schlechtes Gewissen deswegen haben.

Eine Operation kann vor dem Pflegebett bewahren

Am häufigsten operieren Chirurgen Rückengeplagte wegen Bandscheiben-Vorfällen im Bereich der Lendenwirbelsäule und wegen Wirbelkanal-Verengungen. Beide Rückenleiden machen sich vor allem bemerkbar durch Taubheitsgefühle auf der Haut, durch unangenehmes Kribbeln in den Beinen oder sogar durch Lähmungen, alles begleitet von heftigen Schmerzen.

Bei einer Wirbelkanal-Verengung sollten Sie mit einer Operation nicht lange zögern. Die altersbedingte Krankheit entwickelt sich zwar sehr langsam, aber auch sehr unerfreulich: Es beginnt mit leichtem Hinken, geht über in zunehmende Schmerzen beim Gehen oder Stehen und endet häufig in Bewegungsunfähigkeit. Das wäre dann der Pflegefall.

Mikrochirurgische Bandscheiben-Entfernung

Bei einem Bandscheiben-Vorfall operieren Ärzte meist mikrochirurgisch. Das heißt: Sie schneiden die Haut über der Wirbelsäule nicht großzügig auf, sondern machen einen kleinen Schnitt, der höchstens drei Zentimeter lang ist. Mit einem Operationsmikroskop können die Chirurgen sehen, was sie in der Wunde mit dem Skalpell anrichten.

Für diesen Eingriff bekommen Sie eine Vollnarkose. Im OP-Raum werden sie auf den Bauch gedreht, Ihr Oberkörper wird erhöht gelagert, der Unterkörper hängt eher, Ihre Knie sind angewinkelt. In dieser Stellung fächert sich die Wirbelsäule auf, der Abstand zwischen den Wirbeln vergrößert sich. So kommt der Chirurg besser an den Wirbelkanal heran. Nach dem Hautschnitt schiebt der Operateur die Muskeln zur Seite und entfernt das ausgetretene Bandscheibenmaterial.

Geeignet bei Bandscheiben-Vorfällen

Bei allen Formen des Bandscheiben-Vorfalls im Bereich der Lendenwirbelsäule raten Fachleute zu dieser Operationstechnik. Dabei spielt es keine Rolle, wie schlimm Ihre Schmerzen sind oder wie schwerwiegend deren Ursache. Allerdings sollte die OP nur dann gemacht werden, wenn alle anderen Behandlungen nichts genützt haben. Hinauszögern sollten Sie den Eingriff nicht, wenn Blase und Darm den Dienst versagen - andernfalls nehmen die Organe auf Dauer Schaden.

Risiken und Nebenwirkungen

Auch wenn die Operation glatt verlaufen ist – eine Garantie dafür, dass damit alles erledigt ist, gibt es nicht. So kann es sein, dass auch danach noch ein Bein schmerzt oder unangenehm kribbelt. Die am häufigsten vorkommenden Gründe dafür sind:

  • Sie haben sich einem Chirurgen anvertraut, der nicht spezialisiert genug war und nicht gut operieren konnte.
  • Sie haben sich zu spät operieren lassen; Ihr Schmerz ist schon chronisch geworden.
  • Der Eingriff war in Ihrem Fall gar nicht angezeigt.
  • Trotz der OP verschleißen Wirbelsäule und Gewebe weiter.

Das sagt der Experte

H. Michael Mayer, ärztlicher Direktor der orthopädischen Klinik München-Harlaching, ist Spezialist auf dem Gebiet der Wirbelsäulenchirurgie:
Das mikrochirurgische Verfahren hat den Vorteil, dass es wenig Narben hinterlässt. Vernarbtes Gewebe kann weitere Schmerzen verursachen, weil es mit dem umliegenden Gewebe verkleben kann, oder weil es auf Nerven drückt oder an ihnen zieht.

Bandscheiben-Entfernung mittels Schlüsselloch-Technik

In den vergangenen zwanzig Jahren haben Mediziner die Schlüsselloch-Technik immer weiter entwickelt: Sie schieben kleine Schläuche durch millimetergroße Schnitte in den Körper hinein. Am Ende eines solchen Schlauchs sitzt entweder eine Kamera oder ein chirugisches Besteck. Operiert ein Arzt mit der Schlüsselloch-Technik, verletzt er nur wenig Gewebe.

Auch die Bandscheibe kann mit so einem minimalinvasiven Verfahren entfernt werden, sofern der Bandscheiben-Vorfall relativ klein ist. Der Vorteil: Es entstehen nur wenig oder sehr kleine Narben. Bei anderen OP-Methoden können größere Narben entstehen, die nach der Operation erneut Schmerzen auslösen können.

Bei einer OP mittels Schlüsselloch-Technik reicht eine örtliche Betäubung. Die Chirurgin schiebt über einen oder mehrere kleine Schnitte Arbeitshülsen bis zur Bandscheibe vor. In die Röhren setzt sie Endoskope ein, kleine Geräte mit Lichtquelle und Kamera. Diese projizieren die Bilder aus dem Körperinneren auf einen Monitor.

Jetzt kann die Operateurin mit ihren Mikroinstrumenten ansetzen; sie sieht auf dem Schirm genau, was sie macht. Dabei hinterlässt sie wenig Wunden, denn sie verletzt auf dem Weg durch die Muskeln und durch das Zwischenwirbelloch und im Wirbelkanal kaum Gewebe. Nur außen, an den Schnitten, werden sich ein und zwei Zentimeter große Narben entwickeln.

Für vorgewölbte Bandscheiben geeignet

Ist eine Ihrer Bandscheiben nur vorgewölbt oder handelt es sich nur um einen kleinen Bandscheiben-Vorfall im Bereich der Lendenwirbelsäule, ist ein Eingriff dieser Art möglich. Es kommt aber auch darauf an, an welcher Stelle genau und in welche Richtung Ihre Bandscheibe hervorgequollen ist.

An seine Grenzen kommt das Verfahren, wenn sich so genannte Sequester gebildet haben. Das sind Teile der Bandscheibe, die sich abgelöst und verschoben haben. Größeres Bandscheiben-Material kann der Chirurg mit dieser Methode oft nicht komplett entfernen. Auch wenn Sie gleichzeitig einen zu engen Wirbelkanal, also eine Spinalkanal-Stenose haben, rät er von diesem Verfahren ab.

Risiken und Nebenwirkungen

So schonend die Schlüsselloch-Technik auch sein mag: Sie ist weniger gründlich als das mikrochurgische Verfahren: So ist das Risiko etwa drei bis fünf Mal größer, dass Sie an der operierten Stelle erneut einen Bandscheiben-Vorfall bekommen. Schließlich sieht der Arzt bei dem Eingriff nur ein kleines, eng begrenztes Gebiet. Er kann nicht erkennen, ob sich auch schon andere Gewebeanteile verändert haben.

Das sagt der Experte

H. Michael Mayer, ärztlicher Direktor der orthopädischen Klinik München-Harlaching, ist Spezialist auf dem Gebiet der Wirbelsäulenchirurgie:
Ein Vergleich zwischen Mikrochirugie und Schlüsselloch-Technik zeigt: Nach beiden Verfahren geht es achtzig Prozent der Operierten besser. Nachteil der Schlüsselloch-Technik ist, dass sie bei sorgfältiger Arbeit viel länger dauert. Außerdem schiebt sich sehr viel häufiger die Bandscheibe an derselben Stelle wieder hervor, es entsteht ein so genanntes Rezidiv.

Andere Verfahren bei Bandscheiben-Vorfällen

Bandscheiben-Vorfälle kann der Chirurg mit dem Skalpell beheben, indem er die betreffende Bandscheibe einfach heraustrennt. Das ist der direkte Weg, wie bei der mikrochirurgischen Bandscheiben-Entfernung oder der Bandscheiben-OP mittels Schlüsselloch-Technik.

Er kann das Problem aber auch indirekt angehen: in dem er Bandscheiben-Gewebe verkocht, zerhackt oder auflöst. Die Idee dabei: Wird im Inneren der Bandscheibe Gewebe zerstört, baut sich eine Art Unterdruck auf und der vorgefallene Anteil der Bandscheibe zieht sich wieder ins Innere zurück.

Die Chemo-Nukleolyse löst den Gallertkern der Bandscheibe auf. Zunächst schiebt die Ärztin eine Hohlnadel in die Bandscheibe. Den Weg der Kanülenspitze von der Rückenhaut bis an ihr Ziel kontrolliert sie mithilfe von Röntgen-Aufnahmen, die während der gesamten Prozedur von den Wirbeln angefertigt werden. Sitzt die Nadel am richtigen Ort, leitet die Ärztin das Enzym Chymopapain durch die Kanüle in den Gallertkern. Das Enzym zersetzt die Gelmasse im Innern der Bandscheibe. Anschließend kann die Ärztin die verflüssigte Masse über die Hohlnadel absaugen.

Laser im Einsatz

Ein Laser verkocht den Gallertkern der Bandscheibe. Hier schiebt der Arzt unter Röntgenkontrolle eine Hohlnadel in das Innere der Bandscheibe vor, durch die Kanüle führt er eine dünne Laserfaser. Beginnt der Laser zu feuern, lässt die Energie der Strahlen das Zentrum der Bandscheibe schrumpfen. Die Bandscheibe wird also kleiner. Bei der so genannten perkutanen Nukleotomie wird das Gewebe zerhackt. Auch hier benutzt der Arzt eine Hohlnadel, die er unter Röntgensicht in die Bandscheibe schiebt. Über die Kanüle führt er ein Miniaturgerät ein, dass das innere Bandscheibengewebe zerkleinert und absaugt.

Verschmort wird das Innere der Bandscheibe bei der so genannten Thermoläsion. Dafür führt die Ärztin unter Röntgenkontrolle einen Thermokatheter in die Bandscheibe. Dieser kleine Schlauch wird erhitzt, das Gewebe verschmurgelt und schrumpft. Außerdem soll die Wärme den äußeren Faserring der Bandscheibe fester machen und schmerzleitende Nerven zerstören. Diese Methode ist auch unter der Bezeichnung intradiskale elektrothermale Therapie, kurz IDET, bekannt.

Nur für sehr junge Menschen geeignet

All diese indirekten Methoden eignen sich ausschließlich für sehr junge Menschen. Nur wenn die Bandscheiben noch sehr elastisch sind, kann sich das vorgefallene Gewebe gelegentlich tatsächlich zurückziehen. Außerdem muss für diese Eingriffe der Faserring der Bandscheibe noch intakt sein. Haben sich bereits Teile von der Bandscheibe gelöst, kommen die beschriebenen Methoden überhaupt nicht in Frage.

Deren Wirkung ist ohnehin bislang nicht nachgewiesen. Das heißt, ob die Verfahren bei Bandscheiben-Problemen helfen können, ist ungewiss. Nur zur Chemo-Nukleoyse gibt es aussagekräftige Studien: Sie ist zwar besser als nichts, schneidet aber schlechter ab als eine Operation mit dem Skalpell.

Risiken und Nebenwirkungen

Indirekte Verfahren ordnen Mediziner bislang als experimentelle Methoden ein, weil Beweise für deren Wirkung fehlen. Zudem bergen sie die Gefahr, dass der Eingriff wiederholt werden muss. Beim zweiten Mal aber sind die Ergebnisse von Operationen generell schlechter als beim ersten Mal. Ein besonderer Nachteil der Chemo-Nukleolyse ist, dass das Enzym Chymopapain nicht nur die Bandscheibe verflüssigen, sondern auch Nerven angreifen kann. Außerdem reagieren manche Menschen allergisch auf das Eiweiß.

Das sagt der Experte

H. Michael Mayer, ärztlicher Direktor der orthopädischen Klinik München-Harlaching, ist Spezialist auf dem Gebiet der Wirbelsäulenchirurgie:
Alter ist eine der wichtigsten Ursachen für Bandscheiben-Vorfälle. Weil die Bandscheibe mit fortschreitendem Lebensalter Wasser verliert, lässt auch ihre Elastizität nach: Das Bandscheiben-Fach wird flacher wie ein immer platter werdender Autoreifen. Die Logik der indirekten Verfahren ist daher nicht nachzuvollziehen: Warum soll sich erschlafftes, ausgetrocknetes Gewebe zurückziehen, nur weil der Chirurg an anderer Stelle etwas davon entfernt? Oft müssen die Eingriffe wiederholt werden oder andere Verfahren müssen das schlechte Ergebnis korrigieren. Verläuft doch alles gut, weiß man immer noch nicht, ob Abwarten und Teetrinken nicht denselben Effekt gehabt hätte.

Ersatz der Bandscheibe oder des Bandscheiben-Kerns

Wenn bislang nichts geholfen hat und Ihr Rücken Sie immer noch plagt, schlägt Ihnen der Arzt unter bestimmten Umständen vor, Ihre kaputte Bandscheibe gegen eine Prothese auszutauschen. So könnten Sie eine Versteifung der Wirbelsäule umgehen oder zumindest hinauszögern. Mittlerweile gibt auch die Möglichkeit, lediglich das Innere der Bandscheibe auszutauschen. Bei beiden Eingriffen bleibt im Gegensatz zur Versteifung die Wirbelsäule voll beweglich.

Um eine Bandscheibe zu ersetzen, muss der Chirurg einen Bauchschnitt machen. Dann arbeitet er sich unterhalb des Bauchnabels bis zur Wirbelsäule vor. Er trennt die kaputte Bandscheibe heraus und setzt in den Spalt die Prothese ein. Sie besteht aus zwei Metallplatten, zwischen denen ein flexibles Kunststoffstück sitzt. Dieses soll die Beweglichkeit sicherstellen. Die Oberflächen der Metallplatten sind angeraut, damit die Prothese mit den angrenzenden Wirbelkörpern verwächst.

Ist der Schaden an der Bandscheiben noch nicht so groß, kann die Chirurgin auch nur das Innere der Bandscheibe erneuern. Sie tauscht den Bandscheiben-Kern gegen eine Art Schwämmchen aus Hydrogel aus. Es hat ähnliche Eigenschaften wie die natürliche Bandscheibe: Im entlasteten Zustand nimmt es Wasser auf, im belasteten Zustand gibt es Wasser ab. Das Verfahren ist allerdings - im Gegensatz zum kompletten Bandscheiben-Ersatz - bisher nicht gut erprobt. Wissenschaftliche Studien zum Erfolg gibt es noch nicht.

Für Übergewichtige nicht geeignet

Künstliche Bandscheiben kommen bei Schmerzen in der Lendenwirbelsäule in Frage. Allerdings erst dann, wenn Medikamente und andere Methoden nicht geholfen haben. Bevor die Chirurgin ans Werk geht, sollte Ihr Orthopäde sich ganz sicher sein, dass Ihre Schmerzen tatsächlich von der Bandscheibe herrühren.

Allerdings eignet sich nicht jeder Betroffene für eine Bandscheiben-Prothese: Mehr als 90 Kilogramm dürfen Sie nicht wiegen, und gleichzeitig darf Ihr Body-Mass-Index nicht höher als 30 sein. Außerdem darf nur eine Bandscheibe geschädigt sein, nicht gleich zwei oder drei. Und der Schaden darf nicht zu groß sein.

Risiken und Nebenwirkungen

Künstliche Gelkerne in die Bandscheiben einzusetzen ist nicht ganz einfach, zur Zeit erproben Operateure das Verfahren noch. Bandscheiben-Prothesen werden dagegen schon seit längerem eingepflanzt. Seit Mitte der achtziger Jahre wird kontrovers darüber diskutiert. In acht oder neun von zehn Fällen sind die Ergebnisse nach der Prothesen-Operation sehr gut. Jedenfalls treten seltener Komplikationen auf als bei versteiften Wirbelkörpern. Möglicherweise können Sie auch schneller wieder arbeiten als nach einer Versteifungs-OP.

Das sagt der Experte

H. Michael Mayer, ärztlicher Direktor der orthopädischen Klinik München-Harlaching, ist Spezialist auf dem Gebiet der Wirbelsäulenchirurgie:
Das Einsetzen einer künstlichen Bandscheibe sollte mittlerweile zu den Routine-Techniken in spezialisierten Zentren gehören. Die Ergebnisse dieses Eingriffs sind tendenziell besser als die von Versteifungs-Operationen. Anders als bei künstlichen Gelenken wie Hüfte oder Knie kann allerdings über die Langzeiterfolge noch nichts ausgesagt werden.

Transplantation von Bandscheiben-Zellen

Bei einer Bandscheiben-OP entfernt der Chirurg das ausgetretene Gewebe der Bandscheibe. Diesen Verlust kann die Bandscheibe aber oft nicht ausgleichen, dann schreitet ihr Verfall weiter fort. Mittlerweile lassen sich Bandscheiben-Zellen züchten: Alte Zellen werden dem Betroffenen während der OP entnommen, im Labor vermehrt und anschließend wieder in die Bandscheibe verpflanzt.

Das Zellmaterial entstammt der Masse, die beim Bandscheiben-Vorfall herausquillt und die der Operateur sowieso entfernt. Ungefähr einen Kubikzentimeter Gewebe schickt die Klinik mitsamt einer Blutprobe an ein spezialisiertes Labor. Dort picken sich Fachleute gesunde Zellen aus der Probe heraus und vermehren sie in Laborschalen. Etwa drei Monate später spritzt der Chirurg in der Klinik die neuen Zellen in den Kern der Bandscheibe hinein. Für diesen Eingriff reicht eine örtliche Betäubung.

Nur für jüngere Menschen geeignet

Die Transplantation kann sinnvoll sein bei jüngeren Menschen, die noch gesunde Bandscheiben-Zellen haben. In Frage kommt dafür vor allem der Bereich der Lendenwirbelsäule.

Risiken und Nebenwirkungen

Die Risiken sind dieselben wie bei einer Bandscheiben-OP. Da körpereigene Zellen zum Züchten verwendet werden, stößt der Körper sie nach der Operation nicht ab. Wissenschaftliche Studien darüber, ob die Transplantation langfristig etwas bringt oder Risiken birgt, fehlen noch. Denn das Verfahren wird erst seit 1996 erprobt. Erste Kurzzeit-Untersuchungen zeigen keine eindeutigen Erfolge.

Das sagt der Experte

H. Michael Mayer, ärztlicher Direktor der orthopädischen Klinik München-Harlaching, ist Spezialist auf dem Gebiet der Wirbelsäulenchirurgie:
Bei diesem Verfahren versuchen die Spezialisten frische Bandscheiben-Zellen zu vermehren. Werden die Zellen in die alte Bandscheibe zurückgespritzt, muss diese sie gut ernähren können. Das gelingt ihr, wenn sie genügend gesunde Restzellen hat, dann baut sich neues Gewebe auf. Das zeigen erste Ergebnisse von Studien, die seit mehreren Jahren an verschiedenen deutschen Kliniken laufen.

Versteifung der Wirbelsäule

Ist Ihre Wirbelsäule sehr instabil und verursachen Verschleiß-Erscheinungen Ihnen starke Schmerzen, schlägt Ihre Orthopädin vielleicht vor, die betreffenden Wirbelkörper zu versteifen. Diese so genannte Spondylodese soll den Schmerz lindern. Ihr Rücken ist dann allerdings an dieser Stelle wirklich steif - und zwar für immer. Dafür müssen die übrigen Wirbel mehr leisten. Sie können also weiterhin aktiv sein und sogar Sport treiben.

Für diese OP brauchen Sie eine Vollnarkose. Dann versenken Chirurgen Schrauben in Ihre Wirbelkörper und fixieren sie mit Hilfe von Verbindungselementen. Manchmal müssen die Operateure auch die kaputten Bandscheiben herausholen. Als Ersatz dienen käfig-ähnliche Hohlkörper, in die Knochengewebe gepackt wurde, Titan-Implantate oder Kunststoffe. Einige Monate nach dem Eingriff wachsen Wirbel und Implantate zusammen. Dann ist die Stelle steif, aber stabil. Mittlerweile operieren Chirurgen auch hier mit der Schlüsselloch-Technik.

Für Menschen mit verschlissenen Wirbeln geeignet

Eine Versteifung der Wirbelsäule kommt erst in Frage, wenn nichts anderes geholfen hat. Fachleute raten zu dem Eingriff, wenn die Wirbelsäule verschlissen ist und schmerzt oder wenn sie instabil ist. Auch bei so genannten Gleitwirbeln, Verletzungen, Tumoren und Rheuma-Krankheiten kann eine solche Spondylodese unter Umständen Schmerzen lindern oder sogar tilgen.

Risiken und Nebenwirkungen

Die Versteifungs-OP gilt auch heute noch als komplizierter Eingriff. Daher sollten Sie sich nur Spezialisten anvertrauen. Zudem müssen Sie damit rechnen, dass Sie nach der Operation neue Schmerzen bekommen: Denn ist ein Stück der Wirbelsäule steif, müssen Wirbel sowie Bandscheiben darüber und darunter mehr leisten als zuvor. Meist sind diese Partien ebenfalls schon recht verschlissen, das nächste Problem ist dann absehbar.

Das sagt der Experte

H. Michael Mayer, ärztlicher Direktor der orthopädischen Klinik München-Harlaching, ist Spezialist auf dem Gebiet der Wirbelsäulenchirurgie:
Die Spondylodese ist ein großer Eingriff. Bei sechzig bis achtzig Prozent der Betroffenen ist er erfolgreich. Aber lediglich ein Drittel der Operierten fängt nach dem Eingriff tatsächlich wieder an zu arbeiten. Bevor Sie sich zu dieser Versteifungs-OP entschließen, sollten wirklich alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sein. Ob die Operation erfolgreich ist, hängt sehr stark von der Erfahrung des Operateurs ab: Die so genannte Komplikationsrate schwankt zwischen 8 und 40 Prozent.

Weiten des zu engen Wirbelkanals

Wenn Sie um die 70 Jahre sind, dann könnte der Grund für Ihre zunehmenden Gesäß- und Beinschmerzen ein zu enger Wirbelkanal sein. Bei dieser so genannten Spinalkanal-Stenose strengt Sie das Laufen an, Sie müssen immer wieder Pausen einlegen. Auch das Stehen wird mühsam. Radfahren dagegen geht gut, auch beim Abstützen auf einen Einkaufswagen oder einen Rollator lassen die Schmerzen nach. Die Haut an den Beinen fühlt sich zudem oft taub an, die Beine kribbeln unangenehm. Möglicherweise versagen eines Tages die Gliedmaßen ganz den Dienst. Um nicht zum Pflegefall zu werden, sollten Sie sich dann für eine Operation entscheiden.

Bei der so genannten Stenosen-Operation wird der Wirbelkanal wieder geweitet. Sie bekommen dafür eine Vollnarkose. Der Chirurg macht einen Schnitt im Rücken und arbeitet sich vorsichtig bis zum Wirbelkanal vor. Mit kleinen Fräsen trägt er die Knochenanteile ab, die den Kanal zu eng machen. Zusätzlich entfernt er mit dem Skalpell überschüssiges Gewebe von Bändern und Wirbelbögen.

Geeignet, wenn die Beine langsam den Dienst versagen

Der Eingriff kommt für Sie in Frage, wenn Ihnen das Laufen und Stehen zunehmend schwerer fällt. Oder wenn sich Ihre Haut taub anfühlt und Ihre Muskeln zunehmend lahmer werden, so dass die Beine allmählich den Dienst versagen. Zögern Sie die Entscheidung für einen Eingriff nicht zu lange hinaus: Plagen Sie all diese Beschwerden sogar schon im Sitzen, ist es für eine OP oft schon zu spät.

Risiken und Nebenwirkungen

Jede Operation birgt ein Risiko. So auch die am Rücken. Es kann passieren, dass der Chirurg die Wirbelsäule oder Nerven verletzt. Das äußert sich in Taubheitsgefühlen, Kribbeln oder Lähmungen im unteren Teil des Körpers. Auch Darm und Harnblase können dann möglicherweise außer Kontrolle geraten. Solche Operationsfolgen sind aber selten.

Das sagt der Experte

H. Michael Mayer, ärztlicher Direktor der orthopädischen Klinik München-Harlaching, ist Spezialist auf dem Gebiet der Wirbelsäulenchirurgie:
Die Spinalstenose ist eine der wenigen Rückenkrankheiten, bei denen eine frühzeitige Operation sinnvoll ist. Der Eingriff verbessert meistens die Mobilität und verhindert, dass die Betroffenen bewegungsunfähig und pflegebedürftig werden.

Wiederaufbau von eingebrochenen Wirbelkörpern

Im Laufe unseres Lebens nimmt die Knochenmasse immer mehr ab. Verläuft dieser Prozess ungewöhnlich schnell und ungewöhnlich heftig, sprechen Fachleute von Osteoporose. Ein solcher Knochenschwund wirkt sich auch am Rücken aus: Wirbelkörper können einbrechen und starke Schmerzen verursachen. Wirbelkörper können ebenfalls morsch werden, wenn Knochentumore in ihnen wüten.
Mürbe Wirbelkörper können mit zwei Verfahren aufgebaut werden: mit der Kyphoplastie und der Vertebroplastie. Beide Methoden arbeiten mit der Schlüsselloch-Technik. Vor dem Eingriff bekommen Sie eine örtliche Betäubung oder eine Vollnarkose. Bei der Vertebroplastie spritzt die Chirurgin mit hohem Druck Knochenzement in den Wirbel. Bei der Kyphoplastie wird weniger Druck gebraucht. Denn vor dem Spritzen richtet der Chirurg den eingebrochenen Wirbel auf: Er führt einen kleinen Ballon hinein und bläst ihn vorsichtig auf. In diesen Hohlraum füllt er den Knochenzement. Beide Verfahren machen den Knochen wieder stabil. Gleichzeitig lindern die Eingriffe den Schmerz - warum, ist bislang unklar.

Die OP ist nur bei bestimmten Wirbeln geeignet

Wenn Sie sich zu dieser Operation entschließen, sollten Sie nicht mehr als drei kaputte Wirbel haben. Infrage kommt die Therapie nur bei Brüchen zwischen dem fünften Brustwirbel und dem fünften Lendenwirbel.

Risiken und Nebenwirkungen

Bei beiden Verfahren kann Zement aus dem Wirbel quellen. Möglicherweise werden dadurch Nervenwurzeln gequetscht. Das verursacht meist starke Schmerzen und kann sogar eine Querschnitts-Lähmung verursachen. Möglicherweise gerät der Zement auch in die Adern und von da aus in die Lunge oder ins Gehirn: Dann droht eine Zement-Embolie - in dem Fall müssen Sie sofort operiert werden. Über die Risiken von beiden Verfahren gibt es widersprüchliche Studien, das heißt: Wie oft eine solche Operation schief geht, ist nicht ausreichend untersucht.

Das sagt der Experte

H. Michael Mayer, ärztlicher Direktor der orthopädischen Klinik München-Harlaching, ist Spezialist auf dem Gebiet der Wirbelsäulenchirurgie:
Vor allem die Kyphoplastie verspricht ein erfolgreiches Verfahren zu werden. Im günstigen Fall haben Sie schon direkt nach der Behandlung weniger Schmerzen. Meist sollen Sie sich noch am OP-Tag selber bewegen.

Constanze Löffler

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