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Jeder Stich ist riskant

Eine Spritze mit Kortison und Schmerzmitteln soll bei Rückenschmerzen helfen. Doch Studien belegen: Das stimmt nicht. Zudem gibt es gefährliche Nebenwirkungen.

  Mit der Kanüle tief ins Rückgrat: Vorsicht - das kann Sie lähmen!

Mit der Kanüle tief ins Rückgrat: Vorsicht - das kann Sie lähmen!

Helfen Tabletten, Salben oder Wärmepflaster nicht gegen die Rückenschmerzen, wird der Arzt Ihnen womöglich vorschlagen, Kortison sowie Schmerzmittel direkt dahin zu spritzen, wo die Quelle der Qual liegt: in den Muskel, die Vene oder in die Gelenke. Denn Kortison kann entzündete Stellen zum Heilen zwingen, Schmerzmittel unterdrücken die Beschwerden.

Die Spritzenkur soll den Teufelskreis aus Entzündung, Schmerz und Schonhaltung durchbrechen. Doch leider ist diese Hoffnung oft vergeblich. Denn Untersuchungen zeigen, dass Spritzen kaum helfen. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine sorgfältige Analyse des Cochrane-Instituts, das die Wirksamkeit von Medikamenten und Verfahren testet. Das Institut bewertete Einzelstudien, in denen insgesamt 1179 Betroffenen entzündungshemmende und schmerzstillende Mittel gespritzt wurden, und zwar in den Wirbelkanal, an die Austrittpunkte von Nerven, in Gelenke und verhärtete Stellen, in Muskeln und Sehnen.

Es gibt keinen Beweis dafür, dass Spritzen helfen

Das Ergebnis der Untersuchung: Keine der angewendeten Injektionstherapien wirkt nachweislich. Zudem klagten die Testpersonen häufig über Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Schwindel, Kribbeln in den Beinen, Taubheitsgefühle und Übelkeit. In sehr seltenen Fällen entzündeten sich die behandelten Gelenke und Bandscheiben sogar oder die Betroffenen waren nach der Spritze querschnittsgelähmt.

Sind Spritzen gegen Rückenschmerzen demnach Unsinn? So ganz eindeutig ist die Forschungslage auch wieder nicht. Daher werden Sie in einschlägigen Internetforen oder Ratgebern häufig lesen, dass eine Injektionstherapie Ihre Pein durchaus lindern kann. Gut gemachte Studien kommen jedoch meist zu einem anderen Ergebnis. Die Therapie mit der Nadel ist wegen ihrer möglichen Nebenwirkungen jedenfalls mit äußerster Vorsicht zu genießen.

Versuchen Sie es statt dessen lieber mit bewährten sanften Mitteln. Schlucken Sie, wenn’s anders nicht auszuhalten ist, ausreichend Schmerzmittel, um über die schlimmsten Tage und Nächte zu kommen. Lockern Sie Ihre verspannten Muskeln außerdem mit Wärme. Und sehen Sie zu, dass Sie wieder in Bewegung kommen – das ist ohnehin das beste Mittel gegen Reißen im Rücken. Und wenn Sie trotz allem mit einer Spritzenkur liebäugeln, dann informieren Sie sich vorab gründlich. Sie sollten wissen, worauf Sie sich einlassen.

Spritzen in Muskeln und Venen

Ihre Rückenschmerzen sind unerträglich? Verständlich, dass Sie mit dem Gedanken spielen, das Übel an der Wurzel zu packen und sich die Medikamente direkt in den Körper spritzen zu lassen. Seriöse Fachleute werden Ihnen davon allerdings abraten: Es gibt keine Hinweise dafür, dass Schmerzmittel, Betäubungsmittel oder Kortison-Präparate auf diesem Weg besser wirken.

Einige Substanzen können sogar gefährlich werden, wenn sie mit der Nadel verabreicht werden. So haben Spritzen mit dem schmerzlindernden Wirkstoff Diclofenac in der Vergangenheit bereits zu schweren Schockzuständen mit Todesfolge geführt, wenn das Mittel direkt in die Vene injiziert wurde. Sie sollten sich den Wirkstoff nur dann spritzen lassen, wenn Sie Tabletten oder Zäpfchen mit Diclofenac nicht vertragen. Ganz wichtig: Wenn Sie sich gemeinsam mit Ihrem Arzt für diese Spritzenkur entscheiden, bestehen Sie darauf, dass Sie danach noch eine Stunde in der Praxis beobachtet werden – und dass für den Fall eines Schocks ein so genanntes Notfallbesteck bereitgehalten wird!

Mit Botox gegen Rückenschmerzen

Manche Ärztin empfiehlt auch Botulinum-Toxin, kurz Botox, gegen Rückenschmerzen. Das Mittel ist ein Nervengift, das von Schönheitschirurgen gegen Falten gespritzt wird. Es lähmt die Nerven und entspannt die Muskeln. Es kann daher - im Prinzip - auch gegen Kreuzpein helfen. Injiziert wird das Bakteriengift direkt in die Muskulatur, um verkrampfte Muskeln zu lockern, etwa nach einem Hexenschuss in der Halswirbelsäule.

Doch Botox hat Nebenwirkungen: Spritzt der Arzt Botox in die Muskeln im Nacken oder Hals, kann das Gift auch diejenigen Nerven lähmen, die für das Sprechen oder Schlucken zuständig sind. Dann können Sie womöglich nicht mehr sprechen oder haben Schluckbeschwerden. Wird Botox verwendet, um größere Rückenmuskeln zu entspannen, muss der Mediziner sehr viel Botulinum-Toxin spritzen. Doch dann lässt sich die Giftwirkung nur schlecht kontrollieren.

Das Nervengift ist eben nicht ohne: Es besteht die Gefahr, dass Nerven gelähmt werden, die eigentlich funktionstüchtig bleiben sollten. Die europäische Leitlinien-Kommission rät daher bei unspezifischen Rückenschmerzen von Botulinum-Toxin ab.

Spritzen an Nervenwurzeln

Relativ gängig ist es, gegen schlimmes Reißen und Stechen im Rücken Kortison zu spritzen. Bei der so genannten periradikulären Schmerztherapie (PRT) injiziert Ihnen der Arzt die Substanz, womöglich zusammen mit einem Schmerzmittel, direkt in den Wirbelkanal oder an die betroffene Nervenwurzel. Das Kortison soll dafür sorgen, dass das gereizte Gewebe nach einer Weile abschwillt, der Schmerzkiller soll sofort Linderung bringen. Diese Spritzen setzen Mediziner meist bei Problemen in der Lenden- oder Halswirbelsäule, selten auch bei Schmerzen der Brustwirbelsäule.

Zunächst wird die Ärztin Sie örtlich betäuben. Dann schiebt sie eine dünne Hohlnadel durch Ihr Fleisch, bis an die schmerzenden Nervenwurzeln. Den Weg der Nadel durch Ihren Körper kontrolliert sie mittels Röntgenstrahlen: Sie werden während der gesamten Prozedur mit dieser Strahlung beschossen. Nur so kann die Ärztin die Nadel millimetergenau platzieren. Dann leitet sie Schmerzmittel sowie Kortison durch die Kanüle. Haben sich Ihre Beschwerden nach einer Sitzung noch nicht gebessert, empfehlen Ärzte gerne ein paar Wiederholungen.

Doch ob die Quälerei mit der Nadel wirklich hilft, ist unklar. Sicher ist nur, dass sie nicht ohne Risiko ist: Üblich sind Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen oder Fieber, seltener bilden sich Abszesse. Sie müssen sogar mit Atembehinderungen rechnen. Die europäischen Leitlinien zum Rückenschmerz raten deshalb grundsätzlich von Spritzen in das Rückgrat ab.

Spritzen in Wirbel und Bandscheiben

Spritzen bringen Wirkstoffe direkt dahin, wo der Schmerz entsteht - das macht sie auf den ersten Blick so einleuchtend. Möglicherweise hat Ihr Arzt festgestellt, dass die Ursache Ihrer Rückenschmerzen in den kleinen Wirbelgelenken liegt. Und vielleicht schlägt er Ihnen deshalb vor, diese Gelenke mit Kortison, Schmerzmitteln, Betäubungsmitteln oder Hyaluronsäure zu behandeln. Um diese Substanzen in Ihre Wirbelgelenke zu bekommen, muss der Arzt sie mit einer langen Nadel injizieren. Damit die Kanüle genau dort ankommt, wo sie hin soll, wird der Arzt Sie die ganze Zeit mit Röntgenstrahlen durchleuchten, nur so kann er den Weg der Nadel kontrollieren.

Doch das Verfahren birgt Risiken: So kann die Kanüle im Weg liegende Nerven verletzen und Lähmungen verursachen. Möglicherweise entzündet sich auch das durchstochene Gewebe. Kopfschmerzen und Übelkeit gehören noch zu den milderen Nebenwirkungen. Zudem fehlen handfeste Beweise, dass sich Rückenleiden so tatsächlich lindern lassen.

Sind die Bandscheiben die Quelle der Qual, kann die Ärztin mit einer Kanüle Kortison oder Betäubungsmittel in sie injizieren. Das soll die Entzündung bekämpfen und den Schmerz an seinem Ursprung lindern. Doch die europäische Leitlinien-Kommission rät auch davon ab. Denn bisher gibt es keine Studien, die die Wirksamkeit der Nadelei belegen. Und auch hier gibt es erhebliche Risiken: Der Eingriff kann die Bandscheibe entzünden, und Kortison kann das Gewebe auf Dauer zerstören.

Im Versuchsstadium: Wirkstoff-Cocktail per Katheter

Neben der Spritze gibt es auch noch die Möglichkeit, dass Sie sich für drei Tage einen Katheter legen lassen. Diese Behandlungsmöglichkeit wird Racz-Therapie genannt, nach ihrem Erfinder, dem amerikanischen Schmerztherapeuten Gabor Racz. Die Spitze des feinen Katheters sitzt dort, wo die Bandscheibe herausgerutscht ist. Über die Kanüle des Katheters träufeln Schmerzmittel und Kortison in Ihren Körper.

Gelegt wird der Schlauch unter lokaler Betäubung und unter der Kontrolle von Röntgenstrahlen, der Arzt führt den Katheter durch eine natürliche Knochenöffnung im Steißbein in das Rückgrat ein. Der Wirkstoff-Cocktail soll die gereizten Nervenwurzeln abschwellen lassen und den Schmerz lindern. Beigemischte Enzyme wie Hyaluronidase sollen Verwachsungen lockern. Dieses Enzym ist in Deutschland für diese Art der Therapie allerdings nicht zugelassen.

Wollen Sie diese Behandlung ausprobieren, sollten Sie wissen, dass die Methode noch im Experimentier-Stadium ist. Denn noch gibt es keine handfesten Studien zu ihrer Wirksamkeit. Zeit sollten Sie auch haben: Während der Behandlung müssen Sie in der Klinik bleiben.

Spritzen in Sehnen und Bänder

Neu ist sie nicht - aber nach wie vor umstritten: die Proliferations- oder Prolotherapie. Dabei spritzt die Ärztin bestimmte Substanzen direkt dorthin, wo Sehnen und Bänder an den Wirbeln ansetzen. Bekannt ist die Methode seit etwa 50 Jahren, Mediziner wenden sie vor allem bei chronischen Rückenschmerzen an.

Mit einer langen Nadel spritzt die Ärztin Ihnen einen Mix aus einem Betäubungsmittel wie Lidocain und einem Reizmittel wie Zuckerwasser. Diese Lösung reizt das Gewebe, so dass es sich entzündet. Dieser Vorgang soll natürliche Heilungsprozesse in den Tiefen Ihres Rückens anregen. Anhänger der Methode glauben, dass sich auf diese Weise erschlaffte Bänder wieder straffen und dem Rücken einen besseren Halt geben.

Doch ob die Prolotherapie tatsächlich wirksam ist, konnte bislang nicht mit Studien belegt werden. Im Alleingang bringt sie sicher nichts. Nur zusammen mit Gymnastik oder anderen Therapien kann sie möglicherweise Ihre Schmerzen lindern.

Constanze Löffler

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