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Nicht zu schnell unters Messer legen

Die Zahl der chirurgischen Eingriffe an der Wirbelsäule steigt rasant. Doch viele Operationen sind unnötig - und bringen vor allem dem Arzt Geld. Konventionelle Therapien helfen häufig ebenso gut.

Von Astrid Viciano

  In 80 Prozent der Fälle verschwinden Rückenschmerzen innerhalb von zwei Monaten von selbst wieder

In 80 Prozent der Fälle verschwinden Rückenschmerzen innerhalb von zwei Monaten von selbst wieder

Könnte Carmen P. die Zeit zurückdrehen, würde sie sich anders entscheiden. Damals, vor fünf Jahren, als sie sich nach monatelangen Rückenschmerzen an der Bandscheibe operieren ließ. Ohne lange zu überlegen, ohne die Meinung eines weiteren Arztes einzuholen. "Ich war völlig überrumpelt. Heute würde ich mir mehr Zeit lassen", sagt die Managerin aus der Nähe von Potsdam. Ihre Bandscheibe wurde durch eine Prothese ersetzt. Doch die Schmerzen blieben. Im Rücken, im rechten Bein, im rechten Fuß. "Es fühlte sich an, als würden mir heiße Nadeln ins Fleisch gestochen", sagt sie.

Die heute 48-Jährige Patientin hatte einen Bandscheibenvorfall an der Lendenwirbelsäule erlitten, so wie jedes Jahr mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland. Bei mehr als 900.000 tritt der Vorfall im Halswirbelbereich auf. Carmen P. wollte mit Hilfe des Eingriffs schnell wieder auf die Beine kommen, wie viele andere Rückenpatienten in Deutschland.

Im Jahr 2011 kamen in Deutschland fast 174.000 von ihnen unters Messer, 2005 waren es noch 121.000, so die Daten des Statistischen Bundesamts. Der Krankenhausbericht 2013 der AOK ergab einen Anstieg um 55 Prozent innerhalb von fünf Jahren. "Die Zahl der Eingriffe hat deutlich zugenommen", sagt Fritz Uwe Niethard, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie und Co-Autor des AOK-Berichts. Bandscheiben-Operationen gehören heute zu den häufigsten Operationen überhaupt.

Doch wie sinnvoll ist der Eingriff? Und warum nehmen diese Operationen zu? Womit der Anstieg zu begründen ist, darüber streiten Experten. Manche führen ihn darauf zurück, dass unsere Gesellschaft älter und kränker wird. Andere sehen den technischen Fortschritt der vergangenen Jahre als Grund für die Zunahme. Und einige werfen den Medizinern vor, mit Hilfe der lukrativen Operation ihren persönlichen Profit zu erhöhen.

Fest steht: Patienten werden häufig zu einer Operation überredet, bevor sie alle Therapiemöglichkeiten kennen – und sich in Ruhe für die für sie beste Behandlung entscheiden können. Dabei helfen oft konservative Therapien wie Krankengymnastik ebenso gut. "Bei vier von fünf Bandscheibenpatienten haben wir auch ohne Operation Erfolg", sagt Hans-Raimund Casser, Leiter der DRK Schmerzklinik in Mainz.

Bandscheibenvorfall bleibt oft unbemerkt

Bei dem Eingriff entnehmen die Ärzte Teile der Kissen, die dem Rückgrat als Stoßdämpfer dienen. Die Bindegewebspolster ruhen zwischen den einzelnen Wirbelkörpern und federn die Belastungen des Rückens ab. Allerdings verlieren die Bandscheiben im Laufe des Lebens an Wasser: Ähnlich wie ein Kaugummi trocknen sie zunächst nur am Rande aus, werden jedoch mit der Zeit auch in der Mitte trocken und hart. "Genau wie unsere Haut altert auch unsere Wirbelsäule", sagt Orthopäde Casser.

Bei manchen Menschen wird der äußere Faserring der Bandscheibe brüchig, und Bandscheibengewebe quillt heraus. Dünne wie dicke, sportliche wie untrainierte Menschen können davon betroffen sein. Vermutlich spielt vor allem die genetische Veranlagung dabei eine Rolle – und leitet den Prozess bereits im jungen Erwachsenenalter ein.

Oft geschieht ein Bandscheibenvorfall jedoch unbemerkt. Denn so lange die Bandscheibe nicht auf Nerven drückt, spürt der Patient nichts von dem verrutschten Bindegewebe in seiner Wirbelsäule. So legten amerikanische Forscher vor einiger Zeit 98 beschwerdefreie, zufällig ausgewählte Erwachsene in den Kernspintomographen, um deren Wirbelsäule zu begutachten. Von den Probanden zeigte fast ein Drittel die Vorstufe eines Bandscheibenvorfalls. "Wenn der Patient keine Symptome hat, müssen wir ihn auch nicht behandeln", so Casser.

5000 Euro pro Eingriff

Sobald jedoch die Bandscheibe eine Nervenwurzel einengt, müssen Ärzte eingreifen. Wenn ein Nerv gequetscht wird, leidet der Patient meist unter starken Schmerzen. Manchmal werden Bereiche von Bein und Rücken taub und kribbeln, manchmal sind Bein oder Fuß plötzlich gelähmt. Selten können die Betroffenen ihre Blase und ihren Darm nicht mehr kontrollieren und werden inkontinent. Diese Patienten müssen sofort operiert werden, ansonsten drohen langfristige Schäden.

Die übrigen Rückengeplagten können dagegen mit einem Eingriff warten. Dass sich dennoch viele von ihnen operieren lassen, liegt auch daran, dass heute viele Ärzte ihren Wunsch nach einer schnellen Lösung des Problems erfüllen können. Die Anzahl der Neurochirurgen in Deutschland zum Beispiel stieg von 239 Fachärzten im Jahr 1980 bis zum Jahr 2011 auf 1950 Spezialisten an. Zudem ist die Methode einfacher und sicherer geworden. Und für den Eingriff, der höchstens eine Dreiviertelstunde dauert, erhalten die Mediziner von den Krankenkassen rund 5000 Euro.

Zeit nehmen und abwägen

Doch es liegt auch an den Betroffenen selbst, ob sie sich für oder gegen den Eingriff entscheiden. "Die Lebenssituation des Patienten ist dabei sehr wichtig", sagt Matthias Schröder, Neurochirurg aus München, der seit 18 Jahren vor allem Rückenpatienten behandelt. Der selbstständige Kioskbesitzer muss schneller auf den Beinen sein als der Mitarbeiter eines großen Betriebs, eine Mutter mit drei Kindern schneller als ein alleinstehender Mann. So sind die Betroffenen nach einer Operation rasch wieder einsatzfähig, die Behandlung ohne Operation dauert dagegen Wochen bis Monate.

Nach einer Bandscheiben-Operation bessern sich die Schmerzen bei etwa 80 Prozent der Patienten. "Dabei lindert der Eingriff den ins Bein ausstrahlenden Schmerz mehr als jenen im Rücken", sagt Lukas Rößeler, Leiter der Neurochirurgie am DRK-Schmerz-Zentrum in Mainz. Etwa zehn von 100 Patienten erleiden erneut einen Bandscheibenvorfall, der nochmals operiert werden kann.

Allerdings kann es bei den Eingriffen selten zu schweren Komplikationen kommen. In rund drei Prozent der Fälle kommt es zu Verletzungen der Rückenmarkshaut, sehr selten auch zu solchen der Nerven oder Blutgefäße. In rund zwei Prozent der Fälle kommt es zu einer Infektion im Wirbelkanal.

Daher sollten sich Patienten vor einer Operation Zeit nehmen, sich überlegen, wie schnell sie wieder im Beruf stehen müssen und welche Risiken sie eingehen wollen. Und Ärzte meiden, die sie – ohne dass sie an Lähmungserscheinungen oder Inkontinenz leiden – sofort zu einem Eingriff überreden wollen.

Bewegung hilft

Bei Carmen P. besserten sich die Schmerzen nach der Operation nicht. Fast sechs Jahre lang musste sie starke Schmerzmedikamente nehmen, um ihren Beruf ausüben zu können. Erleichterung verschafft ihr erst eine sogenannte multimodale Schmerztherapie am Rückenzentrum am Markgrafenpark in Berlin durchlief. In speziellen Therapiegruppen mit maximal acht Teilnehmern werden die Patienten von schmerztherapeutisch geschulten Ärzten, Physio- und Psychotherapeuten betreut. Sie erhalten eine speziell auf Schmerzpatienten zugeschnittene Behandlung bei der Bewegung einen großen Stellenwert hat. Achtsamkeitsübungen zur Verbesserung der Körperwahrnehmung und Stressbewältigung gehören ebenso dazu wie Übungen zur Entspannung.

Auch das spezielle Training hat Carmen P. nicht völlig von ihren Rückenschmerzen befreien können. Dafür kam die Behandlung zu spät; vermutlich sind ihre Schmerzen inzwischen chronisch geworden. "Doch geht es mir seit der Therapie in Berlin viel besser", sagt die Patientin. Denn dort habe sie gelernt, mit ihrem kranken Rücken zu leben.

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