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Kampf im Kopf

Monatelang merkte niemand, dass Helene Beitler an Schizophrenie erkrankt war. Eine Geschichte von Wahn und Halluzinationen - und einem Paar, dessen Liebe stärker ist als die Krankheit.

Von Anika Geisler und Anatol Kotte (Fotos)

An dem Tag, als die schwarzen Pfeile sie durchbohrten, hatte Helene Beitler eine weiße Bluse an. Weiß, seit Wochen die einzige Farbe, die sie noch ertrug. Blaue, braune und schwarze Stoffe lasteten wie Blei auf ihrer Haut und erdrückten sie.

Helene Beitler kam etwas zu spät in ihre Kunstschule in Stuttgart. Plötzlich spürte sie einen stechenden Schmerz in ihrem Herzen, guckte an sich herunter und sah Pfeile in ihrem Brustkorb stecken. Sie rannte auf die Straße, versuchte, die Pfeile herauszuziehen. Keiner bemerkte ihre Qualen, niemand half. Sie fuhr nach Hause zu ihrem Mann. "Ich bin schwer krank", sagte sie und meinte die Verletzungen. Aber er verstand sie nicht. Weil er nichts sehen konnte. Die Pfeile in ihrer Brust - sie existierten nur in Helene Beitlers Kopf.

Hubert Beitler ist ein pragmatischer Mann. Heute 50 Jahre alt. Asketisch, sehnig und zäh. Seine Haare sind früh grau geworden. Beim Denken reibt er seine langen Finger, blickt zum Himmel und wägt seine Worte bedächtig, bevor er spricht. Er arbeitet als Ingenieur bei Daimler-Chrysler, beschäftigt sich mit Zahlen und Fakten. Nach Feierabend übt er sich in chinesischer Kampfkunst, steigert seine Reaktionsgeschwindigkeit, Kraft und Geschicklichkeit. Wing Tsun heißt die Disziplin, in der er den dritten Lehrergrad erworben hat: Der Angriff des anderen wird umgewandelt in eigene Energie, mit der man sich verteidigt. "Vielleicht habe ich das alles mit Helenes Krankheit nur geschafft, weil ich Kampfsportler bin", sagt Hubert Beitler. "Gebt mir eine Herausforderung, und ich nehme sie an."

Als er Helene 1981

im Studentenwohnheim in München kennen lernt, ist Beitler noch Maschinenbaustudent und ahnt nicht, dass diese Frau die Herausforderung seines Lebens werden wird. Er, 27, bodenständig, aus Oberbayern, trifft sie, 22, aus Dortmund, Kunststudentin, die riesige, bunte Bilder malt.

Schon ein Jahr später bekommen sie den ersten Sohn, Fabian. Fabians Bruder wird drei Jahre darauf geboren. Die Familie ist inzwischen nach Stuttgart umgezogen. Helene bleibt keine Zeit mehr zum Malen. "Ich saß daheim mit zwei Kindern, die dauernd krank waren und oft in die Klinik mussten", erzählt sie. Die junge Mutter war überfordert - und frustriert, dass sie nur noch Hausfrau sein sollte.

Helene Beitler, heute 44 Jahre alt, hat nur noch wenig Ähnlichkeit mit der gut aussehenden Mittzwanzigerin, die Familienbilder von damals zeigen; sie hat 40 Kilogramm zugenommen und Diabetes bekommen. Beides sind Nebenwirkungen jener Tabletten, die sie seit zehn Jahren gegen ihre Erkrankung nimmt: gegen Schizophrenie. "Natürlich ist es nicht schön, dass ich mich körperlich so verändert habe", sagt sie. "Aber es ist eine klare Entscheidung. Jedes Mal, wenn ich meine Medikamente abgesetzt habe, weil ich dachte, ich käme endlich ohne sie zurecht, bekam ich einen Rückfall, einen psychotischen Schub." Sie blickt einem gerade in die Augen, lacht oft laut und wirft dabei den Kopf in den Nacken. Eine fröhliche Frau, trotz der Krisen. "Jeder Mensch hat seine Schwachstelle im Körper", sagt sie. "Manche bekommen Magengeschwüre, andere einen Herzinfarkt, und bei mir ist es halt das Gehirn."

Damals, 1987,

empfindet Helene Beitler die Rückkehr in eine Kunstschule als Erlösung. Zumindest anfangs. Sie arbeitet bis spät nachts an ihren Bildern. Ihr Mann unterstützt sie und kümmert sich abends um die Kinder. Beide glauben, für Helene endlich einen Ausweg aus dem bloßen Hausfrauendasein gefunden zu haben. Doch irgendwann entgleitet ihr die Realität. Helene Beitler steigt ihrem Kunstlehrer nach. Geht abends in die- selben Kneipen und Discos wie er. Sitzt abseits. Himmelt ihn an. Dann der Tag in der Kunstschule, an dem sie die Pfeile in ihrer Brust sieht. Eine Attacke der Mitschüler, glaubt sie. Die sind neidisch. Weil der Kunstlehrer und ich eine geistige Verbindung haben, "innere Zwillinge" sind. Weil wir zusammen in einem Wohnmobil um die Welt reisen werden. Der Kunstlehrer lässt sich nichts anmerken, aber ich weiß, dass er genauso fühlt. Er sagt, ich solle mich mal richtig ausschlafen. Das ist nur eine seiner vielen verschlüsselten Botschaften.

Als Helene Beitler ihrem Mann eröffnet, dass sie mit dem Lehrer auf Weltreise gehen wolle, ist der geschockt, traurig und eifersüchtig. Er denkt: Vielleicht genüge ich ihr als verkopfter Techniker nicht. Und pragmatisch wie immer: Das passiert ja nicht nur mir. So viele Männer werden in Deutschland jeden Tag verlassen.

Viele Monate lang leben die beiden sprachlos in derselben Wohnung nebeneinander her, mit geschlossenen Türen. Er als Verschmähter. Sie, die immer tiefer in ihre Psychose schliddert. Er wahrt den äußeren Schein, sie zieht ins Arbeitszimmer. Er geht zur Arbeit, sie raucht zwei Schachteln Zigaretten am Tag. Wie besessen malt sie auf Seidenpapier, das einreißt und die Verletzlichkeit ihrer Seele zeigen soll. In der Kunstklasse benutzt sie rücksichtslos Pinsel und Farben der Mitschüler, "korrigiert" ungefragt deren Bilder.

Abends geht Hubert Beitler zum Kampftraining und sie auf Streifzug, immer auf der Suche nach dem angebeteten Kunstlehrer. Wenn sie morgens aus der Disco heimkehrt, macht ihr Mann gerade das Frühstück. Sie isst nicht, schläft nicht, tigert auf dem Flur auf und ab wie ein eingesperrtes Raubtier. Ihre Kraft für den Alltag schwindet, die Wäscheberge türmen sich im Bad, das Geschirr stapelt sich in der Küche. Manchmal vergisst sie das Mittagessen oder bei welchen Freunden die Söhne spielen und wann sie wieder abgeholt werden müssen.

Helene wird hypersensibel. Das Weiß der Wände blendet sie und schmerzt in den Augen. Sie sieht Kleider auf der Straße herumlaufen, ohne Menschen darin. Passanten, die versteinern und, wenn sie vor einer Mauer stehen, zum Teil derselben werden. Zweige in den Baumkronen formen sich zu einem Auge. Das Laub auf dem Boden weist mir die Richtung, in die ich gehen soll. Meine Umgebung will mir etwas mitteilen, alles bedeutet etwas. Die abgeschaltete Ampel, die im Takt blinkt, die Graffiti an der Hauswand - alles Zeichen, nur für mich. In der Küche starrt sie stundenlang in die Flamme des Gasherdes, weil sie in ihr die Umrisse eines Kinderkörpers flackern sieht. Ich gucke in den Kochtopf und finde dort statt Erbsen lauter aufgeplatzte Kinderköpfe. Ich sehe mich selbst im Swimmingpool treiben, nackt und blass mit wallendem Haar und einer Nabelschnur, daraus rinnt Blut und färbt das Wasser rot. Meine beiden Gehirnhälften kämpfen im Schädel gegeneinander und verdrehen sich so lange, bis mir das Blut aus Ohren, Mund und Nase schießt.

Halluzinationen

nennen die Mediziner solche Phänomene. Viele Schizophrene sehen Dinge, die nicht da sind, hören Stimmen, die es nicht gibt, haben seltsame Körperempfindungen.

Ihr Mann sieht sie nur rastlos durch die Gegend hetzen, wortlos, abgemagert, übernächtigt. Er will die Scheidung. Und bittet seine Schwiegereltern um Hilfe. Die fahren sofort nach Stuttgart.

Der familiäre Eklat ist Helenes Rettung. Als sie morgens von ihrem nächtlichen Streifzug nach Hause kommt und sieht, dass ihre Eltern da sind, will sie aus der Wohnung laufen. Ihr Vater hält sie am Arm fest. Sie wehrt sich, schreit. Ihr Mann ruft die Polizei. "Wir haben einen Familienstreit, ich schaff das nicht mehr allein", sagt er. Die zwei Polizisten, die kurz darauf vor der Tür stehen, alarmieren einen Krankenwagen. Die Beamten sind die Ersten, nach Monaten, die die Lage richtig einschätzen. Helene Beitler kommt in die Psychiatrie, auf die geschlossene Station.

"Als ich allein von der Klinik nach Hause fuhr, hatte ich immer noch nicht verstanden, worum es eigentlich ging", sagt Hubert Beitler. "Ich glaubte meine Frau in einer Art Sicherheitsverwahrung für überspannte Künstler. Erst als Helene viel später entlassen wurde und ein Arzt mir sagte, dass meine Frau vier Monate schwer krank gewesen sei, kapierte ich endlich." Naiv? "Nein, unwissend", sagt er. Und: dass nicht sein kann, was nicht sein darf. "Geisteskrank? Klapse? Das will man doch nicht an sich heranlassen. Da passen doch eine verspleente Künstlerin plus ein Nebenbuhler viel besser ins Konzept."

Als Hubert Beitler seine Frau das erste Mal auf der geschlossenen Station besucht, ist das ein Horrortrip. 20 Minuten hält er es dort aus. Gestalten, die vollgepumpt mit Medikamenten wie Roboter über den Flur schlurfen. Die auf Bänken sitzen und gleichförmig mit dem Oberkörper vor- und zurückwippen. Eine Frau im Nebenzimmer schreit minutenlang. Fremde kommen mit ausgestreckten Armen auf ihn zu und fassen ihn an. Beitler kehrt erst in das Krankenhaus zurück, als seine Frau auf eine offene Station verlegt wird. Heute kann er manche Verhaltensweisen besser verstehen, weil seine Frau sie ihm erklärt hat. Sie sagte: "Sie wollten dich berühren. Sie suchten Kontakt zu jemandem, der von draußen kommt, aus der normalen Welt. Von dort, wo sie alle wieder hinmöchten. Sie wollten ein bisschen Normalität anfassen."

Auch Helene Beitler bekommt Medikamente. Am Anfang ist sie überzeugt, man wolle sie vergiften. Dann wird sie ruhiger. Die überreizten Rezeptoren in ihrem Gehirn werden gedrosselt. Sie kann wieder schlafen. Schafft es, sich an Routineabläufen auf der Station zu beteiligen. Eine Patientin, ebenfalls schizophren, erzählt ihr, sie habe Schmerzen im Rücken, weil ihr dort Flügel wüchsen.

Schizophren.

"Ich fühlte mich minderwertig und abgestempelt, empfand die Diagnose als Schlag ins Gesicht", sagt sie.

Schizophrenie: Das aus dem Griechischen kommende Wort bedeutet so viel wie "Geistesspaltung". Das Leiden führt zu unterschiedlichen Symptomen: Viele Betroffene haben während eines akuten psychotischen Schubes Halluzinationen. Oft leiden sie an Wahnvorstellungen (zum Beispiel Verfolgungs-, Vergiftungs- oder Liebeswahn) oder sind überzeugt davon, dass ihre Gedanken und Gefühle "von jemand anderem gemacht" würden und ihre Umgebung "nur für sie arrangiert" werde. Diese Fehlwahrnehmungen kommen wahrscheinlich dadurch zustande, dass die Konzentration bestimmter Botenstoffe im Gehirn erhöht ist. Es gibt verschiedene Verläufe der Erkrankung - 20 Prozent der Betroffenen haben beispielsweise nur einmal in ihrem Leben eine akute Krankheitsepisode.

Das Risiko, an einer Schizophrenie zu erkranken, beträgt etwa ein Prozent. Bei der Entstehung des Leidens scheinen verschiedene Faktoren eine Rolle zu spielen: Zum einen gibt es eine erbliche Komponente; zudem kann emotionale Belastung Auslöser für einen Schub sein.

Während Helene Beitler in der Klinik therapiert wird, sind die Kinder für einige Monate bei der Großmutter in Bayern untergebracht. Hubert Beitler fährt so oft wie möglich hin. Die Söhne verstehen nicht, was mit der Mutter los ist. Viel später erfährt Helene Beitler, dass die Jungen dachten, sie sei gestorben.

Am Entlassungstag, an dem Hubert Beitler endlich begreift, wie krank seine Frau gewesen ist, werden die beiden wieder ein Paar. "Es wäre doch asozial von mir gewesen, sie wegen einer Krankheit zu verlassen", sagt Hubert Beitler. Er weiß, dass die Zukunft unberechenbar ist, dass die Beziehung schwächer als die Schizophrenie sein kann. Aber die beiden wollen es wagen. Sie reden viel, versuchen die Sprachlosigkeit, die monatelang herrschte, zu bekämpfen. Schlafen zuerst noch in getrennten Zimmern. Die Scheidung ist kein Thema mehr. Hubert Beitler klärt Freunde, Kollegen und den Chef über das Leiden seiner Frau auf. Und schließlich holt das Paar die Kinder nach Hause.

Danach bekommt

Helene Beitler noch vier psychotische Schübe. Nimmt Medikamente, setzt sie aber, wenn es ihr besser geht, wieder ab. Die letzte schizophrene Phase, im Jahre 1994, stehen die Beitlers zu Hause durch. Haarklein haben sie die Regeln vorher ausgeklügelt. Sie übernimmt während des akuten Schubes Routineaufgaben, damit sie eine Verbindung zur Realität behält. Aber nie bleibt sie mit den Kindern allein.

Er ruft alle drei Stunden von der Arbeit an, um zu hören, wie es ihr geht. Wenn seine Frau seltsame Sachen sagt, bittet er sie, noch eine Tablette mehr zu schlucken. Und erklärt ihr etwa, dass es nur eine ihrer psychotischen Wahrnehmungen ist, wenn sie ihn für Gott hält. Es sind sechs Wochen durchgeplanter Ausnahmezustand. Viel besser als im Krankenhaus, sagt sie. Sie kommt mit einem Drittel der Dosierung aus, die sie in der Klinik nehmen musste.

Seit dieser Zeit schluckt Helene Beitler ihre Tabletten in niedriger Dosis und besucht regelmäßig einen Psychiater. Sie will es nicht mehr auf einen Rückfall ankommen lassen. Die Psychose hat sich vor Jahren ihren Weg gebahnt und könnte es auch heute bei Stress noch tun, sagt sie. Sie merkt, wenn sie sich zu sehr strapaziert und wackelig wird. Sie kennt die Frühwarnzeichen: Wenn das Mittagessen wieder erst um drei auf dem Tisch steht oder wenn sie anfängt, Leuten Briefe zu schreiben, denen sie ewig nicht geschrieben hat.

Die Veranlagung für die Krankheit liegt in der Familie. Die Schwester hatte einen psychotischen Schub, auch der ältere Bruder lebt in seiner eigenen Welt. Er ist davon überzeugt, dass sein Blut völlig übersäuert sei, was er nur mit literweise Möhrensaft bekämpfen könne. In die Klinik will er nicht, weil er dort den Saft nicht bekäme und sterben müsse.

Inzwischen halten Helene und Hubert Beitler Vorträge über Schizophrenie und ihr Zusammenleben und haben zwei Bücher geschrieben. Im Dezember dieses Jahres wird über ihr Leben ein Roman im Rowohlt Verlag erscheinen.× Sie wollen aufklären und die Angst nehmen, gegen Vorurteile und Stigmatisierung kämpfen. "Viele denken bei Schizophrenie an Doktor Jekyll und Mister Hyde und dass die Betroffenen zwangsläufig gemeingefährlich sind", sagt Hubert Beitler. Dabei sind Schizophrene - von Untergruppen abgesehen - nicht wesentlich häufiger gewalttätig als Menschen aus der Durchschnittsbevölkerung. "Ich war immer ich", sagt Helene Beitler. "Ich hätte nie plötzlich einen Mord verüben können."

Sie ist froh, dass die Medikamente bei ihr helfen. "Meine besten Bilder habe ich zwar in meinen Psychosen gemalt. Und dabei faszinierende Dinge erlebt", sagt Helene Beitler. "Trotzdem: Ich wollte immer in die alte Wirklichkeit zurück."

Ihr Sohn Fabian, inzwischen 22, kommt nur noch selten in seine alte Wirklichkeit zurück. Auch er ist an Schizophrenie erkrankt. Als Fabian in die zweite Klasse ging, bemerkte die Mutter zum ersten Mal seltsame Veränderungen an ihm. Bei einem Spaziergang fragte er misstrauisch: "Mama, warum schauen mich die Leute so komisch an?" Helene Beitler selbst hatte ihren ersten Krankheitsschub hinter sich, wusste über die frühen Anzeichen Bescheid und ahnte, dass auch ihr Kind betroffen sein könnte. Nach mehreren Auffälligkeiten kam Fabian zur Untersuchung in die Kinder- und Jugendpsychiatrie, die Diagnose wurde einige Zeit später gestellt.

Anders als seine Mutter leidet Fabian unter einer so genannten chronischen Schizophrenie, auch Medikamente konnten ihn nicht dauerhaft davon befreien. Als Teenager antwortete er einmal seinem Vater auf die Frage, wie er einen Film gefunden habe: "Aber das weißt du doch, Papa, du hast mir doch eine Kamera ins Auge implantiert." Fabian wohnt bei seinen Eltern zu Hause. Sie sehen seine Krankheit als Herausforderung an, die sie so gut wie möglich meistern wollen.

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