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Die heiklen Helfer

Tabletten helfen durch die Nacht - aber sie ruinieren die Struktur des Schlafs und machen süchtig: Wer einmal anfängt, kann nur schlecht aufhören. Fachleute raten daher von den Medikamenten ab.

Sogar in geringen Dosen ließen Schlaftabletten das Sterberisiko ansteigen

Sogar in geringen Dosen ließen Schlaftabletten das Sterberisiko ansteigen

Das Buch ist ausgelesen, die heiße Milch getrunken, das letzte Schäfchen gezählt: Es ist schon spät - aber der Schlaf will immer noch nicht kommen. Sie werden ungeduldig und schlucken eine Schlaftablette. Endlich dämmern Sie weg. Doch am nächsten Morgen fühlen Sie sich nur mäßig ausgeruht, eher wie benommen. Trotzdem kommt Ihnen schon in der nächsten Nacht erneut der fatale Reisebegleiter in den Sinn. Der Tag darauf präsentiert sich so verschwommen wie der zuvor - Sie nehmen nochmal das Medikament. Und so weiter.

Schlafmittel sind heikel. Sie sorgen nur kurzfristig für bessere Nächte, aber lösen können sie das Schlafproblem nicht. Zudem bergen sie eine große Gefahr: die der Abhängigkeit. Selbst wenn sich keine körperliche Sucht entwickelt, kann sich der Geist schnell an die Medikamente gewöhnen. Denn die Überzeugung, ohne Tablette nicht mehr schlafen zu können, verursacht nur neue Schlaflosigkeit.

Dieses Risiko bergen alle chemischen Schlafbahner - auch Natur-Präparate wie Baldrian oder Hopfen. Ohne Rücksprache mit Ihrem Arzt sollten Sie daher keine Schlaftabletten einnehmen. Manchmal empfehlen Mediziner die Medikamente als vorläufige Lösung bei Stress-Situationen, zum Beispiel vor einer Prüfung oder einer entscheidenden Sitzung. Zwar ist das Suchtrisiko bei den neuen Wirkstoffen nicht mehr so hoch wie bei alten, dennoch sollten Sie die Medikamente nicht länger als zwei Wochen hintereinander nehmen. Je kürzer, desto besser!

Die Chemie manipuliert das Gehirn

Schlafmittel sind so genannte Psychopharmaka: Die Substanzen wirken im Gehirn und verstellen dort einige Regelkreise. Herkömmliche Schlafmittel, zum Beispiel die so genannten Benzodiazepine, greifen stark in die Hirnchemie ein. Wer das Medikament geschluckt hat, sackt unweigerlich weg.

Moderne Medikamente erzwingen den Schlaf nicht, sie bahnen ihn nur an: Das Einschlafen gelingt dann leichter. Diese Substanzen greifen aber auch in die natürliche Schlafchemie ein. Wenn wir wach sind, läuft das Gehirn auf Hochtouren. Um einschlafen zu können, muss es sich herunterfahren. Dafür verantwortlich ist hauptsächlich der körpereigene Hirn-Botenstoff Gamma-Amino-Buttersäure, kurz GABA. Moderne Schlafmittel verstärken die Wirkung von GABA. Ärzte verschreiben heute meist die so genannten Nicht-Benzodiazipine. Sie machen nicht so schnell abhängig wie die herkömmlichen Schlafmittel.

Es gibt verschiedene Medikamente, die sich - je nach Art der Schlafstörung - unterschiedlich gut eignen. Können Sie zum Beispiel nicht gut einschlafen, wird die Hausärztin Ihnen Tabletten verschreiben, die der Körper schnell wieder abbauen kann. Können Sie nachts nicht durchschlafen oder wachen Sie am Morgen zu früh auf, helfen Substanzen, die länger als fünf Stunden wirken.

Doch die Langzeit-Chemie hat Nebenwirkungen: Möglicherweise fühlen Sie sich am nächsten Tag noch schwindelig und schläfrig. Ihr Reaktionsvermögen kann eingeschränkt sein, Autofahren sollten Sie dann nicht. Mit Folgen müssen Sie auch rechnen, wenn Ihnen der Arzt ein niedrig dosiertes Antidepressivum gegen die ruhelose Nacht verschrieben hat. Diese Medikamente, die ursprünglich für Gemütskranke entwickelt wurden, stoßen zwar den Schlaf an, haben aber mehr Nebenwirkungen als die neueren Schlafmittel.

Die Medikamente unterdrücken den Lernschlaf

So erholsam wie natürlicher Schlaf ist der künstlich gebahnte nie. Denn die chemischen Substanzen verschlechtern die Architektur des Schlafes. Benzodiazepine unterdrücken den besonders erholsamen Tiefschlaf, auch die REM-Schlaf-Phasen - die Zeiten der bunten Träume - werden kürzer. Antidepressiva, Mittel gegen Depressionen, verkürzen nur die REM-Phasen, den für das Lernen so wichtigen Tiefschlaf verändern sie nicht. Weil Schlaftabletten die Struktur des Schlummers ruinieren und süchtig machen können, raten Fachleute davon ab.

Der Arzt, der Ihnen ein Präparat verschreibt, sollte deshalb auf alle Fälle ein halbstündiges Gespräch mit Ihnen führen. Er sollte sich vergewissern, dass Ihre Schlaflosigkeit andere Gründe hat als zum Beispiel Kaffee am Nachmittag oder Alkohol am Abend. Vielleicht steckt auch eine Depression hinter Ihrem Problem. Drückt Ihnen der Arzt schon nach fünf Minuten und ohne weitere Fragen ein Rezept in die Hand, sollten Sie skeptisch werden. Das gilt auch, wenn er zu dem Problem nichts anderes vorschlägt wie zum Beispiel Entspannungsübungen oder gesündere Lebens- und Schlafgewohnheiten.

Haben Sie das Medikament eine Woche eingenommen, sollten Sie erneut mit Ihrer Ärztin sprechen. Wirkt es gut, gibt es Nebenwirkungen, wäre vielleicht ein anderes Präparat besser geeignet, stimmt die Dosis? Ältere Menschen kommen zum Beispiel mit geringeren Mengen an Schlafmitteln aus, weil ihr Stoffwechsel langsamer arbeitet. Sie sollten auch keine Benzodiazepine einnehmen: Diese Substanzen entspannen die Muskeln stark, daher besteht die Gefahr, zu stürzen.

Schlaftabletten sind für viele Gift

Wer Schlafmittel nimmt, darf keinen Alkohol trinken. Leberkranke sollten wissen, dass ihnen die Medikamente großen Schaden zufügen können. Tabu sind die Substanzen für Schwangere, Stillende und für Menschen, die schon einmal ein Suchtproblem hatten. Auch wenn Sie nachts Atemstillstände haben, sollten Sie die Pillen nicht schlucken. Sonst japsen Sie im Schlaf noch schlimmer nach Luft.

Wollen Sie mit dem Medikament aufhören, sollten Sie es nicht plötzlich von heute auf morgen tun. Verringern Sie die Dosis lieber langsam, sonst leiden Sie womöglich unter Entzugs-Symptomen, die sich nur lindern lassen, indem Sie wieder mit den Tabletten anfangen. Dieser so genannte Rebound-Effekt ist typisch für Süchtige. Er lässt sich verhindern, indem Sie in kleinen Schritten aussteigen. Je länger Sie das Mittel eingenommen haben, umso länger sollte sich der Ausstieg hinziehen.

Wohltaten der Natur: Hopfen, Baldrian und Melisse

Zugelassen für Menschen ab 55 Jahren ist seit kurzem ein Präparat mit Melatonin. Diese Substanz stellt unser Körper selbst her. Er schüttet das Hormon bei Dunkelheit aus, deshalb werden wir abends müde. Synthetisch hergestelltes Melatonin macht wahrscheinlich nicht süchtig, trotzdem sollten Sie es nicht über einen längeren Zeitraum einnehmen.

Ob Baldrian den Schlaf fördert, ist bisher nicht eindeutig bewiesen. Viele schwören aber auf das Kraut. Fest steht zumindest: Baldrian zerstört die Architektur des Schlafes nicht und macht nicht abhängig. Seine körperliche Wirkung entfaltet sich auf jeden Fall erst nach einigen Wochen. Nur wenn Sie fest an die Wohltaten der Natur glauben, schlafen Sie schon vorher besser. Denn gerade beim Schlummer ist vieles eine Frage der Erwartung und Einstellung: Wenn Sie fest darauf vertrauen, dass Baldrian, Hopfen und Melisse helfen, dann schlafen Sie gut damit ein.

Eva-Maria Schnurr