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"Eine Milliarde durch den Schornstein gepfiffen"

Die Schweinegrippe ist vorbei und fast vergessen. Es gibt allerdings noch viel aufzuarbeiten, kritisiert der Epidemiologe Ulrich Keil. "Alle paar Jahre werden wir mit Epidemien geängstigt", sagt er im stern.de-Interview. "Dabei sind die großen Killer andere."

Herr Keil, der Hype um die Schweinegrippe ist vorbei. Können wir die Sache nun abhaken?
Nein. Bei dieser Geschichte gibt es noch viel aufzuarbeiten. Die Anhörung im Europarat war ein erster richtiger Schritt, doch es müssen noch weitere auch auf nationaler Ebene folgen.

Sie haben auf einer Sitzung des Europarates zum Thema Schweinegrippe der WHO vorgeworfen, die Angst vor H1N1 geschürt zu haben. Warum?
Alle paar Jahre werden wir mit Epidemien geängstigt. 2002/03 war es Sars, 2005/06 kam die Vogelgrippe. Jedesmal wurden große Angstkampagnen inszeniert. Bis jetzt waren das alles regionale Epidemien, die sich nur sehr begrenzt ausgebreitet haben. Weltweit erkrankten an der Vogelgrippe nur etwa 350 Menschen. Dennoch diente sie als Modell einer Pandemie. Auch bei der Schweinegrippe haben Virologen schnell Angst verbreitet, da das Virus in seiner Gefährlichkeit dem der Spanischen Grippe ähnlich sei. Der Vergleich war allerdings falsch. Damals war es eine gänzlich andere Situation. Das Virus traf auf eine durch den ersten Weltkrieg geschwächte, unterernährte Bevölkerung. Seit 1840 nimmt die Lebenserwartung in der westlichen Welt pro Dekade um zweieinhalb Jahre zu. Die letzte große Grippeepidemie in Deutschland, die sich auf die Lebenserwartung ausgewirkt hat, war 1968.

Heißt das, als gut ernährte und versorgte Menschen in der westlichen Welt müssen wir uns vor einem Pandemie-Virus gar nicht fürchten?
Dass uns nie wieder eine schwere Pandemie treffen wird, kann natürlich niemand vorhersagen. Wichtig ist aber, die größeren Abwehrkräfte der Menschen, sprich ihre Resistenz zu beachten. Die großen Killer sind in Wahrheit heute andere: chronische Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes oder ungesundes Verhalten, wie falsche Ernährung, Rauchen oder zu wenig Bewegung. Ärgerlich ist ja: An allen Ecken und Enden fehlt uns Geld im Gesundheitssystem und dann wird bei der Schweinegrippe eine Milliarde oder mehr durch den Schornstein gepfiffen.

Wer hat falsch gehandelt?
Die WHO und die nationalen Institutionen hätte umschwenken müssen, als klar war, dass die Grippe auf der südlichen Hemisphäre im Winter einen milden Verlauf nimmt. Das war ein deutliches Zeichen, dass keine Killerpandemie droht. Stattdessen hatte man schon zuvor die Definition der Pandemie geändert. Nicht mehr der Schweregrad sondern allein die Verbreitung eines Virus zählt nun. Ketzerisch gefragt: Wird die WHO dann im kommenden Jahr auch Schnupfen zur Pandemie erklären und dagegen impfen wollen?

Was hat die Ausrufung der Pandemie für die Verträge bedeutet, die zwischen den Regierungen und der Pharmaindustrie schon bestanden?
Ganz einfach: Die Ausrufung der Stufe sechs des Pandemieplanes durch die WHO hat die zwischen Regierungen und Pharmaindustrie bestehenden Verträge in Kraft gesetzt. Die Impfkampagne konnte anlaufen.

Warum hat die WHO so gehandelt?
Ich will die WHO nicht verunglimpfen, denn sie hat große Verdienste, zum Beispiel bei der Ausrottung der Pocken oder der fast vollständigen Ausrottung der Kinderlähmung. Bei der Schweinegrippe glaube ich, dass sie unter Druck gesetzt wurde. Ich kenne die WHO seit 1973. Viele leitende Stellen waren damals mit Leuten aus dem ehemaligen Ostblock besetzt, die von der Industrie nichts wissen wollten. Bis 1990 war die Organisation von Industrieinteressen daher fast vollkommen frei. Danach erfolgte eine starke Öffnung hin zur Industrie.

Bleiben die Alarmstufe und die Pandemiedefinition eigentlich jetzt so bestehen?
Das wurde in Straßburg debattiert. Die WHO hat in dieser Hinsicht bis jetzt nichts zurückgenommen - weder bei der Pandemiedefinition noch bei der Alarmstufe. Letztere soll noch zwei Jahre bestehen bleiben. Ich bin der Meinung, dass man den Pandemiealarm schon längst hätte zurückstufen müssen. Alles andere ist absurd.

Wie hätte die WHO reagieren müssen, nachdem erkennbar war, dass die Schweinegrippe in den meisten Fällen mild verläuft?
Vor allem hätte man in die ursprünglichen Pandemiepläne Kontrollmechanismen einbauen müssen, die garantiert hätten, dass bei einem milden Verlauf der Erkrankung Alarmstufen zurückgefahren worden wären. Den Verlauf zu beobachten und die Gefahr abzuschätzen, ist auch die Aufgabe guter Infektionsepidemiologen und der Landesbehörden. Sie hätten eingestehen müssen: Wir haben übertrieben, es verläuft nicht so schlimm, eine riesige Impfkampagne brauchen wir nicht.

Was hat die Aktion den deutschen Steuerzahler gekostet?
Die Steuerzahler beziehungsweise die gesetzliche Krankenversicherung mindestens eine Milliarde. Aus meiner Sicht sogar mehr. In Straßburg wurde auch besprochen, dass die Industrie insgesamt für Entwicklung und Herstellung der Impfstoffe vier Milliarden ausgegeben und wohl 18 Milliarden Umsatz weltweit gemacht hat.

Warum hat man sich in Deutschland auf diese Verträge überhaupt eingelassen?
Es ist hart zu sagen, aber in den Ministerien war teilweise zu wenig Sachverstand am Werk. Das waren Knebelverträge, die Industrie hat den Staat dabei über den Tisch gezogen. Vertraglich war zugesichert, dass 50 Millionen Dosen abgenommen werden müssen, für die Nebenwirkungen und eventuelle Risiken bestand allerdings keine Haftung. Nun wird generös gesagt, dass die Länder nur Impfstoffe für 34 Millionen kaufen müssen. Im Prinzip hat sich die Industrie trotzdem schadlos gehalten.

Allerdings braucht man die Industrie ja auch.
Ja. Als Gegner der Tabakindustrie habe ich immer gesagt, dass diese Industrie etwas anderes ist als die pharmazeutische Industrie. Die Tabakindustrie produziert ein Produkt, das in jeder Menge die Menschen schädigt. Die Pharmaindustrie macht auch viel Gutes, wir brauchen sie und sie ist eine Säule unseres Gesundheitswesens. Die Impfstoffproduktion in staatliche Hand zurückzugeben, ist kaum möglich. Fachleute befürchten nicht zu Unrecht, dass dann auch die Innovation auf der Strecke bliebe. Allerdings muss die Pharmaindustrie strengeren Regeln unterworfen werden. Es ist zum Beispiel ein Skandal, dass diese Industrie ein Vielfaches ihres Forschungsetats in Werbung und Marketing steckt.

Wer soll die Industrie denn an die Kandare nehmen?
Die große Schwierigkeit auf diesem Gebiet ist es, unabhängige Gutachter zu bekommen. Von Studentenbeinen an ist in der Medizin der Einfluss der pharmazeutischen Industrie und der Geräteindustrie unverkennbar. Daher sind unabhängige Institutionen wie das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen so wichtig. Es ist allerdings zu befürchten, dass dessen Stand unter der neuen Regierung nicht gerade gestärkt wird. Problematisch ist bei der Schweinegrippe leider auch die Arroganz mancher Fachleute. Man argumentiert, dass es so kompliziert ist, dass die lieben Leute es gar nicht verstehen können.

Aber die lieben Leute haben mit den Füßen abgestimmt.
Ja. Die Bevölkerung hat sich zum Glück nicht täuschen lassen. Die Leute haben gemerkt, dass es sich bei der Schweinegrippe um keine gravierende Krankheit handelt. Es ist ja auch falsch, die Menschen für dumm zu verkaufen. Es ist Aufgabe von Wissenschaftlern, die Fakten auch Laien verständlich und ohne Interessenkonflikte darzustellen.

Dann erklären Sie doch bitte, ob die beschworene gefährliche Mutation des H1N1-Virus noch droht?
Das sehe ich nicht. Eine so gravierende Mutation erfolgt ja nicht auf einen Schlag, das geht in mehreren Stufen. Ansonsten würde das auch bedeuten, dass sie mit einem Mal mit dem alten Impfstoff nichts mehr anfangen können. Das bestreiten aber Institutionen wie das Robert-Koch- oder das Paul-Ehrlich-Institut. Gleichzeitig verweisen sie gerade auf die gefährliche Mutation als Grund für die Pandemieimpfung. Da muss man die Logik einmal hinterfragen. Für mich sieht es jedenfalls so aus, als ob wir die Schweinegrippe überstanden haben. Auf der südlichen Hemisphäre ist sie sehr mild verlaufen und auch bisher nicht in einer zweiten Welle wiedergekommen.

Lea Wolz
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