Seuchenplan mit gefährlicher Schwachstelle

28. April 2009, 13:02 Uhr

Wie schützt sich Deutschland vor der Schweinegrippe? Experten haben einen nationalen Pandemieplan entwickelt - doch es gibt eine gefährliche Schwachstelle. stern.de erklärt, mit wie vielen Toten die Behörden rechnen und welche Menschen bevorzugt behandelt werden. Von Sönke Wiese

Pandemie, Influenza, Virus, Epidemie, Mexiko

Arbeit im Hochsicherheitslabor: Wie gut ist Deutschland auf die Schweinegrippe vorbereitet?©

Schon lange sind sich Experten sicher: Eine weltweite Pandemie eines mutierten Influenza-Virus ist nur eine Frage der Zeit. So rief die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1999 alle Staaten dazu auf, Krisenpläne für diesen Fall zu entwickeln und zentrale Fragen zu beantworten: Wo lagern die Impfstoffe? Welche Bevölkerungsgruppen werden als erste behandelt? Wann gibt es Reiseverbote?

Trotz der WHO-Empfehlung ließ sich Deutschland lange Zeit: Erst 2005 war der nationale Notfallplan fertig, den das Robert-Koch-Institut entwickelt hat - offenbar gerade noch rechtzeitig, wie sich jetzt zeigt. Doch das System hat eine entscheidende Schwachstelle: Zuständig ist prinzipiell gar nicht der Bund, der Bereich Gesundheit ist Ländersache. So haben die Bundesländer eigene Krisenpläne erarbeitet. Und die haben so unterschiedliche Vorsorge-Maßnahmen getroffen, dass unklar ist, ob die Koordination im Krisenfall klappt.

Beispielsweise hält Nordrhein-Westfalen nach eigenen Angaben antivirale Medikamente für 30 Prozent seiner Bevölkerung bereit - Mecklenburg-Vorpommern jedoch nur für rund 11 Prozent. Unklar ist, ob bei Engpässen das eine Bundesland dem anderen aushelfen wird - die gesetzlichen Vorgaben sind vage. Vorgesehen sind nach dem nationalen Krisenplan Mittel für 20 Prozent der Menschen.

Auch bei medizinischem Gerät, Fachpersonal und Notbetten in Krankenhäusern sind die Bundesländer unterschiedlich gut vorbereitet. Wer soll wem im akuten Notfall aushelfen? Ist auf die Angaben über verfügbare Ressourcen Verlass? Ebenso können die kommunalen Behörden entscheiden, wann sie verstärkte Kontrollen beispielsweise an Flughäfen durchführen. Aber die Anordnung für erhöhte Wachsamkeit am Airport Köln/Bonn nützt wenig, wenn die Frankfurter Kollegen nicht ebenso aufmerksam sind - im Zweifel dringt das Virus über Hessen in Deutschland ein.

Experten mahnen eine Vereinheitlichung der Pläne und nationale Koordination an. Denn eines ist klar: Die Schweingrippe wird keine Rücksicht auf das föderalistische System Deutschlands nehmen.

Pandemie, Influenza, Virus, Epidemie, Mexiko

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Wann genau spricht man von einer Pandemie?

Eine Pandemie liegt vor, wenn sich ein Virus weltweit durch die Übertragung von Mensch zu Mensch verbreitet. Gefährlich sind mutierte Grippe-Viren: Gegen neuartige Erreger ist das Immunsystem nicht gewappnet. So ein Virus verbreitet sich deswegen besonders schnell, die Erkrankungs- und Sterblichkeitsraten sind höher als bei "alten" Influenza-Viren.

Welche Pandemiephasen unterscheiden Experten?

Interpandemische Periode
In der 1. Phase zirkulieren neuartige Grippe-Viren unter Tieren, springen aber nicht auf den Menschen über. Abhängig davon, welche Tiere betroffen sind und welcher Art die Viren sind, besteht ein erhöhtes Risiko - 2. Phase - einer möglichen Übertragung auf den Menschen. Deswegen überwachen Wissenschaftler fortwährend die Entwicklung der Viren bei den Tieren.

Pandemische Warnperiode
Die 3. Phase tritt ein, wenn erste Infektionen von Menschen durch Tiergrippe bekannt werden - sich das Virus aber noch nicht von Mensch zu Mensch überträgt. In der 4. Phase verbreitet sich Grippe bereits unter Menschen, aber noch in einem begrenzten (regionalen) Rahmen. Nimmt die Verbreitung weiter zu, passt sich das Virus dem menschlichen Organismus offenbar immer besser an - Phase 5

Pandemie
In der 6. Phase ist die neue Grippe voll ausgebrochen: Sie verbreitet sich weltweit in der Allgemeinbevölkerung.

Welche Maßnahmen sieht der deutsche Krisenplan vor?

Solange hierzulande noch kein Fall eines neuartigen Grippevirus bei einem Menschen aufgetreten ist, befindet sich Deutschland offiziell in der interpandemischen Periode. In dieser Zeit tagt die nationale Pandemie-Kommission, um das weitere Vorgehen von Bund und Ländern abzusprechen und sich auf die eventuell anstehenden nächsten Phasen vorzubereiten. Zum Beispiel wird festgelegt, welche Bevölkerungsgruppen bei Engpässen von Medikamenten bevorzugt behandelt werden. Das ist nämlich auch abhängig von dem auftretenden Virustyp.

Tritt in Deutschland die pandemische Warnperiode ein, wird die Behandlung der Erkrankten organisiert. Man beruft einen Krisenstab ein, zieht Gesundheitsexperten von Instituten hinzu und stimmt sich mit den anderen EU-Staaten ab. Übungen für den Notfall, zum Beispiel in Krankenhäusern, finden statt.

Wird schließlich eine Pandemie festgestellt, finden Schutzimpfungen auf breiter Basis statt. Ein Impfstoff gegen das neue Virus wird entwickelt, produziert und verteilt. Möglich ist die Schließung von Schulen, Kindergärten und Flughäfen, der Reiseverkehr kann eingeschränkt werden. Zusätzliches medizinisches Personal wird rekrutiert.

Die konkreten Maßnahmen obliegen allerdings den Bundesländern. So werden in manchen Ländern beispielsweise die antiviralen Mittel zentral in großen Krankenhäusern gelagert, in anderen dezentral in mehreren Apotheken. Auch halten die Länder unterschiedlich viele Mittel für ihre Bevölkerung vor.

Mit wie vielen Toten in Deutschland muss man rechnen?

Bei einer Pandemie eines neuen Influenza-Virus gehen Experten laut Robert-Koch-Institut von 52.000 bis 170.000 Toten in Deutschland aus. Diese Hochrechnung basiert auf Daten von moderaten Pandemien im vergangenen Jahrhundert. Sie sieht die WHO als wahrscheinlichstes Szenario an, wenn es keine Schutzmaßnahmen gibt.

Aber natürlich lassen sich nicht für jede Pandemie exakte Vorhersagen machen: Die genaue Zahl hängt von dem Virustyp und von Effektivität der Schutzmaßnahmen ab. Beispielsweise bei der Spanischen Grippe (1918 bis 1920) gab es eine viel höhere Sterblichkeitsrate (zwei bis drei Prozent). Bei "normalen" Grippewellen sterben in Deutschland 10.000 Menschen, bei einem besonders aggressiven Typ 1995/1996 waren es sogar 30.000.

Sind bestimmte Menschen besonders gefährdet?

Im Allgemeinen sind Kinder und ältere Menschen stärker gefährdet. Doch es gibt Ausnahmen: Bei der Spanischen Grippe zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren vor allem junge Erwachsene betroffen - bei dem aktuellen Erreger ist dies ähnlich. Wissenschaftler vermuten, dass dies mit einer noch vorhandenen Restimmunität bei älteren Menschen und Kindern zusammenhängen könnte. Eine solche könnte über den jahrelangen Kontakt zu dem Antigen durch Impfung oder über natürliche Infektionen erworben worden sein.

Welche Hygieneregeln sollte jeder beachten?

Im Falle einer Pandemie empfiehlt das Robert-Koch-Institut jedem Bürger folgende Schutzmaßnahmen:

- das Vermeiden von Händegeben, Anhusten, Anniesen
- das Vermeiden von Berührungen der Augen, Nase oder Mund
- die Nutzung und sichere Entsorgung von Einmaltaschentüchern
- intensive Raumbelüftung
- das gründliche Händewaschen nach Personenkontakten, der Benutzung von Sanitäreinrichtungen und vor der Nahrungsaufnahme sowie bei Kontakt mit Gegenständen oder Materialien, die mit respiratorischen Sekreten von Erkrankten kontaminiert sein können (zum Beispiel bei der Pflege von Angehörigen, Bett- oder Leibwäsche, Essgeschirr, Patienten-nahe Flächen)
- die getrennte Behandlung von an Influenza erkrankten Personen insbesondere von Säuglingen, Kleinkindern und Personen mit chronischen Erkrankungen
- die Empfehlung für fieberhaft Erkrankte, im eigenen Interesse zu Hause zu bleiben, um weitere Ansteckungen zu verhindern
- die Vermeidung von direkten Kontakten zu möglicherweise erkrankten Personen sowie - der Verzicht auf den Besuch von Theatern, Kinos, Diskotheken, Märkten, Kaufhäusern beziehungsweise die Vermeidung von Menschenansammlungen

Ein Mund-Nasen-Schutz hilft möglicherweise: Zwar ist die Wirkung nicht wissenschaftlich bewiesen, aber schaden kann er nicht. Allerdings: Einen hundertprozentigen Schutz bieten solche Masken nicht, deswegen sollte man sich nicht allein auf sie verlassen.

Warum entwickelt die WHO nicht sofort einen Impfstoff?

Mindestens drei Monate dauert die Entwicklung eines Impfstoffs, der vor dem neuen Virus schützt. Warum macht sich die WHO also nicht gleich an die Arbeit? Das Problem ist: Vor allem in der Anfangsphase können die Viren bei der Verbreitung unter Menschen noch mutieren. Der schließlich zu bekämpfende Virentyp muss erst genau identifiziert werden, da die Entwicklung und Produktion von Impfstoffen kostspielig und aufwendig sind.

Welche Bevölkerungsgruppen werden bevorzugt behandelt?

2003 machten die Behörden in Asien eine bittere Erfahrung, als dort die Vogelgrippe ausgebrochen war: Viele Mitarbeiter von Krankenhäusern blieben zu Hause, weil sie Angst vor Ansteckung hatten - sie fühlten sich nicht gut genug geschützt. Deswegen genießen in Deutschland bestimmte Gruppen absolute Priorität: Impfstoffe, Medikamente, Schutzmasken erhält der "zur Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung und der öffentlichen Sicherheit und Ordnung erforderliche Personenkreis" bevorzugt; also Ärzte, Krankenschwestern, Apotheker, Feuerwehrleute, Polizisten, Behörden-Angestellte.

Danach sollen Medikamente nach Altersjahrgängen verabreicht werden, so dass "eine möglichst geringe Krankheitslast und Sterblichkeit" zu erwarten ist. Konkrete Vorgaben macht der deutsche Pandemieplan nicht. Je nach Virustyp sind unterschiedliche Bevölkerungsgruppen stärker gefährdet. Bei akuten Engpässen werden wohl Patienten etwa mit Herzerkrankungen oder HIV-Infektion nachrangig versorgt.

Weitere Informationen, Dokumente, Downloads

Den kompletten Krisenplan im Original finden Sie hier zum Download (pdf-Dokumente): Influenza Pandemie-Plan

Wichtige Fragen zum Thema beantwortet das Robert-Koch-Institut hier: Infos zur Pandemie-Planung

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KOMMENTARE (10 von 21)
 
filmklang (28.04.2009, 20:56 Uhr)
Vollkommen unverständlich
ist mir die allgemeine Berichterstattung. Zwischen den Zeilen kann man lesen und hören, dass es sich um einen ganz normalen Grippevirus, wie jeder andere, handelt, Husten Schnupfen, Gliederschmerzen etc., an dem für uns gut genährte und gut versorgte kaum etwas gefährlich ist, es sei denn man bekommt eine Lungenentzündung die unter bestimmten Umständen zum Tod führen kann, wie bei jeder anderen Grippe auch. Wahrscheinlich liegt es an dem Namen, die Vorstellung, dass etwas Schweinisches in den Menschen kommt , uiuiui
jomimo (28.04.2009, 19:59 Uhr)
Wie wäre es denn mal ....
mit weniger Fleischfresserei?
Artungerechte Haltung und Massenproduktion von Mitgeschöpfen zur Gewinnmaximierung provozieren nun einmal so etwas.
Einfach mal nachdenken.
whismerh2 (28.04.2009, 18:32 Uhr)
schon wieder vergessen
hatte wirklich jemand geglaubt, das unsere Regierung inkl. ihrer landesfürsten einen wirklich gut durchdachten Plan hätte, für den Fall
der Fälle.
Ofenbarungseid Nummer,
ich kann schon gar nicht mehr mitzählen.
whismerh2 (28.04.2009, 18:24 Uhr)
Kann nur einen
poster von heute früh wiederholen,
wenn Trulla Schmitt was von einer pandemie daher quasselt, ist für mich Entwarnung angesagt, da die Frau effektiv Null Plan hat.
Ich denke auch hier wird viel zu viel Panik gemacht.
Ich könnte jetzt noch erwähnen wie viele Menschnen pro Tag an Hunger sterben, und das irgendwie keine größere Beachtung findet, und ich denke in vielen Fällen vermeidbar,
aber lassen wir das, traurig genug.
Ich bleibe dabei Panikmache für naut.
atticus (28.04.2009, 18:17 Uhr)
ja.
und morgen ist ganz Österreich ausgerottet. Das können sich dann die 5 Deutschen und 3 Italiener, die übrig geblieben sind, aufteilen... ;-)
Kasperltheater (28.04.2009, 18:14 Uhr)
Die Hauptopferzahl...
wird durch Panikreaktionen entstehen. Bin gespannt, wann die ersten die Supermärkte leerkaufen. Meines Erachtens ist das Massenbeeinflussung erster Güte. Es ist schon bemerkenswert, dass zuerst die Wirtschaft krankt und dann eine Pandemie entstehen soll. Seltsame Zufälle, wie ich finde. Was kommt als nächstes? Ausserirdische Invasion? Spannender Endzeitschocker...hier auf diesem Kanal...
Malt (28.04.2009, 18:10 Uhr)
Österreichisches Pro7...
...hat gerade berichtet, dass die Schweinegrippe in Österreich ausgebrochen wäre. Und gleich darauf wird berichtet, das es WAHRSCHEINLICH
ein Fall vonn Schweinegrippe ist... und dann heisst es, ein Schnelltest ist negativ ausgefallen, und die Laborergebnisse würden erst morgen Vormittag vorliegen... also, wenn DAS mal keine Panikmache ist... WAS DANN?
wilfriedsoddemann (28.04.2009, 17:59 Uhr)
Schweinegrippe durch Trinkwasser übertragbar
Schweinebestände sind, wie in Fachkreisen bekannt ist, jahreszeitlich unterschiedlich mit 30% (Sommer) bis 80% (Winter) mit Influenza durchseucht, auch in Deutschland. Die Influenza kann sich durch kaltes Trinkwasser ausbreiten. Tiere verschmutzen durch Fäkalien und mit ihren Ausscheidungen aus Nase und Maul bzw. Schnabel das Wasser. Alle Menschen haben Kontakt zum Trinkwasser. Oberflächen-, Quell- und Grundwasser sind mit Viren belastet. Viren bleiben im kalten Wasser lange ansteckend. Deshalb tritt die Influenza bei uns überwiegend im Winter auf. Die sehr kleinen Viren werden im herkömmlichen Wasserwerk nur unvollständig gefiltert. Chlorung z.B. bringt wenig, weil Viren im Wasser verklumpt vorkommen und deshalb von den herkömmlichen Desinfektionsverfahren nicht vollständig erreicht werden. Ultrafiltration des Trinkwassers für 0,50 Euro je Person und Monat ist erforderlich.
soddemann-aachen@t-online.de
http://sites.google.com/site/trinkwasservirenalarm/Trinkwasser-Viren
papaleo2000 (28.04.2009, 17:21 Uhr)
Besonnen darauf reagieren
Der H1N1-Virus (Schweinegrippevirus) ist hochansteckend. Die Behörden sind dazu verpflichtet geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Aus der Webseite des Robert-Koch- Instituts ist Näheres dazu zu entnehmen.
Schulse (28.04.2009, 17:11 Uhr)
Lächerlich...
Was soll denn bitte diese allgemeine Panikmache!? Die Berichterstattung in Print-, Online- und Fernsehmedien könnte ja kaum größer sein wenn schon die halbe Weltbevölkerung erkrankt werden. Man sollte nicht vergessen, dass die Schweinegrippe leicht mit üblichen Grippemedikamenten zu behandeln erfolgreich zu behandeln ist. 1500 erkrankte weltweit... wahnsinn, das sind bei 6 milliarden menschen auf der welt stolze 0,000025 % der Weltbevölkerung... auf jeden Fall notstand ausrufen, alle in quaratäne und noch 28 std. am Tag berichterstattung... als gäbs nichts mehr wichtigeres auf der Welt
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